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Wédōra – Staub und Blut
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KAPITEL
EINS


18. APRIL 1764, NORDÖSTLICH VON LANGOGNE, WESTLICHE AUSLÄUFER DES VIVARAIS-GEBIRGES, SÜDFRANKREICH

Mit einer monotonen Melodie gluckerte der Bach über die runden Steine. Die Abendsonne fiel durch die wenigen lichten Stellen des dichten Blätterwerks der Bäume und erzeugte goldenrote Flecken auf dem schattigen Waldboden. Insekten waren auf der Suche nach Nahrung und summten durch die warme Luft. Der verführerische Duft leitete sie. Es roch nach Frühling, nach neuem Leben. Und nach Verwesung.
Die Fliegen schwirrten aufgeregt zu dem dicken unteren Ast einer mächtigen Buche, an dem ein stinkender Schafskadaver zwei Schritte über der Erde an einer Kette hing. Unmittelbar darunter baumelte eine höchst seltsame, tote Kreatur.
"So etwas… habe ich noch niemals gesehen." Jean Chastel, ein Mann Mitte Fünfzig und von Kindesbeinen an Wildhüter, trat vorsichtig näher und stieß den Fang mit der Mündung seiner doppelläufigen Muskete an. In seinem glatt rasierten, kantigen Gesicht standen Entsetzen, Unglaube und höchste Aufmerksamkeit. Das merkwürdige Tier, das an der Wolfsangel gefangen hing, kannte er nur aus Erzählungen und von den Flugblättern fahrender Schauspieltruppen. Diese Erzählungen und die dazugehörigen Zeichnungen waren alles andere als beruhigend.
Das wolfsartige Tier rührte sich nicht.
Jean meinte, einen schwarzen Streifen auf dem Rücken zu erkennen, der sich vom Kopf bis zum dünnen Schwanz zog. Das Fell selbst war dunkel und ging ins Rötliche über. Die Klauen, doppelt so groß wie eine Frauenhand, beeindruckten ihn fast am meisten. Wenn da nicht die Reißzähne gewesen wären …
Es hatte sich den Köder durch einen beherzten Sprung holen wollen. Der im verrottenden Schaf verborgene Fleischerhaken war ihm zum Verhängnis geworden: Das spitze Metallende ragte aus der blutverkrusteten Schnauze heraus und bog den großen Kopf nach oben. Dadurch hatten sich die gewaltigen Kiefer, die einen Oberschenkelknochen durchbeißen würden, geöffnet und die Fangzähne von der Länge eines Mittelfingers preisgegeben.
Es raschelte, als sein jüngerer Sohn Antoine neben ihn trat. "Ein Männchen", sagte er, als sähe er eine derartige Kreatur jeden Tag. Trotz seiner zwanzig Jahre wirkte er noch sehr jung, und sein kurzer, dunkler Bart änderte daran nichts. Im Gegensatz zu seinem Vater zeigte er sich von der Entdeckung unbeeindruckt. Er hatte nicht einmal Angst. Sein Geschäftssinn erkannte sogleich die Vorzüge. Er zückte grinsend seinen Jagddolch und deutete auf die Geschlechtsteile des nun sachte hin und her pendelnden Wesens. "Seine Eier werden uns beim Arzneihändler einen Haufen Geld bringen."
Jean, dem die Sache noch immer nicht geheuer schien, packte ihn am Arm und hielt ihn zurück. Der kurze, weiße Zopf hüpfte auf dem Rücken. "Bleib zurück!" Er wartete auf ein Zucken des Kadavers, das auf Leben hindeutete. Als es ausblieb, öffnete er die Hand und gab Antoine frei. "Lass sie ihm. Das sollen sich Gelehrte anschauen, bevor wir es auseinanderschneiden."
Das Knistern von trockenem Laub verriet das Nahen eines weiteren Mannes. Die Jäger der Familie Chastel waren vollständig versammelt. "Beim Allmächtigen!", entfuhr es dem älteren Sohn Pierre. Er glich seinem Vater sehr, nicht nur äußerlich. Verstört betrachtete er das Tier und bekreuzigte sich. "Dieses Vieh … stinkt infernalisch und ist … hässlich." Er betrachtete die starken Klauen, den großen Kopf, die gewaltigen Kiefer, das buschige Schwanzende und die kleinen, spitzen Ohren eingehend. Sein sonst so freundliches Gesicht verzog sich voller Abscheu. "Was soll das sein? Ein Wolf aus der Hölle?"
Jeans braune Augen glitten über das, was sie seit vier Tagen auf Bitten des befreundeten Wildhüters DeBeaufort im Vivarais gejagt hatten. Eigentlich stammten er und seine Söhne aus dem benachbarten Gévaudan-Gebiet. Nach einundzwanzig getöteten Schafen, zwei gerissenen Kühen und einem toten Hirten hatten die Bauern gedroht, den guten Bekannten aus seinem Amt zu werfen. Die Chastels waren daraufhin ins östliche Südfrankreich gereist, um ihm beizustehen.
Nicht zuletzt verstand Jean es auch als Vorsorge. Fand der gewiss tollwütige Wolf hier nichts mehr, käme er ins Gévaudan. Nur ein toter Wolf war ein guter Wolf. Wenn es sich überhaupt um einen handelte. Was er gerade betrachtete, hatte nichts mit einem der Graupelze gemein, die er kannte.
"Loup-Garou", gab Antoine leise lachend die Antwort auf Pierres Frage. Er drehte sich grinsend zu seinem Vater um. "Wir haben einen leibhaftigen Werwolf gefangen!"
"Aber ich dachte, es gibt sie nur in Geschichten." Pierre nahm den Dreispitz vom Kopf, wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte den Hut wieder auf die kurzen schwarzen Haare; dabei fiel sein Blick auf den dicken Ast, über den die Kette lief. Die Rinde und das Holz darunter waren regelrecht abgehobelt worden. "Er hat lange gekämpft", sagte er und machte die anderen auf die Scheuermale aufmerksam. "Ich danke Gott, dass wir der Bestie nicht bei der Jagd gegenüberstanden. Sie wird mehr als eine Kugel vertragen. Die Zähne …" Er schüttelte sich.
Jean entdeckte tatsächlich vier verheilte Einschusslöcher am Leib der Bestie. "Du hast Recht. Das erklärt, weshalb DeBeauforts Treffer keine Wirkung zeigten. Ein gewöhnlicher Wolf wäre nach einem Schuss schon tot gewesen." Jean hatte sich bereits gewundert, weshalb ihn sein in der Jagd erfahrener Freund um Beistand bat. "Ich hielt seinen Bericht zuerst für eine Übertreibung."
Antoine ging zum Stamm der Buche und machte sich daran, die Bolzen zu lösen, mit denen die Fangkette gesichert war, um das Wesen zur Erde zu lassen. "Sie werden uns feiern wie Helden", freute er sich. "Wir können eine stattliche Belohnung fordern. Wenn wir das Biest in seine Einzelteile zerlegen und verkaufen, machen wir ein kleines Vermögen."
"Die Mädchen werden dich anhimmeln, das meinst du doch." Pierre spie aus. "Ich habe gesehen, dass du wieder einmal deine Finger nicht von einer Kleinen lassen konntest. Du hast sie auf deinem Schoß reiten lassen."
Sein jüngerer Bruder hielt inne und schaute rasch zum Vater, dessen Miene sich verfinsterte. "Nein, ich habe nichts getan!", wehrte er ab. "Pierre hasst mich, das weißt du, Vater. Er will mich bei dir …"
Jean kam auf ihn zu. "Pierre lügt nicht." Er baute sich vor ihm auf. "Im Gegensatz zu dir. Was hast du dieses Mal getan? Wie alt war sie?"
"Sechzehn", erwiderte Antoine und wollte sich der Kette widmen, aber sein Vater packte ihn bei der Schulter und drehte ihn mit Gewalt herum, so dass er ihm ins Gesicht blickte. Die grünen Augen hielten dem wütenden Braun nicht lange stand. "Zwölf", brach es gequält aus ihm heraus, und er senkte den Kopf. "Vater, ich kann nichts dafür! Es ist …"
"Schwein!" Jean schlug ihm die Faust gegen die Lippen, Antoine verlor den Dreispitz und prallte mit dem Rücken gegen den Kadaver der Bestie, der daraufhin wie eine Marionette grotesk zu zappeln und zu tanzen begann; die Kette klirrte und spielte die Melodie dazu. "Ich habe es dir bereits zu oft gesagt: Lass die Kinder in Ruhe", warnte er ihn mühsam beherrscht. "Kauf dir so viele Huren wie du möchtest, aber fass die Unschuldigen nicht an! Wenn sie dich festnehmen, werde ich dich nicht schützen." Abrupt drehte er sich um. "Und jetzt lass das Vieh runter, ehe die Maden es auffressen."
Antoine fuhr sich mit dem Rockaufschlag über den geschundenen Mund, wischte das Blut von den aufgeplatzten Lippen und stierte seinen Bruder an. Lautlos formte er das Wort Verräter. Er griff nach seinem Hut, stülpte ihn auf die langen, ungepflegten schwarzen Haare und lockerte die Bolzen so weit, bis sich die Kette abwickelte.
Der Körper des seltsamen Tiers prallte unsanft auf den Boden, die Mücken stoben in Schwärmen davon, umkreisten den übel riechenden Schafköder aber bald wieder in kleinen, schwarzen Wolken. Larven krochen über das Fleisch, bohrten sich ihren Weg hinein und verzehrten es langsam, aber beständig.
Die Chastels betrachteten den Loup-Garou schweigend. Der nüchterne Verstand von Jean und Pierre fand sich mehr und mehr damit ab, dass es dieses Wesen wirklich gab. Antoine hatte seine Existenz bereits mit dem ersten Blick hingenommen. Nun hob er den Kopf und lauschte in den Wald. "Surtout!", rief er nach seinem Jagdhund, einem großen muskulösen Mastiff, der ihn überall hin begleitete. "Wo ist dieser Bastard?", murmelte er und starrte ins dichte Unterholz. "Surtout!"
Jeans Entsetzen schwand endgültig und wich der Neugier des Wildhüters, der eine neue Spezies entdeckt hatte. Er zog die Augenbrauen zusammen, kniete sich neben den Rücken des Tieres und strich mit den Fingern über das dichte Fell. Sein weißer Haarzopf rutschte nach vorne. "Das Vieh ist dürr. Es muss lange nichts mehr zu fressen bekommen haben."
Pierre stand einen Schritt weit entfernt und hatte die Muskete locker auf das Tier angelegt. "Gib Acht, Vater."
"Traust du dem Frieden nicht?" Antoine näherte sich ihm, seine Haltung drückte Verachtung gegenüber dem Bruder aus. "Hasenfuß! Der Loup-Garou ist tot." Er trat dem Tier in die Flanke. "Verhungert oder erstickt."
Plötzlich knackte es im Gebüsch. Pierre wirbelte herum, der Lauf zeigte auf das dichte Unterholz.
Antoine griente abfällig. "Hat der Verräter Angst? Keine Sorge, Surtout tut dir nichts. Der frisst nur kleine Kinder." Er nahm seine Muskete und pirschte auf das Unterholz zu. "Mal sehen, was er aufgestöbert hat. Vielleicht eine junge Magd, die sich am Bach waschen will?"
"Komm zurück", verlangte Pierre, doch sein Bruder war nach wenigen Schritten mit dem dunklen Grün verschmolzen. Lediglich das leiser werdende Rascheln der Zweige zeigte, wo er sich befand.
"Was sechs Jahre Altersunterschied ausmachen", murmelte Jean kopfschüttelnd und vermied es, sich einmal mehr Sorgen um seinen Jüngeren zu machen, den er nur mit auf die Jagd nahm, weil er ein begnadeter Schütze war. Antoine hauste ansonsten mit seinen Hunden wie ein Wilder im Wald von Ténazeyre. Was ihm an Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit fehlte, hatte Pierre zweifach erhalten, der bereits einen guten Ruf als Wildhüter besaß.
Doch nun gab es Wichtigeres als Antoines Tollheiten. Jeans Wissensdurst war noch lange nicht gestillt. Seine Aufgabe als Wildhüter brachte es mit sich, dass er sich mit Tieren auskannte. Nun wollte er dieses unbekannte Exemplar genauer betrachten und seine Geheimnisse enthüllen, ehe es von Gelehrten in Beschlag genommen würde. Er berührte die Pranken des Biestes, drückte eine davon auseinander und rief Pierre voller Erstaunen zu sich. Er wies auf die gespreizte Pfote. "Komm her und lerne. Was fällt dir auf?"
Pierre näherte sich nur widerstrebend. "Die Maden kriechen nicht in sein verfluchtes Fleisch?"
"Das meine ich nicht. Sieh genauer hin."
Pierre stemmte den Musketenkolben als Stütze auf den Boden und ging neben seinem Vater in die Hocke. Mit ihm an der Seite fühlte er sich sicher. "Mein Gott, es hat Krallen wie eine Katze!", entfuhr es ihm aufgeregt.
Jean warf den Zopf zurück auf den Rücken und erhob sich, Pierre tat es ihm nach. "Wir müssen DeBeaufort benachrichtigen. Das hier ist ein Fall für die Behörden. Der König muss davon erfahren." Er holte tief Luft. "Antoine, schaff dich und deinen Köter her! Wir wollen aufbrechen."
Als sich sein Sohn nicht blicken ließ, rief er noch einmal nach ihm. Und noch einmal.
Sie lauschten aufmerksam, doch hörten nicht das geringste Geräusch. Dann raschelte es; leise Schritte bewegten sich auf sie zu.
"Antoine, hör auf mit deinen Scherzen", versuchte es Pierre. "Es wird dunkel, und unser Weg nach Langogne ist nicht einfach. Ich …" Er verstummte, weil sein Vater die Hand gehoben hatte.
Wieder horchten sie in den schweigenden Wald hinein, während die Sonne nur noch hier und da durch die Baumkronen schien. Die Schatten wurden düsterer, bedrohlicher. Das Summen der Mücken war das einzige Geräusch.
"Was ist, Vater?", wisperte Pierre und hielt die Muskete so, dass er sie jederzeit abfeuern konnte.
Jean zog langsam zuerst den rechten, dann den linken Hahn seiner Waffe zurück. Leise klackend arretierten sie. "Es ist still wie auf einem Friedhof", raunte er zurück. "Keine Vögel, keine anderen Tiere. Ein Räuber ist unterwegs."
Pierre schluckte, aber die aufsteigende Angst schnürte ihm die Kehle zu. Er wagte nicht, sich zu räuspern; stattdessen hob er die Muskete und zielte dorthin, wo er das Knistern von Laub vernommen hatte.
Ein dicht gewachsener Strauch zitterte, seine Zweige raschelten merkwürdig laut in der Stille des Waldes. Beinahe hätte Pierre abgedrückt, ungeachtet der Tatsache, dass sich Antoine irgendwo in dem Dickicht verbarg, um einen seiner zweifelhaften Späße zu treiben. Die Furcht überlagerte den Verstand.
"Wagt es nicht, auf mich anzulegen", sagte eine weibliche Stimme gestreng aus dem Unterholz, "denn ich bin gewiss kein Räuber." Eine Frau in schwarzem Ordensgewand trat zwischen den Bäumen hervor; in ihrer linken Armbeuge baumelte ein Korb mit Waldbeeren und Kräutern. Die dunkle Kleidung gab nur den Blick auf ihr ansprechendes Gesicht von etwa vierzig Jahren und auf die Hände frei, der Rest war sorgsam verhüllt. Ihre graubraunen Augen waren auf die Gewehre der Männer gerichtet. "Senkt eure Waffen, Messieurs! Es gibt keinen Grund, mir zu drohen."
Pierre deutete schnell eine Verbeugung an, schwenkte mit einem entschuldigenden Gesichtsausdruck die Mündung seiner Waffe zur Seite und stellte sich vor. Sie nannte daraufhin ihren Namen: "Ich bin Äbtissin Gregoria vom Kloster des Heiligen Gregorius von Tours."
"Kein Räuber, aber ein Seelenfänger." Jean betrachtete die schlanke Nonne verächtlich. "Seid Ihr nicht ein wenig weit von Eurem Kloster entfernt? Das Vivarais ist derzeit keine Gegend für Unbewaffnete."
"Ich besitze Beistand, der besser als jede Muskete ist. Der Herr ist mein Hirte, er beschützt mich auf meinen Wegen", gab sie lächelnd zurück - und erschrak, als sie an dem Jäger vorbei auf die Kreatur am Boden blickte. Die Farbe wich aus ihrem Gesicht, und sie bekreuzigte sich.
"Ja, schaut nur. Der Teufel sendet neue Wölfe, um die Schafe des Herrn zu verschlingen", sagte Jean. "Meint Ihr, dass Gott Euch vor den Zähnen dieses hungrigen Tiers bewahrt hätte?"
Pierre räusperte sich. "Verzeiht meinem Vater seine Worte und habt keine Furcht, ehrwürdige Äbtissin. Dieser Wolf tut Euch nichts mehr."
"Weil wir ihn gefangen haben. Nicht Gott", fügte Jean hinzu.
"Aber mit Gottes Hilfe, guter Mann." Gregoria trat zur Verwunderung der beiden Männer näher an den Kadaver heran, besah ihn von allen Seiten, bekreuzigte sich erneut und küsste das Kreuz des silbernen, sehr aufwändig gearbeiteten Rosenkranzes, der um ihren Hals über der Ordenstracht hing. "Ein seltsames Tier", meinte sie dann leise. "Es ist gut, dass Ihr es gefangen habt. Es hat viel Leid über die Menschen in der Umgebung gebracht, wie ich hörte."
"Wie manche Priester." Jean kümmerte sich nicht weiter um die Äbtissin, die in ihrem schwarzen Habit wie ein Fremdkörper in dem grünen, lebendigen Wald wirkte. Er fand es zwar merkwürdig, dass sie sich so weit von den Mauern ihres Klosters entfernt hatte, um nach Kräutern und Erdbeeren zu suchen - aber er hatte Wichtigeres zu tun.
"Was auch immer man Euch angetan hat, ich war es nicht. Es gibt keinen Grund, mich feindselig zu behandeln."
Jean wollte etwas darauf erwidern, aber Gregoria sprach einfach weiter. "Ich werde Euch nicht weiter mit meiner Anwesenheit belästigen. Da Ihr Euch offensichtlich von Gott und seiner heiligen Kirche abgewandt habt, werde ich für Euer Seelenheil beten, auf dass Ihr auf den Pfad des Herrn zurückkehrt."
"Gut bemerkt! Ich habe nichts mit der Kirche und Gott zu schaffen. Um mein Seelenheil kümmere ich mich selbst und überlasse es keinesfalls scheinheiligen Priestern und gierigen Pfaffen!" Auch wenn das kleine Benediktinerinnen-Kloster bei den einfachen Menschen einen guten Ruf hatte und sich, wie man hörte, um Arme und Verwirrte kümmerte, gab es für ihn keinen Grund, die Äbtissin anders als alle anderen Klerikalen zu behandeln. Ihre überhebliche und selbstgefällige Art verärgerte ihn.
Sie lächelte Pierre freundlich an, der sich wiederum verbeugte. "Der Segen des Herrn sei allezeit mit Euch. Gebt dennoch gut auf Euch Acht, junger Mann, damit die Wölfe Euch nicht holen. Solltet Ihr beten wollen, die Kapelle von Saint Grégoire steht Euch jederzeit offen." Sie nickte ihm zu und ging. "Guten Tag, Messieurs."
"Zum Teufel mit den Nonnen", fluchte Jean leise und wandte sich dem Kadaver zu. "Zum Teufel mit dem ganzen Pfaffenpack."
"Mutter würde nicht wollen, dass …", begann Pierre vorsichtig, sah aber an der abweisenden Haltung des Vaters, dass er nicht weitersprechen musste. Seit dem Tod der Mutter gab sein Vater nichts mehr auf die Gnade Gottes, der seiner Ansicht nach nur diejenigen beschützte, die genügend Geld besaßen, um sich das Wohlwollen im Opferstock der Kirche zu erkaufen.
Er wollte gerade zu seinem Vater gehen, als er glaubte, aus den Augenwinkeln einen gedrungenen Schatten zwischen den Stämmen gesehen zu haben.
"Da ist etwas!" Er sandte ein stilles Gebet an Gott, dass er sie, Antoine und die Äbtissin vor dem beschützen möge, was da unter den Buchen umher streifte.
"Es wird Surtout sein", meinte sein Vater.
Die Angst packte Pierre erneut. "Und wenn diese Bestie, die wir gefangen haben, nicht allein war?", flüsterte er.
"Töten wir die andere auch noch", gab Jean zurück und legte die Muskete an. Pierre folgte seinem Beispiel. "Vergiss nicht, dass Antoine irgendwo …"
Ein breiter Schatten flog aus dem Gebüsch zu ihrer Linken. Er brüllte laut und warf sich gegen die beiden Männer, riss sie von den Beinen und schleuderte sie auf den Waldboden. Donnernd entlud sich Pierres Muskete, und sofort stank es nach verbranntem Schwarzpulver. Über die erschrockenen und wütenden Rufe der Männer hinweg …
… ertönte ausgelassenes Gelächter. Antoine wälzte sich im Laub und schüttete sich aus vor Lachen, die Heiterkeitstränen rannen ihm aus den Augenwinkeln und liefen über die Wangen in seinen kurzen Vollbart. "Bonsoir, ihr tapferen Waidmänner", röhrte er. "Habt ihr euch in die Hosen gepisst?"
Jean sprang in die Höhe und verpasste seinem Jüngeren eine schallende Ohrfeige. "Du bist ein Idiot, Antoine! Wir hätten dich um ein Haar erschossen!"
"Ich wundere mich, dass ihr es nicht getan habt. Dann wärt ihr mich endlich los gewesen", murmelte er glucksend, stand auf und klopfte sich mit dem Dreispitz die braunen Blätter von seinem Rock. Die Lippe war durch den Hieb wieder aufgeplatzt. "Ihr und die anderen. Die Leute wären doch froh, wenn mich eine Kugel treffen würde. Ich kenne das Gerede. Seit ich von … von meiner Reise zurückgekommen bin, haben sie Angst vor mir. Und manchmal glaube ich, das geht auch meiner Familie so."
"Hast du deinen Köter gefunden?" Jean ging über Antoines Worte hinweg.
"Nein. Er wird irgendein Wild verfolgen."
Pierre hielt sich zurück und schwieg. Er lud seine Waffe nach und versuchte trotz der zitternden Hände, die Prozedur so schnell wie immer zu absolvieren. Ihr Vater legte großen Wert darauf, dass sie innerhalb einer Minute dreimal feuern konnten, was angesichts eines heranstürmenden verletzten Keilers überlebenswichtig war. Oder einer angriffslustigen Bestie.
Wie viele Kugeln mochte eine solche Kreatur aushalten, ehe sie ihr Leben verlor? Er gab neues Pulver aus dem Horn auf die Zündpfanne und drückte schnell den Deckel herab, als er etwas Seltsames bemerkte. "Vater, hatte das Vieh die Lider geschlossen oder geöffnet, als wir es vom Baum nahmen?", fragte er heiser und ließ den breiten Kopf des Biests nicht aus den Augen. Das Schwarz in der blutroten Iris schien ihn direkt anzustarren. Die Pupille war voller Wut, voller Hass - voller Leben!
Dann hörten sie das grollende Knurren.
"Der Loup-Garou lebt noch!" Antoine robbte flink über den Boden und griff nach seiner Muskete, die er bei seinem Sprung aus dem Gebüsch verloren hatte. "Ich brenne ihm eins zwischen die Augen!"
Durch seine Bewegungen verursachte er so viele Geräusche, dass das Laubrascheln beinahe untergegangen wäre. Doch einer der Chastels besaß genügend Aufmerksamkeit.
Pierre schaute zu seinem Vater, der sich plötzlich schreckensbleich nach rechts gewandt und den Kolben der Muskete gegen seine Schulter gepresst hatte. Der Lauf schnellte in die Höhe und zielte scheinbar aufs Geratewohl ins Unterholz.
"Was ist?" Pierre fuhr herum - und erstarrte. Der Schatten zwischen den Bäumen war nicht Surtout gewesen! Er sah eine zweite Bestie, die auf allen vieren und lautlos hinter seinem Rücken auf ihn zugelaufen war. Ohne die Wachsamkeit seines Vaters hätte sie ihn vollends überrumpelt.
Krachend spuckte Jeans Waffe eine Bleikugel nach dem unheimlichen Angreifer, der im gleichen Moment einen riesigen Satz machte und spielend leicht sechs Schritte Distanz überwand. Er sprang gegen einen Baum, stieß sich ab, schnellte gegen den vor Entsetzen schreienden Pierre und riss ihn fauchend zu Boden. Die Krallen schlitzten den Rock in Höhe der Brust auf; Blut quoll aus fünf langen Schnitten hervor.
"Antoine!", schrie Jean und zwang sich zur Ruhe, damit sein nächster Schuss saß. Angst durfte er sich nicht erlauben. Er sah die Bestie genau vor sich, erkannte die Ähnlichkeit zu dem Wesen, das sie an der Wolfsangel gefunden hatten. Aber dieses Exemplar besaß einen kräftigeren Körperbau und stand gut im Futter. Er dachte an die vier Einschusslöcher, und sein Mut sank. Der Zeigefinger wanderte weiter nach hinten, um den zweiten Abzug zu bedienen.
"Allez, Loup-Garou!" Antoine zog die Aufmerksamkeit auf sich. Er saß vor dem gefangenen Werwolf und drückte ihm die Muskete gegen das linke Auge. "Willst du deinen Freund zurück? Dann lass meinen Bruder gehen, oder ich verteile das Gehirn dieser Bestie im Wald!"
Langsam wandte sich der schauderhafte Kopf in seine Richtung. Das Biest … schien ihn zu verstehen! Die glutroten Augen hefteten sich auf Antoine, die Lefzen zogen sich zurück, und es zeigte den Männern sein einschüchterndes Raubtiergebiss. Eine Klaue umschloss Pierres Kehle, dann erhob es sich zur Bestürzung der Wildhüter auf seine langen Hinterbeine und war plötzlich so groß wie ein Mensch! Es hielt sein Opfer vor sich in die Luft, als wöge es nicht mehr als ein Sack Federn.
"Lass ihn los!", verlangte Antoine, zog seine Pistole und richtete sie ebenfalls auf den Kopf seiner Geisel. Er grinste dabei unentwegt. Es schien für ihn kaum mehr als ein Spiel zu sein. "Ihr vertragt bestimmt viel Blei in euren hässlichen Leibern, aber ohne Kopf müsst auch ihr sterben. Habe ich Recht?"
Grollend schleuderte der zweite Werwolf Pierre von sich, der sich mehrmals überschlug und vor den Füßen seines Vaters ohnmächtig liegen blieb. Sein Blut sickerte auf den Waldboden. Jean wagte nicht, sich zu bücken und nach dem Verletzten zu sehen. Die Gefahr war noch lange nicht gebannt.
Antoine fühlte sich dagegen sehr sicher. "Braver Loup-Garou", höhnte er. "Ich werde dich als mein Haustier halten." Er leckte sich über die Lippen, seine Augen wurden schmal. "Aber das würde meinem Vater nicht gefallen."
"Nein! Tu es nicht", raunte Jean vorahnungsvoll. "Reize ihn nicht."
"Du bist doch der Meinung, dass nur ein toter Wolf ein guter Wolf ist." Ohne mit der Wimper zu zucken, schoss Antoine dem liegenden Werwolf die Ladungen beider Läufe in den Kopf. Der breite Schädel zerbarst in einer Wolke aus Blut. Allein der Druck der Treibladungen hätte ausgereicht, den Kopf zu zerfetzen, die Kugeln taten ihr Übriges dazu. Es blieb nichts außer Resten des Unterkiefers und der hinteren Schädelpartie zurück. Dennoch tobte der Kadaver wie lebendig, schlug um sich, bäumte sich auf, rollte in seinem Blut umher, die Klauen rissen die Erde auf, schlugen nach dem Feind. Dreck und Blätter stoben herum. Lachend sprang Antoine von dem sterbenden Wesen weg und hob seine Pistole.
Jean verfluchte die unberechenbare Art seines jüngeren Sohns. Er ahnte, wie der betrogene Werwolf handeln würde.....

 

Und WIE er handelt, DAS wird in RITUS nachzulesen sein.