Interview "Magic Attack" (Carlsen Verlag), Gerlinde Althoff

1. Schatten über Ulldart ist ja dein erstes Buch. Wolltest du immer schon schreiben, ist also Schreiben eine Art Traumjob für dich?

MH: Da sage ich glatt "ja".
Im Vorfeld des Abis macht man sich so seine Gedanken, was man der Oma sagt, wenn sie fragt: "Junge, was willst du denn mal werden?" Meine Entgegnung war einmal "Lehrer", geträumt hatte ich aber von Journalist oder Schriftsteller.
Da ich dachte, einen "ordentlichen Beruf" zu erlernen, studierte ich tatsächlich ein paar Jahre in Richtung Lehramt am Gymnasium, ehe ich auf Magister umschwenkte, weil ich mich endgültig fürs Journalistendasein entschloss. Der Grund? Das Schlimmste, was man Schülern antun kann, sind demotivierte Lehrer. Da ich nicht wusste, ob der Job an einer Schule auf Dauer mein Traum sein würde, ließ ich es lieber bleiben. Und dann lebte die vage Hoffnung im Hinterkopf, vielleicht doch eines Tages mal ein Buch zu schreiben.
Schreiben ist von daher schon ein Traumjob, weil man mit den gleichen Buchstaben die unterschiedlichsten Sachen machen kann: Aktuelle Tageszeitung und erdachte Welten für meine Fantasybücher oder andere Projekte. Schreiben ist Vielfalt, Abwechslung, grenzenlos.


2. Der erste Satz in Schatten über Ulldart ist schon ziemlich bemerkenswert - nicht jeder käme auf die Idee, mit "Puttputtputt" und einem hühnerfütternden Mönch anzufangen... Nun hast du u.a. Literatur studiert, und auf deiner Internetseite sagst du, dass du einige klassische Themen neu und frisch erzählen wolltest. Welche Vorbilder für den Roman und seinen Protagonisten, den Keksprinzen Lodrik, hattest du vor Augen?

MH: Vorbilder gab es keine konkreten. Es entstand eine vage Idee, ich zitiere aus meinem Notizblatt: "Lascher Prinz, der Macht übernehmen soll, hat aber keine Lust auf Staatsgeschäfte und Hofstaat." Der Geburtssatz für sechs Bände.
Ist im Grunde ein echter Klassiker: Ein dicker Junge muss zum Mann und Herrscher werden. Drumherum habe ich Handlungen und Figuren gebaut, die das Ganze abwechslungsreich und interessant macht, bis die Haupthandlung mit dem Heranreifen des Prinzen plötzlich ganz andere Wendungen erhält, wie sie der Leser annimmt, und vom Klischee ausbricht.
Ich wollte auch keine Queste- Sache schreiben, davon gibt es schon sehr viele. Auch eine Bedrohung, die von außen an ein Reich geführt wird, sollte es nicht sein. Ich habe den Konfliktstoff absichtlich anders angelegt. Die Doppeldeutigkeit der Prophezeiung legt das Grunddilemma der Beteiligten fest, das Problem entsteht von Innen heraus. Lodrik schlittert in eine Sache, auf die er keinen Einfluss hat.
Lässt man die Fantasy-Elemente außen vor, kann man wiederum eine Geschichte entdecken, die sich vielleicht in ähnlicher Form in der Historie zutrug. Kindkönige und -kaiser gab es genügend, und vermutlich hatten einige von ihnen ähnliche Probleme wie Lodrik: keine Lust aufs Herrschen, streitlustige Nachbarn, intrigante Verwandtschaft, die falschen Freunde, Liebschaften, die Zwänge des Herrscherprotokolls und dergleichen.
Was das Hühnerfüttern angeht: Das habe ich früher auf dem Bauernhof meiner Familie väterlicherseits machen dürfen.


3. In deinem Buch kommen, anders als in vielen Fantasy-Romanen, weder Zwerge noch Elfen noch irgendwelche Fabelwesen vor. Gefallen dir Zwerge und Elfen nicht, oder gibt es dafür andere Gründe?

MH: Zwerge und Elfen stellen interessante Figuren dar, die inzwischen von sehr vielen Schriftstellern benutzt wurden und damit den Lesern einschlägig bekannt sind. Mein erster Charakter im Rollenspiel "Das Schwarze Auge" war übrigens ein Elf und hieß entweder Legolas oder Aragorn. So ein Zufall. Zwerge sind echte Kampftrinker, und da ich prinzipiell nichts gegen ein gutes Bier habe, finde ich sie natürlich auch sehr sympathisch.
Mein Ansatz: Wenn ich mir schon die Mühe machte, einen eigenen neuen Kontinent ins Leben zu rufen, dann sollte alles Phantastische, was auf ihm herumläuft, ebenso neu sein. Deshalb wollte ich keine Elfen, Zwerge oder Orks.
Ich habe andere Monster beziehungsweise Rassen kreiert, bei denen das Tolkiensche Schwarz-Weiß-Muster eben nicht greift. Die auf den ersten Blick Guten sind zwangsläufig nicht immer das, was ihre weiße Fassade verspricht. Im Leben ist es ja genauso.


4. Die Geschichten über den Kontinent Ulldart sind inzwischen auf sechs Bände angewachsen (Trilogien werden auch immer umfangreicher...) Die hast du, wenn ich das richtig sehe, schon alle geschrieben, wenn auch noch nicht alle erschienen sind. Hättest du Lust, uns vorab ein bisschen was über die folgenden Bände zu verraten?

MH: Der Brennpunkt, der anfangs auf Tarpol liegt, vergrößert sich, bis der gesamte Kontinent und die angrenzenden Kontinente von ihm erfasst werden.
Und wie das mit Entwicklungen meistens ist, benötigen sie Zeit. Der Leser verfolgt Lodrik und sein Schicksal über Jahre hinweg, man wird im Laufe der Reihe Zeuge von spannenden Entwicklungen sein, angefangen bei Personen bis hin zu Konflikten oder Beziehungen. Dabei habe ich mir Mühe gegeben, wirkliche Überraschungen einzubauen.
Mein persönlicher Liebling taucht im zweiten Band auf und heißt Mortva Nesreca, der sich als Verwandter von Lodrik ausgibt und fortan die Rolle des "agent provocateur" einnimmt. Ein Charakter voller bösartiger Verschlagenheit, dessen rücksichtlos-listigen Machenschaften keiner gewachsen zu sein scheint. Er wird versuchen, die alten Freunde Lodriks, die es gut mit ihm meinen, aus der Umgebung des Herrschers zu verdrängen, um ihn besser beeinflussen zu können.
Da konnte ich mich mal so richtig austoben. Der Lektor hat damals im Scherz damit gedroht, ihn eigenhändig rauszustreichen, wenn man Mortva nicht bald aufhalte.
Für den Spaßfaktor sorgt das Gespann König Perdór von Ilfaris und sein Hofnarr Fiorell, die es beide faustdick hinter den Ohren haben, trotz aller Blödelei. Und die vermeintlichen "Monster" präsentieren sich zu einem späteren Zeitpunkt menschlicher (im positiven Sinne gemeint) als die Menschen. Magie kommt ebenfalls noch stärker ins Spiel, die Kensustrianer werden eine wichtige Rolle in der Zukunft des Kontinents Ulldart einnehmen.
Der letzte Band wird der dickste sein. Immerhin will man der Fantasy-Gemeinde was bieten.


5. Willst du auch weiterhin Fantasy-Bücher schreiben, wenn Ulldart vollständig ist? Hast du schon irgendwelche Pläne in der Schublade?

MH: Weniger in der Schublade, dafür im Hinterkopf.
Die Ulldart-Bände sind seit längerer Zeit abgeschlossen, ich fing schon mal mit anderen Projekten an.
Derzeit sitze ich am letzten von drei Shadowrun-Romanen für Fantasy-Productions und Heyne, der erste Roman "TAKC 3000" erscheint im Mai.
Das ist das, was ich vorhin mit Vielfalt und Abwechslung meinte: Nach Fantasy nun Cyberpunk. Mit Elfen, Zwergen und Orks, nebenbei bemerkt.
Historische Themen stehen ebenfalls auf dem Plan. Es gibt da ein paar echte Begebenheiten, die sich sehr gut als Roman umsetzen lassen.
So ein bisschen träume ich allerdings davon, dass den Leuten die sechs Bände von Ulldart so gut gefallen, dass sie mehr lesen wollen. Da würde ich mich doch glatt hinsetzen, mir den Kopf zerbrechen und mir neue Begebenheiten ausdenken. Natürlich mit anderer Problematik.