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"DIE REPUBLIK"
Zwerge VI - ein Doppel


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24.12.2020 10:11 Alter: 22 days

DIE HARD ist....

Eine Kurzgeschichte


> DIE HARD ist ein Weihnachtsfilm <

Die Geschichte vom Gruber Hans 

von

Markus Heitz

(www.mahet.de) 

Familie Stiefeli versammelte sich im weihnachtlichen Wohnzimmer. Der Kaffee stand noch auf dem Tisch, die frischen Plätzchen und Stollenstücke verbreiteten einen heimeligen Duft, wie er besser kaum sein konnte. Im Hintergrund dudelte Let it snow.

Weihnachten, wie es sein sollte, fand Vater Martin.

Der Gottesdienstbesuch war geschafft, der geschmückte Baum leuchtete malerisch, die Geschenke waren überreicht und ausgepackt. Während das Essen im Ofen vor sich hin garte, der obligatorische Toast Hawaii, auf den natürlich die Chemie-Kirsche gehörte, wurde der besinnliche Filmabend eingeleitet. Traditionen ohne Ende mit Kindern und Enkeln, zwanzig Menschen friedlich unterm Tannenbäumchen versammelt.

„Was schauen wir dieses Jahr? Drei Nüsse für Aschenbrödel? Tatsächlich – Liebe?“, fragte Martin fröhlich in die Runde. Dabei deutete er einladend auf die drei Regalmeter DVD-Sammlung, für den Fall, dass Streamingdienste und das öffentlich-rechtliche Programm gleichzeitig zusammenbrachen.

Und für den weiteren Fall, dass die Stromversorgung versagte, gab es einen Generator im Keller. Bei drei Fernsehern und drei DVD-Abspielgeräten im Haus wurde es damit unwahrscheinlich, dass der besinnliche Filmabend ausfallen konnte. Traditionen mussten gewahrt werden. Martin überließ dabei nichts dem Zufall.

Wie ein TV-Shopping-Moderator strich er preisend und liebevoll über die Cover. Flp, flp, flp machte es. „Schöne Bescherung oder …“

„Die Hard“, schlug seine Gattin Susanne trocken vor und scrollte auf dem Tablet-Computer über neue Toast-Hawaii-Rezepte.

„Jau“, stimmte Sohn Gabriel sofort zu. Der dreijährige Enkel Tony klatschte und quietschte begeistert, als wüsste er, worum es geht.

„Dafür“, sprach sich Tochter Elisa aus, und ihr Mann drückte dankbar ihre Hand.

„Was? Nein, niemals!“ Für Martin brach eine Welt zusammen. Seine eigene Gattin rüttelte an den Pfeilern des dekadewährenden Wohlbefindens. DIE HARD. Zwei Worte mit der Wirkung einer Bombenexplosion. Wie eine Abrissbirne rauschten sie durch die Auswahl seiner vergötterten Filme und hinterließen Schutt, Trümmer und innerliche Tränen. Das musste abgewendet werden. „Das Wunder von Manhattan! Der Kleine Lord!“, redete er wie ein Prediger.

„Lordi“, quietschte Enkel Tony, und Sohn Gabriel imitierte strahlend einen Gitarrenriff und formte den Pommesgabel-Metal-Gruß.

Im Hintergrund erklang Maria Carey mit „All I want for christmas is you“, allerdings im Duett mit einem krächzenden Rocker namens Marylin Manson, wie das Display der Stereoanlage verkündete. So kannte Martin das schöne Lied nicht. Enkel Lars hatte wieder an der Heiligabendplayliste herumgefummelt.

„Nein, nein! Wir haben noch Kevin allein zu Haus. Das ist soooo lustig“, pries er mit zunehmender Verzweiflung seine Sammlung an. Jahrelange Weihnachtstraditionen geriet in Gefahr. Schon vor zehn Jahren hatte er eine Revolte abgeschmettert, als jemand „A Nightmare before Christmas“ ins Spiel brachte. Das war für ihn kein Weihnachtsfilm. Nicht für ihn! „Die Weihnachtsgeschichte von Disney! Oder den Muppets!“ Laut summte er ein Medley der schönsten Weihnachtslieder gegen Mariah Carey und Marilyn Manson an, was ihn verzweifelt wirken ließ.

„Das ist alles so öde“, sagte der sechzehnjährige Enkelsohn Lars und klickte noch immer auf der Playlist herum.

„Was ist mit den Peanuts?“ Martin gab nicht auf. Niemand zerstörte den DVD-Weihnachtsvorabend, schon gar nicht die eigene Familie. Ruckartig schaltete er die Stereoanlage aus, bevor Lars noch mehr ruinierte. „Polarexpress? Das Wunder der achten Straße? Der Grinch? Weihnachten mit Astrid Lindgren und Pippi? Oder“, er zog seinen Trumpf aus dem Regal, „Weihnachten mit Mister Bean?“

„Die Hard“, wiederholte Gattin Susanne stur mit erneuter Bombenexplosionsabrissbirnenwirkung.

„Das ist kein Weihnachtsfilm, Susimaus“, schmetterte Martin sie freundlich ab. „Das ist Schießerei, Mord, viele Tote und ...“

„… eine Schwangere. Ihr Name ist Ginny. Sie steht für Maria“, unterbrach Susanne ihn lässig. „Ich habe mich schlau gemacht. Martinmaus.“

„Wo kommt denn da eine Schwangere vor?“ Lars machte große Augen und wurde sichtbar neugierig.

„Ginny gehört zu den Geiseln. Und die Heldin heißt Holly. Also ein Derivat von Holy. Heilig. Wie Heilig Abend. Alternativ: Holly Ginny – heiliger Geist.“, führte Susanne aus und lächelte Martin an. „Es ist ein Weihnachtsfilm. Nicht nur durch die Deko.“

„Aber … es … liegt nicht mal Schnee in dem Film“, gab er im Affekt zurück. Er fragte sich, womit er den Aufstand seiner Frau verdient hatte.

„Doch, dank Harry Ellis. Eine Nebenfigur. Er kokst“, konterte Susanne. „Es gibt sehr wohl Schnee in Kalifornien. Sagt auch Bruce Willis.“

Die Kinder und Enkelkinder rückten dichter in der Sitzecke zusammen, um den sich anbahnenden epischen Battle zwischen Vater und Mutter zu verfolgen. Leise wurde getuschelt, Blicke wurden getauscht. Gewann Susanne, wäre es der Beginn einer neuen Tradition. Die Hoffnung stieg.

„Also bitte!“, echauffierte sich Martin. Er fürchtete, dass seine Kritik an der Zubereitung des Toast Hawaii ihr Aufbegehren ausgelöst hatte. Wegen der Chemie-Kirsche des falschen Herstellers. Nun schlug sie zurück.

„Stilisierte Flocken trudeln später in Form von weißen Blättern aus dem Fenster des Nakatomi Towers.“ Susanne ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und hob aufzählend nacheinander drei Finger. „Schnee ist also zweifach vorhanden. Wir haben Maria. Und wir haben Deko.“ Ein vierter schnellte in die Höhe. „Es spielt in Los Angeles. Der Stadt der Engel. Also: das Heilige Land.“

„Das war es aber auch schon an hanebüchenen Ähnlichkeiten.“ Martin schnaubte und sah, dass sonst keiner aus der Familie zu seinen Gunsten eingreifen würde. Sie hatten sich längst auf die Seite ihrer Mutter, Großmutter und Schwiegermutter geschlagen. „Kein Die Hard! Von Schießereien und einem Hochhaus steht absolut nichts in der Bibel geschrieben.“

„Du musst es metaphorisch sehen. Wie ein Gleichnis, eine Parabel.“ Susanne legte den Tablet zur Seite. „Die Geiseln sind die Schafe: Sie werden die ganze Zeit herumgescheucht und eingepfercht, nicht wahr? Und die Terroristen die Hirten. Böse Hirten, natürlich. Sie wollen zum einen den Schafen Böses und sie zur Feier des Tages schlachten. Das muss verhindert werden.“

Martin lachte einmal auf. „Dann ist Bruce Willis also Jesus?“

„Pff, nein! Er ist der Weihnachtsengel, der die schwangere Maria und die Schafe gegen die bösen Hirten verteidigt.“ Susanne langte nach dem Punsch, den sie sich eingeschenkt hatte. Martin glaubte, dass es die vierte Tasse davon sein musste. „Erinnerst du dich an die Heiligen Drei Könige?“

„Ja.“

„Einer davon war schwarz. Je nach Überlieferung und Übersetzung.“

„Balthasar“, half Sohn Gabriel.

„Genau, danke. Wie der Polizist, der Verbündete von Bruce Willis. Er ist also die Verkörperung und bringt Gaben. Twinkies. Die er vorher kauft. Die sind gelb und stehen daher für das Gold. Überall Symbole, nicht wahr?“ Susanne nahm einen Schluck und seufzte wohlig. „Wir haben: einen Engel, die schwangere Ginny-Maria, mindestens einen der drei Könige, die bösen Hirten, Schnee. Und die Schafe.“

Martin nahm ihr die Tasse ab und trank sie leer. Er brauchte alkoholische Denkhilfe, damit er so wie sie abstrus argumentieren konnte. „Warum sollen die Hirten überhaupt böse sein? Das ist doch Unfug.“

„Die Hirten sind nicht per se böse. Aber sie wurden von dem deutschen Oberanführer aufgewiegelt. Der Anführer der Hirten heißt Hans, der andere Karl, wie wir wissen“, führte Susanne selbstverständlich aus. „Sie wollen nicht nur die Schafe schlachten, sondern außerdem verbrecherischerweise an die anderen Gaben für das Jesus-Kind.“

Martin fühlte sich buchstäblich wie im falschen Film. „Wo sollen die sein, Susimaus?“

„Na, im Tresor. Martinmaus. Deswegen bohren sie ihn auf. Die Myrrhe und der Weihrauch in Form von Tafelpapieren. Aber der Engel des Herren, Bruce Willis, tritt ihnen entgegen. Das tut er mit der üblichen biblischen Gewalt: Explosionen. Und Handfeuerwaffen statt Feuerschwert, um modern zu sein.“ Susanne überließ ihrem Gatten den Punsch und beugte sich nach der Whiskeyflasche, um sich daraus einen großen Schluck in den Kaffee zu geben. „Der Engel des Herrn nimmt den bösen Anführer der Hirten am Ende zum Richten mit hinauf vor das Angesicht Gottes. Und der Herr verstößt ihn zur Strafe aus dem Himmel. Also, aus dem Hochhaus. Symbolisch. Dreißig Stockwerke tief. Übrigens stehen die dreißig für die Anzahl der Silbermünzen, die Judas für seinen Verrat bekam“, führte Susanne locker aus. „Der verräterische Hirte wird gerichtet. Sssssst – platsch. Jesus ist gerettet. Und damit komme ich zum Ende meiner Betrachtung und dem Schluss: Die Hard ist ein Weihnachtsfilm.“

Leiser Applaus kam im Wohnzimmer für die brillante Beweisführung auf.

„Was ist eigentlich mit der schwangeren Ginny-Maria?“ Gabriel machte ein nachdenkliches Gesicht.

„Sie taucht im Film immer wieder mal auf. Aber so genau erfährt man zum Schluss nichts“, fasste Susanne zusammen. „Ich behaupte: Sie entkam, entband und nannte das Kind natürlich: Jesus the Bruce.“

Martin musste sich setzen. „Nein, nein, nein!“ Mit Vernunft hatte das alles nichts mehr zu tun. „Es ist kein Weihnachtsfilm“, wiederholte er stur.

„Mama hat das aber gut begründet. Die ganzen Meta-Ebenen! Wahnsinn! So habe ich das noch betrachtet.“ Elisa machte ein beeindrucktes Gesicht. „Für mich steht fest: Es ist ein Weihnachtsfilm.“

„Man sollte ihn sicherheitshalber schauen. Um Omas Thesen zu verifizieren“, unterstützte Lars seine Mutter. „Damit wir sicher sein können. Danach stimmen wir ab, ob es ein Weihnachtsfilm ist oder nicht. Opa braucht eine faire Chance, wie ich finde.“

Martin sah allgemeines Nicken um sich herum. „Danke, ihr Verräter“, murmelte er. Das Spiel seiner Familie hatte er längst durchschaut.

„Ich habe übrigens eine Liste vorbereitet. Mit Filmen, die man auch sichten und prüfen muss, wie es sich mit der Weihnachtsgeschichte und der Meta-Ebene verhält.“ Susanne zog eine Liste aus der Hosentasche. „Bad Santa eins und zwei, Krampus, Black Christmas, A Christmas Horror Story, Gremlins, Rare Exports, Jack Frost, Silent Night-Deadly Night eins und zwei, Red Christmas, Saint…“

„Was? Nein, nein!“, rief Martin entsetzt. „Das … sind doch Horrorfilme?“

„ … Dead End, Christmas Evil, Better Watch Out, Silent Night-Zombie Night, Elves, Dont open before Christmas, Santa’s Slay und: Christmas Cruelty.“ Susanne drehte den Zettel um. „Hardcore Rudolph, Santa Cumz in town und solche Filme lassen wir mal weg.“

Enkel Lars hatte die aufgelisteten Filme seiner Oma bereits aus dem Internet in den Stream gezogen. Legal, natürlich. „Alles gefunden“, verkündete er begeistert.

Die Familie nahm rasch die bequemsten Plätze auf Couches und Sessel ein. Gabriel schürte den Ofen nochmals, die Snackschüsseln und Getränke wurden aufgefüllt. Es roch nach Weihnachten und Hoffnung.

Martin erhob sich und warf einen vernichtenden Blick in die Runde. „Ihr zieht das durch?“

Susanne nickte, ohne ihn anzuschauen. „Aus rein pädagogischen Gründen, natürlich. Man kann die Kinder nicht früh genug sensibilisieren. Es sind genug Erziehungsberechtigte im Raum. FSK ist kein Problem.“ Sie sah über die Gesichter ihrer freudig-aufgeregten Familie. „Ihr macht euch Notizen, damit wir die Filme im Anschluss besprechen können.“

Alle nickten eifrig.

„Na, schön.“ Martin sah zur sprachgesteuerten Musikanlage. „Ihr habt es so gewollt. Alexo. Spiele: LAST CHRISTMAS. Maximale Lautstärke.“

Das Display blinkte auf. „Ich spiele LAST CHRISTMAS“, verkündete Alexo nüchtern.

„Ihr werdet an dem Ohrwurm leiden. Und ich gehe rüber zu Schorsch und löte mich…“, setzte Martin an.

Da bretterte ein knallharter Riff durchs Wohnzimmer, und der Song erklang schleppend, düster und mit einer Stimme, die George Michael persönlich aus der Gruft sandte. Der dreijährige Tony hob lachend zwei Pommesgabel-Metal-Hände.

Martin sah erschüttert auf die Anzeige: „The Stereotype O Negatives“ wurde als Interpret eingeblendet. „Last Christmas“. Dann starrte er mit hochrotem Kopf zu seinem Enkel Lars, der unschuldig auf dem Playlist-gekoppelten Smartphone herumwischte, und öffnete seinen Mund zu einer flammenden Zornesrede.

Was genau er schrie, verstand keiner von den Stiefelis. Dafür dröhnte der Song zu laut, was vielleicht auch besser war.

Aber fortan gab es eine neue Tradition zu Weihnachten. Und Toast Hawaii flog auch raus, Döner war dichter am Nikolaus dran.

Darauf ein düster-horrorhaftes unholy Harr-Harr-Harr!

… ach ja, und viel Spaß mit den Songs und den Filmen. Notizen machen nicht vergessen!