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BLIND GUARDIAN & ich
Wédōra – Staub und Blut
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Der Triumph der Zwerge

LESEPROBE aus DER TRIUMPH DER ZWERGE
(ET: 16.2.2015) 

 

Balyndar Eisenfinger aus dem Clan der Eisenfinger vom Stamm der Fünften betrachtete den Steinernen Torweg, der im feuchtsatten Nebel vom gewaltigen Tor herab bloß zu erahnen war. „Vraccas scheint in seiner Ewigen Schmiede viele Klingen zu schmieden, die er im Wasserbad kühlt“, befand er. „Er rüstet sich für einen Krieg.“

„Solange wir nicht wieder diejenigen sind, die einen Vormarsch aufhalten müssen“, kommentierte der Wachhabende ohne Begeisterung.

Ich habe seinen Namen vergessen. Ich sollte öfter hier sein, dachte Balyndar.

Der Wachhabende machte einen der Soldaten, die sie bei ihrem Schlendern auf dem Wehrgang passierten, auf eine Nachlässigkeit an seinem Waffengurt aufmerksam. „Der Norden könnte einmal verschont werden.“

Es hatte seit Umläufen ununterbrochen geregnet. Die Wolken verhüllten die Gipfel der umliegenden Gebirge der Großen Klinge und der Drachenzunge mit Dunst, der mal hellgrau, dann weißlich und bald darauf düster wurde. Verjagen ließen sich die Schwaden weder durch Sonne noch Wind.„Wir tun, was uns aufgetragen wurde“, erwiderte Balyndar, dessen dunkelbraunes Haar sich wegen der Feuchtigkeit noch mehr wellte als gewöhnlich, dagegen half auch der Zopf nicht.

Sein Bart war kurz getrimmt, und er trug unter dem dünnen Mantel eine Mischung aus Kettenhemd und Lamellenrüstung. Hatte er früher in seinem Wehrgehänge einen Morgenstern mit zwei Eisenkugeln aufbewahrt, stak in der Halterung nun die sagenumwobene Feuerklinge. Als Sohn von Balyndis Eisenfinger der Ersten, Königin des Stammes der Fünften, hatte man ihn nach der Schlacht an der Schwarzen Schlucht als Besitzer auserkoren.

Balyndar war ein Krieger durch und durch.

Wer genauer hinsah und Tungdil Goldhand kannte, meinte, in beider Züge eine gewisse Ähnlichkeit zu erahnen. Das kam nicht von ungefähr. Balyndars Mutter und der Gelehrte waren einst Gefährten gewesen.

Doch sie hatten sich getrennt und Balyndis war ins Graue Gebirge gegangen, wo sie mit dem König der Fünften den ehernen Bund einging. Bald darauf kam Nachwuchs zur Welt, ein Spross und Stammhalter. Offiziell galt Balyndar als Sohn des Herrschers, von dem Balyndis das Amt übernommen hatte.

Der Stamm der Fünften bestand aus Mitgliedern verschiedener Zwergenstämme und war erneut gegründet worden, um das Erbe der ursprünglichen Fünften im Grauen Gebirge anzutreten. Die früheren Beschützer des Steinernen Torwegs gab es schon lange nicht mehr.

Balyndar blieb stehen und betrachtete den Innenhof, der sich zwischen Tor und dem Eingang ins Gebirge befand. Unentwegtes Hämmern erklang. „Es geht gut voran.“

Dort unten waren Steinmetze beim Meißeln und Zuhauen von Brocken, um Ausbesserungsarbeiten an den Türmen vorzunehmen. Da der Kordrion und alle weiteren alten Gefahren nicht mehr existierten, galt es, das Bollwerk sicherer gegen die unbekannten neuen zu machen.

„Sehr gut sogar.“ Der Wachhabende zeigte auf den Turm vor ihnen, der als Schemen im Nebel sichtbar wurde. „Das Fundament wurde nach und nach verstärkt, die Außenwand um zwei Schritte erweitert und die Zwischenräume mit Strohlehm verfüllt, um die Wirkung von Beschuss abzufedern. Wir haben die Granittore um etliche Schritte aufgemauert und dem Wehrgang dabei Raum gegeben.“ Er wies nach unten. „Die Riegel wurden ausgetauscht. Wir haben aus den fünf ganze zehn gemacht, wie es deine Mutter verlangte.“

Zwei für jeden Stamm. Balyndar erkannte die Gerüste und Flaschenzüge, mit denen die Materialien und die gewaltigen Barren in die Höhe gehievt und dort angebracht wurden.

Unaufhörlich schufteten die Fünften, bei Sonnenschein und in den kühlen Strahlen der Nachtgestirne. Auch war der Wehrgang verbreitert worden, um mehr Platz für größere Katapulte zu haben. Die ersten Schleudern waren bereits aufgebaut.

„Zusammen mit den neuen Waffen wird kein Übel mehr eindringen“, sagte Balyndar stolz zum Zwerg an seiner Seite und richtete die Augen erneut auf den dreißig Schritt breiten Weg, der nach einem halben Bolzenflug im nebligen Nirgendwo endete. Dahinter schien es nichts mehr zu geben.

„Ich mag dieses Wetter nicht.“ Der Wachhabende trat an die Zinnen, die Augen zuckten suchend nach rechts und links. „Es scheint von Tion gesandt worden zu sein, nicht von Vraccas.“

„Wie kommst du darauf?“

„Sonst wäre es heißer Dampf, der nach glühendem Stahl und weißglimmender Kohle riecht. Das würde ich mögen.“ Der Krieger legte eine Hand auf den brusthohen Stein. „Heute ist kein guter Umlauf.“ Er warf einen Seitenblick auf die diamantenbesetzte Schneide der Feuerklinge. „Gut, dass du da bist.“

Balyndar vermochte sich die Schwarzmalerei nicht zu erklären. „Die Dinge stehen vielversprechend im Geborgenen Land“, sprach er aufmunternd. „Nach der langen Zeit von Entbehrung und Unterdrückung kommen die guten Zeiten. Es wurden so viele Zwergenkinder wie noch nie geboren. Die Fünften sind bald wieder reich an Zahl.“Der Wachhabende erwiderte nichts, sondern starrte in den Nebel.

„Nenne mir nochmals deinen Namen“, bat Balyndar.

„Goïmbar Gemmenfinder aus dem Clan der Opalaugen“, erwiderte der Zwerg ohne Unfreundlichkeit. „Ich gehöre noch nicht lange zur Besatzung der Festung.“

Die Gespinste gerieten unvermittelt in Aufruhr und wirbelten umeinander, schienen Umrisse zu formen, aus denen echte Gestalten in langen weißen Mänteln wurden.

Sie stolperten und torkelten aus dem Dunst wie ausgespuckt, manche stützten sich, und einige Kleidungsstücke wiesen rote Flecken sowie Spritzer auf. Gewänder und Rüstungen hingen in Fetzen herab.

„Ich wusste es“, murmelte Goïmbar. „Kein guter Umlauf.“

Ein kurzer, lauter Befehl aus seinem Mund genügte, und die Katapultmannschaften rannten aus den Quartieren der Türme herbei und machten die Maschinen mit wenigen Handgriffen einsatzbereit.

„Du hast es wohl mit deiner Unkerei heraufbeschworen.“ Balyndar trat nach vorne an die Mauer und starrte auf die hochgewachsenen Fremden. „Bei Vraccas! Sie sind gekleidet wie Elben“, sagte er leise und verwundert. „Das ist das erste Mal, dass welche aus dem Norden kommen.“

„Es könnten Schwarzaugen sein, die uns täuschen wollen“, warf Goïmbar ein, während um sie herum mehr Fackeln in Halterungen platziert wurden. Er zog den Gurt um sein Kettenhemd enger und wischte die Nebelfeuchte vom Griff seiner Axt.

Leise ratternd spannten sich Speer- und Bolzenschleudern unter dem Wirken der Zwerge, Zahnräder griffen ineinander und zwangen dicke Sehnen zurück. Steinbrocken wurden in Wurfschlingen gerollt, um sie aussenden zu können und Vernichtung zu bringen.

Balyndar fand, dass der Aufwand für das Dutzend abgerissener Gestalten, die sich dem Tor näherten, übertrieben war, doch er würde den Wachhabenden nicht daran hindern. Vorsicht tat Not, gerade im Norden, wo die Scheusale stets am Vehementesten versuchten, ins Geborgene Land vorzudringen. „Du hast recht. Es könnte eine List sein.“

Und selbst wenn nicht: Es spielte keine Rolle.

Die Anweisung des Großkönigs besagte, dass sie keine weiteren Elben passieren lassen durften. Es schien Samusin zu gefallen, ausgerechnet nun welche zu ihnen zu senden, wo sie abgewiesen werden mussten.

Balyndar sah die Gestalten näher kommen und vermochte die Art der Verletzungen besser zu erkennen. Sie stammen weder von Geschossen noch Axthieben oder Klingen.

Die zerstörten Rüstungen sahen aus, als habe eine Klauenhand hineingelangt und mit großer Gewalt ganze Stücke herausgerissen. Ebenso verhielt es sich mit der ramponierten Kleidung und den Körpern; einem Elb fehlte ein Unterschenkel, zwei weiteren waren je ein Arm samt Schultergelenk abhanden gekommen.

„Sie müssen in eine Herde schlecht gelaunter und hungriger Oger gelaufen sein, die versucht haben, sie bei lebendigem Leib untereinander aufzuteilen“, schätzte Goïmbar.

Balyndar verfolgte, wie die vordere Gestalt den Kopf drehte und zum besetzten, hell erleuchteten Wehrgang blickte und bittend winkte.

„Er will, dass wir sie hereinlassen.“ Der Wachhabende bekam die Bereitschaftsmeldungen der verschiedenen Katapultmannschaften zugerufen, dann senkte sich nach einem letzten mechanischen Klicken gespannte Stille auf die Festung herab.

Leise knisterten die Fackeln, gelegentlich sandten sie Funken in den graunassen Nebel, in dem sie tanzend erloschen.

„Das würde ich auch wollen, wäre ich ein Elb und verletzt und vor mir läge Hoffnung auf Beistand.“ Balyndar legte eine Hand auf die Feuerklinge, deren magische Wirkung ihn als Träger vor vielem Zauberübel bewahrte, was einem in einer Schlacht zustoßen konnte.

Er fühlte eine schwere Bürde auf sich. Öffnen darf ich ihnen nicht. Aber … ich könnte zu ihnen hinausgehen und nachsehen, was mit ihnen ist.

Über die Seilrollen der Baugerüste könnte man Vorräte, Zelte und einen Heilkundigen auf einer Plattform zu ihnen ablassen, damit sie versorgt waren, bis der Großkönig seinen Befehl änderte.

„Du willst nicht hinaus, oder?“ Goïmbar schien deutlich von der Miene des Kriegers ablesen zu können, was hinter der Stirn vorging.

Balyndar antwortete nicht.

„Heya, ihr da unten“, rief er den Elben entgegen. „Wer seid ihr und wer richtete euch so zu?“

Eine der Gestalten, die am Ende liefen, strauchelte und stürzte. Alle Bemühungen seines Begleiters, sich aufzurichten, scheiterten, während die übrigen weiterhin auf das Tor zuhielten. Die kleine Gruppe Neuankömmlinge verteilte sich dadurch auf dreißig Schritt Länge.

„Lasst uns rein, ihr freundlichen Zwerge“, rief der vorderste Elb, der immer noch mit dem ganzen Arm winkte, als befürchtete er, übersehen zu werden. „Es ist uns auf den Fersen. Oh, bei Vraccas und Sitalia, ich flehe euch an: Es wird uns sonst zerfetzen!“

„Es?“ Balyndar sah zu Goïmbar.

„Wir haben die Anweisungen des Großkönigs“, entgegnete er knurrig. „Ich werde sie nicht reinlassen.“

Dann auf meine Weise. Der Königssohn gab den Befehl, eine der Lastenplattformen hochzuziehen und sie auf der anderen Seite abzulassen.

Schnell wurde seiner Order nachgekommen, doch es würde einige Zeit in Anspruch nehmen. Zeit, die den Neuankömmlingen womöglich fehlte.

Der winkende Elb stand inzwischen vor dem Tor, dessen beiden Flügel fugenlos abschlossen und nicht dem kleinsten Insekt erlaubten, in das Geborgene Land zu kriechen.

„Hört ihr mich, Kinder des Schmieds?“ schrie er verzweifelt. „Ihr müsst uns Schutz gewähren! Hört mich an: Wir waren einst hundert, und das ist, was übrig blieb, nachdem …“

„Sieh!“, machte Balyndar auf die Nebelwand aufmerksam, aus der eine weitere Gestalt trat.

Sie unterschied sich gänzlich von den Elben, schien ein sehr muskulöser Menschenkrieger zu sein, der einen braunen Lederharnisch gegen Angriffe umgeschnallt hatte. Seinen Kopf schützte er mit einem runenverzierten geschlossenen Kupferhelm, und auf seinem Rücken ragte eine kleine Stange in die Höhe, an der wiederum eine weiße Fahne mit grünen Schriftzeichen wehte.

Seine Lederstiefel hoben und senkten sich in gleichbleibendem Takt, Schritt um Schritt schloss er zu den hinteren Elben auf.

„Bei Vraccas“, entfuhr es Balyndar beim Anblick. An den Armen und von der Lederhose des Unbekannten troff das Blut herab, Tropfen fielen auf den grauen Steinboden und wirkten auf die Entfernung schwarz wie Tinte. „Soll er die Elben angegriffen haben? Mit bloßen Händen?“

„Wie stark wird er sein, wenn er Arme und Beine aus Gelenken reißt?“ Goïmbar blickte gebannt auf den Menschenkrieger, aus dessen Augenschlitzen und der schmalen Mundöffnung weißlicher Dunst stieg. Es musste der Atem sein, der sich als Wölkchen in der kühlen Luft zeigte.

„Gebt acht!“, rief Balyndar nach unten, um die Elben auf ihren unheimlichen Verfolger aufmerksam zu machen.

Die Gruppe wandte sich um. Einige von ihnen schrien in Todesangst auf und beeilten sich umso mehr, ans Tor zu gelangen.

„Ich flehe euch an!“ Der Elb sank auf die Knie und reckte beide Arme in die Luft. „Öffnet das Tor und rettet uns vor dieser Kreatur, die nichts Irdisches sein kann.“

Balyndar zog die Feuerklinge und wartete ungeduldig darauf, dass die Plattform endlich zur anderen Seite geschafft wurde, damit er hinabgelangen konnte.

„Haltet aus“, rief er, weil er nicht wusste, was er sonst erwidern sollte.

Da hatte der Menschenkrieger die beiden zurückgebliebenen Elben erreicht.

Der Liegende schleuderte seinen Dolch nach ihm, aber die Klinge prallte vom Harnisch ab.

Der stumme Krieger packte den Liegenden mit einer Hand am Fuß und schleuderte ihn in hohem Bogen davon, sodass er mit dem Kopf gegen die steil aufragende Felswand krachte. Anhand der unnatürlichen Haltung des Herabrutschenden sah Balyndar, dass dem Elb das Genick gebrochen war.

Indes griff der zweite Nachzügler den Mann mit seinem Schwert an. Die Klinge zuckte von schräg oben auf den Kopf nieder, gleichzeitig versuchte er, seinen Langdolch von unten durch dessen Kehle zu rammen.

Balyndars Augen wurden groß, als er sah, wie zuerst der lange Stahl beim Auftreffen an dem viel weicheren Kupfer zerschellte, als bestünde es aus sprödem Glas, und dann rutschte die Spitze über die Kehle, ohne sie aufzuschlitzen, und glitt seitlich in die Höhe.

Dafür schlug der Krieger blitzartig mit beiden Fäusten von rechts und links in Höhe der Ohren gegen den Kopf des Elben.

Dessen Helm wurde zusammengedrückt, als trüge er eine bemalte Wachsform. Weder das Metall noch die Knochen vermochten gegen die Wucht zu bestehen. Aus Mund, Nase und den Augen schoss das Blut zusammen mit grauen Bröckchen, das gewiss hübsche Antlitz wandelte sich zu einem grotesken Zerrbild.

Der Leichnam fiel auf den Steinboden, und der Angreifer setzte seinen Weg fort. Unerbittlich und unbeeindruckt, als hätte er gerade eine Fliege erschlagen.

„Ihr Götter“, entfuhr es Goïmbar.

„Hol einen Zeichner. Er soll jede noch so kleine Rune auf Pergament bannen.“ Balyndar sprang auf die Plattform, die endlich an Ketten unterhalb der vorderen Zinnen darauf wartete, herabgelassen zu werden. „Schießt mit den Katapulten auf den Krieger!“, befahl er und gab das Zeichen, ihn hinabzulassen.

Mehrere Zwerge begaben sich zu ihm auf das mit einem Geländer versehene Holz, dann ruckte die Kette und wickelte sich rasselnd langsam ab.

Über ihnen zogen Speere und Bolzen rauschend hinweg.

Aufgrund der schieren Menge zerbrachen nicht wenige auf dem harten Fels des Steinernen Torwegs, doch ebenso viele hagelten gegen den Angreifer, der sich mit abgespreizten Armen gegen die Einschläge stemmte.

Der Geschosssturm erfasste den Menschenkrieger, und für mehrere Lidschläge verschwand er in einer Wolke aus umherfliegenden Metallspitzen, Holzsplittern und berstenden Schäften.

Balyndar sah von seiner Position aus genau, wie der Unbekannte sich nach der ersten Salve aus seiner Starre löste und weitermarschierte. Keine tiefen Kratzer, keine blutenden Wunden. Abgerissene Haut an den blanken Oberarmen schloss sich von selbst.

„Dieser Gegner ist hochmagisch“, sagte er laut, während über ihnen ein weiterer Schwarm des Verderbens lossurrte und sich gegen den Krieger warf. Aber Balyndar ahnte, wie es ausgehen würde. Keine herkömmlichen Geschosse werden ihn aufhalten. Er nahm Feuerklinge mit beiden Händen. Das hier schon. „Ihr bleibt zurück.“

Dieses Mal wich der Menschenkrieger dem Stahlhagel aus und verfiel ins Rennen, um rascher zu den Flüchtenden zu gelangen.

Hilflos mussten die Zwerge auf den Wehrgängen, Türmen und der Plattform zusehen, wie er einen Elb nach dem anderen grausam und brutal ermordete, indem er ihnen die Schädel einschlug, Gliedmaßen ausriss oder die Fäuste durch den Leib rammte und sie mit Eingeweiden zwischen den Fingern herauszog. Eine rote Spur zog sich hinter ihm her.

„Öffnet uns!“, schrie der Elb und hob wieder die Arme, doch er wirkte kraftlos und ohne Hoffnung. Balyndar sah die Tränen auf seinem Antlitz. „Wir wollen doch nur euren Schutz.“

„Schneller“, brüllte der Zwerg außer sich den Bedienmannschaften zu. Er konnte noch nicht in die Tiefe springen, ohne sich die Beine zu brechen.

Dann gab es einen Ruck, und die Plattform kam etwa zwanzig Schritt über dem letzten Elben zum Halten.

„Die Kette ist von der Trommel gerutscht“, rief Goïmbar über die Zinnen nach unten.

„Dann Seile! Rasch!“ Balyndar rang den Impuls nieder, doch den Satz abwärts zu wagen. Ich könnte dabei sterben.

Der Menschenkrieger hatte den Elben fast erreicht.

Er hörte die monotonen Stiefelschritte hinter sich und senkte langsam seine Arme. Es gab keinen Grund zum Aufbäumen. Diesem Gegner entging man nicht.

Der Elb hob den Kopf und blickte Balyndar anklagend in die Augen – dann traf ihn die blutnasse, triefende Faust von oben und zerschmetterte seine Züge zu Brei. Mit einem grauenhaften Geräusch, das eine Mischung aus Schrei und Röcheln war, starb er; die Leiche fiel zur Seite, aus dem entstellten Überrest des Kopfes rann das Rot und bildete eine Lache vor dem Tor.

Das Wesen richtete sein Helmvisier auf die Plattform, aus den Augenschlitzen stiegen feine weiße Dampfschlieren. Gleichgültig schien es nachzudenken, wie es zu den Zwergen gelangte, um sein Tötungswerk fortzusetzen.

„Bleib, wo du bist!“, schrie Balyndar außer sich und reckte die Feuerklinge gegen den Krieger. „Ich komme zu dir und hacke dich in Scheiben.“ Die Diamanten an der Schneide funkelten verheißend auf, als sich ein einzelner Sonnenstrahl durch den Nebel brannte und genau auf die Waffe fiel.

Der Krieger neigte den Kopf leicht zur Seite, als würde ihn die Waffe neugierig machen, und ein dumpfes Schnaufen erklang unter dem Helm hervor.

„Wo bleiben die Seile?“ Balyndar sah solche Runen zum ersten Mal, was ihn jedoch nicht verwunderte. Das Jenseitige Land war groß und barg zahllose unbekannte Völker und Schriftzeichen. Diese hier schienen dem Menschenkrieger unglaubliche Kräfte zu verleihen. Dämonische Kräfte, die es auszumerzen gilt.

Die Plattform zitterte. Die Ketten, an denen sie hingen, bebten, dann ging es ruckartig abwärts. Die Zwerge rangen mit dem Gleichgewicht, um nicht zu stürzen.

Für einige Herzschläge geriet der fremde Menschenkrieger mit dem Kupferhelm aus Balyndars Sicht, dann setzte die Plattform auf.

Durch den Stoß schwankte der Königinnensohn zur Seite, tauchte unter dem Geländer hindurch und stieg vom Holz auf den blutigen Felsen. „Nun bist du an der Reihe, abgefeimtes Werk Tions!“

Aber als er die Feuerklinge hob und sich suchend umblickte, sah er gerade noch, wie der Mann mit wehender Rückenfahne in der Nebelwand verschwand, aus der er gekommen war.

„Feigling!“, schrie Balyndar und eilte ihm nach, bis ihn seine besorgten Begleiter zurückriefen.

Es konnten Hunderte Gegner in dem Dunst lauern, die nur darauf warteten, dass sich ein Zwerg zu ihnen begab, um ihn heimtückisch abzuschlachten.

Davon muss Mutter erfahren. Vielleicht weiß sie, was die Runen zu bedeuten haben. Balyndar blieb stehen und gab seiner Truppe aus Wagemutigen die Anweisung, die Leichen der Elben zu bergen und auf die Plattform zu legen. Sie sollten mit Eis und Schnee gekühlt werden, um sie auf sein Geheiß hin nach Lesinteïl zu bringen.

Ingrimmsch hatte zwar verboten, weitere Elben ins Land ziehen zu lassen, aber gegen Tote, die auf einem Wagen lagen, stand nichts in der Anweisung.

In Erinnerung an die Geschehnisse auf dem Toten Land ließ Balyndar den Leichen das Genick brechen; damit war verhindert, dass die zu Wiedergängern wurden.

Nachdenklich stand er am Fuße des geschlossenen Tores, die Hände auf den Axtkopf von Feuerklinge gestützt, und betrachtete den Nebel, der starr wie eingefrorene Milch vor ihm lag.

Balyndar glaubte, noch längere Zeit das Echo der Stiefelsohlen und das leise Flattern der Fahne zu vernehmen. Seine Unruhe würde sich erst legen, wenn die Waffenschmiede und Ingenieure die neu ersonnenen Apparate und Erfindungen auf den Mauern verankert hatte.

Es wäre wohl ratsam, wenn sich Coïra diesen Dunst besieht. Am Ende ist auch er magisch. Balyndar blickte zu den Sprenkeln aus Elbenblut, die der Hieb auf dem Tor hinterlassen hatte, und danach zu den Toten, von denen einer nach dem anderen aufgeladen wurde.

Letztlich erhielten sie Einlass ins Geborgene Land, um darin begraben zu werden...