NEUES
DARK PATHS now!
Noch mehr Wédōra-Bilder!
weiter in "Wédōra"


 abonnieren?

ONEIROS-Tödlicher Fluch

Genre: Horror/ Thriller
Erscheinungstermin: 2.5.
Buchpremiere: 2.5., Leipzig, Buchhandlung Ludwig (Hauptbahnhof), mit der Band LAMBDA
Beginn: 19 Uhr, Eintritt frei!

Leseprobe I

(sorry für die - Striche, aber die Formatierung aus einem PDF heraus hat eigene Gesetze...im Buch ist das nicht so. Nennen wir es einfach Raubkopierschutz. Dennoch viel Vergnügen damit!)

 

Paris, Frankreich

Noch einen«, sagte Tommaso düster zum Barkeeper und stürzte den Pastis die Kehle hinab. Er hasste Darling. Je länger der Tag dauerte, umso größer wurde sein Abscheu ge- genüber dem britischen Agenten.

»Aber gern, Monsieur.«

Gleich darauf hatte er ein neues Glas mit milchigtrüber Flüssigkeit vor sich, aus dem penetranter Anisgeruch aufstieg. Bis zum Besuch des MI6-Agenten hatte sich Tommaso kei- nerlei Gedanken gemacht, sondern war froh gewesen, den An- schlag überlebt zu haben. Selbst das Gespräch mit dem franzö- sischen Psychologen über eine mögliche Traumatisierung, Flugangst, Furcht vor bestimmten Gerüchen und Geräuschen oder engen Kabinen war ohne Wirkung geblieben. Aber seit der kleinen Psychonummer des Briten konnte er sich nicht mehr von den Bildern der Toten lösen. Auch die Frage, warum der Tod ihn verschont hatte, bekam er nicht mehr aus dem Kopf. Warum ausgerechnet ihn, der nichts Be- deutendes im Leben geleistet hatte? Dabei waren bestimmt Bessere als er in der Maschine gewesen.

Seit sechzehn Uhr saß Tommaso in der Hotelbar und soff gegen die quälenden Erinnerungen und Gedanken an, die ihn peinigten. Achtete er sonst auf sein Äußeres, scherte es ihn im Augenblick nicht, dass ihm das Hemd aus der Hose hing und dass seine Haare zerzaust waren. Was machte das schon für einen Unterschied?

Er hob das Glas und nahm einen Schluck, die Hälfte des Drinks rann seinen Rachen hinab. »Wieso ich?«, fragte er sich mit schwerer Zunge selbst.

»Wieso was, Monsieur?«

Die helle Stimme kam nicht vom Barkeeper, und er wandte sich zur Seite.

Neben ihm hatte eine zierliche Frau Platz genommen, die ihre brünetten Haare in einem kleinen Pferdeschwanz trug, was ihr hervorragend stand. Normalerweise mochte Tommaso diese Art Frisur nicht, aber bei ihr passte es perfekt. Ihre sport- liche Figur wurde von der tailliert geschnittenen roten Bluse und den schwarzen Hosen betont. Das Lächeln galt ihm, und sie sah interessiert aus.

»Wieso ich noch lebe«, erklärte er und bemühte sich, deut- lich zu reden.

Sie ließ sich vom Barkeeper einen Wodka auf Eis geben und prostete ihm zu. »Na, da hätten Sie doch Grund, sich zu freu- en.«

»Schon. Aber warum?«

»Monsieur, Sie v-v-verwirren mich.« Ihre braunen, fast schwarzen Augen zogen seine Blicke an und ließen sie nicht mehr los.

Tommaso hob hilflos die Schultern und ließ sie wieder fal- len. »Ich verstehe einfach nicht, warum ausgerechnet ich über- lebt habe«, stieß er hervor und seufzte. »Achthundert Men- schen, tot. Und ich bin der Einzige, der das scheiß Unglück ... den Anschlag ...« Er senkte den Kopf und legte eine Hand in den Nacken. »Porca miseria.«

Sie senkte ihr Glas, Entsetzen spiegelte sich in ihrer Miene. »S-s-sie waren an Bord des Airbus, der in das Terminal raste?«

»Ja.« Tommaso schauderte. »Aber ich verrate Ihnen was: Die Menschen im Flugzeug sind schon vorher an irgendeinem Gas verreckt.«

»Wow.« Sie trank den Wodka aus und gab dem Barkeeper das Zeichen für Nachschub. »Wieso hat man das n-n-nicht in den Nachrichten gesagt?«

»Geheim. Eigentlich dürfte ich das gar nicht sagen, und ver- mutlich wird man mich deswegen anzeigen. Oder meine Auf- passer, die sich irgendwo hinter mir verstecken, prügeln mich durch.« Tommaso rollte mit den Augen. »Mir scheißegal. Jetzt wissen Sie’s.« Die Umgebung drehte sich leicht, und Tommaso musste sich an der Bar festhalten. Der Pastis vernebelte seine Sinne.

Die Unbekannte betrachtete ihn neugierig. »Kennen Sie den Film Unbreakable? Die Hauptfigur überlebt alle möglichen Katastrophen, b-b-bis sich herausstellt, dass sie eine Art Su- perheld ist und den Gegenpart zu einem Bösewicht bildet.« Sie nippte an ihrem neuen Wodka. »Vielleicht ist es bei Ihnen a-a- auch so?«

Tommaso stieß ein kurzes, freudloses Lachen aus. »Wollen Sie mich verarschen? Oder sind Sie eine Reporterin?« Er mus- terte sie, konnte aber weder eine Kamera noch ein Aufnahme- gerät entdecken. Dann schaute er sich in der Hotelbar um. Sei- ne Aufpasser sah er nirgends, vermutlich machten sie Pause.

»Nein«, wehrte sie rasch ab. Der kleine Pferdeschwanz, den 77

sie am Hinterkopf trug, hüpfte; eine lange, geschnitzte Haar- nadel, die durch ein gelochtes Lederstück gesteckt war, hielt die Haare zusammen. »Ich bin geschäftlich in Paris. Ehrlich, ich wusste nicht, dass Sie in der Maschine waren. Wie auch?« Sie hielt ihm die Hand hin. »Kristin.«

Tommaso seufzte tonlos. Er fühlte sich elend. Seelisch und körperlich. Die Anwesenheit der bella signora linderte die Pein nicht wirklich. Aber ihr leichtes Stottern machte sie sym- pathisch.

»Tommaso.« Er schüttelte ihre Hand. »Tja. Da sitzen wir.« Er wischte sich über die Stirn, die sich fettig anfühlte, weil er geschwitzt hatte. Er glänzte bestimmt wie eine Speckschwarte. »Haben Sie auch mal eine Katastrophe überlebt?«, fragte er, weil ihm nichts Besseres einfiel.

Es wunderte ihn ein bisschen, dass er ausgerechnet heute angesprochen wurde. Er war ja nicht gerade in der besten Ver- fassung. Vielleicht war sie eine Prostituierte? Sie sah gut aus und war noch nicht alt, vielleicht dreißig. Den Akzent in ih- rem Englisch konnte er nicht einschätzen, aber er barg leichten osteuropäischen Einschlag, und sie sprach wegen des Stotterns auffallend langsam, betont, als müsste sie über jedes Wort nachdenken. Er verwarf den Gedanken wieder, dass sie eine Hure sein könnte. Das Stottern wäre ihrem Geschäft kaum zuträglich.

Kristin schüttelte den Kopf. »Nein. Aber ich überlebe – s-s- so gut ich kann.«

»Sie sind krank?« Tommaso musterte sie. »Sie sehen kernge- sund aus. Und sehr hübsch, wenn ich das anmerken darf. Aids?« Er wusste nicht, warum er ausgerechnet das sagte. Ver- mutlich, weil er an Sex gedacht hatte.

Sie lächelte schwach und traurig. »Letale familiäre I-i-in- somnie. Die letzte Scheiße, das kann ich Ihnen sagen. Dann lieber Aids.«

»Davon habe ich noch nie gehört. Was ist das?«

»Na ja, eine extrem seltene krankhafte Veränderung des Ge- hirns, die verhindert, dass man richtig schläft, und die früher oder später zum Tod führt. W-w-wer von uns beiden hat nun die Arschkarte, Tommaso?« Kristin lehnte sich gegen die The- ke und schlug ein Bein über das andere. Sie redete jetzt flüssi- ger, weniger bedächtig. »Die Schlafstörungen sind l-l-lästig und machen mich fertig. Sie führen zu Benommenheit und Schläfrigkeit t-t-tagsüber. Irgendwann kommen Gleichge- wichts- und Gehstörungen dazu, dann Muskelzuckungen, die Aufmerksamkeit wird gestört, das Gedächtnis gibt den Geist auf. Noch halte ich mich gut. Hoffentlich s-s-stört Sie mein Stottern nicht zu sehr. Gehört auch zur Packung. Ich t-t-trin- ke noch einen, und dann ist es weg. Alkohol hilft.«

Sie tat Tommaso leid, und sein Gejammer fühlte sich plötz- lich kindisch an. Sie ging sehr abgeklärt mit ihrem Leiden um, was ihn umso mehr beeindruckte. Kristin hatte sich arrangiert, ohne aufzugeben. »Kann man da nichts machen?«

»Nein. Bisher ist noch jeder Patient innerhalb weniger Jahre gestorben. Wenn ich Glück habe, gehöre ich zu denen, die plötzlich an Herzversagen oder an einem Hirnschlag einge- hen, bevor eine schwere Bewusstseinsstörung einsetzt.«

Tommaso wusste nicht, was er darauf antworten sollte, und beließ es bei einem mitleidigen Blick. Er roch ihr Parfüm und fand es ebenso anregend und anziehend wie die Frau selbst.

Kristin trank ihren Wodka aus, den dritten hatte der Barkee- per bereits vor ihr abgestellt. »Haben Sie’s bemerkt? Ich stot- tere nicht mehr«, flüsterte sie, als würde dieses Mal sie ein töd- liches Geheimnis verraten. »Ich bin eigentlich total schüchtern und schweige von morgens bis abends.« Sie langte in ihre Handtasche und hielt einen Abreißblock in die Höhe. »Ich schreibe den Leuten normalerweise Botschaften, um mich nicht zu blamieren.«

Tommaso grinste. »Sehr clever. Und sexy.« Das Letztere war ihm rausgerutscht. Der Pastis.

Als sie ihm ihre Hand für Sekunden auf den Rücken legte, kribbelte es in ihm. Sein letztes Zusammensein mit einer Frau lag schon eine Weile zurück, und Kristin erregte ihn immer mehr.

»Vielen Dank. Das kann ich nur zurückgeben.« Ihr Ge- sichtsausdruck veränderte sich, als hätte sie einen Entschluss gefasst. Sie warf ihm einen, wie er fand, tiefen, erotischen Blick zu. »Hier sitzen demnach zwei Menschen, die den Tod ken- nen, richtig?«

Tommaso nickte. Ihm wurde heiß, als er eine Hand auf ih- ren festen Oberschenkel legte.

Sie zog das Bein nicht weg. »Denken Sie nicht auch, dass das eine ungewöhnliche Konstellation ist? Wir zwei beide?«

Tommaso glaubte, ein deutliches Signal in ihren Worten zu hören. »Das kann kein Zufall gewesen sein«, redete er drauf- los. »Das Schicksal weiß, wen es zusammenbringen muss.«

Kristin nahm einen Stift und kritzelte etwas auf den Block, das Blatt trennte sie ab und gab es ihm, dann küsste sie ihn auf den Mund. »Finden wir heraus, was es noch mit uns vorhat.« Sie glitt vom Stuhl, während sie ihr Handy zog. »Ich rufe kurz meinen Bekannten an und sage, dass es später wird.« Sie ver- ließ die Bar leicht schwankend.

Tommaso sah auf den Zettel: Zimmer 34. Ihre Handschrift war wunderschön, geschwungen und leicht altertümlich.

Er schluckte, sah auf das halbvolle Glas mit Pastis, das vor ihm stand, dachte an die sexy Frau, die in Zimmer 34 auf ihn wartete – und entschied sich für das Schicksal.

Tommaso folgte Kristin.

...

»Hey!« Tommaso wollte die Augen öffnen, als er die Stimme hörte,

doch die Müdigkeit war zu groß. »Hoch mit dir!« Ein heftiger Schlag ins Gesicht ließ ihn zusammenfahren,

jetzt schossen seine Lider in die Höhe. Verwirrt und schläfrig setzte er sich im Bett auf. »Bist du bescheuert?«, murmelte er. »Du kannst mich doch nicht aus dem Zimmer schmeißen.«

Er versuchte, sich zu erinnern, was geschehen war. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass er erst eine Stunde bei Kristin verbracht hatte. Sie hatte ihn geküsst, hatte begonnen, sich auszuziehen, und ihm etwas zu trinken gegeben und ...

Tommaso wurde etwas wacher. »Bin ich eingeschlafen? Vor dem Sex?«

Kristin stand in weißem BH und Slip, die ihren gebräunten Teint besonders hervorhoben, vor dem Bett. Ihre Figur war unglaublich definiert, sie musste viel Sport treiben. Sie war heiß und er todmüde. Zwei Zustände, die vom Schicksal wie- derum so nicht gedacht gewesen sein konnten. Es sei denn, es mochte Ironie. Ganz abgesehen davon war er auch noch ange- zogen.

»Erzähl mir, was an Bord passiert ist.«

»Hä?«, machte er wenig intelligent und rieb sich die Augen. Sie trug Tätowierungen am ganzen Körper, wie ein Kreuz mit einer Öse oben, in verschiedenen Ausführungen und Größen. Er wusste nicht, was das bedeuten sollte. »Wollten wir nicht ficken?«

»Du wolltest ficken.« Kristin wirkte plötzlich sehr kalt. »Ich wollte etwas anderes.«

Tommaso versuchte, die Schläfrigkeit aus seinen Gedanken zu vertreiben. Hier geschah etwas, das ihm nicht gefiel. »Du kannst mich doch nicht mitten aus dem Tiefschlaf reißen, da- mit ich dir erzähle ...« Er stockte, weil er zwei Paar Männer-beine auf dem Boden hinter dem Sofa in der Ecke bemerkt hatte.

Tommaso lehnte sich ein Stück zur Seite, um besser sehen zu können, und erkannte die beiden Polizisten, die Radont als Aufpasser für ihn abgestellt hatte.

Jetzt war Tommaso wach und setzte sich kerzengerade hin. Sein pastisvernebeltes Hirn arbeitete langsam, doch selbst in diesem Zustand war ihm klar, dass keine Reporterin mal eben zwei Beamte ausschalten würde, um an Informationen für eine Story zu kommen.

Seine Kehle war rauh und trocken, er wusste nicht, was er tun sollte.

»Sie sind tot«, sagte sie teilnahmslos. »Wenn du weiterhin als Überlebender des Unglücks gelten möchtest, solltest du mit dem Erzählen beginnen.«

Er hatte Schwierigkeiten, den Sinn ihrer Worte zu erfassen. »Tot? Wieso? Was ...« Tommasos Augen wurden groß.

»Also, leg los. Die ganze Geschichte.« Kristin vollführte eine Geste, die Langeweile auszudrücken schien. »Ich habe dich zum Einschlafen gebracht, um dich zu testen. Aber es ist nichts geschehen. Was ist los mit dir? Wie hast du es im Airbus angestellt?«

»Wovon redest du?« Er verstand gar nichts.

Mit einem Sprung landete sie neben ihm im Bett. Im Flug zog sie die Haarnadel aus ihren Haaren und rammte sie ihm in den Oberschenkel; seinen Schrei erstickte sie mit einem harten Schlag ins Gesicht. Als er sich zur Seite wälzen wollte, weg von ihr, bekam er einen zweiten Schlag, der ihn rückwärts vom Bett warf. Rumpelnd fiel er zu Boden.

Sofort saß Kristin auf seiner Brust und hielt ihm die blutige Nadel vor das linke Auge. »Damit komme ich bis auf die an- dere Seite deines Gehirns, Tommaso. Einmal quer durch den Schädel. Rede endlich, wie du es angestellt hast!«

Der Schmerz in seinem Oberschenkel brachte ihn zum Auf- stöhnen. Millionen Gedanken schossen durch seinen Kopf. Er versuchte, sich einen Reim darauf zu machen, was diese Irre von ihm wollte. Hielt sie ihn für den Schuldigen des Attentats? War sie eine Angehörige?

Ein roter Tropfen löste sich von der Spitze der Nadeln und klatschte ihm ins Auge, ließ ihn krampfhaft blinzeln.

Am besten, er redete mit der Verrückten und hoffte, dass die Polizei bald ihre Leute vermisste. Hatte er den Zettel mit der Zimmernummer an der Bar gelassen? Dann würden sie ihn ...

Die Nadel stach zu und bohrte sich durch seine linke Wan- ge, verletzte die Zunge. Kristin schlug ihre Nägel in seinen Hals und würgte seinen Aufschrei regelrecht ab.

»Ich war kacken«, presste er keuchend heraus. »Ich weiß nicht, was passiert ist.«

Sie sah ihn durchdringend an. »Beschreib, was du getan hast und was passiert ist, als die Menschen gestorben sind.«

Tommaso wiederholte stammelnd, was er Radont und Dar- ling berichtet hatte, in allen Einzelheiten, während Kristin auf ihm saß und ihn betrachtete, als sei er nichts weiter als ein In- sekt. Kein Mensch, sondern ein Käfer, den sie einfach auslö- schen konnte. Mit einem Zucken ihrer Hand.

Schließlich hatte er seine Erzählung beendet und wagte nicht, sie anzuschauen. Er fürchtete sich davor, sie herauszu- fordern. Es war zu gefährlich, sich zu wehren, solange die Na- delspitze weniger als zwei Millimeter vor seinem Auge schwebte.

»Bleib liegen und rühr dich nicht«, befahl sie ihm nach län- gerem Schweigen. Kristin beugte sich nach vorne und nahm die Nadel zur Seite, um ihre Stirn an seine zu legen.

Tommaso fühlte die Spitze jetzt in seinem Ohr. Es war fast absurd, dass eine verführerische Frau beinahe nackt auf ihm lag und ihn töten wollte. In einem Film wäre das vielleicht

spannend, aber für ihn hatte die Szene nicht einmal einen Hauch von Erotik. Er wollte nur lebend aus dem Zimmer ent- kommen.

Kristin schloss die Augen – und plötzlich begann es, auf der Höhe seiner Nasenwurzel zu kribbeln! Das Gefühl breitete sich aus, als würde die Haut von diesem Punkt aus einschlafen.

Dann richtete sich die brünette Frau auf und blickte ihn ent- täuscht an. Die Nadel verharrte an seinem Ohr. »Du warst es nicht«, befand sie abfällig.

»Nein«, sagte er erleichtert. »Ich habe damit nichts zu tun.« Er schluckte und hoffte, jetzt von ihr in Ruhe gelassen zu wer- den, was auch immer sie eben getan hatte.

Sie tätschelte seine durchlöcherte Wange. »Tut mir leid. Ich hatte es angenommen, weil du der einzige Überlebende warst.« Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern, ihre kleinen Brüste bewegten sich sachte. »Jetzt weiß ich, dass es noch eine Person geben muss, die den Unfall des A380 überstanden hat. Vermutlich ist dieser Mensch schon über alle Berge. Oder die Behörden verstecken ihn wie dich. Aber das werde ich heraus- finden.«

Tommaso blieb ruhig liegen, spannte jedoch die Muskeln allmählich an. Der Moment schien gekommen, die Irre abge- lenkt genug zu sein, dass er einen Fluchtversuch wagen konn- te. Wenn sie die Spitze noch ein paar Millimeter wegzog, wür- de er es riskieren, bevor ...

Die Haarnadel stieß mit viel Kraft durch das Trommelfell bis ins Gehirn des Italieners. Der Raum war unvermittelt in grelles Licht getaucht, es roch nach Schokolade und Ginster; irgendwo brandete ein Meer gegen Klippen, die Luft schmeck- te nach Salz. Wie in Tommasos Kindheit, als er Wochen bei seinen Großeltern an der Küste verbracht hatte.

Dann erschienen die ersten Gesichter der Toten aus dem Airbus vor ihm. Sein Herz schlug schneller, die schönen Erin-nerungen wurden von der aufsteigenden Panik verjagt. Im Sterben blickte er zu Kristin.

Sie sah auf ihn herab. »Oh, entschuldige. Ich muss gehen.« Kristin schwang sich von ihm herab. »Wie die Medien berich- tet haben: Es gibt einen Überlebenden. Nicht zwei.«