NEUES
HOORAY -
DIE MEISTERIN 2
DOORS Staffel2 "Vorsehung"


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24.12.2018 14:41 Age: 148 days

Eine Weihnachtsgeschichte...

... also, so ähnlich.


Eine Weihnachtsgeschichte. Unlektoriert. Aber kostenlos.

Melanie folgte der unverfehlbaren Spur aus dünnen, bunten Aluminiumfolien, die über den Boden verteilt lagen und aus der Küche ins Kinderzimmer führte. Obwohl sich darin ihr neunjähriger Sohn Torben und seine zwei Freunde Nils und Sebastian befanden, war es verdächtig still.
Der Aufdruck auf den zerknüllten Folien zeigte zerknautschte Rentiere, den geknüllten Nikolaus, das deformierte Christkind, zerdrückte Tannenbäume, kurz alles, was man in einem Adventskalender fand. Aber ausgepackt.
Ungewöhnlich war jedoch, dass sich der Inhalt verflüchtigt hatte. Am 1. Dezember.
Melanie sah in das Kinderzimmer, in dem sich die drei Jungs gerade die letzten Schokostückchen in den Mund stopften, die Wangen dick wie die eines Hamsters. „Das bringt euch jetzt auch nichts mehr“, lautete der vernichtende Kommentar. Mit dem rechten Fuß bugsierte sie in paar von den Folien in den Raum, die wie zu schwere Schneeflocken auf den Häuptern der Täter landeten. „Was sollte das, ihr Räuber?“
„Die haben im Fernsehen gesagt, dass die Schokolade schlecht ist“, begann Nils.
„Und dass man die lieber probieren soll“, unterstützte ihn Sebastian.
„Haben wir gemacht, Mama“, schloss Torben die Begründung ab und hob den Daumen. „Ist okay gewesen. Können wir nochmal kaufen.“
Melanie kreuzte die Arme unter der Brust und sah die kauenden, schlingenden Jungs einen nach dem anderen an; ihre Mundwinkel wanderten nach unten. „Ich habe euch echt gerne. Das tut mir leid.“
„Was denn, Mama?“
„Dass ihr jetzt dem Fluch zum Opfer fallen werdet.“ Sie zeigte einmal mit der Hand im Kreis über die Gesichter der Freunde. „Alle.“
„Was? Hey, Frau Müllersen! Was denn für ein Fluch?“, wollte Nils beunruhigt wissen und wischte sich die Alufolie vom Haar.
„Mama veräppelt uns nur“, schwächte Torben ab.
„Nee, tue ich nicht.“ Melanie seufzte.
„Davon habe ich noch nie gehört. Ein Weihnachtsfluch“, warf Sebastian ein und rieb sich Schokoflecken aus den Mundwinkeln.
„Nur wenn Opa nicht schnell genug seinen Punsch bekommt. Dann flucht er“, half Nils aus. Sebastian schaute verunsichert drein. Er war nachdenklich geworden. „Das denken Sie sich doch nur aus, Frau Müllersen.“
Melanie sah sie mitleidig an. „Ach, ihr wart sooo nett.“ Sie tat so, als unterdrückte sie ein Weinen und hielt sich die Hand vors Gesicht, damit die Kinder das Lachen nicht sahen. „Hätte ich euch die Geschichte doch früher erzählt.“ Sie lächelte Torben wehmütig an. „Wir werden dich nie vergessen, mein Sohn. Versprochen.“
Die drei Jungs wechselten rasche Blicke, Nervosität breitet sich aus.
Bis Nils das Unvermeidliche sagte: „Was denn für eine Geschichte?“
Melanie lehnte sich an den Rahmen und tat noch immer so, als ränge sie mit der Fassung. „Die Geschichte von den Kindern, die ihren Adventskalender zu früh leeraßen …“

„…Vor nicht allzu langer Zeit waren Thomas, Lily, Oliver und Mandy allein zu Hause und veranstalteten eine Pyjama-Party.
Da wurde Oliver langweilig und sagte: „Ich wette, dass sich keiner von euch traut, mir dabei zu helfen, den Adventskalender im Wohnzimmer leer zu essen. Komplett. Weil ihr alle Feiglinge seid.“
Thomas, Lily und Mandy schauten sich an. Es klang verlockend, war aber nicht rechtens.
„Mama hat den auf einem Weihnachtsmarkt gekauft. Der ist für Oma“, warf Lily ein. „Das ist doch was ganz Besonderes!“
„Was ist denn das für eine bescheuerte Mutprobe?“, sagte Thomas.
„Es ist
mehr als eine Mutprobe. Wenn man den Adventskalender noch am ersten Tag leer isst, bekommt man alle Geschenke, die man sich wünscht“, erklärte Oliver überlegen und senkte seine Stimme dramatisch. „Aber man darf nicht einen Krümel übriglassen.“ „So ein Quatsch“, murmelte Thomas.
Doch Lily und Mandy wünschten sich sogleich die größten, schönsten Dinge, nur um herauszufinden, ob es stimmte.
„Und wie erklären wir, dass der Kalender leer ist?“ Thomas gab nicht auf.
„Dann waren eben Einbrecher da und haben ihn gestohlen“, erwiderte Oliver leichthin. „Oder euer Hund hat es gefressen. Es wird uns schon was einfallen.“ Er sah die Mädchen mit festem Blick an. „Denkt an die Geschenke!“
So geschah es, dass die vier die Türchen öffneten und verbotenerweise alles in die Münder stopften, was sie darin fanden: Schokolade, Nüsse, Mandarinen, noch mehr Schokolade und noch mehr Kekse.
Aber so sehr sich mühten, es schien kein Ende zu nehmen. Die trockenen Plätzchen blieben im Hals stecken, die Schokolade wurde immer härter, die Nüsse schmeckten ranzig, die Mandarinen widerlich faulig.
Mandy, Lily und Thomas wollten aufgeben, weil es ihnen seltsam vorkam. Es ging nicht mit rechten Dingen zu.
„Nein, nicht aufhören“, rief Oliver entsetzt. „Wir schaffen es!“ „Dann bekomme ich eben nicht mein Geschenk“, sagte Mandy und spuckte den Keksklumpen aus. „Ich kann nicht mehr.“
„Aber dann erscheint das Adventsmonstrum und frisst uns“, heulte Oliver und würgte das Mandarinenstück hinab. „Entweder man isst den Kalender leer oder der Krampus fegt herein.“
„Du Idiot!“, schrie ihn Lily an und schlug ihm auf die Nase, dass sie blutete. „Davon hast du nichts gesagt!“
Ihr wolltet doch die Geschenke unbedingt.“ Oliver riss das nächste Türchen auf und fand einen Marzipanklumpen, der gefühlt ein Kilogramm in seiner Hand wog. „Esst! Los, esst, oder wir sterben.“
Wie die Mäuse fielen die vier Kinder über die Fächer her.
Doch es wollte keinem mehr gelingen, auch nur ein Fitzelchen hinunterzuschlingen. Sogar die 24 blieb unangetastet.
„Noch ein Plätzchen, und ich kotze“, ächzte Thomas.
„Noch ein Stück Marzipan, und ich falle ins Koma“, jammerte Mandy.
„Noch einen…“, setzte Oliver an, da hörten sie das laute Heulen vor dem Haus.
„Das … das ist der Krampus“, wisperte Lily mit großen Augen. Sie rutschte näher zu ihren Freunden. „Er kommt, um uns zu holen!“
Thomas stand auf und nahm Oliver am Arm, riss ihn in die Höhe und stieß ihn durch das offene Verandafenster hinaus in den verschneiten Garten. „Krampus! Höre mich! Der da hat den Vorschlag gemacht und uns nicht gesagt, was es damit auf sich hat. Nimm ihn, aber verschone uns.“
„Bist du verrückt?“ Oliver stand schlotternd im Pyjama im Weiß und starrte in die dunklen Tannen hinter dem Haus. Sie rauschten und wogten und bogen sich und hielten die Finsternis, während hoch am Himmel der volle Mond stand. „Du kannst mich doch nicht dem Monster zum Fraß vorwerfen!“
„Du bist selbst schuld.“ Thomas zitterte vor Angst und Kälte. „Krampus, hast du gehört? Wir wurden von diesem Kerl betrogen!“
Lautes Dröhnen von dunklen Kuhglocken erklang aus der Dunkelheit, begleitet von einem höhnischen Lachen und einem Schnauben wie von einem riesigen wütenden Stier. „So habt ihr es gewagt: Geschenke oder Fluch!“ Rumpelnd und krachend bogen sich die mächtigen Stämme, um dem Krampus Platz zu machen. Drei Meter hoch ragte seine Silhouette empor, die gedrehten Bockshörner schwangen sich tödlichen Gabeln gleich in die Höhe. Feurig wie Kohlen brannten seine Augen im hässlichen Schädel. „Versagt habt ihr und seid beim Fluch gelandet, ihr törichten Wichte!“
Oliver wollte zurück ins Haus, aber Thomas schlug ihm die Tür vor der Nase zu. „Bitte“, quiekte er und trommelte mit den Fäustchen gegen die Scheiben. Aber das Glas hielt. „Ich will nicht …“
Ein dunkler Schatten fiel über ihn. Im nächsten Moment wurde Oliver davon gerissen, während sich die Tür prasselnd und platschend mit seinem sprühendem Blut färbte. Mandy und Lily schrien vor Entsetzen.
Thomas wankte zurück, die Augen auf die Scheibe gerichtet.
Das Reißen und Krachen von draußen stammte vom Malmen, mit dem der Krampus Oliver verschlang. Ihn störte auch die süße Füllung nicht. Sie hörten das genießende „Mhhhh…“ der dämonischen Kreatur.
Danach wurde es totenstill. Nicht einen Mucks hörten die drei Freunde mehr.
„Er hat dir geglaubt“, flüsterte Lily erleichtert. „Er hat dir geglaubt, dass Oliver uns anstiftete.“ Mandy weinte vor Erleichterung.
„Ihr Kinderlein“, tönte es unvermittelt laut und hohl durch den Kamin wie aus den tiefsten Schlünden der Hölle. „Ich behalte euch im Auge. Jedes Jahr in der Weihnachtszeit sitze ich im Verborgenen und beobachte ich euch. Noch
eine Verfehlung, noch eine Sache, die meinen Ärger hervorruft, und ich komm und hole euch!“
Mit lautem Splittern und Krachen flog die Tür zum Garten auf, und der Wind fegte den losen Schnee herein. Eine grausige Gestalt mit Fratzengesicht und Klauenhänden, mit Zottelfell und blutigen Reißzähnen starrte zu ihnen aus rotleuchtenden Augen herein. Mandy, Lily und Thomas kreischten erneut auf und klammerten sich aneinander.
„Nicht
eine Verfehlung, nicht eine Gemeinheit wird mir entgehen“, brüllte der Krampus und stampfte mit seinem Ziegenfuß auf. Er streckte einen Arm aus, und in den rottriefenden Fingern hielt er den abgerissenen Kopf von Oliver, aus dessen Stumpf das letzte Blut troff. „Vergesst niemals, was ich vermag, Kinderlein.“
Der Krampus wandte sich ab und ging mit langsamen, stampfenden Schritten auf den schwarzen Wald zu.
Der Boden dröhnte unter seinen Hufen, und Olivers abgerissener Schädel zog eine Spur aus roten Pünktchen über den weißen Schnee hinter sich her.
Kurz, bevor das Wesen zwischen den Tannen verschwand, aß er den Kopf des Jungen wie andere einen Apfel verspeisten und lachte grausam.
Dann verschmolz er mit der Dunkelheit…“

Im Kinderzimmer herrschte betroffenes Schweigen.
Zufrieden mit der Wirkung, sah Melanie zu Nils, Sebastian und Torben. „Bis heute sind es sehr folgsame nette Menschen, und sie haben sich in sozialen Berufen engagiert. Denn sie fürchten sich vor dem Krampus. Und das alles nur“, sie pustete und noch mehr leere Alufolien wirbelten um die Jungs, „weil sie den Adventskalender unbedingt früher leer essen wollten.“
Nils schluckte und lief weiß an. Er stand kurz davor, sich zu übergeben.
„Aber Frau Müllersen, wir haben doch
alles gegessen. Wir bekommen doch jetzt unsere Geschenke“, erkannte Sebastian sofort die Schwachstelle. „Der Krampus kann mich mal!“
Melanie reckte den rechten Arm und öffnete die Hand. Darin lag ein verpacktes Schokoladenlamm. „
Das habt ihr übersehen. Und jetzt ist es zu spät.“
Im gleichen Moment erklangen von weiter Ferne dunkle Kuhglocken, gefolgt von teuflischem, tiefen Lachen und Gekreische, als wäre eine Horde Dämonen gelandet.
„Oh, scheiße“, flüsterte Torben. „Mama, das wussten wir nicht!“
Sie warf ihm das eingepackte Schokolamm zu. „Ich empfehle euch, nett und folgsam zu sein, Freunde. Sonst wird es das letzte Weihnachten. Und ich würde euch sehr vermissen.“ Schnell drehte sich Melanie um, damit sie leise in sich hineinlachen konnte, das Beben ihrer Schultern sollten sie ruhig als Weinen verstehen.
Als sie sich wegbewegte, blieb es still im Zimmer. Die Betroffenheit hatte gewonnen.
Sie kam am Wohnzimmer vorbei, wo ihr Mann Rudi gerade einen folkloristischen Bericht über den Perchtenlauf im Alpenraum schaute, bei dem die Läufer in Scheusalverkleidung und mit Glocken behängt umhersprangen. Es hatte perfekt zur Geschichte gepasst.
„Ich mach Abendessen. Irgendwelche Wünsche?“
„Nein. Schnittchen reichen.“ Er warf ihr einen Blick zu und lächelte, dann widmete er sich wieder dem Bericht. „Haben die Jungs den ganzen Kalender vernichtet?“
„Haben sie.“ „Hast du sie ausgeschimpft?“
„Ich habe ihnen die Geschichte erzählt.“
„Die vom Krampus?“ Rudi lachte.
„Ja. Und die Kids ein bisschen reingelegt.“ Melanie begann mit den Vorbereitungen. „Sie hatten den Kalender leer gegessen, aber ich habe sie im Glauben gelassen, sie hätten ein Stück vergessen. Du hättest ihre Gesichter sehen sollen!“ Sie lachte leise. „Das war fies. Aber gut.“
„Mann, die ist einfach zu gruselig.“ Er schaltete den Fernseher leise. „Als du die mir zum ersten Mal erzählt hast, ist mir anders geworden.“ Rudi überlegte. „Wie war das: Die hat dir deine Oma erzählt, als du versucht hast, den Kalender zu plündern, richtig?“
Das Dröhnen und Scheppern der Glocken war wieder lauter geworden.
Rudi drückte auf der Fernbedienung herum, aber genau das Gegenteil geschah: Das Gekreisch der Perchtenläufer schwoll an, mischte sich mit den Schreien der Besucher des Umzugs, die von den Maskierten zum Spaß mit leichten Schlägen bedacht wurden.
„Scheiß Ding.“ Er schaltete den Fernseher ab – doch die seltsamen Laute blieben.
Und kamen aus der Küche.
„Melanie!“ Rudi sprang von der Couch auf und rannte in den angrenzenden Raum.
Von seiner Frau fehlte jede Spur.
Das Fenster war eingedrückt, als habe sich ein Monstrum den Weg hereingebahnt. Lange Kratzspuren an der Decke sprachen für immense Hörner, und die Küche selbst war voller Blut. Die Spritzer hafteten an den Wänden, auf dem Herd, auf der Arbeitsplatte, einfach überall.
In der roten Lache auf dem Boden fand er einige Haarsträhnen, die zu seiner Frau gehörten. Und woher das grobe Fell am gesplitterten Glas der Fenster stammte, ahnte Rudi: Eine Gemeinheit zu viel.

Schöne Festtage! Ach ja, diese und andere fiese Geschichten kommen vermutlich in der Anthologie “Der Tannenbaum des Todes” raus. Werdet ihr dann 2019 sehen...