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Nach "Die Mächte des Feuers" gehen die Abenteuer von Silena von Grigorij weiter!
Hier endlich die versprochene Leseprobe.
Sorry für die schiefen Umbrüche, kommt von der Adaptierung des pdf-Files. 
Eine Leseprobe "am Stück" und als Download gibt es hier, auf der PIPER Homepage. Einfach unten auf den Button "Leseprobe" drücken.

Dennoch viel Spaß!

 

Prolog

23. Dezember 1926, Freie Hansestadt

Hamburg, Deutsches Kaiserreich

Riesige Masten stemmten den schweren roten Stoff des pagodenförmigen Zelts

in Schwindel erregende Höhe. Innen und außen wurde es mit Pergamentlampions erleuchtet; vom warmen Licht illuminiert, zog es die Blicke magisch an. Durch seine Außergewöhnlichkeit und all die Ornamente war es ein Blickfang sondergleichen.

Eintausend Menschen hatten den Weg hineingefunden. Im Innern roch es nach Holz, nach Jasmin und frittiertem Essen, das von livrierten Chinesen mit Bauchläden in Tütchen während der Vorstellung an die Zuschauer verkauft wurde. Unermüdlich liefen sie die Tribünentreppen hoch und runter, lächelnd und freundlich. Den Tee, in dem Jasminblüten schwammen, gab es gratis in kleinen Tonschälchen zu jeder Order.

Die Besucher waren von den rasch wechselnden Darbietungen gefangen genommen. Eine gebannte Stille herrschte, die Gesichter von Männer, Frauen und Kinder waren auf die Manege gerichtet,

und die Spannung löste sich nach jedem Kunststück in einem tosenden Applaus.

Während die Menschen rings um Alfred Groote mitfieberten, starrte er unbeteiligt in die Manege, in der sich zehn junge Chinesendamen in weißen Seidengewändern zum Abschluss ihrer Akrobatik zu einer Pyramide aufgetürmt hatten. Dabei verbogen und verrenkten sie zusätzlich ihre zarten Leiber. Ich halte es für unmöglich, sich dabei als normaler Mensch nicht das Rückgrat zu brechen,

dachte er. Schlangenmenschen.

Zur Krönung und gegen die Gesetze der Physik hielten sich die Mädchen gegenseitig an den Hüften und streckten jeweils ein Bein weg, sodass das Bauwerk aus Menschen lediglich auf schmalen,

dünnen Zehenspitzen stand. Und hielt, ohne auch nur im Ansatz zu schwanken.

»Famos«, tönte es aus der Reihe vor Alfred. »Ganz famos!«

Doch auch als die grazilen Mädchen die Pyramide auflösten und ich aufrecht hinstellten, um ihren Applaus entgegenzunehmen, klatschte der Zweiundzwanzigjährige nicht. Feindselig blickte er von seinem hintersten Rang hinab, über die Köpfe der begeisterten Menschen, die im Gegensatz zu ihm nicht mit Beifall sparten.

Er spürte einen Ellenbogen in seiner Seite. »Mach schon«, raunte ihm Klara von links ins Ohr. Sie trug ein schlichtes schwarzes Kleid und eine lange Glasperlenkette, die kurzen blonden Haare lagen in einer modischen Wasserwelle am Kopf an. Sie hatte die Gelegenheit genutzt und sich eigens für das Zusammentreffen mit ihm schön gemacht. »Willst du, dass wir auffallen? Benimm dich wie

ein normaler Zuschauer.« Widerwillig schlug Alfred die Handflächen gegeneinander, doch

der finstere Ausdruck wich nicht von seinem Gesicht. Für ihn waren diese chinesischen Turnerinnen Abschaum, wie der ganze Rest des verfluchten Circus, den seine lange Reise von Peking ins

deutsche Kaiserreich geführt hatte. Er verabscheute sie nicht, weil sie anders aussahen oder einer

fremden Kultur angehörten. Seinen Hass hatten sie einem ganz anderen Umstand zu verdanken.

Die jungen Akrobatinnen liefen durch den portalähnlichen Manegenausgang hinaus; Sägemehl wirbelte hinter ihren blanken Füßen auf und flirrte im bunten Licht der fünf Richtscheinwerfer.

Ihnen kam wieder der Conferencier des Abends entgegen, ein Chinese im klassischen Smoking und mit Zylinder, hinter dem sich der dunkelrote Vorhang schloss. Alfred fand immer noch, dass ihm die

westliche Kleidung nicht stand. Den Namen hatte er vergessen.

Wozu auch merken?

»Vielen herzlichen Dank, hochverehrtes Publikum«, rief er und verneigte sich. »Die Töchter der Schlange haben Ihr Wohlwollen redlich verdient. Kommen wir nun zu unserem Höhepunkt der Weihnachtsvorstellung in der schönen Hansestadt: Meister Wu Li und seine Traumkugeln!« Er deutete auf den Eingang, wo die Stoffbahnen erneut aufgezogen wurden. Ein lauter Gongschlag ertönte und hallte lange nach.

Ein hünenhafter Chinese in einem traditionellen, knielangen Gewand aus schwarzer Seide tat den ersten Schritt in das Rund und verharrte in den Strahlen der Scheinwerfer. Die roten und weißen Schriftzeichen darauf leuchteten regelrecht. Die Arme hatte er auf den Rücken gelegt. Er musterte die vollbesetzten Ränge in aller Ruhe, ehe er in die Mitte der Manege trat.

»Meine Güte, der ist ja riesig«, hörte Alfred Klara verwundert sagen. »Mindestens zwei Meter, oder? Ich dachte, die Chinesen seien alle klein!«

»Nicht die aus dem Norden, habe ich gehört«, gab er zurück und wartete ungeduldig, was Meister Wu Li zu bieten hatte. Es interessierte ihn letztlich ebenso wenig wie die vergangenen Darbietungen der Mädchen, der Tellerjongleure, der Clowns, der exotischen Tierdressuren, der Hochseilakrobaten, der Contorsionisten, der halbnackten Tänzerinnen und alles, was er sonst noch hatte erdulden müssen. Alfred und seine Freunde waren nur aus einem Grund hier.

Meister Wu Li berührte die weiße, halbkugelförmige Mütze, die eine Bronzespitze an der höchsten Stelle aufwies. Helfer trugen daraufhin einen Tisch mit einer flachen, breiten Schüssel herein, in der Wasser schwappte. Er selbst sah gelassen dabei zu und strich sich über den langen, schwarzen Kinnbart, der das Gesicht noch schmaler machte.

»Schneller«, murmelte Alfred und sah auf die Taschenuhr. Kurz nach zehn am Abend. Viel zu spät für seinen Geschmack. Die Vorstellung hätte vor einigen Minuten zu Ende sein sollen.

Wu Li bekam eine Drahtschlinge von einer Armlänge Durchmesser gereicht und tauchte sie in die Flüssigkeit.

Das Licht verlosch bis auf einen einzelnen Scheinwerferstrahl. Wu Li hob den gebogenen Draht ruckartig an, und eine große Seifenblase formte sich. Zitternd blieb sie vor dem Chinesen in der Luft stehen, dehnte sich und wallte, drohte zu bersten. Er legte den Draht nieder, tauchte die Hände in die Flüssigkeit und berührte die Blase, hielt sie zwischen den Fingern – und ließ sie an Ausmaß zunehmen!

»Wie macht er das?« Klara packte Alfred am Ärmel der groben, beigefarbenen Kordjacke.

»Das ist mir so was von gleich«, antwortete er, obwohl er sich zumindest wunderte über das, was er da sah. Dass die Seifenblase nicht barst, konnte er akzeptieren. Warum sie größer wurde, ver-

stand er nicht.

Wu Li hatte die schillernde Sphäre freigegeben. Sie waberte aufwärts, höher und höher, dem Dach der Zeltpagode entgegen, bis sie wie auf einen geheimen Befehl hin stehen blieb. Der Scheinwerfer folgte ihr, Wu Li fiel ins düstere Gemisch aus Licht und Schatten zurück.

»Als der grausame Eroberer Dschingis Khan meine Heimat angriff«, sprach der Chinese mit Bassstimme, und Alfred rann unwillkürlich ein Schauder über den Rücken, »ritt seine wilde Horde an der Hütte einer Seifenmacherin vorüber.«

In der Blase wurden … Bilder sichtbar!

Die Menschen sahen Tartarenkrieger auf kleinen, zotteligen Pferden, die ihre Säbel und Speere schwangen. Ein erschrockenes und zugleich begeistertes Raunen lief durch die Reihen der Zuschauer. Eine Hütte tauchte auf, umgeben von Bambus und einem kleinen Bachlauf, an dem eine Chinesin kniete.

»Die grausamen Krieger wollten die hübsche Lin Wei entkleiden und sich an ihr vergehen.« Die Seifenblase zeigte die hilflose junge Frau, die von den Kriegern überrascht wurde und sich auf sie stürzten. Sie leistete Gegenwehr, spuckte und schlug um sich.

Wie … geht das? Alfred wandte sich verblüfft um, drehte den Kopf und versuchte den Filmprojektor zu entdecken, mit dem sie den Trick absolvierten. Er hatte schon ein paar Vorführungen im Lichtspielhaus gesehen, aber was ihn stutzig machte, war, dass er das Geschehen in Farbe sah. Ist das möglich? Eine neue Technik?

Wu Li hatte unterdessen eine zweite Blase entstehen lassen, die emporschwebte, sich mit der ersten verband und sie an Volumen verdoppelte. Nun wurden die Szenen überlebensgroß dargestellt, und wer genau hinhörte, vernahm das dunkle Lachen der Krieger und die verzweifelten Rufe der Frau; einige Zuschauer stöhnten mitfühlend auf.

»Sie warfen sie in den Trog mit Seifenlauge, um sie zu waschen. Doch Lin Wei blieb im Trog verschwunden. Stattdessen stiegen Blasen empor, die den schrecklichen Soldaten Angst einflößten«, dröhnte Wun Lis Stimme. Die gigantische Sphäre wurde von Dutzenden kleiner Bläschen umspielt, deren Inneres unerklärlicherweise mit Rauch gefüllt war. »Sie verdunkelten die Umgebung, und die Pferde nahmen Reißaus. Sobald sie barsten, gaben sie Nacht frei und brachten den Kriegern dämonische Gestalten.«

Prompt platzten die Gebilde, der Rauch entwich und formte Monstrositäten, die über die Menschen in der Pagode hinwegflogen. Nicht wenige zogen die Köpfe ein oder hielten die Hüte fest, einige kleine Kinder fingen an zu weinen. Klara stieß einen spitzen Schrei aus, als tintenschwarze Schattenfinger nach ihr griffen, ehe sie zerstoben und vergingen.

Wie macht er das? Alfred konnte sich der Faszination nicht länger erwehren. Er erweckt die Einbildung zum Leben! Mit neuartigen Projektoren oder anderen Taschenspielertricks hatte das nichts mehr zu tun. Ein Massenhypnotiseur? Ein Medium?

»Die Letzten der Horde ergriffen die Flucht«, rief Wun Li, »als der gefürchtete Drache Nie-Lung erschien!«

In der großen Sphäre erschien der goldgeschuppte Kopf eines chinesischen Drachen, der sein zahnreiches Maul weit aufgerissen hatte und voller Hass fauchte. Auf seinem Rücken entfalteten sich filigrane Schwingen, und sein Hornpanzer glänzte; entlang der Wirbelsäule saßen gezackte, aufgerichtete Schuppen, die bis zum Schweifende verliefen. Die Hörner wirkten mehr wie ein Geweih und hatten wenig mit denen der europäischen Monster zu tun.

Orangefarbene Augen starrten durch die Blase in das Pagodenzelt.

Jetzt schrien die Zuschauer vor Schrecken auf – aber Alfred blieb stumm, seine Augen funkelten vor Glück. Meister! Er bewunderte den langen, gewundenen Leib, an dem vier Beine mit fünf Klauen saßen. Schöner, als ich ihn mir vorgestellt habe!

»Nie-Lung fuhr auf sie nieder und wütete schrecklich!«, erzählte Wu Li beschwörend, und der Drache in der Sphäre schnappte wild um sich, wand den biegsamen Körper um die Männer, zerquetschte sie und zerbiss die Krieger, wie er sie zu packen bekam.

Alfred hörte die Knochen brechen, das Blut auf den Boden plätschern und das Metall sich verbiegen. Die Schreie klingen echt! Die Härchen auf seinen Armen richteten sich auf.

Plötzlich zerbarst die Seifenblase, und Nie-Lung war frei!

Er schoss unter dem Zeltdach entlang, flog eine Runde und zog mit seinen zehn Meter Länge brüllend über die Männer, Frauen und Kinder hinweg. Sein Atem schwappte heiß ins Zelt und brachte die Luft zum Flimmern. Lose Papiere stoben davon, einige Mützen und Hüte wurden den Besitzern von den Schöpfen gefegt. Die ersten Besucher sprangen von den Sitzen auf und wollten in

Panik aus dem Circus flüchten.

Mit einem lauten Fauchen verging Nie-Lung zu harmlosem weißem Rauch, kleine Kringel formten sich und trieben in die Höhe, während das letzte Kreischen des Drachen verhallte. Das

Licht erwachte und vertrieb mit seiner gleißenden Helligkeit die letzten Reste des Zaubers.

Wu Li stand regungslos in der Manege, die Hände wieder auf den Rücken gelegt, und lächelte in den Tumult, der sich langsam legte. Er wartete, bis auch die letzten an ihre Plätze zurückgekehrt waren, bevor er mit ruhiger Stimme sagte: »Die Horde konnte nicht wissen, dass Lin Wei die Braut des Drachen war, der sie mit seinen magischen Kräften beschützte. Fortan lebte sie in Sicherheit. Bis an ihr Lebensende.« Er machte eine lange Pause, dann kam er um das Tischchen herum und verneigte sich.

Der Applaus explodierte regelrecht. Den Zuschauer stand die Begeisterung auf den Gesichtern geschrieben. Manche rangen noch mit den Auswirkungen des Schreckens, den der Scheindrache ausgelöst hatte, aber dennoch gewährten sie ihm stehende Ovationen. Blumen wurden dem Chinesen zu Füßen geworfen, und die Hoch-Rufe wollten gar nicht mehr enden.

Alfred atmete tief durch. Meine Güte! Da darf ein Herz nicht schwach sein. Er brauchte eine halbe Minute, bis er sich aus dem Bann der Bilder gelöst hatte. Schluss mit dem Mumpitz. Er nahm die frenetisch klatschende Klara am Arm und zerrte sie hinter sich her. »Los. Wir müssen die Ersten sein!«

Sie drängelten sich durch die Reihen, während der Conferencier zu den Tönen leiser chinesischer Musik verkündete, dass die Tierschau gleich öffnen würde. Alfred sah, dass sich fünf weitere junge Männer und Frauen auf den Durchgang zubewegten, der sie zu den Käfigen führte. Sehr gut.

Gemeinsam gelangten sie an das Gittertor, wo der lächelnde Kartenabreißer in einem bunten chinesischen Gewand ihre Eintrittsbillets entgegennahm und sie anschließend mit einer Verbeugung und einer einladenden Geste in den Innenhof hinter der Pagode ließ.

Alfred, Klara und ihre Mitstreiter standen im Freien. Dreißig Wagen waren im Karree aufgestellt worden, in der Mitte befand sich ein Zaun, hinter dem verschiedene Lamas, Büffel, Dromedare und Kamele auf frischem Stroh der Besucher harrten und vor sich hin kauten. Auch hier sorgten weiße Lampions für Licht.

»Wo ist er?«, fragte Klara aufgeregt und blickte sich um.

»Das werden wir gleich herausfinden. Sie haben ihn irgendwo auf dem Gelände ausgestellt wie eines ihrer schnöden Tiere.« Alfred sah in die angespannten Mienen der Gleichgesinnten. »Was immer mit uns geschehen wird, er hat Vorrang. Schießt, wenn sie uns aufhalten wollen. Wir geben uns Leben für ihn, wenn es sein muss. Der Zeppelin ist bereit, falls der Meister zu schwach ist, um

selbst zu fliehen. Und jetzt ausschwärmen«, befahl er. »Wenn ihn einer findet, gibt er das Pfeifsignal.«

Sie nickten stumm.

Er und Klara gingen nach links, an den Käfigen der Tierschau vorbei, die anderen teilten sich auf und huschten davon. Alfred spürte, wie seine Wut auf den Circus immer weiter

wuchs. Sie zeigten den Drachen in der Vorführung in seiner ganzen Schönheit, doch in Wahrheit lag er in einem unwürdigen Käfig und wurde für ein paar Münzen extra als ein Kuriosum vorge-

führt. Von Asiaten, die Drachen doch eigentlich verehren und anbeten! Dieser Verrat wog in seinen Augen doppelt so schwer. Ihr werdet eure Strafe bekommen.....

.... und wie diese Strafe aussehen wird, kommt im zweiten Teil. :o)