NEUES
BLIND GUARDIAN & ich
Wédōra – Staub und Blut
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Kinder des Judas

 

Leseprobe 2

 

August 1674, Osmanisches Tributland

 

»Was weißt du inzwischen über Upire?« Karol stand neben seiner Tochter in der abendlichen Küche und sah dabei zu, wie sie ein Stück Brot aß und Milch dazu trank.

Das kleine Mädchen, das er vor dem langweiligen und sinnlosen Leben als Magd gerettet hatte, war zu einer Gelehrten herangewachsen, die es bereits mit manchem Professor an einer Universität aufnehmen könnte.

Doch nicht nur ihr Verstand hatte sich geschärft, auch ihr Körper veränderte sich. Scylla wurde zu einer jungen Frau, deren Brüste sich bereits unter ihrem Hemd abzuzeichnen begannen. Ihr Gesicht hatte seine runde Kindlichkeit verloren und war schmaler geworden; sie besaß nun eine unglaubliche Ähnlichkeit mit ihrer Mutter.

»Das, was ich aus den Geschichten über sie kenne«, sagte Scylla. »Upire sind Ausgeburten des Aberglaubens.« Früher hatte sie noch daran geglaubt, dass es die Kreaturen der Nacht wirklich gab, so wie in jener Nacht, als die türkischen Soldaten im dichten Nebel angefallen und getötet worden waren. Inzwischen nahm sie aber an, dass es ein wildes Tier gewesen war, vielleicht ein tollwütiger Wolf, der sie durch eine Fügung des Schicksals vor der Gefangennahme bewahrt hatte.

Karol hob die Augenbrauen. »Hatte ich dir nicht aufgetragen, dass du dich mit ihnen befassen sollst?«

»Und genau das habe ich getan, Vater. Aber ich konnte keine wissenschaftlichen Beweise für ihre Existenz finden. Die meis­ten Gelehrten halten Upire und andere Untote für Hirngespinste abergläubischer Menschen. Diese Überzeugung teilt auch ein osmanischer Verwalter, dessen Bericht an den Sultan ich in ­einem Büchlein gefunden habe. Er berichtet darin von den Schauergeschichten der einfachen Bevölkerung in den Gebieten hier.« Scylla trank den letzten Schluck Milch und wischte sich den weißen Rand um die Lippen weg.

»Das ist keine Antwort, Tochter.«

Scylla sah ihren Vater überrascht an. Worauf wollte er hinaus? »Glaub mir, ich habe mich mit diesen Dingen befasst, wie du es wolltest, Vater. Aber sie sind nicht bedeutsam für eine Wissenschaftlerin. Es ist Aberglaube.« Sie griff nach dem Brot. »Dafür habe ich keine Verwendung.«

»So? Keine Verwendung? Hast du das aus den Schriften gelernt? Dich dem zu verschließen, was du selbst erlebt hast, Tochter?«, sagte Karol mit veränderter Stimme und verlor Güte und Freundlichkeit aus dem Gesicht. Wieder kam das Dunkle an die Oberfläche, das Scylla schon so oft bemerkt hatte.

»Nein«, stammelte sie, verwundert über seine Heftigkeit. »Nein, ich …«

Er schaute ihr in die Augen. »Weil du vor lauter neuem Wissen den Glauben daran verloren hast, bedeutet es nicht, dass Upire deswegen nicht existieren. Komm mit, Tochter. Heute werde ich dich lehren, wer einer der größten Feinde der Menschheit ist. Was man mit eigenen Augen sieht, darf man glauben.« Wortlos wandte er sich um und ging hinaus.

Vor der Mühle wartete die angespannte Kutsche. Der Ausflug war also geplant und keine spontane Idee, wie Scylla zuerst vermutet hatte.

»Komm, kleine Waise«, forderte Karol sie auf, als er sich auf den Kutschbock schwang, und langte nach der Peitsche. »Wir helfen den Dörflern, sich von einem Schädling zu befreien.«

Kaum hatte sie Platz genommen, rollten sie los.

»Upire«, erklärte er, nachdem sie den Wald verlassen hatten, »sind überall. Und es gibt sie in allen möglichen Arten und Formen. Auf den unerfahrenen Beobachter mögen manche von ihnen harmlos wirken wie ein Tier oder ein Leuchten im Nebel. Aber glaub mir, es gibt viele, die sehr gefährlich sind.«

»Weil sie den Menschen das Blut aussaugen?«

»Auch das. Manche sind so flüchtig wie Schatten und vermögen es doch, Feuer zu speien. Das sind die gefährlichsten von allen. Wir … die Menschen nennen sie Umbrae.«

Scylla hörte gebannt zu und wunderte sich, dass sie von diesen Upiren noch nie etwas gehört hatte. Andererseits wusste sie bereits aus den Aufzeichnungen, dass beinahe jedes Dorf unter einer anderen Art von Untoten zu leiden glaubte. Sie hatte dies auf die Vorstellungskraft der Geschichtenerzähler geschoben – aber vielleicht hatten all diese Berichte doch einen wahren Kern?

»Es gibt also … lebendige Schatten?«

»Zu Lebzeiten sind sie schlechte Menschen, die nach ihrem Tod vom Teufel zum Umbra gemacht werden. Sie wirken wie Schatten, Tochter, doch sie sind aus Fleisch und Blut wie du und ich. Deswegen können Wissenschaftler wie wir sie auch erforschen, ganz egal, ob sie Upire genannt werden, Vampire oder wie auch immer.«

Scylla verstand dies als Herausforderung, ihren Wissenshunger unter Beweis zu stellen. »Dann stimmt es tatsächlich, dass jedes Dorf unter einer anderen Art von Upir leidet?«

Karol nickte. »Sie eint der Durst nach Blut und die Furcht vor der Sonne, aber das Verhalten und ihre Fähigkeiten unterscheiden sie voneinander. Es gibt die Murony, die sich wie Hexen in Zirkeln zusammenschließen. Die Nex streuen Krankheiten wie die Pest oder die Cholera unter die Menschen, ich halte sie fast für die schlimmsten Blutsauger. Glücklicherweise sind sie selten geworden, weil man ihre Gefährlichkeit erkannt und sie verstärkt gejagt hat. Das sieht man daran, dass es kaum mehr Pestepidemien gibt. Die Tenjac bringen gute und schlechte Träume, während die Viesczy Flüche aussprechen und das Wetter beherrschen, wenn sie wollen.«

»Wieso steht das so nicht in den Büchern, die du mir gegeben hast?« Scylla verspürte ein Kribbeln im Nacken.

»Nicht in den Büchern der westlichen Gelehrten, weil sie sie nicht kennen. Wärst du gründlicher gewesen, hättest du auch die anderen Aufzeichnungen genau studiert. Die meisten Upire haben sich schon immer bevorzugt im Osten aufgehalten.« Karol sah das Dorf Ljana in einiger Entfernung auftauchen und zügelte die Pferde. »Wir lassen die Kutsche hier stehen. Sie würde im Dorf zu viel Aufmerksamkeit erregen.«

Scylla fiel etwas ein. »Giure erzählte etwas von Upiren, die ihre Opfer mit einem Biss töten und dann markieren. Mit drei X. Was hat es mit denen auf sich?«

»Giure«, schnaubte Karol. »Was, glaubst du, weiß ein ein­facher Hirte über die großen Rätsel der Wissenschaft?« Er nahm eine Blendlaterne sowie einen Spaten, dessen Seiten scharf ­geschliffen waren, vom Dach und hängte sich einen prallgefüllten Rucksack auf den Rücken. »Bist du bereit, Scylla?« Er reichte ihr eine zweite Laterne und ein Beil. Noch verzichteten sie auf Licht, die Sterne schienen hell genug.

»Bereit für was?« Sie nahm die Gegenstände in Empfang.

»Einen Upir auszugraben, der die Menschen seit ein paar Tagen übel drangsaliert. Er frisst ihnen die Scheunen leer, tötet das Vieh und schreckt auch nicht davor zurück, Menschen anzugreifen.« Sein Gesicht nahm einen harten Zug an. »Ich zeige dir, wie man ihn ausfindig macht. Wir töten ihn und untersuchen seine Überreste.«

Scylla schluckte. »Mit was müssen wir rechnen, wenn wir das Grab freilegen? Zu welcher Sorte gehört er?«

»Was wir heute suchen, ist ein ganz normaler Upir. Wäre eine der mächtigeren Arten im Spiel, hätte ich dich nicht mitgenommen. Noch nicht.« Karol sprang auf die Erde. Er öffnete den Verschlag, nahm einen Holzkoffer heraus und ging los. »Aber zuerst schauen wir uns noch etwas anderes an.«

Sie liefen los und näherten sich dem Dorfrand.

»Bleib im Schatten und folge mir«, ordnete er an und eilte gebückt los. Er wollte unter keinen Umständen gesehen werden.

Scylla verstand, warum er diese Geheimhaltung betrieb: Man kannte ihn als merkwürdigen Gelehrten, der schon mehr als einen der Männer, Frauen und Kinder von einer Krankheit kuriert und dafür zaghaftes Lob geerntet hatte. Gleichzeitig sahen sie ihn als Sonderling an, der durch die Wälder pirschte und Dinge tat, die sie nicht nachvollziehen konnten. Nicht mit ihrem begrenzten, ungeschulten Verstand. Was die Menschen nicht verstanden, konnten sie rasch falsch verstehen.

Sie näherten sich der Dorfmitte, wo der Brunnen stand. Er war mit einer großen hölzernen Klappe abgedeckt und mit ­einem Schloss gesichert.

»Die Bewohner fürchten sich davor, dass ein Upir das Wasser vergiftet«, erklärte Karol leise und gab seiner Tochter ein Zeichen, zu verharren, wo sie sich befand. »Sobald du jemanden siehst, pfeifst du leise und warnst mich.« Er legte die Aus­rüstung bis auf das Holzköfferchen ab und lief zum Brunnen.

Scylla beobachtete, wie er das Schloss mit einem länglichen Werkzeug öffnete, die Abdeckung etwas anhob und eine Phiole an einem Schnürchen hinabließ. Nach einiger Zeit zog er sie wieder herauf und schüttete das Wasser in drei kleine Röhrchen, die in Halterungen im Koffer standen. Danach suchte er ein schmales Behältnis mit einer dunklen Flüssigkeit und schüttete sie in den Schacht.

»Es ist ein Mittel gegen die Krankheiten im Dorf«, erklärte er ihr, als er sich wenig später wieder neben ihr in den Schatten verbarg. »So werden alle davon trinken. Ich brauche dabei keine Zuschauer, zumal man das, was ich gerade getan habe, durchaus missverstehen kann. Niemand würde mir glauben, wenn ich sage, dass ich das Wasser des Dorfes mit meinen Essenzen verbessere und nicht vergifte«, wisperte er und deutete nach links. »Komm. Wir haben noch etwas vor.« Er sammelte die Ausrüstung ein und ging voran.

Sie steuerten auf die Friedhofsmauer zu.

»Wird er sich nicht verwandeln und flüchten, wenn er merkt, was wir vorhaben?« Scylla schulterte das Beil und achtete darauf, dass die Lampe nicht zu sehr quietschte. Niemals wäre sie auf den Gedanken gekommen, dass das Geschriebene über die Upire stimmte. Von den Namen wie Nex, Murony und den ­übrigen hatte sie nicht einmal gewusst.

»Ich habe nicht umsonst einen Samstag für deine erste Begegnung mit einem Upir ausgesucht. Der Samstag ist der Mutter Gottes gewidmet. Nicht wenige Upire müssen daher im Grab liegen bleiben, als würde die Sonne auf sie scheinen. Es wird heute einfacher sein, ihn zu stellen.« Karol hatte die drei Schritt hohe Umfassung des Friedhofs erreicht und zog sich mühelos mit seinem ganzen Gepäck daran hinauf. »Die selbsternannten Upirjäger sind bereits gegangen und haben ihre Suche aufgegeben, wie es scheint«, sagte er leise und hielt seiner Tochter helfend die Hand entgegen. Aber sie bewältigte das Klettern aus eigener Kraft und hockte nicht lange danach neben ihm. »Gut gemacht.«

Er saß aufrecht auf der Mauer und betrachtete den Gottes­acker wie ein Feldherr das Schlachtfeld. Kreuze und Grabsteine reihten sich aneinander, es waren schlichte Ruhestätten, denen man ansah, dass die Angehörigen der Toten nicht viel Geld besaßen. »Kannst du mir sagen, woran man die Behausung unseres Upirs erkennt?«

Mit schnellen Blicken erfasste Scylla, dass auch die Dorf­bewohner auf den Gedanken gekommen waren, nach dem Wesen zu suchen. »Sie haben Asche um drei für sie verdächtige Gräber gestreut … wahrscheinlich um die Fußspuren des Upirs sichtbar zu machen und zu erkennen, wo seine Ruhestätte ist«, sprach sie mit gesenkter Stimme. »Aber ich sehe weder aufgewühlte Erde noch«, sie konzentrierte sich auf das, was sie in den Büchern bisher für Aberglauben gehalten hatte, »einen Lichtschein über einem Grab, was wir als Zeichen nehmen könnten.« Scylla sog die noch warme Abendluft ein. »Es riecht … nach Essig.«

»Weiter.« Karol deutete nach vorne. »Was könnte der Essig bedeuten, Tochter?«

Sie dachte angestrengt nach und schaute sich dabei wieder um. »Da drüben ist ein offenes Grab, hinter dem Rosenbusch!«, machte sie ihren Vater aufmerksam. »Haben sie die Behausung des Upirs mit kochendem Essigwasser geflutet, damit er in dem Sud vergeht?«

»Gut aufgepasst.« Karol sprang hinunter, nahm den Rucksack ab und zog die Lederschürzen hervor. »Sie haben vermutlich das falsche Grab erwischt. Einmal abgesehen davon, dass der Essig nichts bringt.« Er kniff ein Auge zusammen und lachte leise. »Gut, sie stinken dann weniger nach Tod und Verfall, aber mehr tut diese Brühe ihnen nicht.« Er hatte sich den Schutz umgelegt und knotete ihn fest; Scylla stand mittlerweile neben ihm und bereitete sich ebenfalls vor.

»Wenn das, was ich in den Büchern gefunden habe, wahr ist, gibt es nur zwei Möglichkeiten, um einen Upir zu vernichten: enthaupten und verbrennen.«

»Ganz genau, Tochter.« Karol lief geduckt zu den von Asche umgebenen Gräbern und betrachtete sie aus der Nähe. »Nein, da liegt er nicht drin«, stellte er fest. »Siehst du die Sterbedaten auf den Holzkreuzen?«

Sie nickte.

»Die sind schon zu lange tot, um als wandelnde Tote zurückzukehren.« Sein rechter Arm hob sich und deutete auf die Grube hinter dem Rosenbusch. »Dann liegt er vielleicht doch darin. Sie haben das richtige Grab gefunden, aber schlampig gearbeitet.«

Der Geruch nach Essig intensivierte sich, je näher sie dem offenen Grab kamen.

Karol und Scylla blickten auf einen Sarg, der mehr an eine einfache Kiste erinnerte und einmal mit Ketten gesichert gewesen war, aber etwas hatte die eisernen Halterungen verbogen und abgerissen; dadurch waren die Fesseln wertlos geworden und lagen wie zur Zierde auf dem notdürftig geflickten Holz.

»Sie glauben, er sei vernichtet. Sie haben nicht einmal ein Kreuz zur Abschreckung aufgestellt. Törichte Bauern«, murmelte Karel vorwurfsvoll und warf ein Seil aus dem Rucksack auf die Erde. Ein Ende band er um einen massiven Grabsteinsockel, dann rutschte er in das Loch und landete auf dem Sargdeckel; es rumpelte dumpf und hohl.

Scylla zuckte zusammen. Präparate machten ihr schon lange nichts mehr aus, Tote waren zu einem normalen Anblick geworden – aber sich mit einem untoten Wesen anzulegen, dem die Sagen und wahren Geschichten immense Kräfte bescheinigten, war etwas anderes. Es war beruhigender gewesen, nicht an sie zu glauben.

»Komm mit dem Beil runter zu mir, Tochter.« Karol sah ihr Zaudern. »Denk daran: Eine Forscherin kennt keine Furcht«, mahnte er.

Langsam trat sie an den Rand der Grube und suchte nach einer Stelle, wo sie sich nach unten gleiten lassen konnte. Plötzlich gab die Erde unter ihrem rechten Fuß nach, sie rutschte in die Grube, schlug hart auf –

– und durchbrach mit einem Fuß das Holz!

Entsetzt riss Scylla das Bein hoch, verlor so das Gleichgewicht und stürzte der Länge nach auf den Sarg.

Der Aufprall genügte, um das malträtierte Holz an mehreren Stellen brechen zu lassen.

Scylla erkannte durch einen breiten Riss den Teil eines blutverschmierten Frauengesichts; ein weit aufgerissenes Auge stierte sie wie von Sinnen an, die Äderchen waren allesamt geplatzt, es gab nichts Weißes mehr darin. Gleich danach vernahm sie ein wütendes, angriffslustiges Schreien. Der Deckel erbebte unter einer Reihe von heftigen Schlägen.

Das Frauenantlitz warf sich nach vorne, krachend traf der Kopf gegen das Holz, und ein Splitter bohrte sich neben der Nase tief in die Haut. Der Schmerz schien der lebenden Toten nichts auszumachen.

Keuchend sprang Scylla in die Höhe, so gut es die Enge der Grube zuließ, und hielt das Beil schlagbereit.

Eine Hand packte ihre Schulter und zog sie nach hinten.

»Komm da weg«, fuhr Karol sie an und wollte sich zum Schutz vor sie schieben, aber seine Tochter wehrte sich gegen seinen Griff. Er wollte sie anschreien, als das obere Drittel des Sargs zerbarst und die kleinen und großen Splitter wie Geschosse durch die Luft zischten. Scylla und ihr Vater wurden getroffen.

In diesem Durcheinander wand sich durch das Loch eine junge Frau heraus, die ein blutiges, ehemals weißes Totenhemd trug. Das Essigwasser hatte es durchnässt und durchsichtig gemacht, die Brüste waren deutlich zu sehen und die Schambehaarung als dunkler Schatten zu erkennen. Ihr Mund stand weit offen – und die Zähne darin waren kräftig und spitz wie bei einem Raubtier. Ohne zu zögern, warf sie sich gegen das Mädchen.

Scylla schlug mit dem Beil nach ihr und trennte zwei Finger der rechten Hand ab, Blut spritzte aus den Stummeln auf ihre Brust. Sie bekam einen Schlag an den Kopf, der sie nach hinten gegen die Grubenwand schleuderte, benommen rutschte sie daran herab.

Karol war seiner Tochter rechtzeitig ausgewichen und packte nun die Upirina mit einer Hand an der Kehle. Mit ungeheurer Kraft hob er sie hoch und schmetterte sie dann rücklings in den vorderen Teil des Sargs; krachend barst nun auch die Unterseite der Kiste auseinander. Die Untote kreischte und schlug die Fingernägel in seine Unterschenkel, aber das dicke Stiefelleder hielt.

Karol stellte blitzschnell den rechten Fuß auf den Hals der tobenden Kreatur und trat ihr Kinn nach hinten, bis es vernehmbar im Nacken knackte. Die Bewegungen der Upirina erlahmten.

»Das Beil«, rief er Scylla keuchend zu. Sie schüttelte ihre Benommenheit ab und reichte ihm die Waffe. Karol zog das Bein weg, hob die Klinge zum Schlag.

Der Oberkörper der Upirina schoss nach vorne. Karol rutschte nach hinten. Sie schrie wie eine Furie und hielt den Arm mit dem Beil fest. »Ich werde dich töten, Baron!«, kreischte sie heiser und schlug mit der freien Hand nach seinem Kopf.

Obwohl er nach hinten fiel, blieb Karol vollkommen ruhig. Die Linke zog den Dolch aus der Rückenhalterung am Gürtel, die Schneide blitzte auf und beschrieb surrend einen Halbkreis, der durch den Hals der Upirina führte.

Scylla sah, wie die Kehle aufklaffte und noch mehr Blut heraussprühte. Ihr Vater versetzte dem Kinn einen letzten Tritt, es knirschte, und der Kopf schlug nach hinten. Nur noch dünne Sehnen und das Rückgrat verbanden ihn mit dem Körper.

Karol schlug mit dem Messer in die breite Wunde, die Klinge drang in die Knochenwirbel. Der Schädel löste sich vom Hals und fiel herab, jegliche Spannung wich aus dem nun endgültig toten Leib.

Der Leichnam prallte gegen Karol, der unbeteiligt dem dunkelroten Blutstrom zusah, wie er sich aus dem Halsstumpf ergoss und über seine Schürze strömte. Dann stieß er den Körper von sich und kam wieder auf die Füße. »Verdammte Kreatur«, sagte er und schaute über die Schulter nach seiner Tochter. »Bist du verletzt?«

»Nein«, erwiderte sie leise. Dafür dröhnte ihr Kopf, sie sah noch immer alles leicht verschwommen. »Sie hat mich nur geschlagen.«

»Gut«, sagte er erleichtert, zog den Leichnam in die Höhe und beförderte ihn mit Schwung auf den Rand des Grabes. »Nimm die Finger und ihren Kopf. Wir müssen uns beeilen und von hier verschwinden. Es kann sein, dass jemand aus dem Dorf den Lärm gehört hat.«

Seine Tochter suchte den Schädel, packte in die feuchten, nach Essig stinkenden blonden Haare der Toten und stopfte alles in den Rucksack zu den Fingern. Dann kletterte sie am Seil hinauf, gleich darauf stand sie neben ihm. Sie sah auf den Leichnam, den er sich über die Schulter geworfen hatte; den Rucksack trug er mit einem Riemen vorm Bauch.

Scylla hatte den unwiderlegbaren Beweis erhalten, dass die Geschichten über Upire stimmten. Mit eigenen Augen! Das Böse, der Teufel nahm Gestalt an und schuf Dämonen, die er gegen die Menschen hetzte. Doch sie empfand weder Angst noch Abscheu, sie dachte wie eine Forscherin, eine Wissenschaftlerin. »Würden uns die Dorfbewohner nicht als Befreier feiern?«, fragte sie gedämpft und sammelte die mitgebrachten Gerätschaften ein.

»Es muss keiner wissen, dass wir es waren. Sonst holen sie uns jedes Mal, wenn es einen Upir gibt, der sie heimsucht. Sollen sie die Arbeit selbst verrichten oder Spezialisten dafür bezahlen«, flüsterte er und lief zurück an die Stelle, wo sie über die Mauer geklettert waren.

Scylla bewunderte ihren Vater. Er stieg über das Hindernis, als würde er eine Treppe hochgehen.

Als er auf der Krone saß, schaute Karol zu den Behausungen in ihrer Nähe, ob sich jemand in der Tür zeigte. Obwohl das nicht der Fall war, beeilten sie sich und liefen zur Kutsche.

Karol öffnete den Verschlag der Kutsche und legte die getötete Upirina auf die ausgebreitete Plane am Boden des Gefährts, Scylla warf den Rucksack mit Kopf und Fingern daneben; anschließend brausten sie zurück zur Mühle.

Scylla sah nach hinten, ob sich Menschen zeigten, doch ihre Abfahrt war unbemerkt geblieben. Als sie sich wieder nach vorne drehte, fiel ihr etwas ein. »Wieso hat sie dich Baron genannt, Vater?«

»Das hat sie nicht.«

Sie vernahm den drohenden Unterton in seiner Stimme. »Aber ich hörte es …«

Karol schwang die Peitsche und ließ sie laut knallen. »Du hast einen harten Schlag gegen den Kopf bekommen, vergiss das nicht. Sie beschimpfte mich als Bastard. Du hast etwas verwechselt.«

Scylla fragte nicht weiter nach, weil sie verstanden hatte, dass sie das nicht tun sollte. Doch ihre Gedanken konnte Karol nicht unterbinden. Baron, rätselte sie. Warum Baron?

 

Sie erreichten die Mühle und brachten das Wesen in das erste Geschoss des Laboratoriums. Karol legte den Körper auf einen Steintisch, Scylla den Kopf auf den benachbarten. Die Schürzen von Vater und Tochter waren von oben bis unten beschmutzt mit dem zähen Blut.

Karol bedeutete ihr, ihm gegenüber auf die andere Seite des Tisches zu treten, wo die verschiedenen Messer, Sägen, Stemmeisen und weitere Gerätschaften zur Sezierung warteten. »Du bist ein sehr tapferes Mädchen, Scylla«, sprach er feierlich und sah sie aus seinen warmen braunen Augen liebevoll an. So kannte und liebte sie ihn. »Das war deine bislang schwerste Prüfung, die du mit Bravour bestanden hast. Selbst ausgewachsene Männer wären in einer solchen Situation in Ohnmacht gefallen. Du dagegen hast kühlen Verstand bewahrt. Ich bin sehr, sehr stolz auf dich.«

Sie nickte und errötete ein wenig. Das Lob ließ sie bis an die Decke wachsen.

Karol sah, dass ihr seine Worte guttaten. »Dann wollen wir sehen, was die Upirina von einer normalen Toten unterscheidet und ob wir etwas Besonderes an ihr erkennen können.« Er zerschnitt das Totenhemd und zog es unter ihr hervor. »Zeig mir, was du gelernt hast.«

»Sehr gerne, Vater.« Scylla schob ihre Trittleiter nahe an den Steintisch, damit sie besser arbeiten konnte, wählte die schärfs­ten Klingen und wollte mit dem Sezieren beginnen.

Karol hielt sie mit einem tadelnden Zungenschnalzen zurück. »Sieh zuerst am Oberkörper nach, ob wir Bissspuren finden. Womöglich ist sie von einem anderen Upir angefallen worden.«

Scylla entdeckte zwei Löcher in der Haut. »Hier, Vater. Unterhalb der Brustwarzen.«

»Dann ist es klar, wie sie infiziert wurde. Kein Fluch oder Ähnliches, sondern eine Heimsuchung. Wie so oft.« Karol schüttelte den Kopf. »Eine Schande.«

Sorgsam präparierte Scylla die oberste Hautschicht des ­Brustkorbs ab, trennte unter den wachsamen Augen des Vaters die Epidermis von dem darunterliegenden Fettgewebe. Bei diesem scharfen Messer brauchte man nicht viel Kraft, und so wurde die Tätigkeit auch für ein Mädchen zu einer lösbaren Aufgabe. Aber irgendwann, als sie am deutlich vorgewölbten Unterbauch angelangt war, wurden ihr die Arme und Schultern schwer.

»Sehr gute Arbeit.« Karol gab das erlösende Signal, dass ­sie aufhören konnte. Er stellte einen Eimer unter den Ausguss des Steintisches, in dessen Blutrinne sich erhebliche Mengen roter Flüssigkeit gesammelt hatten. Nachdem er den Korken entfernt hatte, lief sie wie Sirup in das Gefäß. »Siehst du das?«

»Es ist zäher als normales Blut«, antwortete Scylla sofort. Dann richtete sie sich auf, ließ die schmerzenden Arme am Körper herabhängen und ging zur Waschschüssel, um sich die Hände zu reinigen.

»Was bedeutet: Es ist ihr eigenes. Das Blut der meisten Upire verwandelt sich in ihren Adern. Es ist konzentrierter als menschliches Blut und gerinnt nicht.« Karol fuhr mit den Fingern über das rot glitzernde Muskelfleisch der Frau. »Schauen wir nach, wie oft sie sich in letzter Zeit an Unschuldigen gelabt hat.« Routiniert öffnete er die Bauchdecke und legte die Innereien frei. »Prall gefüllt wie ein Weinschlauch, Tochter«, rief er ihr zu. »Komm und sieh dir das an!«

Scylla kehrte an den Tisch zurück und schüttelte die nassen, sauberen Finger. Sie fand das alles, trotz ihrer zunehmenden Müdigkeit, unglaublich spannend.

Magen und Darm der Toten waren angeschwollen, und als Karol leicht darauf drückte, wogten sie wie weiche Schläuche. Der Gestank, der von der getöteten Upirina ausging, erinnerte an stark verwestes Fleisch, das in der Sonne lag und faulte. »Das sind mindestens zwei Eimer«, schätzte er. »Sie muss dem Dorf unglaublichen Schaden zugefügt haben.« Er tauschte den Eimer unter dem Ausguss gegen einen größeren aus. Reines Upirblut und alles das, was gleich austreten würde, wollte er getrennt halten.

Er zog die Innereien aus der Leiche, schnitt Lunge und Herz ab und plazierte sie separat daneben. »Dachte ich es mir doch«, sagte er, als er den Unterbauch genauer inspizierte. »Die Arme hat ein Kind empfangen und trug es in sich, als sie von dem Upir getötet wurde.« Es dauerte nicht lange, und er hatte den winzigen Fötus freigeschält.

Scylla betrachtete das kleine Ding neugierig und ohne Abscheu – doch dann lief ihr ein eisiger Schauder über den Rücken, über Arme und Beine. Sie vermochte es sich selbst nicht zu erklären, und schon gar nicht nach dem, was sie in den letzten Stunden erlebt hatte. Weswegen brachte sie der Anblick des Fötus zum Beben?

»Hätte sie es zur Welt gebracht, Vater?«

»Das weiß ich nicht«, entgegnete er. »Es gibt immer wieder Fälle, bei denen Frauen von einem Upir schwanger werden, aber ob dieses Kind geboren worden wäre, kann ich dir nicht beantworten.« Er wusch den Fötus mit klarem Wasser ab. »Er sieht jedenfalls nicht abgestorben aus. Wer weiß, was daraus erwachsen wäre. Noch ein Mysterium, mit dem sich die lebenden Toten umgeben.« Karol sah, dass seine Tochter trotz aller Aufregung nun verzweifelt versuchte, das Gähnen zu unterdrücken. »Ah, verlangt die Nacht doch ihr Recht? Leg dich hin. Bete für die Seele deiner Mutter und dieser armen Frau. Morgen machen wir weiter, wenn du möchtest.«

»Sehr gerne.« Scylla nickte dankbar und bedauerte es zugleich, das Laboratorium zu verlassen. Sie stieg von ihrer Leiter, umrundete den Tisch und bekam einen Kuss auf die Stirn. »Gute Nacht, Vater.«

»Träum etwas Schönes.« Er lächelte und schaute ihr nach, bis sie den Raum verlassen hatte. »Ein unglaubliches Kind«, sagte er versonnen, dann richteten sich seine Augen wieder auf den Fötus.

Es gab bei der nächsten Versammlung einiges zu besprechen.