NEUES
Welch Auftakt!
Wédōra – Staub und Blut
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Band 1 Ulldart-Zeit des Neuen

Trügerischer Friede

 

Prolog


KONTINENT ULLDART, KÖNIGREICH BORASGOTAN,
FESTUNG CHECSKOTAN, SOMMER IM JAHR 1 ULLDRAEL DES GERECHTEN (460 N.S.)

Die Feuer brannten hell im Innenhof der Festung Checskotan und warfen ihren Schein gegen die altehrwürdigen Mauern. Die Fackeln auf den Wehrgängen überzogen das Wasser im Graben am Fuß des äußeren Walls mit einem roten Schimmer; es sah aus, als handelte es sich um glühendes gestocktes Blut. Das Bollwerk, das schon etliche Kriege zu unterschiedlichen Zeiten gesehen hatte, lockte mit seinem Licht und schreckte mit seinem Anblick. Noch vor sechzehn Jahren hatte es dem ehemaligen Herrscher Borasgotans, Arrulskhán IV., als letzte Zuflucht gedient. In den Zeiten davor war es ein Ausgangspunkt für Eroberungszüge und ein Widerstandsnest gegen hustrabanische Angriffsversuche gewesen. Die Festung stammte aus einer fast vergessenen Epoche, als Borasgotan eine mächtige Großmacht gewesen war und die Gebiete im Norden des Landes erobert hatte, um an die Schätze im Boden zu gelangen. Die Ureinwohner, das Volk der Jengorianer, war dabei beinahe ausgelöscht worden; die Letzten von ihnen lebten noch immer in den unzugänglichen Eisgebieten. An diesem kühlen Sommerabend, nicht lange nach dem Sieg in Taromeel, stand bereits eine neue Auseinandersetzung bevor. Dieses Mal jedoch blieb die Zukunft des Reiches eine alleinige Angelegenheit der Borasgotaner, und einer von ihnen drohte zu spät zu kommen. Ein Reiter trieb seinen Fuchshengst laut fluchend an und preschte auf den Versammlungsort zu, der von den Adligen des Landes ausgewählt worden war, um den kommenden Herrscher Borasgotans zu erwählen. Der Mann konnte das Ziel seiner Reise trotz der Dämmerung nicht verfehlen; die Feuer wiesen ihm den Weg. Sein stürmisches Nahen wurde bemerkt. Ein dutzend Torwächter formierten sich auf der Mitte der Zugbrücke zu einer Mauer aus Menschen. Auf den gebrüllten Befehl ihres Obersten hin senkten sie die Hellebarden und reckten ihm die Spitzen entgegen. Tod verheißend funkelten die metallenen Enden im Widerschein der Fackeln und verlangten stumm, dass der Reiter anhielt. Die beschlagenen Hufe glitten über die Bohlen; um ein Haar wäre das Pferd gestürzt, als der Reiter es vor dem Hindernis zum Stehen brachte. Die Soldaten besaßen keine einheitlichen Uniformen. Die einen trugen die Monturen der gestürzten Bardri¢-Dynastie unter der Rüstung, wobei sie das Wappen der Familie abgerissen und durch das Zeichen Borasgotans ersetzt hatten: ein stilisierter Pferdekopf, umgeben von einem Kranz aus Tannennadeln. Andere hatten sich in einfache braune Woll- oder Lederkleidung gehüllt und ihre Brustpanzer darüber geschnallt. So kurz nach der Niederwerfung von Govan Bardri¢ und seinen Verbündeten war noch keine Zeit gewesen, um sich über derlei Nebensächlichkeit Gedanken zu machen. Ein sichtlich älterer Mann in einem zerschlissenen Obristenmantel und einer Pelzkappe auf dem Haupt trat nach vorn und grüßte militärisch. "Guten Abend. Zeigt mir Euer Einladungsschreiben, bitte." Er musterte den Besucher, den er auf zwanzig Jahre schätzte. Dunkelbraune Haare schauten unter der Kappe hervor, die kastanienbraunen Augen schweiften gebieterisch über ihn und seine Männer. Ein Adliger, zweifelsohne. "Sicher." Der junge Mann langte nach seiner Satteltasche und suchte den Schrieb, reichte ihn an den Mann weiter. Die Augen des Obristen huschten über die Zeilen; dann nahm er eine Liste hervor und verglich den Namen des Neuankömmlings mit den Eintragungen. "Tut mir Leid, Vasruc Raspot Putjomkin, aber Ihr seid nicht für das Treffen vorgesehen", murmelte er, ohne aufzublicken. "Das Schreiben ging an Vasruc Bschoi, und indem Ihr seinen Namen durchstreicht und Euren darüber setzt, werdet Ihr nicht sein Stellvertreter." "Vasruc Bschoi ist verstorben", hielt Raspot unbeeindruckt dagegen und kramte im Innern der Satteltasche, bis er zwei weitere Briefe gefunden hatte. "Dies ist die eidesstattliche Erklärung seiner Witwe zu seinem Tod sowie die Bestimmung von Vasruc Bschoi, dass ich sein Nachfolger bin. Sowohl im Amt als auch bei der heutigen Versammlung." Er erkannte am verschlossenen Gesicht des Obristen, dass es wohl längerer Verhandlungen bedurfte, in den erlauchten Kreis vorgelassen zu werden. Besser, er versuchte es mit einer kräftigen Portion Selbstsicherheit… Also reckte er das Kinn und blickte mit blitzenden Augen auf den Obristen herab. "Ich bin ein borasgotanischer Adliger und dazu ermächtigt, über das Schicksal meiner Heimat zu entscheiden." Der Mann nickte. "Ich verstehe, Vasruc, und gleichzeitig habe ich meine Befehle. Es tut mir Leid, Ihr werdet die Nacht vor den Toren verbringen." Raspot schwang sich aus dem Sattel seines Fuchshengstes, sprang auf den Boden und ging auf den Mann zu. "Ihr möchtet die Freundlichkeit haben, auf der Stelle jemanden rufen zu lassen, der über meine Papiere entscheidet." Er hielt erst an, als sein Gesicht das des älteren Mannes fast berührte. Er roch den herben Schweiß seines Gegenübers und sah die Narbe seitlich an dessen Hals, die wohl von einem üblen Schnitt herrührte. "Ich habe meinen Hengst nicht geschunden und bin aus dem Südosten geradezu hierher geflogen, um von Euch mein gutes Recht verwehrt zu bekommen." Der Obrist hob den Arm mit den Briefen, schwenkte ihn über die Brüstung der Zugbrücke und öffnete die Finger; trudelnd segelten die Blätter nach unten, bis sie im brackigen Wasser landeten und auf der Oberfläche schwammen. Die Tinte verlief augenblicklich. "Welche Papiere, Vasruc?", fragte er dann teilnahmslos. "Diejenigen, die Euch der Wind aus der Hand getragen hat? Ich glaube nicht, dass man sie noch lesen kann." "Der Wind?" Raspot tat so, als wollte er die Arme verschränken, stattdessen packte er den Obristen unvermittelt bei der rechten Schulter und versetzte ihm einen raschen Stoß, der den Mann von der Zugbrücke beförderte. Klatschend tauchte er in die Brühe des Wassergrabens ein. "Dann kann der gleiche Wind sie wieder in meine Hand zurücktragen", rief er hinab. Die Soldaten senkten die Hellebarden und bewegten sich drohend auf ihn zu; der Vasruc ging rückwärts zu seinem Pferd, eine Hand an den Griff seines Säbels gelegt. "Ihr werdet mich nicht von der Brücke drängen. Sorgt dafür, dass einer der…" "Was ist hier los?", donnerte es von den Zinnen des Wachturms herunter. Ein Mann im mittleren Alter in prächtigen Gewändern schaute missbilligend auf sie herab. Auch wenn man keine Insignien sah, es musste sich um einen Adligen handeln. "Saltan, was tut Ihr im Graben?" Er wandte sich Raspot zu. "Und Ihr? Was veranstaltet Ihr da für einen Aufruhr?" Raspot nahm an, den Besitzer der Festung vor sich zu haben. Er deutete eine knappe Verbeugung an, stellte sich vor und erklärte mit wenigen Sätzen, was sich ereignet hatte. "Leider kann ich Euch die Richtigkeit meiner Worte nicht mehr beweisen, da der Obrist meine Dokumente wohl aus Versehen ins Wasser warf und auch sein Versuch, sie zu retten, scheiterte", schloss er seinen Rapport. "Saltan, ist das wahr?" Der grauköpfige Mann deutete auf zwei Soldaten und wies sie an, ans Steilufer des Grabens zu eilen und ihrem Anführer herauszuhelfen. "Habt Ihr in den Dokumenten gelesen, was der junge Mann behauptet?" Prustend nickte Saltan. Er bekam die entgegengereckten Stiele der Hellebarden zu fassen, erklomm die Böschung und entkam dem übel riechenden Wasser. Offenbar wagte er keine Lüge vor seinem Vorgesetzten; vielleicht rechnete er es Raspot auch hoch an, dass er ihm vor dem Adligen die Peinlichkeit erspart hatte, zugeben zu müssen, dass er ihn überrumpelt hatte. "Dann kommt herein, Vasruc Putjomkin, und seid willkommen auf Checskotan, der Wiege des sich neu erhebenden Borasgotans." Mit diesen Worten verschwand er hinter den Zinnen. "Meinen Dank." Raspot hob den Arm zum Gruß und führte seinen Hengst am Zügel durch das erste Tor. Der Mann erwartete ihn unmittelbar dahinter. "Ich bin Hara¢ Fjanski, Gastgeber des bedeutenden Treffens und Anwärter auf den Thron des Landes." Mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu: "Wie so viele, die heute hier sind. Ihr etwa auch?" "Ich? Beim weisen und gerechten Ulldrael, nein!", beeilte sich Raspot zu versichern. "Ich bin hier, um einen von ihnen zu wählen." "So? Wie erfreulich." Fjanski nickte ihm zu. "Ihr seid sehr jung und ohne Schramme, demnach habt Ihr nicht auf dem Wunderhügel bei Taromeel gegen die Truppen des verrückten Govan Bardri¢ und seiner Schwester gekämpft, nehme ich an?" Raspot wurde rot vor Verlegenheit. "Ihr habt Recht, Hara¢. Ich befand mich zu Hause und beschützte das Gut von Vasruc Bschoi vor marodierenden Soldaten." Fjanski schnalzte mit der Zunge. "Noch so eine Seite des Krieges. Nicht genug, dass auf dem Schlachtfeld der Tod herrscht, er bringt auch Leid durch die eigenen Truppen in die Heimat. Es wird Zeit, dass Ordnung in Borasgotan einkehrt." Seite an Seite durchschritten sie das zweite Tor und gelangten in den großen Innenhof der beeindruckenden Festungsanlage, wo sich Stallungen, Wirtschaftshäuser und Unterkünfte an die dicken Wände schmiegten, als suchten sie trotz der friedlich gewordenen Zeit immer noch Schutz. Die schlichte, aber sehr unterschiedliche Kleidung der Menschen, die geschäftig hier ein und aus gingen, verriet Raspot, dass die Gefolgschaften der eingetroffenen Adligen ihre Lager darin bezogen hatten. "Ich verstehe. Aus Dankbarkeit für Eure Taten hat Euch der alte Bschoi zu seinem Nachfolger ernannt." Fjanskis Gesicht wurde noch ernster. "Dankt Ulldrael, dass Euch die Schlacht erspart geblieben ist. Es gibt genügend Überlebende, die nach durchstandenem Grauen ihren Verstand verloren haben. Der tapfere Saltan gehört zu jenen, denen es mit Müh und Not gelang, ihren Verstand zu behalten." Er winkte einen Stallburschen herbei, den er anwies, sich um den Fuchshengst zu kümmern. Dann führte er Raspot in den einstigen Thronsaal, wo die übrigen Adligen ein Bankett feierten. "Ich lasse Euch später Eure Unterkunft zeigen, Vasruc Putjomkin. Zuerst die Arbeit." Der Raum war groß und vom wahnsinnigen Kabcar mit den kostspieligsten Stucken versehen worden, wobei dieser keine Rücksicht darauf genommen hatte, ob die Verzierungen zu dem dunklen, schweren Gebälk passten oder nicht. Üppige Malereien an Decke und Wänden erschlugen das Farbempfinden des Betrachters, eine Batterie kristallener Lüster tauchte den Saal in strahlendes Licht. Auf Raspot machte es den Eindruck, als sei der Raum völlig willkürlich von einem launischen, verzogenen Kind eingerichtet worden. Die achtzig Gäste hockten klein und unscheinbar in der überbordenden Pracht und gingen selbst mit den gewiss kostspieligen Kleidern und all ihrem Prunk und Protz darin verloren. Leise Unterhaltungen drangen zu dem Gastgeber und dem Vasruc, es wurde vornehm gelacht und gescherzt. "Willkommen in der Schlangengrube", lächelte ihm Fjanski warnend zu. "Hört, wie sie zischeln und fauchen, Gift spucken und zubeißen, sich um ihre Gegner winden. Was manche für eine freundliche Umarmung gehalten haben, wurde rasch zu einem tödlichen Druck. Zu viele Nattern verlangt es nach dem Thron." Er gab dem Ausrufer ein Zeichen, während ein Bediensteter neben Raspot erschien und ihm den staubigen Mantel abnahm. Darunter kam eine nicht sonderlich teuere, aber geschmackvolle Garderobe zum Vorschein. "Seid wachsam, Vasruc." Der Ausrufer stieß mit dem Stock dreimal auf den Boden, das Gelächter und die Unterhaltungen wurden leiser. Beinahe alle Anwesenden wandten sich zum Eingang und betrachteten den unerwarteten Besucher; man war neugierig, wen Hara¢ Fjanski dieses Mal brachte. Die mürrischen Gesichter entspannten sich sogleich, als man hörte, wer er war: nämlich kein weiterer Aspirant auf den Titel des Kabcar von Borasgotan. "Stärkt Euch und schließt Bekanntschaften", riet ihm der Hara¢ väterlich. "Wir werden zusammenhalten müssen, wenn wir unsere Macht in Borasgotan zurückerlangen wollen." "Das Land braucht demnach einen Schlangenbeschwörer", bemerkte Raspot und bezog sich dabei auf den Vergleich von Fjanski. "Gut erkannt! Die unglücklichen Reformen von Lodrik Bardri¢ sind den meisten einfachen Menschen in viel zu guter Erinnerung geblieben. Sie sollen sich nicht an die Freiheiten gewöhnen." Er klopfte ihm auf die Schulter und kehrte zu seinem Platz zurück. Raspot setzte sich neben einen alten, vom Alkohol gezeichneten Mann, unter dessen dichtem Bart die geplatzten Äderchen in der Haut zu sehen waren; die Nase war überdimensional angeschwollen und erinnerte an eine überreife rote Frucht, die jeden Augenblick zu zerplatzen drohte. Zusammen mit der Uniform, an der noch Orden von Arrulskhán IV. prangten, wirkte er wie eine Karikatur der vergangenen Zeit. Ihn würde sicherlich niemand wählen. Diener brachten Rasport ein Gedeck und boten ihm die verschiedensten Speisen an, von geschmortem Wildbret über erlesene Früchte bis hin zu ausgefallenen Süßspeisen, deren Herstellung ein Vermögen gekostet haben musste. Fjanski besaß gewiss einen geheimen Vorrat an Parr, um das alles bezahlen zu können. Nach dem langen Ritt war der junge Adlige hungrig, und so sehr er sich Mühe gab, vornehm zu essen, zerteilte und kaute er sein Essen doch schneller als gewöhnlich. Fjanski erhob sich, schlug mit dem Löffel gegen das Glas; die Gespräche verebbten. "Ich kämpfte in Taromeel für die Freiheit Ulldarts", begann er seine Ansprache, "und ich wohnte den anschließenden Verhandlungen bei. Es wurde mit König Perdór vereinbart, dass wir unseren nächsten Kabcar oder die nächste Kabcara aus unseren eigenen Reihen erwählen. Deshalb sind wir hier, in Checskotan. Auf Borasgotan!" Er hob sein Glas; sein Trinkspruch wurde erwidert, der Wein geleert. Fjanski stellte das Glas ab und schaute musternd in die Runde. "Ich bat Euch darum, mir mitzuteilen, wer Anspruch auf den Thron erhebt, und diesen Anspruch zu begründen." Ein Livrierter trat zu ihm und reichte ihm ein gerolltes Dokument, das Fjanski in einer theatralischen Geste öffnete und es hoch in die Luft hielt, damit alle sahen, wie viele Namen darauf standen. "Zweiundzwanzig." Der Hara¢ ließ die Zahl im Raum hallen und über perückengezierten Häuptern schweben, während aufgeregtes Getuschel unter den Adligen einsetzte. "Zweiundzwanzig!", wiederholte er mit Nachdruck und warf das Blatt achtlos auf die lange Tafel. "Die mitunter haarsträubenden Begründungen möchte ich erst gar nicht wiedergeben." "Wie lautet Eure noch gleich, Hara¢?", schmatzte der Mann neben Rasput beiläufig und erntete damit gehässiges Gelächter, während er sich ein Stück Wachtel nahm und sie mehr fraß als aß. Das Fett rann über den Bart den Hals hinab, doch bevor es den Kragen berührte, wischte er es mit dem Handrücken weg, schmierte es an das Tischtuch. Fjanski ließ sich nicht beirren. "Mein guter Vasruc Klepmoff, ist habe niemals einen Hehl daraus gemacht, an die Spitze zu wollen, doch im Gegensatz zu Euch hätte ich es auch verdient." Seine graublauen Augen schweiften über die Gesichter der Anwesenden. "Ich erinnere Euch daran, dass uns keine Zeit bleibt, um Intrigen zu betreiben, denn die Untertanen Borasgotans müssen rasch wieder an die Kandare genommen werden, ehe sie zu lange den Wind der Freiheit spüren, der aus dem benachbarten Tarpol herüberweht. Die künftige Kabcara Norina untergräbt die Rechte der Adligen, das gemeine Volk steigt empor und schwingt sich in den Sattel der Regentschaft. Govan Bardri¢ tat uns den Gefallen, die Borasgotaner nach seiner Machtübernahme von seinem Vater Lodrik zu knechten. Wir lockern die Fesseln, damit sie dankbar sind. Aber wir nehmen sie ihnen nicht ab!" Er ballte die Faust, schüttelte sie. "Sind wir uns darüber einig?" Die Männer und Frauen riefen ihre Zustimmung. Raspot verhielt sich schweigsam, was ihm merkwürdige Blicke seines Nachbarn einbrachte. "Dann lasst uns im Gleichklang das Lied der Macht singen. Keine Zwiste, keine Streitereien, sonst stärken wir das Bauernpack und die reichen Bürger, denen zu viele sanfte Reden über eine neue Zeit der Gleichheit aller Borasgotaner das Hirn verdarben." Wieder brandete Beifall auf. "Ist das Eure Bewerbungsrede, Hara¢?", kam es blasiert vom kauenden Klepmoff. "Ich finde sie gelungen, dennoch werde ich nicht für Euch stimmen." "Das müsst Ihr gar nicht", erwiderte Fjanski ruhig. "Ich habe mir überlegt, dass wir jemanden auf den Thron setzen sollten, der absolut rein von jedem Makel ist, der sich nicht durch Händel mit anderen hervorgetan hat und weder Verbindungen zu Arrulskhán noch zu Govan Bardri¢ hatte. Dies wird bei den anderen Königreichen einen guten Eindruck machen; sie werden es als einen Neuanfang werten, während wir unseren Kabcar beim Regieren unterstützen." Einige der Adligen lachten leise. Klepmoff warf den Wachtelkopf auf seinen Teller. "Eine Marionette demnach. Und wer soll das Holzpüppchen sein, Hara¢?" Fjanski hob den rechten Arm und deutete wortlos auf Raspot. Klepmoff wälzte sich in seinem Stuhl auf die Seite, um den jungen Mann besser betrachten zu können, dann lachte er schallend los, und die Mehrheit der Adligen fiel ein. Raspot schaute verblüfft auf den Hara¢, der ihn mit dem Vorschlag mehr als überrumpelt hatte. Der Schlangenbeschwörer schlug überraschende Töne an. Dann starrte er auf den grölenden Adligen, der sich gar nicht mehr beruhigen wollte. Im ersten Augenblick hatte er die Nominierung ablehnen wollen, doch das Gelächter all der überheblichen Männer und Frauen um ihn herum schürte seinen Trotz, seine Wut und kratzte empfindlich an seiner Ehre als Mann und Vasruc. "Was ist daran so komisch?", fragte er fordernd, doch seine Worte gingen in den Lärm unter, also sprang er auf, schlug mit der Faust auf den Tisch. "Ich fragte, was so komisch ist?", rief er erbost. Die Kerzenflammen auf den Tischen duckten sich, die Kristalllüster bebten und klirrten, jegliche Lichtquelle in dem Thronsaal erlosch, und mit dem Schein verschwand das Lachen. Besorgte Rufe mischten sich in das Schaben von Stuhlbeinen und das metallische Geräusch von Säbeln, die aus ihren Hüllen gezogen wurden. Diener eilten mit brennenden Spänen und Fackeln herbei, und die Helligkeit kehrte zumindest am Tisch zurück. Viele der Gäste hatten sich von ihren Plätzen erhoben, der Saal war in Aufruhr. Nun stand der unscheinbare Raspot im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, der sich selbst wohl am meisten über das wunderte, was geschehen war. "Wieso schaut Ihr alle mich an?", fragte er befremdet. Hara¢ Fjanski betrachtete ihn. "Herrschaften, ich glaube, wir haben hier soeben einen jungen Menschen entdeckt, der ein Geschenk in sich trägt, wie es nur wenigen auf diesem Kontinent vergönnt ist", sagte er. "Ihr, Vasruc Putjomkin, tragt Magie in Euch." "Ich? Nein, das kann nicht…" Der Hara¢ ließ Ausflüchte nicht zu. "Wie könnte es sonst geschehen, dass das Feuer Eurem Zorn gehorcht? Die Fenster sind allesamt geschlossen. Ich habe keinen Windstoß gespürt. Ihr vielleicht?", richtete er die Frage an die Versammelten, die die Köpfe schüttelten und den Mann, den sie eben noch verspottet hatten, mit Angst und Bewunderung zugleich anstaunten. Bis auf einen. "Ihr habt das fein eingefädelt, Fjanski", zeterte Klepmoff und wuchtete sich aus dem Stuhl. "Ihr kennt den Knaben, das ist vollkommen offensichtlich, und Ihr wollt ihn auf den Thron sehen, damit Ihr am meisten von der Regentschaft profitiert." Er hob den Kopf, sein Finger wies zur Decke. "Ich verwette meinen gesamten Besitz, dass dort oben Löcher gebohrt wurden, durch die Eure Diener Luft bliesen und uns dieses Schauspiel lieferten, damit wir gefügig werden." Fjanski hob die Hände. "Ich schwöre bei Ulldrael dem Gerechten, dass ich mit dem Wunder nichts zu tun habe. Es ist Magie gewesen." "Lügner!" Klepmoff lachte die Adligen aus. "Und Ihr glaubt ihm noch! Aber wartet, Euch beweise ich es. Mal sehen, ob der faule Zauber auch dagegen wirkt." Seine feiste rechte Hand zog mit einer schnellen Bewegung den Ehrendolch, den er von Arrulskhán IV. bekommen hatte, aus der Halterung am Gürtel. Die Klinge stieß nach Raspots Oberarm. Fast hatte die Waffe den jungen Mann erreicht, da prallte die Klinge plötzlich gegen ein unsichtbares Hindernis, bog sich weit zur Seite und zersprang klirrend. Die scharfkantigen Metallsplitter schwebten frei in der Luft, ehe sie blitzschnell auf den Angreifer eindrangen, ihm in die Brust, ins Gesicht und in den Hals fuhren. Blutend sank Klepmoff auf den Stuhl zurück, der gleich darauf wie von Geisterhand angehoben und mit Leichtigkeit über die Tafel hinweg durch den Saal geschleudert wurde, als wöge der fette Vasruc nicht mehr als die Wachtel, die er vertilgt hatte. In vier Schritt Höhe endet der rasende Flug an der Wand. Es knackte vernehmbar, als mehrere Knochen in Klepmoffs Leib brachen; zusammen mit den Trümmern des Stuhls fiel Klepmoff tot auf den Marmorboden. Unter der Leiche sickerte alsbald ein rotes Rinnsal hervor, das über den polierten Stein kroch. Jetzt wichen die Frauen und Männer schweigend vor Raspot zurück, selbst die letzten Hartnäckigen erhoben sich. Niemand wagte ein Wort des Widerspruchs gegen ihn. Der junge Adlige hob die Hände und betrachtete sie verwirrt. Ich trage Magie in mir? Aber wie beherrsche ich sie? "Bei allen Göttern! Gäbe es einen besseren Anwärter auf den Thron Borasgotans als diesen von Ulldrael Gesegneten?", fragte Hara¢ Fjanski beinahe euphorisch. "Wer stimmt für Raspot Putjomkin?" Als Antwort verneigten sich die Adligen tief vor dem jungen Mann. "Lange lebe Raspot der Erste, Kabcar von Borasgotan!", rief Fjanski und lächelte ihm zu. Raspot konnte nicht fassen, wie sich sein Leben innerhalb weniger Augenblicke geändert hatte; in seinem Innern fühlte er sich unschlüssig, ob er die Bürde der Macht überhaupt annehmen sollte. Andererseits bot sich eine solche Gelegenheit wohl kaum ein zweites Mal. "So hat meine Heimat einen neuen Kabcar", sagte Raspot und ärgerte sich darüber, dass seine Stimme belegt klang. Es zerstörte das Überlegenheitsgefühl. "Ich bitte Euch alle, Schweigen über meine magischen Fähigkeiten zu bewahren. Es würde wohlmöglich die Angst unserer Nachbarn schüren, dass Borasgotan sich unter meiner Führung zu einer neuen Kriegsmacht aufschwingen könnte. Das will ich nicht." Die Adligen hoben die Köpfe, setzten sich an die Tafel und warteten, was es noch zu besprechen gab, nachdem das höchste Amt des Landes unerwartet und auf spektakuläre Weise besetzt worden war. Fjanski bat Raspot an das Ende des Tisches, um den ihm gebührenden Platz einzunehmen, und setzte sich zu seiner Linken. Alsbald begann ein Austausch der unterschiedlichen Vorstellungen, wie am besten vorzugehen sei, um Borasgotan neu zu ordnen. Die Stunden verstrichen. Lange nach Mitternacht hob Raspot die Versammlung auf, um allen ein wenig Schlaf zu gönnen, denn am folgenden Tag sollten die Gespräche fortgeführt werden. Schließlich blieben er und Hara¢ Fjanski im Saal zurück. Ein Stück entfernt lag eine stockbetrunkene Vasruca mit dem Oberkörper auf dem Tisch und schnarchte leise. "Nun, hoheitlicher Kabcar, wie fühlt Ihr Euch?" Fjanski goss sich einen Wein ein, roch daran und nahm einen Schluck. "Hättet Ihr Euch in Euren Träumen vorstellen können, einmal der mächtigste Mann Borasgotans zu werden?" "Bin ich denn der mächtigste Mann Borasgotans?", erwiderte Raspot und schaute dem Hara¢ erkundend in die Augen. "Ich bin mit den Legenden über Lodrik Bardri¢ und seinen Ratgeber Nesreca aufgewachsen. Viele sehen ihn als das eigentliche Übel und in ihm den Verantwortlichen für das Unheil und die tausenden von Toten, deren Blut der Kontinent getrunken hat und an dem das Land beinahe erstickt wäre." Er bemerkte, dass Fjanskis Gesichtsausdruck sich wandelte; er sah ertappt aus. "Ihr seid es, der Magie beherrscht, nicht wahr, Hara¢? Ihr habt Klepmoff umgebracht", raunte er. "Weshalb diese Maskerade? Soll ich Euer Lodrik Bardri¢ werden?" Fjanskis Lippen wurden schmal, dann wanderten seine Mundwinkel in die Höhe. "Ihr seid auf alle Fälle klüger als Bardri¢. Oder jedenfalls nicht ganz so arglos." "Ihr selbst hattet mich vor der Schlangengrube gewarnt. Sagt mir den wahren Grund, weshalb ich Euer Platzhalter sein soll, oder ich trete noch in dieser Nacht von meinem Amt zurück." Raspot scherzte nicht; er wirkte entschlossen, seine Drohung wahr zu machen. "Sollte ich davor Angst haben?" "Die Wahlen müssten von vorn beginnen, und wer weiß, wer daraus als Sieger hervorginge?" Fjanski grinste. "Gut, ich weihe Euch ein. Bschoi und ich haben uns lange besprochen, wie es mit Borasgotan weitergehen soll. Leider verstarb er unerwartet früh, aber er erwähnte in seinen Briefen stets Euch und Euren Mut. Als ich Euch auf der Brücke sah und Zeuge wurde, welche Beherztheit Ihr an den Tag legtet, entschied ich mich endgültig für Euch", erklärte er. "Der Grund ist: Es geht um Eure und meine Heimat, hoheitlicher Kabcar. Ihr seid ein blütenweißes Blatt, sowohl beim Volk als auch bei den anderen Königreichen, ich sagte es bereits. Und ich meinte es ernst." Er warf einen abwesenden Blick zu der schlafenden Vasruca, die murmelnd den Kopf zur Seite drehte und eine gemütlichere Position suchte. "Sie ist ein gutes Beispiel. Schaut sie Euch an: besoffen, zügellos, ohne Anstand und wahrlich kein Vorbild. Kaum einer der Adligen bekleckerte sich in den letzten Jahren mit Ruhm oder steht beim Volk gut dar. Die meisten sind nur auf ihre eigenen Vorteile bedacht. Ihr, Raspot, bietet dem Land die Möglichkeit, einen Kabcar zu inthronisieren, der von den Brojaken, Vasrucs und Hara¢s ebenso angenommen wird wie von den einfachen Borasgotanern. Ihr beherrscht in den Augen der anderen die Magie, das macht Euch zu einem Auserwählten Ulldraels. Und wer könnte besser dazu geschaffen sein, das Land zu einen und endlich die ersehnte Ordnung zu schaffen?" Raspot bekam eine Ahnung von dem, was der Hara¢ ihm gegenüber andeutete. "Ansonsten gäbe es andauernde Streitereien, und das Leiden ginge weiter", vollendete er die fürchterliche Vision. Er atmete tief ein, leerte seinen Wein auf einen Zug und warf das Glas hinter sich. Splitternd zerschellte es auf dem Marmor. "So bleibe ich Raspot der Erste, aber ich warne Euch, Hara¢ Fjanski. Ich habe, anders als Lodrik Bardri¢, einen eigenen Willen, eine eigene Meinung und eine eigene Vorstellung. Ihr wolltet eine Marionette oder eine Schlange, die nach Eurer Melodie tanzt? Nun, das werde ich gewiss nicht tun. Auch mir geht es um meine Heimat, erst danach mögen meine eigenen Interessen und die der Adligen folgen." Der Kabcar stand auf. "Zu einem Herrscher gehört eine Herrscherin. Ich gedenke, bald zu heiraten." "Sicherlich. Ich werde die hübschesten Töchter der Reichen und Mächtigen Borasgotans zu einem Ball laden, auf dem Ihr Eure Gemahlin wählen könnt." "Nicht nötig, Hara¢ Fjanski. Mein Herz ist bereits vergeben." Raspot lächelte. "Ich werde sie herbeirufen lassen und sie ehelichen." "Es wird doch hoffentlich eine Dame von Stand sein, die zu Euch passt, hoheitlicher Kabcar?" Die überraschende Antwort erfolgte prompt. "Es ist Bschois Witwe. Nach dem Tod ihres Gatten gestand sie mir ihre Liebe. Auch ich fühlte mich zu ihr hingezogen, seit ich sie das erste Mal sah. Sie ist klug. Sie wird uns beim Aufbau Borasgotans unterstützen." Fjanski wirkte nicht unbedingt glücklich. "Hoheitlicher Kabcar, habt Ihr bedacht, wie Euer Vorhaben für die einfachen Leute aussieht? Der Mann, der Euch zu seinem Erbe machte, ist kaum tot, da heiratet Ihr seine noch trauernde Witwe und kürt sie zur Kabcara…" "Ich kann nichts Schlechtes daran erkennen. Gäbe es einen angemesseneren Weg, meine Dankbarkeit dem Toten gegenüber zu zeigen, indem ich seiner Gemahlin die höchste Position des Landes anvertraue?" "Dann denkt für einen Augenblick wie ein schlechter Mensch, und Ihr werdet einräumen müssen, dass man annehmen könnte, Ihr und die Witwe hättet den Tod Bschois eingefädelt, um ihn aus dem Weg zu räumen und Platz im Bett zu schaffen." Raspot lachte. "Nein, davor habe ich keine Angst. Bschoi ist beim Angeln vor aller Augen ertrunken. Niemand hatte die Hand im Spiel. Es war ein Unfall." Der Hara¢ war nicht überzeugt, ersparte sich jedoch weiteren Widerspruch. "Dann soll es so sein. Ich freue mich, Eure Gemahlin kennen zu lernen", sagte er stattdessen und verneigte sich. "Begebt Euch zur Ruhe, hoheitlicher Kabcar, damit Ihr munter seid und die weiteren Unterredungen frisch wie der junge Morgen führen könnt." "Das gilt für Euch ebenso." Raspot schritt zum Ausgang, nahm sich im Vorbeigehen einen Apfel von der Platte und aß ihn unterwegs. Fjanski beobachtete ihn zufrieden und goss sich vom Wein nach, sobald der designierte Herrscher Borasgotans die Halle verlassen hatte. Es hätte nicht besser laufen können. Alles befand sind auf dem richtigen Weg, und der junge Putjomkin würde spuren, ohne dass er es merkte, trotz seiner Ankündigung. Eine Marionette merkte nie, wer ihre Fäden zog, wenn man darauf achtete, dass sie den Kopf nicht hob. "Willst du, kleiner Putjomkin, dagegen eine Giftnatter sein und versuchen, deinen Beschwörer zu beißen, werde ich dir deine Zähne schon ziehen." Er erhob sich, ohne seinen Wein abzustellen, streckte sich und schlenderte auf die Tür zu. Sein Bett wartete auf ihn. Kaum war er verschwunden, hob die Vasruca den Kopf. Sie wischte sich die Brotkrümel aus dem Gesicht und lief keineswegs schlaftrunken oder vom Alkohol benebelt durch das Portal hinaus, die kaum erhellten Gänge der Festung entlang, bis sie in ihr Zimmer gelangte. Dort verfasste sie im schwachen Schein einer Lampe eine Nachricht auf einem winzigen Stück Papier. Zeile für Zeile füllte sich das Blatt mit merkwürdigen Zeichen, die von keinem Uneingeweihten zu entziffern waren. Sie faltete es mehrfach, bis daraus ein Zettel von der Größe eines Daumennagels entstand, und schob die Nachricht in ein kleines Lederetui. Dann trat sie zu ihrem Schrankkoffer. "Sei leise", wisperte sie und öffnete ein verborgenes Fach. Darin saß eine Taube und hob erschrocken die Lider. Das Tier gurrte aufgeregt und ließ sich mit Mühe greifen. Die Vasruca schob das Etui in das Brustgeschirr des Vogels, streichelte ihm noch einmal über das weiche Kopfgefieder. "Im Morgengrauen fliegst du zu Perdór und bringst ihm die Nachricht." Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, als das Tier noch einmal mit den Flügeln zuckte und dann leblos in ihren Fingern hing. "Was ist mit dir?" Sie schüttelte die Taube vorsichtig, klopfte gegen den Schnabel. Doch es brachte nichts, der Vogel war tot. Die Frau aber erhielt einen mörderischen Schlag in den Rücken, der sie gegen den Tisch schleuderte. Die tote Taube fiel aus ihrer Hand und landete auf den Dielen, während man ihr die Perücke vom Haupt riss und in ihr echtes, dunkelblondes Haar griff. Brutal wurde sie daran in die Höhe und nach hinten gezogen. Die Vasruca schrie auf und schlug verzweifelt um sich. Der weite Rock verfing sich im Stuhl, sie strauchelte, sodass sie zu Boden ging. Im nächsten Augenblick bekam sie einen Tritt in den Bauch, der ihr die Luft abschnitt und sie zum Würgen brachte. Ängstlich schaute sie sich um, entdeckte jedoch keine Spur von ihren Peinigern. Sie wusste, was das bedeutete: Der Hara¢ hatte sie von Anfang an im Verdacht gehabt, eine Spionin zu sein. Nun griff er sie, nachdem er sie heimlich beobachtet hatte, mit seinen magischen Fertigkeiten an. Ihr Gesicht wurde drei, vier Mal auf den Boden geschlagen; sie verlor fast das Bewusstsein und wurde dennoch auf die Beine gestellt. "Fjanski, hört auf damit!", rief sie undeutlich; Blut lief aus ihrer Nase, ihre Lippen schwollen bereits an, und einige Schneidezähne fühlten sich locker an. "Lasst mich am Leben, ich werde Euch…" Die unsichtbaren Kräfte des Adligen traten erneut in Aktion. Sie hoben die Vasruca einen Fingerbreit von den Holzdielen und trugen sie mit enormer Geschwindigkeit auf das geschlossene Fenster zu, das zum Hof hinaus lag. In Todesfurcht kreischend, hielt sie die Arme vor ihr Gesicht und schloss die Augen. Schon wurde sie durch die bunt bemalte Scheibe nach draußen katapultiert und fiel, umgeben von glitzernden Scherben, den Pflastersteinen entgegen. Ihr Flug endete überraschenderweise im weichen Misthaufen; die Pferdeäpfel und das Stroh milderten die Wucht des Aufschlags. "Danke, Ulldrael…" Die Vasruca hatte den Sturz wider alles Erwarten überlebt. Sie rollte sich herum, um rasch von dem, stinkenden, doch unverhofft weichen Untergrund zu rutschen und aus dem frühmorgendlichen Checskotan zu flüchten. Noch wagte es keiner der Wächter, Fragen zu stellen; auch Hara¢ Fjanski erschien nicht, um zu beenden, was seine Magie nicht vollbracht hatte. Doch die Frau hatte sie zu früh bei ihrem Gott bedankt. Gerade wollte sie sich hochstemmen, um auf den steinernen Boden des Innenhofs zu gelangen, als sie das Glitzern über sich bemerkte und nach oben blickte. Zwei Schritte über ihr verharrten die unzähligen kleinen und großen Splitter des bunten Fensters wie an Schnüren aufgehängt in der Luft. Sie drehten sich um die eigene Achse, als spielte der Wind mit ihnen, und reflektierten den Schein der Wachfeuer im Hof. Es sah bizarr und zugleich schön aus, aber der Anblick täuschte nicht über die tödliche Bedrohung hinweg. "Gnade, Fjanski!", rief sie flehend, doch schon fuhren die Scherben Dolchen gleich auf sie her