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Willkommen zur Leseprobe I!

Wir befinden uns in der trichterförmig angelegten Albae- Stadt Dsôn Somràn; im oberen Ring leben die Mächtigen, und je weiter man mit den Außenaufzügen hinabfahren muss, desto weniger Einfluss und Ansehen haben die Bewohner.
In  Dsôn Somràn leben die letzten Albae, außerhalb des Geborgenen Landes, in der einzigen Kolonie. Und sie warten auf Nachricht von den Unauslöschlichen.

Wir sind nun dabei, wenn Ranôria, die Mutter der verbannten Drillinge, auf eigene Faust herausfinden möchte, was hinter den Vorgängen in der Stadt steckt.
Sie glaubt nicht daran, dass ihre Kinder die Morde begangen haben sollen. Aber ihre Nachforschungen scheinen einigen Kräften nicht zu gefallen, ihr schlagen Abneigung und Lügen entgegen.
Und dann, als sie in einer der Kabinenaufzügen in den Nebel hineinfährt, erscheinen ihr die übrigen Passagiere verdächtig...
Ach ja, die merkwürdige Formatierung entstand durch die Entnahme aus dem PDF.
Dennoch viel Vergnügen!

Ishím Voróo (Jenseitiges Land), Dsôn Sòmran, Dsôn, im nördlichen Ausläufer des Grauen Gebirges, 5427. Teil der Unendlichkeit (6241. Sonnenzyklus), Frühling

Die geschlossene Plattform drang in die Nebelschwaden ein, welche die Umgebung verschlangen. Es schien, als gäbe es nur das kapselartige Innere mit seinen drei Passagieren und dem Alb am Steuerelement.

Feuchtigkeitskügelchen schlugen sich an den Scheiben nieder, dann setzte heftiger Regen ein und schuf ein dumpfes, anhaltendes Trommeln auf dem Kabinendach.

Ranôria drückte sich in die Ecke nahe des Ausgangs. Sie hatte den Alb, der sich gegen sie gedrängt hatte und nun mit dem Rücken zu ihr stand, genau im Blick. Er ist mir gefolgt. Sandte Acòrhia ihn mir nach? Sie will wissen, was ich tue. Ein Teil ihres Verstandes sah sich in ihrer Über- vorsichtigkeit bestätigt. Sie war einer Verschwörung auf der Spur, in deren Mittelpunkt sich die Geschichtenweberin befand. Doch in wessen Auftrag?

Der andere Teil ihres Verstandes lachte sie wegen ihres Verfolgungswahns aus.

Was soll schon geschehen?, sagte sie zu sich und versuchte, ihre Anspannung zu lösen. Er trägt einen Umhang wie ich gegen das schlechte Wetter. Wie oft gehe ich an Leuten vorbei, die mein Antlitz nicht zu sehen bekommen?

»Hey!« Ein lauter Ruf erschallte aus dem Grau neben der Plattform. Jemand aus dem vierten Ring hatte sie knapp verpasst. »Anhalten! Ich will mit!«

»Wir fahren weiter«, befahl der Soldat unfreundlich, als er sah, dass der Bediener nach den Hebeln langte.

»Aber ich kann noch ...«

Ranôria horchte auf. Das ist die Gelegenheit. Sobald wir stehen, springe ich raus und suche mir einen anderen Weg nach oben.

Der Krieger hob die Hand und fuhr mit dem aufgereckten Zeigefinger hin und her. »Nichts da. Ich muss auf den Wall. Wie erkläre ich meinem Sytràp, dass ich zu spät antrete? Soll ich ihm deinen Namen nennen, damit du meine Strafe erhältst?«

Ranôria erkannte einen auffälligen Ring am Finger des Soldaten. Er war aus Tionium und Silber, zeigte Intarsien aus Bein und einen dunkelviolett schimmernden Stein auf der Wappenplatte. Das Symbol kannte sie nicht. Weder war der ungewöhnliche Ring eine militärische Auszeichnung, noch sagte er etwas über die Familienzugehörigkeit seines Trägers.

»Hey!Anhalten,bitte!«, drang es von draußen. »Es regnet, und ich kann nicht gut laufen!«

Der Soldat starrte hinter seinem Visier hervor und senkte den Arm.

»Nein, tut mir leid«, erwiderte der Bediener eingeschüchtert und ließ die Plattform weiter den Berg hinauffahren. »Du musst warten.«

Es wäre zu schön gewesen. Ranôria ärgerte sich, dass sie doch nicht aussteigen konnte. Sie bezwang das flaue Gefühl im Magen, betrachtete abwechselnd die Albae, die sich um sie herum befanden. Aber ich werde auch nicht nass.

Niemand sprach.

Der Nebel drückte sich von allen Seiten gegen die Scheiben, wurde heller und dunkler, lichtete sich für einen kurzen Moment, ehe er sich erneut undurchdringlich grau vor die Hausdächer schob, die an ihnen vorbeizogen.

Bald habe ich es geschafft und kann aussteigen. Ranôria überlegte, um sich abzulenken, was sie Nomirôs fragen wollte. Meine Drohungen werden ihn zum Sprechen bringen. Ich kann ihm versichern, dass Aïsolon sich um seine Sicherheit kümmert. In der Geschichtenweberin sah sie den Schlüssel der Verschwörung. Ich muss Nomirôs dazu bringen, gegen sie auszusagen. Von mir aus kann er auch lügen, aber ich muss an sie herankommen.

Da wandte sich der Alb am Fenster unvermittelt um. Er verschränkte die Arme und richtete die Augen auf seine Stiefelspitzen. Sie waren verdreckt. »Sieh sich einer das an«, sprach er halblaut. »Kaum sind sie geputzt, gehe ich eine schmutzige Straße entlang.« Er lachte Ranôria zu. »Man sollte die Sklaven öfter kehren lassen.« Er beugte sich nach unten und wischte mit dem Mantelsaum daran herum. »Ausgerechnet jetzt! Dabei wollte ich einen guten Eindruck bei ihr machen.«

Er ist harmlos. Sie lächelte. »Bei deiner Gefährtin?«

»Noch ist sie es nicht«, antwortete er ihr von unten. »Solange meine Stiefel so aussehen, wird sie es auch nicht.«

Der Alb an der Aufzugsteuerung lachte leise.

Die Wache fluchte unter ihrem Helm und sah hinaus. »Ich dachte, der Frühling sei dazu da, die Sonne herauskommen und die Temperaturen steigen zu lassen?«, murmelte er unwirsch. »Ich werde auf dem Wall nass bis auf die Knochen.«

Das Eis unter den Passagieren war gebrochen.

Ein dumpfes Krachen ertönte, eine Erschütterung durchlief die Plattform; danach huschte ein Schatten am Fenster vorbei.

»Was war das?« Ranôrias Nackenhärchen stellten sich warnend auf.

»Ein Stein«, erklärte der Bediener und legte zwei Hebel um, woraufhin sich die Geschwindigkeit erhöhte.

»Der Vorbote einer Moräne?« Die Wache wechselte einen Blick mit den Passagieren.

»Kann sein. Deswegen möchte ich den nächsten Ring erreichen, damit wir aussteigen und ich die Lage prüfen kann«, gab der Bediener zurück und blickte nervös in den Nebel. »Die Strecke wurde erst vor zwei Momenten untersucht und freigegeben, weswegen mich der lose Stein wundert. Die Fangnetze sollten das eigentlich verhindern.«

»Kürzlich gab es Probleme auf der Nordseite. Wegen des vielen Regens«, warf der Alb mit den schmutzigen Schuhen ein. »Der Schiefer mag die Feuchtigkeit nicht.«

Wie zur Bestätigung seiner Worte krachte es, als ein zweiter Brocken aufs Dach prallte, ein dritter durchbrach in einem Scherbenhagel das Fenster und rollte der Wache vor die Füße.

Aufschreiend war Ranôria in Deckung gegangen, der Bediener lag keuchend am Boden, von zahlreichen Splittern im Gesicht und am Hals verletzt.

Die Plattform hielt an, der Stein hatte die Hebel verbogen. Nebelschwaden drängten durch das Loch ins Innere und brachten feuchte Kühle, trübten die Sicht.

Sofort war der Soldat heran und kümmerte sich um die Wunden. »Wir müssen weiter! Er verblutet sonst.«

Das war keine Moräne. Ranôria sah auf den Brocken. Genau die richtige Größe zum Werfen. Sie behielt den Kopf unten. Wollte jemand, dass wir hier stehen bleiben? Sie sah zum Alb mit den schmutzigen Schuhen, der ratlos zu den demolierten Bedienungshebeln ging und nachdachte, wie er die Plattform zum Laufen brachte. Hat er doch was damit zu tun?

»Weißt du, wie man sie steuert?« Er sah zu Ranôria. »Ist das verrückt? Ich lebe seit elf Teilen der Unendlichkeit in Dsôn und nutze diese Dinge ständig, aber ich könnte nicht sagen, wie ...«

Der Soldat ließ den Verletzten plötzlich los, schnellte in die Höhe und zog dabei sein Schwert, um es dem Alb am Pult durch den Körper zu stoßen; die andere Hand hielt ihm den Mund zu, damit er nicht schrie.

Gequält aufschnaufend sank der Getroffene neben den blutenden Bediener, dem der Soldat als Nächstes die Klinge durch den Hals trieb.

Er ist Acòrhias mörderischer Gruß an mich! Ranôria sah aus dem Fenster, um abzuschätzen, wo sie landete, wenn sie auf der Flucht vor dem Soldaten hinaussprang, aber der Nebel ließ eine Orientierung nicht zu. Sie konnte einen halben Schritt tief oder zwanzig stürzen.

Der gerüstete Alb stand breitbeinig vor ihr, das Schwert auf ihren Unterleib gerichtet. Sein Antlitz blieb hinter dem Visier weitestgehend verborgen. »Ich soll dir ausrichten, dass es nicht klug war, die Schuld deiner Nachkommen anzuzweifeln«, sprach er drohend.

Ihr wollte nicht einfallen, wie sie aus der Falle entkam, außer ihren Gegner anzugreifen – was bestimmt ihren Tod und nicht seinen bedeutet hätte. Ich hätte stutzig werden müssen, als er behauptete, auf den Wall zu müssen. Die Gardisten, die dort ihren Dienst verrichten, leben in den Unterkünften innerhalb der Mauer.

»Und nachdem ich meine Botschaft überbrachte«, er lockerte die Schultern, »komme ich zum zweiten Teil meines Auftrags.« Er stieß mit dem Schwert zu.

Ranôria machte einen Sprung zur Seite, die Spitze verfehlte sie und bohrte sich ins Holz der Kabine. Sie trat dem gedungenen Mörder mit aller Macht in die rechte Seite, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, und tat einen Satz an ihm vor- bei durch die Türluke.

Ranôria fiel einige Schritt durch das wattige Grau und den strömenden Regen, bis sie mit den Füßen gegen schrägen Widerstand prallte. Dem Klang nach handelte es sich um Schindeln, auf denen ihre Schuhe keinen Halt fanden.

Die Albin schlug hin und rutschte das Dach hinab, die Finger glitten über den nassen Stein, ohne sich festklammern zu können.

Schließlich wurde ihre Fahrt durch einen Kamin gestoppt.

Es knackte. Ihr linker Knöchel sandte einen sengenden Schmerz.

Gebrochen! Ranôria richtete sich hektisch an dem Schlot auf, die Last ihres Körpergewichts auf den rechten Fuß verlagert.

»Hallo? Hört mich jemand?«, rief sie verzweifelt. Wegen des Nebels um sie herum konnte sie nichts erkennen – weder wo sich das Haus befand, noch in welcher Höhe sie stand. Die Gespinste verschluckten ihre Stimme.

Ranôria sah in den Kamin. Die Bewohner des Hauses müssten mich doch vernehmen. »Hey, da unten«, schrie sie in den warmen Qualm und hustete. »Helft mir! Ich stürzte aus dem Aufzug auf euer Dach und habe mir ...«

Es klirrte, als ein dunkler Schatten oberhalb von ihr auf den Schindeln landete.

Der Mörder! Er gibt nicht auf. Sie verstummte und hangelte sich um das Kaminmauerwerk, um sich vor dem Alb zu verbergen.

Es war still.

Beide schienen zu lauschen, ob sich der andere durch ein Geräusch verriet.

Leise wehte der Wind, spielte mit dem Dunst und schien Gefallen daran zu finden, Nebelgestalten zu formen. Unaufhörlich stürzten sich die Tropfen auf Dsôn, tränkten Ranôrias Kleidung, die Haare, einfach alles.

Ihr Knöchel machte sich mit stechender Pein bemerkbar, sie musste die Zähne zusammenbeißen, um nicht zu stöhnen und ihre Position zu verraten.

»Ich finde dich«, wisperte der Mörder irgendwo vor ihr. »Der Nebel kann dich nicht vor mir beschützen!«