NEUES
DA DIE MENSCHEN BÖSE SIND
Welch Auftakt!
Wédōra – Staub und Blut


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Exkarnation-Seelensterben

 LESEPROBE aus:

 

Hier noch eine Szene aus dem Roman.

Erscheinen sollte der Band am 3. August 2015, aber wie man sieht: Er ist bereits unterwegs, sowohl bei Buchhändlern vor Ort als auch in den Internet-Shops.

 

Und nun viel Spaß damit, irgendwo in einem Lost-Place in Leipzig... 

Nein, ich darf den genauen Ort nicht verraten. Zu gefährlich. ;)

 

"(...) Konstantin Korff war von der Aktion nicht überzeugt.

Das einzige echte Argument, das ihn dazu brachte, in den Ruinen auf die Suche zu gehen, war, dass die Vampirin wusste, wer er war und wo er wohnte. Da sie aber noch nicht bei ihm Zuhause aufgetaucht war, schien sie die beiden Männer nach der Schlägerei im Park abgehakt zu haben. Das war eine deutliche Warnung, sie in Ruhe zu lassen.

Leider taten er und Ares Löwenstein gerade das Gegenteil.
Auch wenn Konstantin schon einige Verstorbene aus dieser Straße abgeholt hatte, auf der sie standen, konnte er sich beim besten Willen nicht daran erinnern, in diese Sackgasse gefahren zu sein. Nicht mal zum Wenden.
Löwenstein hatte seine Harley Night Rod genutzt, er war mit dem Citroën Traction Avant 11BL hergefahren. Ein wundervoller schwarzer Oldtimer mit viel Chrom im Gangsterstilauto der Zwanziger, obwohl er in den Fünfzigern gebaut worden und ganz günstig zu haben gewesen war, wenn man den Mut hatte, Geld und Zeit in die Restaurierung zu investieren. Motorrad und Oldtimer standen an der Ecke, die Bleche tickten im gegensätzlichen Takt.
»Sie kam aus dem hinteren Haus«, erklärte der Hüne angespannt. Ihm schien der erste Schritt auf das alte Kopfsteinpflaster ebenso schwerzufallen wie Konstantin. Eine Aura wehrte die Männer ab, eine Bosheit, die körperlich drohte.
Konstantin mochte das Alter des Bodenbelags nicht zu schätzen, aber er sah abgenutzt und schon lange nicht mehr ausgebessert aus. Da niemand in dieser Gasse lebte, gab es auch niemanden, der sich beschwerte, nicht einmal Zusteller und Stadtwerke.
Die Schatten der alten Gebäude, die aus der Zeit um 1900 stammen mochten oder gar noch mehr Jahrhunderte gesehen hatten, waberten wie ein Hitzeflimmern an der Grenze zum hellen Bereich, der von der modernen Straßenlampe ausgeleuchtet wurde.
Schatten. Schatten, der sich merkwürdig verhält. Konstantins Nackenhärchen richteten sich auf. »Das habe ich noch nie gesehen«, flüsterte er, ohne zu wissen, warum er seine Stimme senkte.
Löwenstein nickte nur. Er hatte die großen Hände zu Fäusten geballt, als würde es etwas gegen das unbestimmbar Feindselige ausrichten, das ihnen entgegenschlug.
Niemand, der keinen sehr guten Grund hatte, betrat diese Gasse freiwillig.
Verwehte, verblichene Prospekte hatten sich in der Gosse verfangen und lagen festgeklebt im Schmutz, ein paar tote Tiere erkannte der Bestatter ebenso auf dem Trottoir vor den Häusern wie matschiges Laub und Astbruchstücke.

»Wenn sich eine Vampirin an einem Ort wohlfühlt« – Konstantin zeigte in das Sträßchen – »dann hier.« Er schauderte und setzte behutsam einen Fuß vor den anderen. »Sag mir noch mal schnell, warum wir ihr nachspionieren.«
Schon der zweite Schritt geschah mit sehr viel Widerwillen.
Sein Inneres sträubte sich, verweigerte die Vorwärtsbewegung. Schatten. Zu viel Schatten.
Für jemanden, der mit dem Tod mehrfach verhandelt hatte beziehungsweise den Gevatter herbeirufen konnte, kam er sich reichlich albern vor, ohne dass sein Verstand etwas gegen das Gefühl ausrichtete.
»Je mehr wir von ihr wissen, desto besser«, erwiderte Löwenstein und klang nicht mehr ganz so überzeugt. Sie vernahmen nicht einmal merkwürdige Geräusche oder Stöhnen oder ein irgendeinen Laut, der vor einer Gefahr warnte.
Nur der Wind säuselte die Gasse entlang, spielte mit dem Laub, das einen modrigen, verfallenen Geruch verströmte, und spreizte den halb verwesten Flügel eines Spatzen auf, der den Besuchern zuzuwinken schien.
Oder er versucht, selbst nach dem Tod diesem Ort zu entfliehen. Konstantin musste den Drang unterdrücken, seinen Schnitterring abzuziehen, damit er nicht zu sterben vermochte und kein Opfer dieser Gasse wurde. Am Ende verlor er ihn noch, und eine leise Stimme sagte ihm, dass er das Schmuckstück niemals mehr wiederfinden würde. Verrückt.
Er wandte sich zu Löwenstein um. Er sah den Hünen in der Finsternis kaum, das Licht der Lampen drang wie durch einen extrem starken Sepia-Filter zu ihnen. An diesem Ort schienen sogar die Gesetze der Physik verfallen zu sein.

»Warte, Bestatter«, sagte Löwenstein, und auch er sprach leiser als gewöhnlich. »Wir sollten zusammenbleiben.«
»Wie zwei Schuljungen bei der Nachtwanderung.« Konstantin produzierte die schlechte Imitation eines Grinsens und versuchte, das Unwohlsein sowie die stärker werdende Angst durch den Scherz zu vertreiben.
Aber es half nichts.
Sie hatten unterwegs Taschenlampen gekauft, nahmen sie aber nicht hervor. Noch würden die huschenden Strahlen auf der Hauptstraße mehr Aufmerksamkeit wecken als nötig.
Stumm und sehr aufmerksam bewegten sie sich weiter die Straße entlang, passierten das erste Haus, das zweite, das dritte.
Ebenso stieg die Beklemmung.
Überall Schatten. Konstantins Herz pochte wie nach einem Parkour-Lauf, er fühlte, wie sich ein Schweißfilm auf seinem Gesicht bildete. Er leckte sich über die Lippen und schmeckte Salz.
Dann musste er stehen bleiben. Es ging nicht mehr, seine Oberschenkel bebten, und sein Instinkt verlangte von ihm, sich umzuwenden und zu rennen, bevor ihm etwas zustieß.
Das ist Unsinn, sagte er sich wieder und wieder. Hier können sie nicht sein.
Löwenstein stapfte an ihm vorbei und hielt inne. »Was ist?«
»Scheiße«, raunte Konstantin und zitterte. »Was ist das für ein Ort?«
»Einer, an dem sich Blutsauger wohlfühlen. Hast du selbst gesagt«, erwiderte der Hüne mit kratziger Stimme. »Du willst mich nicht hängen lassen, oder?« Er zeigte auf das Gebäude mit den blinden Scheiben, hinter denen es noch tiefere Dunkelheit gab als jene, durch die sie wateten. »Wir sind gleich da.«
Es wird darin noch schlimmer. Konstantin sah ein Katzengerippe, das zerfallen an einer Ecke lag, wie vom Haus ausgespuckt, nachdem es das Tier bei lebendigem Leib verschlungen hatte.
Ohne etwas zu erwidern, stemmte er sich gegen das Grauen und folgte dem Hünen, der sich entweder besser beherrschte oder weniger Furcht verspürte. Er ging wie durch einen Sturm, nach vorne gebeugt, die Hände in den Taschen und den Kopf gesenkt. Was Konstantin nicht sah, würde ihm keinen Schaden zufügen können.
Kindisch!, schalt er sich selbst und kam doch nicht dagegen an.
Löwenstein blieb vor dem Haus stehen, das aus den Scheiben auf sie niederstarrte. »Da rein.«
Eiseskälte drang aus dem Bau, die gegen die Männer schwappte, an ihnen emporfloss und unter die Kleidung drang, um bis ans Herz zu gelangen.
Der kräftige Mann ging die zwei Stufen hinauf und drehte am Knauf, der sich jedoch nicht rührte; auch das Rütteln beeindruckte ihn nicht, trotz der Muskelkraft, die gerade auf ihn wirkte.
Konstantin freundete sich gerade mit dem erleichternden Gefühl an, sich wieder zurückzuziehen, da ging Löwenstein um das Gebäude herum. »Sie muss auch irgendwie reingekommen sein«, sagte er und verschwand um die Ecke.
Er hörte nicht mal mehr die Schritte des schweren Hünen. Dafür frischte der Wind auf und trieb erneut das Laub vor sich her, bis an Konstantins Schuhspitzen, um ihm weitere Knöchelchen zu zeigen, die er mitgebracht hatte.
Es wurde noch dunkler.
Die Schatten sammeln sich. Als Konstantin den Kopf leicht in den Nacken legte und nach den Sternen suchte, entdeckte er sie nicht. Was zum ... Dabei herrschte ein klarer Himmel über Leipzig. Zumindest bis sie in diese verfluchte Gasse eingebogen waren.
Dunkle Bewegungen zuckten und huschten über den Boden, wie Haie, die ihr wehrloses Opfer behutsam umkreisten und die Abstände mit jedem Passieren verringerten. 

Konstantins Kehle verengte sich. Seit der Sache mit dem verstorbenen Konditormeister reagierte er sensibel auf solche Eindrücke. Mit Marna hatte er noch immer nicht sprechen können. Und auch mit sonst niemandem.
Hastig folgte Konstantin Löwenstein um die Hausecke und sah ihn gerade ein Fenster aufdrücken. »Hier geht es rein«, flüsterte er zufrieden und schwang ein langes Bein ins Innere. »Den Spuren nach nutzte sie das gleiche Fenster.«
»Sie oder jemand«, korrigierte Konstantin halblaut und folgte.
Drinnen zogen sie die Taschenlampen hervor, um sehen zu können, wohin sie traten und nicht in ein Loch zu fallen, das überraschend im Fußboden klaffen mochte.
Die Lichtkegel schienen nicht ihre gesamte Leuchtkraft entwickeln zu können, die LEDs, die normalerweise unangenehmes kaltweißes Licht generierten, schienen ebenso von Sepia befallen zu sein.
Die Wände waren intakt, wenn man von den Spinnweben und einigen Wasserflecken absah. Keine Graffiti, keine Verwüstungen. Möbel, die sicherlich aus der Biedermeier-Zeit stammten, standen in dem ersten Raum. Vitrinen, Schränke, Porzellan, Besteck, alles befand sich sauber und ordentlich an seinem Platz. Abgesehen von dem Staub der vergangenen Jahrhunderte machte es den Eindruck, in den vergessenen Schauraum eines Museums geraten zu sein.
Auch wenn sie nun Licht hatten, wich in Konstantin nicht das Bedürfnis, Haus und Gasse sofort zu verlassen. Fast rechnete er damit, dass sich die gegenüberliegenden Türen öffneten und die düsteren Hausherren zurückkehrten, um die Einbrecher zur Rede zu stellen.
»Antik«, raunte Löwenstein neben ihm. »Ob die Vampirin hier wohnt?«
»Wäre ein bisschen viel Klischee und Staub.« Konstantin enthielt sich jeglichen weiteren Kommentars. »Suchen wir.« Sie verließen den Raum, schritten einen Korridor entlang und bewunderten die Arbeiten in den Möbeln, an den Wänden, die auf Gründerzeit und Jugendstil schließen ließen. Kacheln, Stofftapeten, geflieste Böden mit wunderschönen Mosaiken. Kein Hooligan, kein Vandale, niemand schien einen Fuß hineingesetzt zu haben, um Zerstörung anzurichten oder ein bescheuertes Tag zu hinterlassen. Ein Mausoleum für die Zeit selbst, so schien es Konstantin. 

»Da sind Spuren«, sagte der Hüne und leuchtete die Treppe hinauf. »Schleifspuren. Sie hat die Säcke nach unten gezogen.« Er schritt los, setzte die Stiefelsohle auf die Stiege.
Konstantin wunderte sich, wie Ares keine Angst in dieser Finsternis haben konnte, die Sekunde um Sekunde die Leuchtkraft der Lampen erdrückte. Jegliches Licht wurde gemeuchelt, erdrosselt von der Dunkelheit. Abgebrühtheit. Vielleicht war das Löwensteins besondere Stärke, die ihn anderen überlegen machte.
Er hörte hinter sich ein Knistern, als würde ein Stück Glas springen.
Eigentlich, so lehrte jeder Horrorstreifen, drehte man sich weder um noch ließ man seinen Kumpel aus den Augen.
Aber wenn sich eine Gefahr im Rücken nähert ... Konstantin konnte nicht anders. Die Furcht verlangte es von ihm, der Selbsterhaltungstrieb überlagerte jegliche Ratio.
Daher drehte er sich, wich gleichzeitig zur Seite und riss die schwere Lampe hoch, um einen möglichen Gegner zu treffen.
Die Lichtlanze stach schwach ins Schwarz und schnitt einen alten, zerschlissenen Vorhang aus der Versunkenheit,
der etwas Mannsgroßes, Flaches abdeckte.

Dahinter blitzte und flirrte es rätselhaft.
Mit rasendem Herzen sah sich Konstantin selbst dabei zu, wie er eine Hand ausstreckte und nach dem Stoff griff, eine Ecke langsam ein wenig zur Seite zog.
Darunter kam ein Spiegel zum Vorschein, mit opulentem Barockrahmen, leicht blind und ohne Sprünge.
Auch das noch. Konstantin schauderte und ließ den Vorhang schnell wieder los – doch der Schwung reichte aus, um die Abdeckung mit einem leisen, reibenden Rascheln zu Boden gleiten zu lassen. 

Der Spiegel lag nun brach vor ihm.
Aber der Strahl der Taschenlampe wurde nicht reflektiert.
Das Licht leuchtete in den Spiegel hinein und in den Raum darin, obwohl dort nichts weiter als die Reflexion des Korridors war.
Nein! Konstantin wurde eiskalt, das Schlucken fiel ihm schwer.
Auf der Treppe war Löwenstein laut Spiegel nicht mehr, er musste im oberen Stockwerk angelangt sein. Die gebündelte Helligkeit verlor sich in dem reflektierten Raum, wurde zu einem schwachen Schimmer.
Es gelang Konstantin nicht, die Augen von der Oberfläche abzuwenden. Er starrte darauf und wartete, dass sich hinter ihm etwas zeigte.
Es gelang ihm noch weniger, sich zu bücken und den Vorhang aufzuheben, um ihn wieder über den Spiegel zu legen. Angst. Lähmende Furcht. 

Seine Züge waren fahl, die Augen weit aufgerissen und die Pupillen riesig. Ich sehe aus wie eine Spukgestalt.
Unvermittelt trat eine Person aus den Schatten des Zimmers und wurde im Spiegel sichtbar.
Konstantin drehte sich nicht um, sondern beobachtete den Umriss über die reflektierende Oberfläche.
Nach vier geräuschlosen Schritten auf den alten Dielen blieb sie stehen, doch Konstantin erkannte ihr Gesicht nicht.
Dann kam eine zweite Person aus der anderen Ecke und blieb ebenfalls nach einigen Schritten stehen, nichts mehr als ein Schatten. Stumm, regungslos und bedrohlich.
Es folgten noch eine, und noch eine, immer mehr, biss sich eine kleine Armee in Konstantins Rücken versammelte.
Weg mit euch! Er warf die Taschenlampe mit einem unterdrückten Schrei gegen den Spiegel – und die Leuchte zerschellte auf der glatten Oberfläche, als bestünde sie aus fragilem Glas. Das Licht erlosch, und das Bild im Spiegel verschwand.
Erst jetzt wandte sich Konstantin um.
Niemand außer ihm befand sich in dem Raum, genau wie er es gehofft hatte. Es gab keine Angreifer. Seine überempfindlichen Sinne hatten ihm einen Streich gespielt.
Er sah nicht mehr nach seiner Lampe, sondern stürmte die Treppen hinauf, um zu Löwenstein zu gelangen.
Aber kaum dass er den ersten Stock erreicht hatte, in dem es beinahe stockdunkel war, stand er in einem leeren Korridor. Von dem Hünen fehlte jede Spur.
»Ares?«, rief er panisch und regte sich nicht, lauschte.

Sein Herz wollte sich nicht beruhigen, er hielt den Schnitterring unbewusst mit einer Hand umfangen, um ihn sofort abziehen zu können. Ich hätte niemals in diese Gasse gehen dürfen. Schatten. Spiegel.  (...)"