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DA DIE MENSCHEN BÖSE SIND
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Wédōra – Staub und Blut


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S A N C T U M


Italien, Rom, Petersplatz, 24. November 2004, 22.31 Uhr

Auch wenn es lange nicht so verschneit war wie in Plitvice, die Ewige Stadt empfing Eric mit klirrender Kälte, was für Rom selbst im späten November ungewöhnlich war.
Er trug seinen Einsatzdress: weiße Lederhose, schwarzen Pullover, weißen Lackledermantel, gleichfarbige Stiefel und Handschuhe. Lack hatte einen entscheidenden Nachteil: Er wärmte nicht besonders. Deswegen hielt er sich vornehmlich im Windschatten der Säulen auf, die in Viererreihen um den elliptischen Platz standen. Er prüfte den Sitz des Silberdolchs in der Unterarmscheide. Aus seinem Versteck hatte er die bewährte SigSauer P9 geholt, die er unauffällig in einem Achselholster trug.
Noch neunundzwanzig Minuten bis zum Treffen mit dem Orden.
Eric war ungeduldig. Am liebsten hätte er das Treffen gleich hinter sich gebracht, um Lena sehen zu können. Aber was, wenn die Schwesternschaft Lena gar nicht mitbrachte? Wenn sie ihr etwas angetan hatten? Dann würde der Vatikan erleben, was ein Mann alles anzurichten vermochte.
Siebenundzwanzig Minuten.
Die Touristen und Pilger, die den Platz vor dem Petersdom sonst auch um diese späte Stunde noch bevölkerten, waren schon lange nach Hause gegangen. Der sich ankündigende Winter scheuchte die Menschen in ihre Hotels und Wohnungen und ließ auf dem Platz tatsächlich ein Gefühl von Ruhe einkehren. Vielleicht nicht unbedingt der Gottesnähe, die man hier eigentlich erwarten sollte, aber doch zumindest so etwas wie Frieden. Nur die Reinigungskräfte störten das Bild ein wenig. Sie fegten gelangweilt von rechts nach links. Vermutlich wurden sie nach Stunden und nicht nach der Müllmenge bezahlt, die sie aufklaubten.
Fünfundzwanzig Minuten.
Eric lauschte, ob sich sein Handy aus dem Inneren des Mantels meldete, aber es blieb still. "Mann, Mann, Mann", murmelte er angespannt und lief wie ein Raubtier zwischen den Säulen auf und ab. Seine Sinne waren bis zum Anschlag hochgefahren. Trotzdem witterte er nichts.
Ein greller, grausamer Ton fuhr durch sein Trommelfell und schien es in Fetzen zu reißen.
Instinktiv riss er die Arme nach oben, presste sich die Handflächen gegen die Ohren und dämpfte das Kreischen, das für ihn wie eine monströs verstärkte, hochtourige Kreissäge klang. Abrupt endete es -
- nur um sich gleich darauf wieder durch seinen Kopf zu fräsen. Dieses Mal befand sich die Quelle noch näher bei ihm, war lauter und kaum zu dämpfen. Gepeinigt fuhr Eric herum - und sah sie.
Justine trug einen Kopfhörer, stand zehn Meter von ihm entfernt und absichtlich so, dass der Wind ihren Geruch von ihm weg wehte. Sie trug einen gelben Daunensteppmantel mit einem Schnitt, der modisch sein sollte, und rote Moonboots. Zwischen ihren geschminkten Lippen klemmte ein silbriger Gegenstand, und sie blies wieder mit vollen Backen hinein, während sie sich ihm näherte. Sie besaß ein sehr großes Lungenvolumen.
Dann blieb sie vor ihm stehen und nahm die Hundepfeife aus dem Mund. "Bonjour, mon frère." Sie grinste. "Bienvenue à Rome." Sie zog den Kopfhörer ab und strich sich mit aufreizender Gelassenheit durch die nackenlangen, blonden Haare.
Eric hatte das dringende Bedürfnis, ihr die Hundepfeife in den Hals zu schlagen. Er nahm die Hände von den Ohren und übersah die ausgestreckte Hand seiner Halbschwester. "Du bist ein Miststück."
"Erzähl mir etwas Neues", sagte sie und bedachte ihn mit einem spöttischen Ausdruck in den braunen Augen, die so sehr denen seines Vaters ähnelten. Er sah auf seine Uhr. Es blieben einundzwanzig Minuten. Einundzwanzig unerträgliche Minuten. "Was willst du?"
"Ich habe dich leiden sehen und dachte mir, ich leiste dir Gesellschaft, bis es dreiundzwanzig Uhr ist." Justine wandte sich zur Seite und betrachtete die Kuppel des Petersdoms. "Schau dir diese Pracht an, Eric. Gebäude wie diese, wuchtig, herrlich und mit einer Seele, werden heute nicht mehr gebaut."
"Wo ist Lena?"
"Das weiß nur der Orden, nicht ich."
"Und was willst du dann hier?"
"Lass dich überraschen, Eric." Sie hob die Hand und winkte zweimal.
"Was war das?"
"Ein Zeichen, dass es mir gut geht und von dir keine Gefahr droht." Justine zeigte auf seine rechte Achsel. "Die Waffe wirst du nicht mitnehmen können, ebenso wenig deinen Dolch." Sie griff in ihre Manteltasche, nahm eine Tasche heraus und öffnete sie. "Gib mir deine Waffen, Eric. Alle. Wir finden sie später bei der Kontrolle sowieso."
"Dann", gab er knurrend zurück, "behalte ich sie bis zur Kontrolle." Er schaute über die vielen Fenster der Gebäude rund um den Dom. Irgendwo dort, in einem der Zimmer, saß Justines Verbindungsmann und beobachtete sie. "Wenn ich dich niederschlage, ziehen sie dann das Treffen vor?"
"Wenn du dich irgendwie schnell bewegen solltest, solange ich in deiner Nähe bin, wirst du deinen Kopf verlieren. Ein Dutzend Silberkugeln, mitten durch den Schädel. Das würdest selbst du nicht überleben."
"Wenigstens müsste ich dein Geschwätz nicht mehr ertragen." Eric verspürte für wenige Augenblicke nicht übel Lust, die Worte seiner Halbschwester auf die Probe zu stellen. Was natürlich auch gewaltig schief gehen konnte. Stattdessen nahm er seine Brille ab und putzte sie an seinem Pullover. Eine klassische Übersprungshandlung.
Sie schwiegen sich an. Die Zeit verging quälend langsam. "Du wolltest aber nicht etwa damit andeuten, dass du zu dem Orden gehörst?", fragte Eric schließlich.
"Sehe ich aus wie eine Heilige, mon frère?" Sie fummelte sich eine Zigarette in den Mund und steckte sie an, blauer Qualm stieg in den Himmel. "Nein, die Hölle ist mir lieber. Da ist es wenigstens schön warm."
Acht Minuten.
"Gehen wir", sagte Justine, ging quer über den Platz und hielt auf die linke Seite der Kolonnadenkränze zu.
Eric steckte die Hände in die Manteltaschen und ließ den Blick noch einmal über den Platz, dann über die Fensterfronten schweifen. Für ihn sahen sie wie unzählige Augen aus, hinter denen wiederum unzählige Augen saßen und ihn beobachteten. Er fühlte sich unwohl wie selten in seinem Leben; schließlich folgte er Justine, die sich nicht einmal nach ihm umgedreht hatte.
Sie marschierte zu seiner Verwunderung vom Petersplatz hinunter und hielt auf ein Gebäude zu, das sich hinter den imposanten Säulengängen befand. Dort änderte sie erneut die Richtung und hielt wenig später neben der Fahrerseite eines verbeulten Fiats an, der natürlich im absoluten Halteverbot stand. Sie klopfte zweimal aufs Dach des Wagens. "Einsteigen. Ich fahre dich zu deinem Treffen."
Eric schüttelte missmutig den Kopf und zwängte sich ins Innere. Kaum saß er, beschleunigte Justine und fuhr mit quietschenden Reifen davon. Es war eine Kunst, bei dem wenigen Verkehr keine Lücke zu finden, Eric schob es daher auf die französischen Gene seiner Halbschwester: Sie setzte sich unmittelbar vor zwei aufeinander folgende Wagen und löste eine Huporgie aus, was sie mit gerecktem Mittelfinger und haufenweise Flüchen konterte.
"Das ist kein Stock-Car-Rennen", grollte Eric. "Pass auf."
Justine steuerte einhändig, verzichtete auf Blinker und Anschnallgurt, touchierte beim Abbiegen die Stoßstange des Vordermannes. "Ah, ich liebe Rom!", rief sie und zog an ihrer Kippe. "Es ist beinahe wie in Paris."
Eric gelang es nicht, das Gurtschloss einrasten zu lassen. "Wohin geht es?"
"Lass es. Das Ding ist kaputt", kommentierte sie seine Versuche. "Halt dich lieber am Armaturenbrett fest und nicht", sie zeigte auf den Griff am Wagendach über der Tür, "daran. Der ist auch kaputt." Sie bremste und zog wieder nach rechts. "Wir besuchen eine Außenstelle der Nonnen. Mehr darf ich dir nicht sagen."
Eric stemmte sich mit den Beinen gegen das Bodenblech und wartete darauf, dass es zu einem Unfall kam. Doch nichts passierte. Er wusste, woher er sein fahrerisches Talent hatte. Und offensichtlich hatte sein Vater es auch an Justine weitergegeben.
Sie brausten am Ufer des Tibers entlang, überquerten ihn, dann lenkte Justine den mit neuen Schrammen an der Stoßstange versehenen Fiat in ein enges Gassengewirr. Zwischen den Häusern schimmerten immer wieder die angestrahlten Mauern des Kolosseums auf.
In einer Seitenstraße, unmittelbar an einem Platz, hielt sie an und stieg aus. "Okay, den Rest laufen wir."
Eric flutschte mehr aus dem Fiat, als dass er ausstieg, befreite sich aus der Enge und besah sich die Schönheit des Viertels, in das sie ihn gebracht hatte. Er las auf einem halb verrosteten Straßenschild Via Madonna dei Monti und folgte Justine, die an kleinen Läden, Werkstätten und Cafés vorbeiging.
Im Sommer war es hier sicherlich wundervoll, aber im Winter und zu dieser Uhrzeit befand sich kein einziger Mensch mehr im Freien. Die altertümlichen Straßenlampen warfen ihr goldgelbes Licht auf das schiefe, unebene Pflaster und schufen die Illusion, sich in einem italienischen Dörfchen zu befinden und nicht in der Metropole Rom. Was er sah, gefiel ihm.
Vor einem Hauseingang, neben dem vier Klingelschilder aus der Zeit der fünfziger Jahre hingen, blieb sie stehen, nahm einen Schlüssel aus ihrer Tasche, sperrte die Tür auf und schnippte die x-te Kippe davon. "Mir nach", befahl sie und ging hinein.
Sie durchquerten einen kleinen Innenhof. Justine öffnete eine zweite Tür. Sie führte ihn durch die Räume, ohne Licht anzuschalten, stieg Treppen nach unten, wanderte mit ihm lange geradeaus, bis sie wieder Stufen hinaufkletterten.
Eric bemerkte sofort, dass sie sich in einem anderen Haus befanden, vermutlich im Stützpunkt der Schwesternschaft. Er hatte damit gerechnet, auf eine Vielzahl von Nonnen zu treffen oder wenigstens ein paar Klischees wie sphärenhaften Gesängen oder Unmengen von brennenden Kerzenleuchtern zu begegnen. Aber die Bewohner des Hauses lagen wohl ebenso friedlich schlafend in den Betten wie die gewöhnlichen Römer.
"Es wurde dafür gesorgt, dass wir ungesehen bleiben", sagte Justine. Sie verzichtete nach wie vor auf Licht, im Dunkeln ging es Korridore entlang, vorbei an hohen und an normalen Türen, an Bildern, die überall an den Wänden und in Nischen hingen; Heiligenstatuen starrten ihn aus toten Holzaugen an.
"Es ist wohl geglückt." Eric prägte sich ihren Weg genau ein, um ihn im Notfall allein laufen zu können. Seine gute Nase half ihm, er sicherte die Route mit Hilfe der verschiedenen, sehr signifikanten Gerüche, die in den einzelnen Abschnitten herrschten. Bohnerwachs, Steinpflegemittel, ein Hauch von altem Holz, Weihrauch, Schweiß.
Dann führte sie ihn in einen Raum, der Buntglasfenster auf der einen und eine Empore auf der anderen Seite besaß. Die Empore war mit verspiegelten Scheiben versehen worden, durch die man ungesehen beobachten konnte. Darüber hingen zwei Scheinwerfer sowie ein Lautsprecher.
Eric lachte auf. "Ist das eine Art vergrößerter Beichtstuhl?"
"Setz dich", bat ihn Justine und deutete auf den weißen, gepolsterten Stuhl in der Mitte. "Fühl dich wie zu Hause."
"Wo ist Lena?"
"Nein, Eric, so läuft das nicht. Man wird dir die Fragen stellen. Nicht umgekehrt." Sie nickte ihm zu, sammelte seine Waffen ein und entfernte sich von ihm bis zur Tür.
Eric blieb vorerst stehen, sah sich weiter um und entdeckte einen Gully in der Mitte des Raumes. Im Boden waren Eisenringe eingelassen. Es fiel ihm nicht schwer, sich vorzustellen, für was die Nonnen den Raum benutzen konnten, wenn sie wollten.
Die Scheinwerfer flammten auf und blendeten ihn mit ihrem kalten weißen Licht. Eric zog seine Sonnenbrille aus dem Mantel und tauschte seine herkömmliche dagegen aus. So ließ sich die Helligkeit gleich viel besser ertragen.
"Guten Tag, Herr von Kastell", hörte er eine Frauenstimme aus dem Lautsprecher dringen. "Es freut mich, dass Sie der Einladung gefolgt sind."
"Einladung würde ich es nicht nennen", antwortete er. "Es war wohl eher eine Erpressung."
"Das verstehe ich nicht, Herr von Kastell. Wir baten Sie nach Rom, um mit Ihnen zu sprechen. Nicht mehr und nicht weniger."
Eric sah zum Ausgang, wo er Justines Umrisse erkannte. "Dann hat sich Ihre Botin wohl nicht ganz richtig ausgedrückt."
Sie grinste ihn an und winkte ihm verstohlen. Natürlich hatte sie eine absichtlich dramatischere Form der Einladung gewählt, als es vom Orden beabsichtigt gewesen war. Miststück.
"Sie haben Lena?"
"Herr von Kastell, lassen Sie uns zunächst ein paar Dinge klären, ehe wir alles Weitere erörtern. Justine sagte uns, dass Sie sich mit verschiedenen Feinden angelegt haben, die auch zu unseren Gegnern gehören: die Lycaoniten und der Orden des Lycáon."
"Das ist korrekt. Noch korrekter wäre es zu sagen, dass sich die beiden mit mir angelegt haben." Eric blieb gelassen und fuhr sich langsam durch die schwarzen Haare. "Wir sind aneinander geraten, als es um die Bestie ging."
"Die auch wir verfolgt haben - um dann auf Sie zu stoßen", ergänzte die weibliche Lautsprecherstimme.
Eric ahnte, was gleich folgen sollte. "Hören Sie, der Tod dieser Nonne … Schwester Ignatia … war ein Unfall. Ich hätte sie niemals getötet." Er hob die Arme. "Wozu auch? Ihr Tod brachte mir nichts, außer Scherereien und eine hastige Abreise aus Kroatien." Er rutschte in den Lehnstuhl und fand ihn erstaunlich bequem. "Ich bedauere ihren Tod. Mehr kann ich nicht sagen."
Dieses Mal herrschte längeres Schweigen. Eric vermutete, dass gerade heftigst über seine Worte diskutiert wurde.
"Sie sind eine Kreatur der Dunkelheit, ist das richtig?", wurde er gefragt.
"Nein, ich bin kein Vampir." Eric schob die Sonnenbrille mit zwei Fingern seiner linken Hand weiter nach oben und musste grinsen. Kreatur der Dunkelheit klang furchtbar theatralisch. Warum nicht einfach Werwolf?
"Sie tragen den gleichen Keim in sich wie die Bestie", präzisierte die Frau. "Stimmt das?"
"Hat Justine das behauptet?"
"Antworten Sie, Herr von Kastell!"
"Das tut nichts zur Sache. Ich will Lena …"
"Sie wurde von der Bestie verletzt, Herr von Kastell. Sie ist ebenso infiziert wie Sie", fiel sie ihm ins Wort. "Aus diesem Grund haben wir sie eingesperrt. Sie ist zu gefährlich."
"Dann erklären Sie mir, warum Justine frei herumlaufen darf." Erics Ungeduld stieg. Er sog die Luft ein, suchte nach Lenas Geruch und bekam lediglich die Witterung von verschiedenen Frauen in die Nase. Die kaum merkliche Duftspur führte nach oben, zu den verspiegelten Fenstern.
"Das werde ich sicherlich nicht, Herr von Kastell. Kommen wir zu unseren gemeinsamen Feinden: Der Welpe wurde uns gestohlen."
Eric fluchte. "Sie sollten diese Arbeit Menschen überlassen, die nicht daran glauben, dass das Wort mächtiger ist als das Schwert."
"Aus diesem Grund haben wir uns an Sie gewandt. Ich möchte …"
Er hob den Kopf und schaute zur Empore. "Ich sage gar nichts mehr, wenn Sie nicht von Ihrer kleinen Kanzel steigen und von Angesicht zu Angesicht mit mir sprechen. Es wäre nur gerecht."
Wieder dauerte es lange, bis sich etwas tat, dann öffneten sich die Türen zum Raum und eine Abordnung Nonnen marschierte herein.
Vorneweg ging eine hoch gewachsene Frau mit graubraunen Augen, deren Blicke eine unglaubliche Energie verströmten. Er schätzte sie auf Anfang vierzig. Sie lief aufrecht und selbstbewusst und zeigte Eric gegenüber keine Angst. Als er ihren Geruch aufnahm, bemerkte er - im Gegensatz zu einigen anderen - tatsächlich keine Spur von Furcht. Ihr schwarzer Habit verlieh ihr sogar etwas Bedrohliches und schuf einen eindrucksvollen Gegensatz zu Erics hellem Outfit.
Hinter ihr folgten weitere Nonnen, darunter auch Schwester Emanuela, die ihm hasserfüllte Blicke zuwarf. An ihr musste der Glaubenssatz der Vergebung wohl vorbeigegangen sein.
"Hier bin ich, Herr von Kastell. Ich bin Oberin Faustitia und stehe unserem Orden vor, der Gemeinschaft der Schwestern vom Blute Christi." Sie streckte ihm die Hand entgegen.
Er stand auf, und zögernd schlug er ein. Sofort zuckte ihr linker Arm blitzschnell nach vorn, ihre Hand schlüpfte unter den Ärmel seines Mantels und berührte ungeschütztes Fleisch.
Ein heißer Schmerz stach in seinen Arm!
Aufschreiend sprang Eric einen Schritt zurück und funkelte die Oberin an: An ihrem Mittelfinger prangte ein großer, schwerer Siegelring aus Silber. Ein dunkles Grollen stieg aus seiner Kehle.
Faustitia lächelte wissend, wie eine Königin. "Sie sehen, es gibt verschiedene Wege, um die Wahrheit zu erfahren."
"Tun Sie das nie wieder."
Sie musterte sein wütendes Gesicht. "Ich verzeihe Ihnen, Herr von Kastell. Es ist die Bestie in Ihnen, die sich wehrt, nicht der Mensch. Lena ergeht es genauso, aber sie wird bald auf dem Weg der Besserung sein."
"Welche Medikamente benutzen Sie, um sie ruhig zu stellen?"
Sie hob die Hand. "Eins nach dem anderen. Zuerst reden wir über unser gemeinsames Anliegen. Glücklicherweise haben Sie sich - auch wenn Ihre Seele in höchster Gefahr schwebt - entschlossen, dem Guten zu dienen. Wir benötigen Ihre Hilfe, um den Nachwuchs der Bestien zu finden und aus den Händen der Entführer zu reißen."
"Um was damit zu tun?"
"Den Welpen zu heilen."
"Und wieso nicht töten?"
"Jede Kreatur verdient die Chance auf eine Heilung, und gerade die Welpen sind die unschuldigsten unter ihnen, bevor sie wachsen und zu einer Gefahr für die Menschheit werden, Herr von Kastell." Faustitia sagte es mitleidig. "Es bereitet uns keine Freude, die Kreaturen zu vernichten, aber es muss in besonderen Notfällen getan werden. Das Werkzeug des Teufels darf nicht bestehen und noch mehr Böses in die Welt setzen."
"Da stimme ich Ihnen zu. Aber wie ist Ihnen der Welpe denn abhanden gekommen?" Eric verzichtete darauf, eine religiöse Diskussion zu beginnen. Sie teilten einige Ziele, also konnte man auf diesem kleinsten gemeinsamen Nenner zusammenarbeiten. "Oder noch besser: Wie haben Sie ihn überhaupt bekommen?" Er erinnerte sich an das brennende Hubschrauberwrack und den Toten, in dessen Hand er den Griff der Transportbox des Welpen gefunden hatte.
"Ich hatte ihn beinahe in meinen Händen, nachdem der Hubschrauber abgestürzt war", sagte Schwester Emanuela. "Ich folgte Ihren Spuren, ich kam an den Platz, an dem Sie lagen, und sah, wie die Männer plötzlich angegriffen wurden. Ich weiß nicht, von wem, aber sie waren in der Überzahl. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich zu verstecken und zu beobachten." Sie starrte Eric feindselig an. "Der Hubschrauber befand sich schon mehrere Meter über dem Boden, als ihn eine Granate ins Cockpit traf und er in den Wald stürzte. Ein paar Bewaffnete lieferten sich ein Feuergefecht mit den Überlebenden, und ich schlich zum Wrack, um die Box zu stehlen." Sie senkte den Blick. "Aber es gelang mir nicht. Zwei Meter war ich von dem Toten entfernt, der die Box hielt, da sprang ein Maskierter an mir vorbei und nahm sich den Käfig. Ich bekam einen Schlag gegen den Kopf und wurde erst viel später von der Suchmannschaft gefunden." Sie schaute kurz zu Eric. "Ich habe gedacht, dass Sie tot seien. Und der Herr möge mir verzeihen: Der Gedanke erfreute mich."
Faustitia sah sie tadelnd an, aber sie hielt dem Blick stand. Emanuela schämte sich nicht für ihre Gefühle.
"Ich verstehe das. Der Orden nennt sich schließlich nicht Schwestern der Barmherzigkeit", meinte Eric. "Gibt es ansonsten irgendwelche Hinweise auf die Herkunft der Angreifer?"
Emanuela zuckte mit den Schultern.
"Welche Sprache haben sie gesprochen?"
"Ich habe nichts gehört."
Eric hatte den Eindruck, dass Emanuela sich absichtlich nicht erinnerte. Das wiederum bedeutete, dass er noch einmal nach Kroatien musste, um vor Ort nach den Fremden zu fahnden. Es sei denn, es fiel ihm etwas Besseres ein. Vermutlich hatte die kroatische Polizei noch Fragen an ihn zu den Vorgängen in den Hotels. Darauf konnte er nun wirklich verzichten. "Das macht die Angelegenheit nicht wirklich einfacher für mich."
"Wir arbeiten zusammen, Herr von Kastell", schaltete sich Faustitia ein. "Wir besorgen Ihnen zusätzliche Informationen, Sie kümmern sich um den Welpen, sobald wir die Hintermänner ausfindig gemacht haben. Sie werden ihn zu uns bringen."
"Und danach töten Sie mich?" Eric sprach absichtlich ruhig.
"Nein. Ich sagte es schon einmal: Für Menschen wie Sie und Ihre Freundin Lena gibt es Heilung."
"Mein Vater hat viele Jahre damit zugebracht, an einer Formel zu arbeiten, die …"
Faustitia unterbrach ihn. "… den Fluch brechen kann? Glauben Sie mir, Herr von Kastell, was Sie und die Bestien in sich tragen, ist zu alt und zu stark, als dass man ihm mit etwas beikommen könnte, das wie die moderne Wissenschaft nichts weiter als eine Entwicklung der Menschen ist. Vergessen Sie all die Märchen über Formeln oder abstruse Rezepte gegen Lykanthrophie." Ihr Lächeln wurde beinahe arrogant. "Nein, Herr von Kastell. Auf so etwas lässt sich unser Orden nicht ein. Wir haben Besseres."
"Und es wirkt?" Eric war alles andere als überzeugt.
"Das werden Sie bald Ihre Freundin fragen können. Lena wird die Behandlung erfahren und wieder als eine freie, reine Seele durch Gottes Welt ziehen."
Eric begriff nach einem langen Blick in Faustitias Gesicht, dass sie nicht bluffte. Was, wenn sie Recht hatte? Wenn ein normales Leben für ihn plötzlich zum Greifen nah war, ein Leben ohne Betäubungsmittel und das Geheimnis in seinem Blut, seinem Leib und seinen Gedanken. Das machte ihm unerwarteterweise Angst. "Erst bringen wir den letzten Welpen zur Strecke", sagte er schnell. "Dazu brauche ich das, was Sie mir nehmen wollen."
"Ich höre die Stimme des Bösen in Ihnen, Herr von Kastell. Sie ruft um Hilfe, fleht um Gnade und bettelt um ihr Leben." Faustitia wusste anscheinend genau, was in ihm vorging. "Aber glauben Sie mir: Sie werden sich nach Ihrer Heilung unendlich erleichtert und frei fühlen. Es wird der Lohn Jesu für Ihre guten Taten sein." Sie schaute auf ihre Uhr. "Es ist spät geworden. Wir reden morgen weiter. Justine wird Sie in ein Hotel bringen und Sie morgen um neun Uhr von dort abholen. Wir treffen uns auf dem Camposanto Teutonico." Sie nickte ihm zu und verschwand zusammen mit ihrem Gefolge aus dem Audienzsaal.
Eric setzte sich auf den Stuhl und sah ihnen nach, bis sich Justine in sein Blickfeld schob. Er schaute an ihrer Daunenjacke hoch. "Miststück."
Sie grinste....

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