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JUDASTÖCHTER

Erscheinungstermin: 1. 12. 2010

LESEPROBE (leider ohne Formatierung, sorry... Im Buch stimmt es dann. :o)) 

 Jeoffray Charles Wilson nippte an seinem starken Assamtee, den er wie immer mit Milch und einem Löffel Zucker trank, während sein Blick über die aufklärenden Zeilen der letzten Seite huschte.

Nachdenklich wandte er den Kopf zum Fenster und schaute hinaus in den Garten, wo die Äste der alten Eichen im Winter- sturm wogten. Halbzersetztes Laub wurde gelegentlich gegen die Scheibe geweht, blieb kleben und wurde vom prasselnden Regen wieder fortgespült.

Perfektes Teatime-Wetter.

Als waschechter Brite verweigerte er sich nicht einem gewis- sen Maß an Aberglauben und nahm den Spuk auf alten Schlös- sern und Landsitzen als gegeben hin. Aus guter Tradition heraus.

Jetzt aber hatte ihm Harm Byrne, Schwerstkrimineller und sein ehemaliger Arbeitgeber, ein elektronisches Dossier über eine andere, verborgene Welt hinterlassen, das ihn nachdenklich stimmte. Weil es keinen erkennbaren Wahnsinn in sich trug. Nicht in einem einzigen Wort.

Perfektes Monsterwetter.

Wilson hatte nie an Vampire geglaubt. Auch nicht an Wer- wölfe oder Dämonen. Und doch beschrieb sein alter Chef, der nie ein Spinner gewesen war, diese Spezies mit all ihren Unterarten, mit ihren Stärken und Schwächen, woran man sie erkannte, wie man sie eliminierte, was man bei Begegnungen vermeiden sollte und so weiter und so fort.

Zuerst hatte der einstige Butler auf die Zeilen gestarrt. Dann hatte er gelacht. Dann war er ins Wanken geraten, und jetzt be- fand er sich in einem merkwürdigen Zwischenzustand: Er wollte eines der Monster sehen!

Wilson hatte sehr viel Geld von Harm Byrne als Hinterlassen- schaft erhalten und im Gegenzug einen Auftrag bekommen: Ele- na Karkow, ein Mädchen von knapp sieben Jahren, und ihre Mutter Emma, irgendwo um die dreißig. Sie sollte er aus der Ferne beschützen, behutsam Kontakt zu ihnen aufnehmen, sich ihnen als Freund nähern und zu einem Vertrauten werden.

Dann bekomme ich doch noch Frau und Tochter.

Wilson war der perfekte Mann für den Auftrag. Ende vierzig, alleinstehend, keine Kinder, gebildet und versiert, mehrsprachig und mit einem freundlichen Gesicht ausgestattet, zu dem Men- schen schnell Vertrauen fassten. Völlige Ungebundenheit.

Er stellte die Tasse ab; mit einem leisen Klirren landete sie auf dem Knochenporzellan. Er zögerte nicht, diesen ungewöhnlichen Auftrag anzunehmen, für den er pro Jahr eine Million Euro aus einer Stiftung gezahlt bekam. Wilson hätte es für weniger getan. Loyal über den Tod hinaus, und das nicht einmal wegen des Gel- des. Er hätte Harm Byrne niemals seine Zuneigung gestehen kön- nen. Es schickte sich nicht für einen Bediensteten und hätte auch nichts gebracht. Der Schwerkriminelle hatte Frauen bevorzugt.

Wilson erhob sich aus dem Ohrensessel. Seine Schritte führ- ten ihn vorbei am Kamin, in dem kleine Flämmchen zuckten, bis ans Fenster, wo er den Blick schweifen ließ.

Vampire, Dämonen, Werwölfe. Und Elena und Emma stehen mit dieser Welt irgendwie in Verbindung. Er legte die Hände auf den Rücken und sah den Regentropfen zu, die am Glas hinab- rollten. Wenn es derartige Alptraumgestalten gibt, was existiert dann noch Schlimmeres in unserer Welt?

Vor dem Studium des Dossiers hatte er sich sicher gefühlt. Die Ausbildung als Personenschützer verlieh ihm die Fertigkeit, mit jeder Art von Feuerwaffen umzugehen; auch um seine Selbst- verteidigungskünste stand es äußerst gut. Aber nutzte ihm das was beim Nahkampf mit einem rasenden Werwolf? Bei einer Schießerei mit einem Vampir? Bei einem Schwertkampf mit einem Dämon?

Ich brauche ein Silbermesser. Und passende Kugeln für meine Pistolen. Wilson atmete tief durch. Allmächtiger, ich klinge schon, als würde ich tatsächlich glauben, was ich da gelesen habe!

Harm Byrne hatte ihn in seinem Testament gewarnt, sich Mutter und Tochter behutsam zu nähern, weil sie in der Vergan- genheit oft getäuscht worden waren. Anfangs sollte er nur aus der Entfernung auf sie achten und erst nach einem Jahr Kontakt aufnehmen. Beim Einkauf oder sonst wo. Hauptsache, vorsichtig und so gut wie zufällig.

Das Bild einer Frau, die aussah wie Emmas ältere Schwester, war im Dossier ebenfalls enthalten. Angeblich handelte es sich dabei um eine Vampirin der Sorte Kinder des Judas, die Ahnin der beiden. Und: Sie war die andere Beschützerin sowie mehr als argwöhnisch. Sie tötete Verdächtige eher, bevor sie lange fragte. Skrupellos.

Wohl auch mich, wenn ich nicht achtgebe ... also, wenn sie eine Vampirin ist. Muss sie aber eigentlich gar nicht. Es reicht vollkommen aus, wenn sie eine Killerin ist.

Sein Spiegelbild zeigte ihm ein Gesicht mit langen Stoppeln, die erstes Grau aufwiesen. Das Ergebnis seiner Vernachlässigung der Körperpflege, aber die Lektüre war zu spannend gewesen. Auch die persönlichen Einschübe seines Chefs, die Lamenti ... sie hatten ihn in der Seele gerührt.

Er sah an sich herab, am zerknitterten grau-rot karierten Morgenmantel, den er über dem hellen Pyjama trug, und wa- ckelte mit den nackten Zehen. Der Plan: duschen, rasieren und ab in den Butler’s Club. Wilson marschierte ins Bad.

Nach einer blitzschnellen Nachmittagstoilette, inklusive Ent- fernen der Bartstoppeln und Korrektur der Frisur, schlüpfte er in der Ankleide in seinen grauen Maßanzug und warf sich den schwarzen Mantel über. Er mochte den Stil eines Gentlemans. Die Jahre in den Diensten von Leuten, die Wert auf ihr Erschei- nungsbild legten, hatten ihn sehr geprägt. Wilson bevorzugte es, auf sich zu achten und zu jeder Zeit gut gekleidet zu sein.

Ein leises Klirren ertönte aus dem Haus, dann krachte es.

Wind fuhr heulend durch seine Wohnung und warf die Tür zum Ankleideraum mit einem lauten Knall zu.

Bloody hell ... Wilsons erster und sehr normaler Gedanke war, dass der Sturm einen Eichenast abgerissen und durchs Fenster geschleudert hatte. Gleich darauf kamen ihm die Worte und Be- schreibungen des Dossiers von selbst in den Verstand und eröff- neten ihm weitere Möglichkeiten. Ich werde paranoid.

Er starrte auf den Ausgang. Unbewaffnet wollte er plötzlich nicht hinaus, auch wenn er sich dabei lächerlich vorkam. Seine beiden Pistolen, für die er eine Besitzerlaubnis besaß, bewahrte er im Tresor neben dem Eingang auf. Um sie zu erreichen, müss- te er allerdings durchs Kaminzimmer.

Wilson nahm den schweren Kerzenleuchter vom Beistelltisch. Silber. Und mit spitzen Füßen. Besser als nichts.

Dann ging er zur Tür, öffnete sie ruckartig.

Der Wind heulte noch immer. Leises Plätschern verriet, dass der Regen durch ein offenes Fenster auf die Fliesen fiel.

Wilson schluckte und spürte sein schnell pochendes Herz. Es ist nur ein Ast. Oder ein Einbrecher, sagte er zu sich selbst und versuchte, seinen Puls zu verlangsamen. So viel Adrenalin hatte er schon lange nicht mehr im Blut gehabt. Oder Vampire, Wer- wölfe, Dämonen ... verfluchtes Dossier!

Er stahl sich durch die geöffnete Kaminzimmertür und ver- harrte, runzelte die Stirn.

Das Fenster hatte ein Loch und stand offen, kleine Rinnsale sickerten über den Boden. Im Sessel saß eine Gestalt in einem dunklen, nassen Anorak mit übergezogener Kapuze, die seinen Laptop auf dem Schoß hatte und das Dossier las. Mit der be- handschuhten Rechten scrollte sie hoch und runter, in der Lin- ken hielt sie eine große Pistole mit Schalldämpfer; der Unterarm lag entspannt auf der Sessellehne.

Kein gewöhnlicher Einbrecher. Das Beruhigende: Vampire, Werwölfe und Dämonen würden sich vermutlich nicht die Mühe machen und eine Waffe mit Suppressor besorgen, um bei einem Butler einzusteigen. Wilson wog den Kerzenleuchter in der Hand. Nichtsdestotrotz war er unterbewaffnet.

»Wenn Sie lange genug da gestanden und mich angestarrt haben«, flüsterte der Einbrecher, ohne dass klarwurde, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte, »könnten Sie uns einen Tee machen, Mister Wilson.« Die Hand mit der Pistole wurde kurz angehoben. »Keine Sorge. Ich glaube, lebend sind Sie wert- voller, als ich zuerst angenommen hatte. Heute ist Ihr Glücks- tag.«

Ich weiß gar nicht, ob ich so viel Glück fassen kann. Wilsons Herz hatte sich immer noch nicht beruhigt. Er war hin- und her- gerissen: angreifen oder schauen, was der Besuch wollte. »Ich bin gespannt auf Ihre Erklärung, Mister ...?«

»Geben Sie mir irgendeinen Namen, den Sie mögen, Mister Wilson, aber bitte nicht Smith. Das wäre zu viel Klischee.« Noch immer flüsterte die Person. »Lassen Sie den Assamtee bitte vier Minuten ziehen. Ich bevorzuge braunen Zucker, und die Milch müssen Sie nicht eigens für mich vorwärmen.«

Wer immer das ist, er hat einen Hauch von Stil. Wilson ent- schied herauszufinden, wer in sein Haus eingebrochen war. Die Ruhe und Selbstsicherheit des Gasts fand er beeindruckend, und er ging tatsächlich in die Küche, um eine Kanne Tee zuzuberei- ten. Je mehr Zeit man ihm gab, desto besser. Wo ist das Arsen, wenn man es mal braucht? Ich habe nicht mal Pflanzendünger, um ihn dem Besucher in den Tee zu kippen. Die Handgriffe voll- führte er, ohne zu denken. Butlerautomatismus. Als er fertig war, nutzte Wilson die Gelegenheit, sich ein großes Küchenmesser unter den Gürtel zu stecken, wenn er schon nicht an seine Pisto- len gelangte.

Nach knappen zehn Minuten kehrte er mit einem beladenen Tablett ins halbdunkle Kaminzimmer zurück, baute Kanne, Tas- sen, Milch, Zucker und die Löffel auf dem Tisch neben dem Ka- min auf, goss zuerst sich, dann seinem Gast ein, der immer noch vor dem Laptop saß und las. »Wie viel Zucker, Sir oder Ma- dam?«

»Zwei gestrichene Löffel, bitte.« Die behandschuhte Rechte klappte den Monitor herunter. »Ich komme, Mister Wilson. Das Licht können Sie auslassen. Ich brauche es nicht.« Als die Gestalt aufstand, sah er, dass es sich um eine Frau handelte, die er auf knapp eins siebzig schätzte. Im Vorbeigehen nahm sie einen Scheit aus dem Korb und warf ihn in die Glut; das trockene Holz begann sofort zu brennen. Der Anorak stand leicht offen, darun- ter trug sie einen schwarzen Rollkragenpullover und schwarze Cargohosen. »Haben Sie sich schon einen Namen ausgedacht?«, fragte sie und klang trotz des Flüsterns belustigt.

»Miss Black passt ganz gut«, gab er zurück und setzte sich.

Die Flammen beleuchteten sie und verliehen ihrem Gesicht einen äußerst gesunden Teint. Sie lächelte, und um die hellen Augen entstanden kleine Fältchen. »Ja, das ist in Ordnung.« Sie wählte den Stuhl ihm gegenüber, die Mündung der großkalibri- gen Waffe blieb auf ihn gerichtet. »Hatten Sie wirklich vor, mich mit dem Kerzenleuchter anzugreifen?« Sie streifte die Kapuze zurück, nahm die Tasse und führte sie an die Lippen, blies über den Tee. Offensichtlich fürchtete sie sich nicht vor einem Giftan- schlag.

»Er stand gerade da, und ich denke nicht, dass ein Kamm aus dem Badezimmer Sinn gemacht hätte, Miss Black. Die Durchschlagskraft wäre zu gering gewesen. Zum Durchschneiden Ihres Halses wäre er auch nicht geeignet. Und mir ist auch leider kein Fall bekannt, bei dem ein Angreifer zu Tode gekämmt wurde«. Wilson trank langsam und musterte sie. Ihre Züge waren weder hübsch noch hässlich, keine besonderen Merkmale, die sie aus einer Menschenmasse gehoben hätten; die halblangen dunkel- blonden Haare hatte sie zu einem kleinen Zopf zusammengefasst. Da sie immer noch leise sprach, vermutete er, dass es dafür einen bestimmten Grund gab.

»Gut geantwortet.« Black grinste und nippte am Tee. »Oh, der ist sehr lecker. Welche Plantage?«

»Mokalbarie.«

»Wirklich ausgezeichneter Geschmack. Voll, malzig und nicht zu bitter, obwohl er es mit drei Minuten anstatt der vier auch tun würde.«

»Sie hatten um vier Minuten gebeten.«

»Ich weiß.« Sie nahm einen langen Schluck, bevor sie die Tas- se absetzte. »Sie können sich denken, warum ich hier bin?«

»Ich kann mir denken, wie Ihre ursprüngliche Absicht gelau- tet hat, aber inzwischen stehe ich wohl nicht mehr unabdingbar auf der Todesliste.« Wilson sah über den Tassenrand zu ihr. »Ich gestehe, dass ich nicht weiß, wem ich ein Dorn im Auge sein könnte und warum Sie erst heute erscheinen. Ich kann also nur vermuten: einer von Mister Byrnes alten Feinden? Oder sind Sie eine Killerin eines Verbrechersyndikats? Hat womöglich die ver- schollene Verwandtschaft Sie losgeschickt, um an Mister Byrnes Hinterlassenschaft zu gelangen?«

Black wiegte den Kopf hin und her. »Nein, ich bin keine Kil- lerin der Russen-Mafia oder der Yakuza. Es gibt meines Wissens auch keine wütende Cousine dritten Grades, die gerne die Millio- nen hätte.«

»Nun, dann bleibt der alte Feind?« Er sah sie gespannt an. »Beruhigend ist es dennoch nicht.«

»Feind, na ja, das kann man so sagen, auch wenn es noch nicht lange her ist.« Black nickte über die Schulter zum Laptop. »Es hat etwas mit der netten Datei voller Wahrheiten zu tun.«

Bin ich zu einem ungewollten Mitwisser für die Welt der Monster geworden? Wilson wurde kurz heiß, dann hob er die Brauen. »Die unheimlichen Mächte schicken eine Killerin mit einem Schalldämpfer – das ist enttäuschend und nicht das, was ich erwartet hätte.« Sie grinste wieder bei seinen Worten. »Aber genau weiß ich es immer noch nicht. Sie sehen belustigt aus, aber glauben Sie mir bitte: Ich bin es nicht.« Er richtete mit einem automatischen Handgriff die Krawatte.

Black dachte einige Sekunden nach. »Was haben Sie sich von der netten Abhandlung über die Nachtkelten merken können, Mister Wilson?«

»Wird das ein Test?«

»Möglich.«

»Und wenn ich durchfalle?«

Blacks Blicke huschten als Antwort auf die Pistole und wieder zurück. »Strengen Sie sich an, Mister Wilson. Ein so herausra- gender Butler wie Sie kann sich Dinge doch leicht einprägen. Stellen Sie sich vor, es ginge darum, Ihre Herrschaft zufrieden- zustellen.«

Wilson schluckte und spürte, wie sein Mund trocken wurde. Eine Hand ließ er von der Krawatte nach unten gleiten, um nä- her an das versteckte Messer zu gelangen. Für den Fall, dass ihr seine Ausführungen nicht reichten und er um sein Leben kämp- fen musste. Er hatte in seinem Leben einige Prüfungen durchlau- fen, aber niemals war der Einsatz so hoch gewesen wie heute. »Ich denke, es handelt sich bei den Nachtkelten um eine Subkul- tur, die aus irischen Vampiren und ihren menschlichen Anhän- gern besteht«, tastete er sich vorwärts und dachte dabei fieber- haft nach. »Eine Art ... Symbiose. Die Menschen geben freiwillig Blut, die Vampire ihnen dafür von ihrem Wissen. Aber die normalen Iren fanden das weniger gut, weswegen die Nachtkelten in den Untergrund flüchten mussten.« Er räusperte sich. »Verzei- hen Sie.« Er nahm einen Schluck Tee und nutzte die Unterbre- chung, um nachzudenken. Die Fülle an gelesenen Informationen machte es schwer, auf Einzelheiten zurückgreifen zu können. Konzentriere dich! Nebenbei dachte er fieberhaft darüber nach, wie er seiner Besucherin entkommen könnte.

Black schmunzelte. »Sind Sie ein Zeitspieler, Mister Wilson?«, raunte sie.

»Wie liege ich bisher in der Prüfung?«

»Scheint gut für Sie auszusehen: Sie leben noch. Machen Sie weiter. Vielleicht lernen Sie heute noch etwas, was nicht in Byrnes kleiner Akte steht. Was wissen Sie über die Feinde der Nachtkelten?«

»Gestaltwandler«, erwiderte er unverzüglich. Sie hatte bei ihm den richtigen Knopf gedrückt. »Die Nachtkelten mussten sich lange auch vor ihnen verbergen und haben danach einen Waf- fenstillstand mit den Wandlern geschlossen.«

»Sehr gut, Mister Wilson!« Black pochte ihren Beifall auf der Tischplatte. »Sie bewegen sich auf eine gute Note zu. Was noch?«

Gott, was noch? »Ich ... fürchte, ich weiß nicht mehr«, sagte er gedehnt, während die Finger zur Seite glitten und den Messer- griff ertasteten. Ihm war eine Idee gekommen, wie er ein Über- raschungsmoment zu seinen Gunsten kreieren konnte. »Mister Byrne hat nicht mehr geschrieben. Glaube ich.« Noch war Wil- son unschlüssig, ob er präventiv angreifen sollte. Knisternd zer- fiel der Scheit in drei Stücke, die Flammen loderten höher und beleuchteten die Frau, die immer noch entspannt wirkte. Ich sollte darauf nichts geben. Jeder Killer wirkt entspannt, wenn er ein Profi ist. »Sie gehören also zu den Nachtkelten – Mensch oder Vampir?«

Black schoss nicht und legte nicht mal den Schlagbolzen nach hinten. »Ah, Sie wollen wissen, womit Sie es zu tun haben. Ich bin ein Mensch, eine sehr treue Soldatin meines Herrn, und man hatte mich ausgesandt, um Sie auszuschalten. Man fürch- tet, dass Sie sich berufen fühlen könnten, einen Rachefeldzug mit den kriminellen Schergen Ihres toten Bosses gegen uns vom Zaun zu brechen. Geld genug hätten Sie dazu.« Ihre Unterlippe zuckte. »Aber wie ich eben gesehen habe, gab Ihnen Harm Byrne einen ganz anderen, überraschenderen Auftrag. Das finde ich sehr bemerkenswert. Und die Personen sind auch sehr bemer- kenswert: drei Judastöchter.«

Also wissen die Nachtkelten über diese Vampirspezies Be- scheid. »Es ist nur eine Vampirin. Die zwei anderen ...«

»Beide tragen den Keim in sich, Mister Wilson! Sie mögen noch Menschen sein, aber nach ihrem Tod könnten sie zu über- aus mächtigen Blutsaugern werden. Sie haben die Anlagen dazu.« Ihr Handy klingelte mit einer unangenehmen, schrägen Melodie, die nur nach modernen Maßstäben Lied genannt wer- den konnte.

Black fischte es aus der seitlichen Beintasche und führte eine leise Unterhaltung, die Wilson nicht verstand; es schien Gälisch zu sein.

Die Unterbrechung kam ihm recht, denn er musste seine Ge- danken weiter ordnen. Was können die Nachtkelten von mir wol- len? Alles schien sich auf Theresia Sarkowitz sowie Emma und Elena Karkow zu zentrieren – doch warum?

Harm Byrne hatte von ihm in seinem Testament verlangt, jegliche Hindernisse für Mutter und Tochter aus dem Weg zu räumen, koste es, was es wolle.

Noch waren die Nachtkelten kein Hindernis, doch je länger die Unterredung von Black mit dem Unbekannten dauerte, desto sicherer wurde Wilson, dass die Nachtkelten die Ersten auf seiner Abschussliste wurden. Das zu deutliche Interesse an der kleinen Patchwork-Familie Karkow-Sarkowitz prädestinierte sie gerade- zu dafür.

Dumm war nur, dass Wilson keine Ahnung hatte, wie viele Nachtkelten es überhaupt gab, sowohl Vampire als auch deren Verbündete. Die Vorzeichen standen in der aktuellen Situation nicht eben günstig für ihn. Worüber sie wohl gerade redet? Und mit wem? Seine Finger legten sich um den Messergriff, mit der anderen Hand nahm er die Tasse auf und trank.

Black hörte schon eine Weile zu, ohne zu sprechen, dann grüßte sie und legte auf. »Entschuldigen Sie, Mister Wilson«, bat sie in ihrem Flüsterton. »Ich weiß, es ist unhöflich, in Gegenwart anderer lange zu telefonieren, aber da es um Ihre Zukunft ging, werden Sie es verzeihen können.«

»Ich kann. Gerade so«, erwiderte er und stellte das Gefäß auf den Unterteller. »Und? Was hat man beschlossen?«

»Dass ich Ihnen ein Geschäft vorschlagen soll, anstatt Sie zu erledigen.« Jetzt legte Black den Schlagbolzen nach hinten um, es knackte beim Arretieren trocken. »Es geht um Theresia Sarko- witz und ihre beiden Nachfahren. Wir haben Interesse an ihnen. Ausgesprochen großes Interesse, und Sie sollen für uns in dem Zusammenhang ein paar Dinge erledigen.«

»Aha.« Damit steht ihr auf der Liste. Wilson schenkte sich Tee ein. Nun musste er seine Ablenkungsidee in die Tat umsetzen. »Dinge. Und womit wollen die Nachtkelten meine Kooperation herbeiführen?«

Black hatte das Lächeln verloren, und ihr Flüstern wurde kalt, als sie raunte: »Da wir es bei Ihren Vermögenswerten mit Geld nicht zu versuchen brauchen, Mister Wilson, was denken Sie, was sonst in Frage kommt?«

»Ich nehme mal an, dass ...« Ich hoffe, es klappt. Wilson schleuderte die Kanne blitzschnell in den nahen Kamin.

Sofort quollen Dampf und Rauch in die Höhe und hüllten Black ein, die zweimal abdrückte.

Er ließ sich zur Seite fallen. Die erste Kugel traf ihn in die Schulter und jagte durch sein Fleisch, die zweite verfehlte ihn.

Der Schmerz brachte ihn dazu, die Zähne zusammenzubeißen, während er das Messer zog und es im Liegen am Tisch vorbei nach Black schleuderte.

Die Frau duckte sich, die Klinge bohrte sich sirrend in die gepolsterte Lehne. »Mister Wilson, ich warne Sie!«

Zeit für meine Waffen. Wilson robbte unter dem Tisch durch, sprang und hechtete aus dem Kaminzimmer in den Flur. Er trat die Tür mit dem Fuß zu und stemmte die Sohle dagegen, damit Black sie nicht öffnen konnte; gleichzeitig streckte er sich und tippte die Nummer ins elektronische Schloss des Tresors, der ne- ben dem Eingang stand.

Es krachte splitternd, als vier daumendicke Löcher in der Tür aufplatzten. Die Schüsse hätten ihn getroffen, wenn er vor dem Eingang gestanden hätte. Es rumpelte, Wilson bekam von der Tür einen Schlag gegen den Fuß. Black warf sich von der ande- ren Seite dagegen, aber er hielt stand.

Mit einem Piepsen wurde die Korrektheit des eingegebenen Codes gemeldet.

Gleich haben wir Chancengleichheit, Black. Hastig riss er die Tür auf und nahm die Pistolen, zwei Walther neun Millimeter, aus dem Fach, lud jede einmal durch und feuerte durch die ge- schlossene Tür. Die Erschütterungen der Rückschläge machten die Schmerzen in seiner Schulter schlimmer, und er stöhnte dumpf.

Von der anderen Seite erklang ein leiser, heiserer Schrei, ge- folgt vom Rumpeln eines fallenden Körpers.

Das Glück und die Tüchtigen! Wilson blieb liegen und trat die perforierte Tür auf, zielte mit den Halbautomatikpistolen knapp über den Boden, um Black den Rest zu geben. Doch er sah sie nirgends – nur den umgestürzten Stuhl. Shit! Sie hat mich ...

Ein Schatten löste sich vom Rahmen über ihm und flog auf ihn zu.

Wilson rollte sich zur Seite, die Stiefel verfehlten ihn knapp und krachten auf die Fliesen. Bevor er etwas unternehmen konn- te, traf ihn ein Tritt, und er verlor eine der beiden Walther. Zwar schaffte er es, die Mündung seiner zweiten Waffe auf Black zu richten und zweimal abzudrücken, aber er schien sie verfehlt zu haben.

Black beförderte die Waffe mit einem gezielten Kick aus sei- nen Fingern, der heiße Schmerz im Handgelenk sagte ihm, dass es mindestens verstaucht war. Dann presste sie ihm das Ende des riesengroßen Schalldämpfers gegen die Stirn. »Mister Wilson, das war nicht schlecht, aber auch nicht clever«, raunte sie. Durch den Kampf war ihr Pullover zu Schaden gekommen, der Kragen hing herab. Wilson sah eine alte Narbe, die waagrecht an ihrem Hals entlanglief. »Jetzt müssen wir gehen, denn ich fürchte, dass einer Ihrer Nachbarn die Bobbys verständigen wird. Wir reden an einem anderen Ort weiter.«

Er war zuallererst froh, dass Black nicht abgedrückt hatte. Die Löcher in ihrer Kleidung bewiesen, dass er sie wohl getroffen hatte. Kevlarweste. Klar. Profi. Langsam nickte er.

»Sie stehen vorsichtig auf. Danach gehen wir zu meinem Auto und fahren ein bisschen durch die Gegend. Wenn wir uns han- delseinig geworden sind und Sie in Ihre Wohnung zurückkom- men, erklären Sie den Polizisten, dass Sie einen Einbrecher ge- stellt und verfolgt haben.« Sie bedeutete ihm mit einer Handbe- wegung aufzustehen.

»Und wenn wir uns nicht einigen können?« Wilson erhob sich und presste die Hand auf seine Schulterwunde, aus der warmes Blut sickerte. Er konnte es riechen. Wäre Black eine Vampirin, hätte er sicherlich große Schwierigkeiten.

»Tja, was denken Sie?« Black verstärkte für zwei Sekunden den Druck des Schalldämpfers gegen seine Stirn...

MEHR IM BUCH!!!