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Wédōra – Staub und Blut
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Blutportale

Leseprobe 1

 »Es ist eine reinigende Handlung. Duellieren reinigt die Seele, man wird alle Rachegelüste, den ganzen Hass los dabei. Das ist das Wunderbare am Duellieren.
Heutzutage ist Duellieren verboten, und trotzdem, täuschen Sie sich nicht, es wird immer noch praktiziert.«

Rudi van Oeveren, Maître (Fechtmeister),
Ex-Fechtchampion

 

PROLOG

Und die Erde war wüst und leer. Und es war finster.

Diese Zeilen waren das Erste, was ihr einfiel, als sie zu sich kam. Allgegenwärtige, undurchdringliche Schwärze umgab sie; obwohl sie die Augen weit aufgerissen hatte, erlaubte ihr die Dunkelheit keinen Blick.

In ihren Ohren rauschte es wie nach einem zu lauten Konzert. Sie fühlte Benommenheit, ein Ziehen in den Schläfen, das Atmen fiel ihr schwer. Ihre Gedanken ließen sich nicht richtig anordnen, sie schwirrten durcheinander. Bilder und Erinnerungen aus den Stunden zuvor, die sie einfach nicht in die korrekte Reihenfolge bekam. Als würde man einen Diavortrag betrachten, bei dem jemand die Rähmchen durcheinandergebracht hatte; der Projektor jagte gnadenlos eines nach dem anderen durch, zog zwei auf einmal ein und schuf noch Verwirrenderes: eine Party, dichtgedrängte, lachende Menschen, indische Dekoration, Kellner in einheitlicher Kleidung, ein üppiges Büfett und bunte Cocktails, eine Tänzerin, ein gutaussehender Mann mit kurzen blonden Haaren, der sie über die Köpfe der anderen hinweg betrachtete …

Die hektischen, tonlosen Bilder jagten ihr Furcht ein. Sie versuchte, sich davor zu schützen, indem sie die Augen fest zusammenkniff, doch es nutzte nichts; aufstöhnend hob sie die Lider wieder und starrte verzweifelt in die Dunkelheit. Erst als das Bombardement aus aufgeschnappten Eindrücken endlich zu verblassen begann, wichen der Schwindel und das Ziehen aus ihrem Kopf.

Ihr wurde bewusst, dass sie am Boden lag, auf dem Rücken. Um sie herum war es schwülwarm, beinahe tropisch. Sie verspürte einen tonnenschweren Druck auf dem Brustkorb, atmete hektisch ein und musste husten, gleich danach würgen; es roch nach Eisen, nach Rasierwasser, nach Erbrochenem, nach verdunstetem Alkohol, nach Essen und nach Exkrementen. Eine schreckliche Mischung. Noch dazu fühlte sie sich, als habe sie sämtliche Drogen der Welt in einer Nacht zu sich genommen.

Aber das hatte sie nicht, so viel wusste sie.

Etwas Licht würde die Angst vertreiben, zumindest mindern. Sie musste nur in ihre Tasche greifen, um den Schlüsselanhänger mit der kleinen Taschenlampe daran herauszuziehen! Doch so sehr sie es auch versuchte, es war ihr nicht möglich, sich schnell zu bewegen; sie stöhnte leidvoll auf. Die Kontrolle über ihre Hand kostete sie enorme Kraft und Konzentration.

Zu ihrem Entsetzen spürte sie, wie die Finger über zerfetzte, feuchte Kleidung glitten, eine nackte Hüfte streiften und schließlich auf ihren nackten Oberschenkel trafen. Kein Schlüsselanhänger. Keine Lampe.

Die Erkenntnis, dass sie halbnackt und zur Regungslosigkeit verdammt dalag, war neue Nahrung für ihre Angst; mehr Adrenalin wurde ausgeschüttet – und schwemmte endlich die Langsamkeit aus ihr heraus. Ihr Körper erwachte.

Sie spürte einen Luftzug, ein leises Quietschen erklang.

»Hilfe …«, murmelte sie und hob den Kopf.

Eine Tür war spaltbreit nach innen aufgedrückt worden. Durch den Schlitz flackerte gelbliches Licht und beleuchtete … einen Körper, der quer über ihr lag! Der Druck auf ihrer Brust!

»Nein, nein!«, keuchte sie, stemmte ihre Arme gegen die Last, schob sie mit Mühe von sich und spürte die warme Luft auf ihrer klebrigen, feuchten Haut.

Der Körper des Mannes fiel nach links … doch sein abgetrennter Kopf rollte über ihren schlanken Bauch hinweg und landete zwischen ihren Beinen auf dem Boden.

Kreischend fuhr sie hoch und wollte sich so schnell wie möglich mit den Fersen rückwärtsschiebend, weg von der Leiche. Dabei rutschte sie mehr als einmal aus, der schlüpfrige Untergrund bot nicht genügend Halt.

Als sie eine Wand an ihrem Rücken spürte, starrte sie immer noch nach vorn, unfähig, den Blick abzuwenden. Der Kopf war mit dem Gesicht nach oben zum Liegen gekommen und zeigte ihr ein bekanntes Profil, das im unregelmäßigen Aufblitzen erschien und verschwand, erschien und verschwand. Die Augen waren weit geöffnet, die Gesichtszüge zeigten das Grauen, das den Mann im Moment des Todes befallen hatte. Das flackernde Licht verstärkte den Schrecken.

Wieder war es die Angst, die sie antrieb. Sie sprang unbeholfen auf, rannte in einem Bogen an dem zerstückelten Leichnam vorbei und riss die Tür auf, um in die zuckende Helligkeit zu treten. Eine der vollgesogenen Mullkompressen, die mit Tape an ihrem Oberkörper befestigt waren, löste sich. Sie beachtete es nicht.

Sie stand in einem fensterlosen Gang, der etwa zwei Meter breit war; an den Wänden hingen abstrakte Bilder. Das Grün darauf bildete einen Kontrast zu den zahlreichen dunklen Blutspritzern, die sich auf dem beigefarbenen Putz abzeichneten und daran herabliefen. Die getönten Lampen im Gang flackerten und erzeugten dieses gewitterartige Licht.

Sie weg vom surrealen Tod, strauchelte, rutschte und musste sich immer wieder abstützen. Sie nahm nicht wahr, dass sie von Kopf bis Fuß mit Blut beschmiert war, doch ihre Handabdrücke blieben an den Wänden und Türrahmen haften.

Unvermittelt stand sie in der Küche, die derart sauber und weiß vor ihr lag, dass sie ungläubig und hysterisch auflachte. Das Zimmer war aufgeräumt, alles stand an seinem Platz und wartete darauf, von einem Koch benutzt zu werden. Auf der Anrichte stand ein mit Zellophan umhülltes Tablett voller Canapés.

Die Sauberkeit der weißen Kacheln und der Anrichte täuschte Unberührtheit vor, als hätte das Verderben vor der Schwelle haltmachen müssen. Es war ein anderes Universum. Mit einem Mal hatte sie das Gefühl, in Sicherheit zu sein, und das Gefühl ließ sie ebenso straucheln wie kurz zuvor noch das Entsetzen.

Erst jetzt bemerkte sie die Geräusche, die aus der Welt des Grauens zu ihr in die schützende Helligkeit der Küche drangen: Telefone läuteten mit verschiedenen Melodien und aus unterschiedlichen Entfernungen. Die Töne gingen ineinander über und schwebten verhallend durch den Raum.

Sie zuckte mit einem unterdrückten Schrei zusammen, riss die Augen weit auf und lauschte mit angehaltenem Atem. Die Rettung!

Ein nostalgischer Schellenton war ihr am nächsten. Er befand sich außerhalb der sicheren Küche, doch jedes Rrring lockte und gab ihr Hoffnung auf Erlösung – wenn sie den Hörer abnahm und ihre Ängste hineinschrie.

Dazu musste sie den Raum verlassen. Den sicheren weißen Raum … Sie atmete wieder schneller, roch das Blut. Das nächste Klingeln ließ sie losrennen, den Blick nach unten gerichtet, damit sie so wenig wie möglich von dem Horror um sich herum mitbekam, und immer dem Ton folgend.

Es ging durch einen Korridor in ein weiteres, großes Zimmer, mehr eine Vorhalle, wie sie annahm. Der Teppich, über den sie lief, war sehr dick und musste teuer sein; das aufwendige Muster war hübsch, und sie versuchte, sich darauf zu konzentrieren, um all das Schreckliche, was sie um sich herum vermutete, ausblenden zu können. Doch dann unterbrach etwas die Unendlichkeit des Musters: Blutspuren, Spritzer und verschieden große Flecken bildeten eigene Formen, die gegen das Teppichmuster verliefen.

»Mein Gott«, ächzte sie, wich dem schrecklichen Hindernis aus und folgte dem Klingeln stolpernd bis zu einer angelehnten Tür.

Dahinter war das Telefon!

Sie schluckte, stand zögernd vor der Klinke und schaute sich selbst zu, wie sie die Hand danach ausstreckte, obwohl alles in ihr Nein schrie. Sie traute sich nicht, auf die andere Seite zu gehen. Welcher Anblick wartete dort auf sie? Würde sie noch mehr ertragen können?

Ein Zittern breitete sich in ihr aus, ihr wurde schlagartig kalt. Sie konnte das Beben nicht länger unterdrücken; jede ihrer Gliedmaßen vibrierte in hoher Frequenz.

Rrrring!

Sie müsste lediglich die Tür öffnen, über die Schwelle treten und abnehmen … den Anrufer anflehen, um Beistand bitten und warten, bis die Helfer kamen …

Rrrring. Das Telefon klingelte noch immer.

Ihre Finger krampften sich um die Klinke, die sich in ihrer Hand erwärmte.

Sie erstarrte, als das nächste Klingeln ausblieb; stattdessen erklang ein elektronisches Klicken, und eine melodische, tiefe Männerstimme sagte: »Sie haben meine Nummer gewählt, aber anscheinend bin ich gerade beschäftigt. Hinterlassen Sie Ihre Nachricht und Ihre Nummer. Vielen Dank.«

Dann piepste es.

»Nein, nein! Dranbleiben! Dranbleiben!« Die Aussicht, dass der Anrufer auflegen könnte und sie wieder allein in diesem Haus war, verschaffte ihr den nötigen Mut, die Tür aufzustoßen und hineinzustürmen.

Nach zweieinhalb Schritten musste sie stehen bleiben: Was sie sah, folterte ihren Verstand. Wo auch immer sie hinschaute, überall erwartete sie ein Anblick, der sie zum Schreien brachte und einen Würgereflex hervorrief.

Sie richtete den Blick schnell weg vom Erdgeschoss, von den Greueln hinauf zur rettenden Decke. Das riesige Zimmer war acht Meter hoch, eine geschwungene Freitreppe aus hellem Marmor führte in den oberen Bereich, von dem aus man wie von ­einem herrschaftlichen Balkon nach unten blicken konnte.

Sie wusste unvermittelt: Dort hatte der DJ seine Mischpulte und seine ganze Ausrüstung aufgebaut, eine kleine Bar befand sich ebenso da oben wie ein Chill-out-Bereich in weißem Leder. Als sie sich zwischen den Gästen im ersten Stockwerk bewegt hatte, waren etwa zehn Leute dort gewesen. Jetzt sah sie lediglich eine Hand zwischen den hölzernen Gitterstäben der Empore herausragen. Am Zeigefinger haftete eine rote Blutperle, die sich beharrlich der Schwerkraft widersetzte.

Gebannt verfolgte sie, wie der Tropfen lang und länger wurde, bis er wie in Zeitlupe schließlich doch nach unten stürzte und mit einem überdeutlich vernehmbaren Geräusch in einer Blutlache einschlug. Die sanften Wellen, die er durch sein Eintauchen auslöste, zitterten gegen eine verstümmelte Leiche – eine von so unendlich vielen in diesem Raum!

Es fiepte laut, und sie schrak zusammen.

»Vielen Dank«, sagte die Männerstimme. »Ich rufe Sie vielleicht zurück, wenn Sie gutes Karma haben. Die Götter seien mit Ihnen.«

Während die letzten Worte verklangen, wurde ihr Blick von etwas zu ihrer Linken angezogen. An der Wand erhob sich eine zwei Meter hohe Statue, die einige rote Spritzer abbe­kommen hatte, und schaute ungerührt aus den Bronzeaugen auf die Toten hinab. Kali, erkannte sie, die Göttin des Todes! Fast schien es, als wäre sie für dieses Massaker verantwortlich. Als sei sie von ihrem Sockel gestiegen, mit ihren vielen Armen und ihrem Dolch durch die Menge gerast und habe wahllos getötet ....