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2 Leseproben EXKARNATION in Link und als Buchstabenreihung

Ein guter Tag - zumindest für die Leserschaft, die auf Leseproben wartet!

 

Zunächst der Link auf die Droemer-Knaur Verlagsseite, wo sich die ersten 50(!) Seiten finden.

 

 

 

Und von mir gibt es in kompletten Buchstaben noch einen Blick auf den ersten Auftritt eines "Bösewichts". 

Zur Warnung muss ich darauf verweisen, dass er ... ach nee. Doch nicht.

Eventuelle Format- und sonstige Kuriositäten gehen auf das Konto von copy/ paste aus der Druckfahne.

Viel Spaß!

...

 

Vereinigtes Königreich, England, London

»Gefällt Ihnen das Büro, Lord Mayor Stern?«, fragte die neue Sekretärin Uma neugierig, nachdem sie die Türen zu ihrem Arbeitsdomizil mit einer sehr theatralischen Geste aufgestoßen hatte. »Die Maler sind gestern fertig geworden.«

Artemis Stern, 32 Jahre alt und in einen dunkelgrauen Hosenanzug gekleidet, betrat den hohen Raum mit gemessenem Schritt. Ihr Amtssitz im extrem beeindruckenden, dreistöckigen Mansion House hatte eine Generalüberholung erhalten, ganz nach ihren Vorgaben.

Nun fühlte sie sich wohl, nun konnte das Spiel beginnen. Mein Spiel.

Das Weiß umgab sie strahlend von allen Seiten, die antiken, dunklen Möbel hatte sie gegen modernes Interieur austauschen lassen und sich über viele Traditionen hinweggesetzt. Einmal mehr. Nur eine »Charmeteufelin«, wie Lord Timothy sie genannt hatte, durfte sich das erlauben.

»Es sieht wundervoll aus«, antwortete Stern. Die Bilder aus vergangenen Zeiten mit ernst dreinblickenden Würdenträgern, romantischen Landschaftsdarstellungen oder Stillleben wurden durch das Weiß zur Geltung gebracht, der Stuck an der Decke und das Blattgold leuchteten von oben herab.

Uma, die ebenso eine Karriere als schwarzhaariges Model für Übergrößen hätte machen können, lächelte in ihrem hellen Kostüm glücklich. »Tee, Lord Mayor?«

»Zu gerne.« Stern begab sich in die Sitzecke mit den dunkelroten Chesterfield–Sesseln neben dem offenen Kamin, in dem ein kleines Feuer loderte. Sie öffnete die Jacke, womit die ausgeschnittene weiße Rüschenbluse zur Geltung kam. »Kommt gegen zehndreißig nicht der Redakteur von der BBC?«

»Exakt, Lord Mayor.«

»Fein, fein. Dann ist der Tee die rechte Vorbereitung.« Stern schenkte ihr einen langen Blick, und ihre Untergebene errötete. »Gehen Sie nur, Uma.«

Die Sekretärin stöckelte auf ihren hohen Absätzen hinaus.

Stern lachte leise vor sich hin, schüttelte ihre lange blonde Mähne auf und betrachtete dabei ihr Büro.

Ihre Karriere war legendär: Sheriff–Amt, Ratsherrentitel der City und nun Lord Mayor, Bürgermeisterin der Stadt London.

Seitdem durfte sie in diesem herrschaftlichen Gebäude aus dem 18. Jahrhundert mit seiner kunstvollen Fassade und den gigantischen korinthischen Säulen residieren. Die übliche Parade anlässlich ihrer Einsetzung ins Amt hatte die Massen angezogen.

Niemand hatte mit ihr gerechnet, der jungen Frau, und ihrem rasanten Aufstieg.

Stern ging ein Lied summend ans Fenster und sah auf die viel befahrenen Straßen hinab, wo sich der Verkehr ballte, der aus verschiedenen Richtungen herbeiströmte.

Ihr Geheimnis lag auf der Hand: Ausstrahlung von unfassbarem, selten dagewesenem Ausmaß. Sie nahm jeden für sich ein, ob Mann oder Frau.

Was sie mit ihrem Becircen anfing, entschied sie spon- tan. In ihrem Bett war schon mehr als eine Frau gelandet, die vorher niemals geglaubt hätte, Lust beim Anfassen eines weiblichen Körpers zu empfinden. Selbst schwule Männer widerstanden ihr nicht, was vor allem die Schwulen selbst wunderte.

Aber es ging nicht nur um Sex.

Es ging um Macht und deren Ausbau. Um Unterwerfung, ohne dass es die Gegenseite spürte.

Charmeteufelin. Das passte.

Stern begab sich an den Schreibtisch, aktivierte den Computer und las die Memos, die Uma säuberlich geordnet vorgelegt hatte.

Ihre Aufgabe war eher zeremonieller und weniger politischer Natur, von Würdenträgerempfängen bis Werbereisen im Namen Englands, und nicht zu vergessen die Bankette mit stapelweise Ministern an den Tischen.

Was anderen lästig war, bedeutete für Stern die beste Vorbereitung für das Spiel, das sie in Großbritannien ganz nach oben bringen sollte. Sie weitete ihre Verbindungen aus, knüpfte Netzwerke, angefangen von den Wirtschaftsverbänden der Stadt bis hin zu den Würdenträgern der Oberschicht. Denn: Sie war zugleich auch oberste Magistratin der City of London, Kanzlerin der City University, Oberbefehlshaberin der Kadetten und Reservetruppen der City, Admiralin des Londoner Hafens und bald Treuhänderin der Saint Paul’s Cathedral.

Spinnenartig wob sie ihr Netz, pilzartig wucherte sie unbemerkt in jede Nische der Stadt, wasserartig sickerte und drang sie unaufhaltsam in die Zentralen der Macht ein.

»The Right Honourable the Lord Mayor of London«, las sie ihren vollständigen Titel halblaut vor und grins- te. In der Innenstadt war Stern der höchste Würdenträ- ger, lediglich die Queen stand über ihr. Und das ist erst der Anfang.

Ihr Plan sah vor, mindestens fünf Amtszeiten zu durchlaufen, was in der Historie bislang einzigartig sein würde. Nebenbei käme sie mehrmals in Kontakt mit der königlichen Familie, und einen der attraktiveren Männer aus dem Hohen Haus würde sie rasch dazu bringen, sich in sie zu verlieben.

Was ich daraus mache, sehe ich dann. Stern grinste und fuhr sich durch das lange, blonde Haar. Royal Highness ist kein schlechter Titel und eine hübsche Steigerung zu mei­nem aktuellen Rang.

Es klopfte.

»Nur herein mit meinem Tee«, rief sie und erhob sich, um wieder in die Kaminecke zu wandern. Es wurde Zeit, Holz nachzulegen.

Der rechte Flügel der Tür schwang auf.

Herein kamen die frauliche Uma und der Tee auf einem Tablett, in Begleitung eines groß gewachsenen Mannes um die vierzig, der einen dunklen Anzug trug. Andeutungsweise erkannte Stern ein feines, rotes Karomuster in dem Stoff, das an Blutlinien erinnerte. Über seine Schulter hatte er den Riemen einer Umhängetasche gelegt.

Stern warf zwei Scheite ins Feuer. »Ah, mein Besuch.«

Der Mann mit dem glatten, schwarzen Haar verharrte artig auf der Schwelle und wartete darauf, dass man ihn hereinbat; seine Augenbrauen liefen auffällig spitz zu.

Wie ein Vampir, dachte sie belustigt und richtete sich auf, während sich die Flammen gierig auf das neue Holz stürzten.

»Lord Mayor, das ist Mister Zima von der BBC.« Uma balancierte das Tablett in die Sitzgruppe, um es auf dem dunkel gebeizten Tischchen abzustellen. Neben der Kanne, zwei Tassen, Milch und Zucker hatte sie auch Shortbread auf einem Tellerchen angerichtet. »Wenn Sie erst noch in Ruhe Tee trinken möchten, lotse ich ihn wieder mit raus«, raunte sie.

Stern zwinkerte ihr zu. »Ich nehme seine Anwesenheit in Kauf«, gab sie leise zurück. »Mister Zima«, sprach sie laut und freundlich. »Treten Sie näher und genießen Sie einen herrlichen Assam von der Plantage Boisahabi mit mir.«

Er deutete eine Verbeugung an. »Sehr aufmerksam, Lord Mayor. Verzeihen Sie, dass ich früher eintreffe, aber der Termin vorher erledigte sich rascher denn gedacht.« Zima besaß eine unglaublich tiefe Stimme, die Schwingungen verteilten sich spürbar im Raum. Er näherte sich dem Kamin und lächelte; dabei kamen goldene Zahnkronen zum Vorschein. Kurz glaubte Stern, ein Hinken in seinem Gang zu bemerken.

»Das kennen wir doch alle.« Sie bot ihm den Platz neben dem Kamin an und achtete darauf, dass die ausgeschnittene Bluse kleine Einblicke auf ihre rote Unterwäsche erlaubte.

Zima setzte sich, öffnete die Tasche und nahm ein schwarzes Büchlein sowie einen Stift hervor, der aus einem blauschimmerndem Material gemacht war. Es glomm warm im Schein des Feuers, als möge es die Hitze. »Danke für Ihr Verständnis und Ihre Zeit, Lord Mayor.«

Uma schenkte rasch Tee ein und zog sich zurück. Satt klackend fiel die Tür zum Vorzimmer ins Schloss.

Der Verkehrslärm drang kaum durch die dicken Mauern und isolierten Fenster, sie waren alleine mit den Geräuschen des Raumes: Holzknacken, Uhrenticken, das Summen des Computerlüfters.

Auch wenn Zima sympathische, klassische Züge trug, ging von ihm unbestimmbare Gefährlichkeit aus.

Stern suchte seinen Blick und erschrak ein wenig. Sie sah ein grünes Auge, auf das andere fiel der Schatten so, dass es leer und unendlich tief erschien. »Ich bitte Sie«, entgegnete sie reichlich spät und fand, dass sich ihre Stimme belegt anhörte. »Wie kann ich der BBC helfen? Und sagen Sie Artemis zu mir.«

Zima machte sich erste Notizen auf der aufgeschlagenen leeren Seite. »Es geht um einen Beitrag, den wir über Sie drehen werden. Ihre Karriere ist bemerkenswert, aber wem sage ich das.«

»Ich bin zufrieden, wenn Sie das hören wollten.« Stern gab Milch und Zucker in ihr Getränk, hob die Tasse mit Unterteller, nahm einen Schluck. Dabei setzte sie ihren Charme frei, eine ganz wundervolle Gabe, wie sie fand. »Ein Beitrag?« BBC bedeutete mehr Aufmerksamkeit – falls es die richtige Aufmerksamkeit war. »Ich vermute, er wird kritisch, nicht wahr?«

Zima lächelte kalt und spielte mit dem Stift, der sein Leuchten verstärkt hatte und die Flammen zu imitieren schien. »Sie kennen das Gerede über Ihren Aufstieg. Mutmaßen manche Medien, Sie haben einflussreiche Gönner im Hintergrund, glauben andere zu wissen, Sie besäßen viel Wissen über wichtige Menschen, die Ihnen die Steigbügel hielten.« Er nahm ein Shortbread und betrachtete es, als wäre es ein hilfloses Tierchen, das von seinem Jäger verschlungen werden sollte. »Eine ganz andere Fraktion behauptet, die königliche Familie hätte Sie ins Amt gehievt und die Livery Companies für deren Votum bezahlt.« Er biss blitzschnell ab und kaute anschließend genussvoll. »Wollen Sie die Gerüchte eventuell kommentieren und sich in besserem Licht präsentieren? Dazu würde ich Ihnen die Gelegenheit geben. Ich kann den Beitrag natürlich auch ohne Sie machen.«

Stern nippte erneut am Tee und betrachtete den Mann, der selbst im Sitzen groß wirkte. Hat sein rechtes Auge eben golden gefunkelt? Sie schob es auf den Dampf, der von der Oberfläche des Tees aufstieg und ihre Sicht veränderte.

Sie war Geschäftsfrau genug, um die Botschaft zwischen den Zeilen des Redakteurs zu erkennen. »Es klingt ein wenig nach Erpressung, nicht wahr?«

Zima lachte; einige der krümelbesetzten Kronen schienen aus Platin zu bestehen. »Oh, nein, Artemis. Eher nach Geben und Nehmen.«

Erste Verwirrung machte sich bei Stern breit. Ihr Charme schien noch nicht bei ihm anzukommen, der ihn zu einem willenlosen Verbündeten machen sollte.

Also ließ sie mehr davon aus sich herausströmen, unsichtbar gegen den Mann branden und garnierte die Offensive mit einem Augenaufschlag sowie einem unwiderstehlichen Lächeln. Gleich würde er ihr verfallen sein.

»Was soll ich Ihnen geben, Mister Zima?«

Er betrachtete sie weiterhin gleichgültig aus seinem rechten goldenen Auge, nun lag das linke im Schatten. »Informationen.« Zu ihrer Verwunderung sah sie den Stift in seiner Hand leuchten. »Wer bin ich, Seelenwanderin?«

Sterns Magen zog sich faustklein zusammen und wurde zu kaltem Stein, beinahe hätte sie die Tasse fallen lassen. Zimas Blick schien ihre Gabe zu kontern. »Wie nannten Sie mich?«, raunte sie.

»Kennst du mich, Seelenwanderin?«, fragte er tonlos. 

»Nein«, brachte sie mit Mühe über die Lippen. 

»Bist du mir in einem früheren Leben begegnet?«, hakte er nach und beugte sich nach vorne, drehte den Kopf nach rechts und links, damit sie sein markantes Profil ansehen musste, ohne den Blick von ihr zu lösen. Die schwarze Augenhöhle wirkte furchteinflößend; es schien ihm ein Auge zu fehlen, als besäße er nur eines, das in seinem Schädel hin und her rollte und dabei die Farbe wechselte. »Schau genau hin, denn ich frage dich ein letztes Mal: Kennst du dieses Gesicht?«

Stern schluckte.

Die Angst, die er ihr einjagte, ohne dass er seine dunkle Stimme hob, ohne dass er sie anschrie, ohne dass er sie körperlich bedrohte oder eine Waffe zückte, übertraf jede Furcht, die sie bislang in ihrem Dasein verspürt hatte. Das Gefühl machte sie unbeweglich, raubte ihr den Widerstandswillen.

In ihrer Panik setzte Stern erneut ihre Gabe ein und hoffte, dass ihr Charme etwas ausrichtete.

Aber als er ihr das Gesicht erneut in Gänze zuwandte, erkannte sie am Ausdruck, dass es nicht fruchtete. Dieser Mensch ist gegen meine Gabe immun.

Zum ersten Mal traf sie auf einen Menschen, der sich nicht durch falsche Sympathie vereinnahmen ließ und den sie nicht subtil zu kontrollieren vermochte.

Stern hatte keine Vorstellung, was ein Bejahen oder ein Verneinen der Frage nach sich ziehen würde. Da er eine Lüge sicherlich durchschaute und sie wohl nicht die erste war, die er fragte, entschied sie sich für die Wahrheit.

»Ich kenne Sie nicht. Nicht Sie und nicht Ihr Gesicht, weder zum jetzigen Zeitpunkt noch zu einem früheren«, erwiderte sie leise und bemerkte, dass ihr ein Schweißtropfen über die Schläfe glitt. Sie wagte nicht, ihn zu fragen, wer er war und was der inquisitorische Besuch zu bedeuten hatte.

Zima musterte sie, mal leuchtete ein Auge golden, dann grün, dann fielen sie zurück in die Finsternis.

Ihre Arme wurden kraftlos, die Finger ließen die Tasse fallen. Klirrend zerbrach das Porzellan auf dem Parkett, der dunkle Tee ergoss sich auf das Holz.

»Dann bleibe ich ein Verlorener und muss weitersuchen«, erwiderte er traurig und enttäuscht. Sein Stift schnellte nach vorne, legte sich an ihre Stirn oberhalb der Nasenwurzel. »Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können. So steht es im Matthäus–Evangelium.« Der Stift leuchte honiggolden und zeigte zahlreiche Einschlüsse im Innern des Materials, das Blau war überwiegend verschwunden. »Ich vermag Schlimmeres.«

 

 

... wie diese Szene endet, wer dieser rätselhafte Mann ist und was er im Roman alles anstellt, während sich Sia, Eric und die neue Protagonistin Claire auf die Suche nach Antworten begeben. Fragen gibt es genug.

 

 

Markus Heitz: Exkarnation-Krieg der Alten Seelen, August 2014, Knaur-Verlag, München.

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