novellistisch-satirische Streitschrift

 von Markus Heitz - auch wenn man so etwas von dem Fantasytypen niemals erwartet hätte

 

Kommando Flächenbrand

oder auch

Militante Kabarettisten

 -Eine Anleitung zur modernen Revolution -

 

„Es ist nicht deine Schuld,

dass die Welt ist, wie sie ist.

Es wär nur deine Schuld,

wenn sie so bleibt.“

Deine Schuld, Die Ärzte

 

 

Das ist eine Streitschrift.

Eigentlich eine novellistisch-satirische Streitschrift.

Literarische Gattungen sollten erweitert werden, man muss nicht alles den Klassikern überlassen.

 

Es ist eine Streitschrift gegen das System, das eine „unerhörte Begebenheit“ an sich darstellt.

Gegen die Korruption in Vorständen und politischen Gremien.

Für das Nachdenken.

 

Für eine Veränderung!

 

Aber nicht gegen Deutschland und schon gar nicht gegen die Demokratie!!!

…da muss ich natürlich schreiben, damit mich der Verfassungsschutz in Ruhe lässt.

Dabei sollte er lieber die Politiker im Auge behalten, die sich oftmals ganz und gar nicht demokratisch verhalten.

Oder die versteckten und offenen Nazis.

Weiten wir das Spektrum auf alle Extremen aus, auf alle Fanatiker.

Kurzum, ich konstatiere laut und deutlich: Demokratie an sich ist was Schönes. Basta.

Leider haben wir keine echte in Deutschland, die Beweisführung kommt gleich.

 

Der Verfasser des Buches distanziert sich von den Aussagen der imaginären Personen. Sie stellen nicht die Meinung des Verfassers dar und sind vermutlich auch nicht immer korrekt, dafür äußerst überspitzt und pointiert. Macht aber nichts.

 

Alle Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen mit lebenden, toten und imaginären Personen in der novellistisch-satirischen Streitschrift sind rein zufällig.

 

! WARNUNG !

 

Der Weg, den die Mitglieder von Kommando Flächenbrand einschlagen, ist nicht zur Nachahmung empfohlen, da sie

1. gegen Gesetze verstoßen,

2. mit Sprengstoff hantieren und

3. Schusswaffen zum Einsatz bringen. (Tiere werden dabei nicht verletzt.)

 

Ich weise vorher darauf hin, um die Leserinnen und Leser zu warnen, die ähnlich empfinden wie die Mitglieder von Kommando Flächenbrand: Nehmen Sie sie um Gottes Willen nicht zum Vorbild!!!

Manche gewaltfreie Einzelaktion könnte Ihnen Schlagzeilen und Sympathien bringen. Dennoch rate ich davon ab.

Falls es keine Gottheiten in Ihrem Leben gibt und Sie sich an „um Gottes Willen“ gestört haben, sage ich einfach: Bloß nicht nachmachen.

 

Meinen tiefsten Dank an die beste Band der Welt, Die Ärzte, die mit ihrem Song „Deine Schuld“ öfter gespielt werden sollten.

Wo sie Recht haben, haben sie Recht.

 

Kapitel I.: Schnauze voll!

 

 

Internet-Chat Logg aus dem Forum „Deutschland – was tun?“

Auszug aus der Ermittlungsakte des Verfassungsschutzes zu „Kommando Flächenbrand“

Teilnehmer:    Flächenbrand,

Gründervater,

Freiherrin.

Personen und Aufenthaltsorte bekannt, siehe Anhang.

 

 

Flächenbrand: Ihr seid alles Sülzer! Die Idee der RAF, ein neues System in Deutschland zu etablieren, war gut. Aber sie ging es falsch an.

Gründervater: Ho, wir haben einen kleinen Revolutionär bei uns. Na, überhaupt schon mal gegen irgendwas demonstriert oder nur am Fernsehen zugeschaut?

Flächenbrand: Du warst bestimmt bei jedem Sit-In gegen Castor-Transporte dabei und wunderst dich, warum die Züge trotzdem rollen. Nimmt dich etwa keiner ernst, du Armer? Oh, und ich wette, du gehst trotzdem jeden Morgen zur Arbeit.

Freiherrin: Hähähähä, das saß.

Gründervater: Nein, ich bin arbeitslos.

Flächenbrand: Wie lange?

Gründervater: Seit drei Jahren.

Flächenbrand: Verstehe. Du hast also in drei Jahren keinen Job gefunden, in dem du Geld verdienen kannst, richtig? Was hast du gelernt: Krokodilarzt? Da wäre es echt schwer, eine Stelle zu bekommen.

Gründervater: Schlosser, du Arschloch! Versuch du mal, als Schlosser unterzukommen…

Flächenbrand: Okay, Schlosser. Du zeigst deine Systemverdrossenheit, indem du Zuhause sitzt und flennst, deine Frau anscheißt und Playstation spielst, bis sie durchsagen, wann der nächste Castor kommt. Super. DAS nenne ich System-Handlanger!

Freiherrin: Boah, der Flächenbrand hat einen Rhetorik-Kurs gemacht!

Gründervater: Ich zeige wenigstens, dass ich dagegen bin.

Flächenbrand: Gegen was? Gegen Atomkraft? Gegen die Einlagerung allgemein? Gegen die Einlagerung in Deutschland? Dein Strom kommt vermutlich aus deinem eigenen Stromaggregat, betrieben mit Biodiesel aus fairem Handel …

Freiherrin: Flächenbrand ist witzig!!!

Gründervater: Finde ich nicht. Er ist ein nichtstuender Besserwisser.

Flächenbrand: Da täuschst du dich. Bald bin ich ein Bessermacher. Denkt an mich.

Freiherrin: JETZT bin ich neugierig geworden. Planst du was?

Flächenbrand: Klar. Ich sprenge den Reichstag und kündige das hier groß im Internet an, was? Nein, ich habe was anderes vor.

Gründervater: Nicht lange rumgeheimnissen, sondern Karten auf den Tisch!

Flächenbrand: Ich suche noch Leute, die mitmachen. Gemeinsam gegen das System. Wie ist das?

Freiherrin: Schade. Bis eben fand ich seine Beiträge cool. Aber jetzt klingt er nach Pseudo-Sponti und RAF-Imitator…

Gründervater: Komisch, bei mir ist es genau umgekehrt. Ich will sehen, was er vorhat. Mich anmaulen, aber selbst nix hinbekommen und so tun als ob.

Flächenbrand: Dann lade ich doch mal zum konspirativen Treffen. Sagen wir in zwei Tagen, 13 Uhr, im Hagenbeck. Vor dem Löwengehege. Kommt alleine und unbewaffnet.

Freiherrin: War klar, dass er das sagt….

Flächenbrand: Das Erkennungszeichen ist eine Aldi-Tüte als Zeichen für unsere Volksnähe.

Freiherrin: Okay, er ist immer noch witzig.

 

 

***

 

 

Es roch nach frischem Toast und gepresstem Orangensaft, der Duft von Kaffee schmuggelte sich darunter; aus den versteckt angebrachten Boxen in den vier Ecken des Frühstückraums erklang ein leises, unaufregendes Beatles-Medley.

Der perfekte Morgen. Für einen Montag.

„Im Grunde“, sagte Tim und sah seinen Vater über den Rand der Morgenzeitung hinweg an, „habe ich die Schnauze voll.“

„So, hast du das?“ Uwe Erich Friedrich Grandmann, Vorstandsvorsitzender eines sehr gut laufenden Immobilienunternehmens, hielt mit dem Schlag, der das Ei köpfen sollte, nicht inne. Er enthauptete es und legte die Oberseite an den Rand des Tellers. Ihm ging es wie immer in seinem Leben ums Gelbe vom Ei. „Von was genau? Dieses Mal?“

„Allem.“ Tim faltete die Zeitung zusammen. „Was ich heute wieder gelesen habe, bringt mich fast zum Kotzen.“

„Solange es nicht der Kaviar ist. Der war teuer.“ Uwe räusperte sich und sah über den Glasrand seiner randlosen Brille. Natürlich besaß auch eine randlose Brille einen Rand, aber eben keinen aus Metall. Dennoch war der Ausdruck randlos falsch, doch das fiel ihm nur nebenbei ein. „Wird das wieder einer deiner Monologe gegen die Verhältnisse in Deutschland?“ Er würzte das Ei mit Salz und Pfeffer, öffnete die Kaviardose und gab einige schwarze Perlen obenauf. Schlicht und deluxe zugleich.

„Nein. Du würdest eh nicht zuhören.“ Tim, 28 Jahre, erfolgreicher BWL-Absolvent und Inhaber eines Doktortitels in Sachen Betriebsmanagement, goss sich Tee ein. „Du hast dich mit deinen 54 Jahren schon zu sehr angepasst, als dass du etwas an den Gegebenheiten ändern möchtest.“ Er lächelte. „Du steckst bis zu den Füßen in den fetten Politikerärschen, damit sie deine Firma schalten und walten lassen.“

„Ganz so ist es nicht, Sohn. Wo drückt der Schuh? Sag mir dein Problem, und ich könnte jemanden anrufen, der was regelt…“

Tim deutete auf die Schlagzeile. „Das hier finde ich zum Kotzen!“

Uwe rückte die Brille zurecht. „Eine Werbeanzeige für Potenzmittel?“ Er stellte sich absichtlich dumm.

Tim schnaubte und schlug auf die fetten, schwarzgedruckten Überschriften ein. „Untreuer Banker? Scheiß egal, zahlt er Millionen und ist frei. Untreuer Politiker? Scheiß egal, scheidet er eben aus dem Bundestag und bekommt Pension. Ach ja, nein, er hat ja noch ein Dutzend Nebenjobs: Aufsichtsräte, Ausschüsse, Beraterverträge, da kommen ganz schnell mal 20.000 Euro extra im Monat zusammen. Dann haben sie noch rasch die Gesetze geändert, dass sie bereits nach einem Jahr im Bundestag eine saftige Rente bekommen.“

Uwe nickte. „Ganz recht. Damit du weißt, um was es sich im Leben dreht, haben deine Mutter und ich dir diese Ausbildung gegönnt. Geld und Macht. Darum geht es eben.“ Er nahm einen Bissen vom Ei. „Übrigens stecken mir die Politiker im Arsch. Deshalb heißt es ja auch Po-litiker“, versuchte er einen Scherz, aber sein Sohn lachte nicht. Er wurde ernst. „Was willst du dagegen machen, Tim? Du kannst dich nicht gegen das System und seinen Apparat stellen. Es hat zu viele Räder. Alle kannst du nicht blockieren oder austauschen. Du bräuchtest eine neue Maschine. Und wir beide erleben das nicht mehr.“

„Also machen wir uns zu einem Rädchen in der Maschine?

„Möglichst ein wichtiges Rädchen.“

„Sie ist zu gut geschmiert von Leuten wir dir. Alles läuft reibungslos“, kam es über Tims Lippen. Er rührte sich Zucker und Milch in den Tee. „Spenden beruhigen mein Gewissen nicht, im Gegensatz zu deinem.“

„Das tut es wirklich. Und ich kann es absetzen. Bringt bei der Besteuerung Vorteile.“ Uwe kannte Gespräche wie dieses nur zu gut.

Seit etwa einen halben Jahr hatte sein Sohn, zuvor ein vorbildlicher, skrupelloser Geschäftsmann und potentieller Nachfolger im Immobiliengeschäft, sein Gewissen entdeckt. Glücklicherweise erst nach Abschluss des Studiums, sonst wäre er vermutlich zu einem Studiengang in Philosophie oder Theologie oder Soziologie übergegangen.

Uwe hielt es für eine Phase, die vorüberging, wenn seinem Sohn wieder bewusst wurde, dass das millionenteuere Haus, in dem er wohnte, aus gutem Geld und nicht aus warmen Worten gebaut worden war.

Darauf musste er vertrauen und auf Einsicht hoffen, denn es gab sonst keinen Ersatz-Sohn, den er ins Spiel bringen konnte. Tim musste eines Tages seinen Job weitermachen - allerdings hatte sich seine unangenehme, sozialrevolutionäre Art in der Vorstandsetage herumgesprochen und Zweifel an der Eignung gesät. Notfalls würde er einen Therapeuten für seinen Sohn engagieren.

Er schabte das Gelbe vom Ei aus, das Eiweiß blieb zurück. Gehaltlos, wertlos. „Wir wäre es mit Urlaub?“, lenkte er ab. „Ein Freund von mir arbeitet im Burj al Arab, ich könnte dir und deiner Freundin zwei nette Woche besorgen. Was hältst du davon?“

Tim warf die Zeitung auf den Tisch und bedeckte den Kaviar. „Scheiße, nein! Ich will, dass du dich anders verhältst! Was gegen diese Politiker unternimmst, die angeblich uns Bürger vertreten. Du bist ein einflussreicher Geschäftsmann, du hast Beziehungen und Kontakte, um den Politikern und anderen Mächtigen zu sagen, dass es so nicht mehr länger geht. Tue irgendwas, aber MACH WAS!“

Uwe sah seinen Sohn schweigend fast eine Minute an und versuchte zu ergründen, ob der kindliche Ausbruch ein Scherz war. „Wie naiv. Mein Gott, bist du naiv! Hast du wirklich BWL studiert oder heimlich doch was anderes gemacht?“ Uwe zerdrückte die Eierschale, leerte sein Glas Orangensaft und stand auf. „Ich hoffe, dass du deine alte Ansicht bald wieder zurückbekommst, sonst muss ich mir einen anderen Job für dich suchen.“ Er ging zur Tür. „Ich spiele noch eine Runde Snooker und gehe ins Büro. Ich erwarte dich und die neuen Personalpläne für die FinanzHold um elf Uhr. Bis dahin solltest du deinen moralischen Anflug besänftigt haben. Ach ja: Wenn du Gutes tun willst, gründe eine Stiftung, aber lass den übrigen Dingen ihren Gang. Es ist nicht gut, in laufende Maschinen zu greifen. Hässliche Betriebsunfälle, sage ich nur.“

Und auf der Schwelle zum Billardzimmer setzte Uwe Erich Friedrich Grandmanns Herz aus.

Endgültig.

***

 

Kapitel II: Alles muss raus!

 

Hast du dich heute schon geärgert,

war es heute wieder schlimm?

Hast du dich wieder gefragt,

warum kein Mensch was unternimmt?

Du musst nicht akzeptieren,

was dir überhaupt nicht passt.

Wenn du deinen Kopf nicht nur

zum Tragen einer Mütze hast.

Deine Schuld, Die Ärzte

 

 

Tim stand in seinem Designeranzug am offenen Grab seines Vaters.

Er trug eine verspiegelte Sonnenbrille, und die Augen waren nicht auf den Sarg, sondern blicksicher auf die versammelten Vorstandsleute gerichtet. Auf die Gewerkschaftsvertreter. Auf die Arbeitgebervertreter. Auf die Politiker. Auf die Pressemeute.

Es kotzte ihn an.

Einige von den Gesichtern konnte er Geschichten seines Vaters zuordnen: Feinde, allesamt, wie sie da standen und Trauer, Betroffenheit und Mitleid heuchelten.

Der Einzige, der lachte, war der Reporter, der am Rand der Menge stand und sich mit einem Mitarbeiter des Friedhofs unterhielt.

Tim fand es erfrischend, dass es dem Mann egal war, wo er sich befand. Der Termin, das nahm Tim an, war ihm ebenso egal. Er hatte den Auftrag, Fotos von den Konzerngrößen zu schießen, die endlich menschliche Regungen zeigten, ohne dass es um gestiegene Aktienkurse oder eigene Lohnerhöhungen ging.

Das Defilee der scheinbetrübten Heuchler begann. Einer nach dem anderen kam nach vorne. Chanel, Yves Saint Laurent, Etro, Cavalli, Joop und andere Designerdüfte schlugen Tim entgegen; als die Firmenleitungen durch waren, roch er das Axe, Rexona und Maverick der Arbeitervertreter. Klassenunterschiede mal anders.

Tim nickte immer nur, murmelte danke und war mit seinem Verstand wo ganz anders: bei seiner Zukunft.

Rädchen sein?

Einer von ihnen werden?

Was gab es als Alternative?

Endlich war die Händeschüttelei vorbei. Er ging am Grab vorbei den Kiesweg entlang und wollte zu seinem Auto. Nach Hause. Nachdenken.

„Tim, warte mal“, wurde angesprochen, und Joop umschwappte seine Nase. Das neue, grüne.

Es war Gerd Fransenmacher, den sein Vater immer Fratzenmacher genannt hatte. Vorstandssprecher und designierter neuer Vorstandsvorsitzender. Finger schlossen sich um seinen Ellbogen und er wurde zur Seite gezogen, hinter einen großen, uralten Buchsbaum. „Wir müssen sprechen.“

Tim wandte sich ihm zu. „Wir können auch schreiben“, erwiderte er.

Fransenmacher lächelte entschuldigend. „Tut mir leid, dass ich dich damit belästige, aber es geht um einen wichtigen Entschluss. Dein Vater hält zehn Prozent der Aktien des Unternehmens, und die Börse ist sehr empfindlich. Hast du dir als Alleinerbe schon Gedanken gemacht, was aus dem Paket werden soll? Willst du es behalten oder…?“

Tim sah in Fratzenmachers nervöses Gesicht. „Ist das ein Angebot, Herr Fransenmacher?“

„Nein, nein.“ Er biss sich auf die Unterlippe. Es war also doch ein Angebot.

Tim sah sich um und bemerkte, dass bereits mehrere Aufsichtsratsmitglieder stehen geblieben waren und zu ihnen schauten. Die ersten zückten ihre Handys, und gleich darauf klingelte tatsächlich sein eigenes. Das für geschäftliche Dinge.

„Unglaublich, oder? Da will jemand was von dir, obwohl jeder weiß, dass heute die Beerdigung ist“, meinte Fransenmacher leichthin.

„Ja, Leute gibt es.“ Tim sah ihn an und wartete auf die Zahl. „Und?“

Fransenmacher tat so, als verstünde er nicht und hob die Augenbrauen. Als sich Cavalli zu ihnen gesellen wollte –als Alibi einen Umschlag mit vermutlich einer Kondolenzkarte in der Hand- scheuchte er ihn mit einem Blick weg. „Was und, Tim?“

„Wie viel würden Sie mir bieten, Herr Fransenmacher?“ Er steckte die Hände in die Taschen. „Und es wäre mir sehr recht, wenn Sie mich mit meinem Nachnamen ansprechen würden.

Aus Angst, dass er doch ans Telefon ging, sagte Fransenmacher rasch: „Einunddreißig Millionen. Für alles.“

„Und wer kauft es dann? Sie bestimmt nicht.“ Tim nahm das Handy raus und sah auf die Nummer auf dem Display. Schnittke – Etro, Sandelholz. Er hob den Kopf und sah Schnittke hinter einem Grabmal hervorwinken, und er lächelte. Klar lächelte Schnittke. Er wollte ja was von ihm. „Sind es Russen? Die können nämlich mehr bieten.“

Cavalli wollte sich wieder nähern, aber wurde von Hugo Boss und Jill Sander abgedrängt.

Tim schaltete sein Handy aus und ging zur Aussegnungshalle. „Herrschaften! Folgen Sie mir bitte!“, rief er laut, und der Reporter, der eben schon hatte gehen wollen, kehrte eilig zurück. Es lag etwas in der Luft. Mehr als Duft.

„Was hast du vor, Tim?“ Fransenmacher eilte an seiner Seite nebenher.

Nochmals: Ich bin erwachsen und habe mittlerweile einen Doktortitel. Wäre schön, wenn Sie mich wie einen Erwachsenen ansprechen würden.“ Tim stieg auf die Parkbank vor dem Eingang zu Halle, und der Reporter machte die ersten Aufnahmen.

Tatsächlich waren ihm Fransenmacher, Boss, Sander und Cavalli gefolgt, andere reckten die Hälse und trauten sich noch nicht.

„So, hergehört. Sie sind alle begierig auf das Aktienpaket meines Vaters, und mein Vater kann ja nicht mehr dagegen sein“, sprach Tim laut und grüßte mit der Hand zum Grab hin. „Machen wir doch eine Versteigung daraus.“ Er lockerte seinen Schlips.

„Tim, bitte“, zischte Fransenmacher und sah ertappt nach rechts und links „Ich habe verstanden, dass es ungebührlich war, dir…“

„Hier, der Herr Fransenmacher hat mir eben hinter dem Buchsbaum einunddreißig Millionen geboten. Höre ich mehr?“, rief Tim und zückte Stift und Papier, um sich Notizen zu machen. „Höre ich mehr?“

Die Duftmenschen sahen sich abschätzend und unsicher an. War es ein Scherz? War ein Gebot taktlos? War der Erwerb unter diesen Umständen überhaupt rechtens? Am Ende hatte man sich für nichts blamiert und stand als Leichenfledderer in Zeitung.

Tim grinste. „Sieht gut aus, Gerd, alter Fratzenmacher. 31 Millionen zum ersten, zum zweiten und zum dr…“

Sander hob die Hand. „31,5“, sagte er deutlich.

Die ersten Beerdigungsgäste kamen angelaufen, um sich das Spektakel nicht entgehen zu lassen. Das Klicken des Fotoapparates endete gar nicht mehr.

„Sehr schön!“, jubelte Tim. „Danke sehr. Also, höre ich mehr?“

Boss stieg gleich darauf mit 32 Millionen in das Rennen ein.

Am Ende war Tims Parkbank umlagert von wohlriechenden Anzugträgern, die sich überboten, um an das Paket zu gelangen. Es wurde gerufen und telefoniert, noch mehr telefoniert und überboten.

Nach einer Viertelstunde war es vorbei, und das Aktienbündel ging für 53,29 Millionen an Boss.

Rexona, Axe und Maverick standen fassungslos auf dem Kiesweg.

 

***

 

Mitschnitt Telefonanruf, beschlagnahmtes Band aus dem Büro der amerikanischen Söldnereinheit Hard Solution im Zuge der Ermittlungen des FBI wg. Unterstützung einer terroristischen Vereinigung

Auszug aus der Ermittlungsakte des Verfassungsschutzes zu „Kommando Flächenbrand“

 

Teilnehmer:

-unbekannter Mann, deutscher Akzent

-Mr. Jack Russell, Major a.D., Leiter der Söldnereinheit Hard Solution

 

Unbekannter Mann: Es geht um Folgendes, Sir. Ich bräuchte ein paar Tage in Ihrem Boot-Camp für die Spezialausbildung von mir und ein paar Freunden.

Russell: Okay, das kostet 10000 Dollar pro Woche und Person. Für die Ausbildung. Für 900 Dollar obendrauf bekommen Sie und ihre Freunde noch Unterkunft und Verpflegung.

Unbekannter Mann: Mh, klingt nicht schlecht. Was ist denn da alles dabei?

Russell: Also, das übliche Nahkampftraining, leichte und schwere Handfeuerwaffen, Einsatz unter Gefechtsbedingungen…

Unbekannter Mann: Was ist denn mit Sprengstoffen? Und Panzerfäusten?

Russell: (lacht) Nee, Sir. Das machen wir nicht. Das ist illegal. Außerdem kenne ich Sie gar nicht. Sie könnten ja irgendein Terrorist sein…

Unbekannter Mann: Oh, nein! Nein, um Himmels Willen! Ich bin Franzose.

Russell: Stimmt, dann sind Sie eher ein Feigling. (lacht) Haben uns im verfickten Irak ganz schön alleine gelassen, die Froschfresser. Damit meine ich nicht Sie, sondern Ihre Regierung.

Unbekannter Mann: Um ehrlich zu sein, Sir: Meine Freunde und ich wollen als Söldner in den Irak gehen und Geld verdienen. Zusammen mit Ihren GIs ein paar Muslime wegballern und so. Bei uns ist das nicht erlaubt. Ich bin aufrechter Christ und denke, dass die Kreuzfahrer damals schon Recht hatten, als sie nach Jerusalem gefahren sind und den Arabern in den Arsch getreten haben.

Russell: Meine Rede, Sir! (Pause) Jerusalem… haben unsere Jungs das nicht am Anfang der Offensive eingenommen? Als wir durch den Irak gerauscht sind wie ein Wirbelsturm?

Unbekannter Mann: Genau. Zusammen mit Hurghada, war die erste Offensive! Gott, wie haben meine Freunde und ich uns gefreut! (muss lachen und räuspert sich) Deswegen habe ich nach den Spezialsachen gefragt. Jemand muss die Ehre Frankreichs verteidigen. Wenn sie uns ausbilden, machen wir das! Die Pommes frites sollen wieder von Amerikanern gegessen werden können, ohne sie Home Fries nennen zu müssen.

Russell: Okay, Sie gefallen mir. Ich schaue mir Sie mal an. Man kann vielleicht noch einmal über alles reden. Aber nicht am Telefon. Aber Sie wissen ja: Amerika ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. (lacht)

Unbekannter Mann: (lacht) Schön, dass wir uns verstehen. Am Geld sollen die Möglichkeiten nicht scheitern, Mister Russell. Auf die Hurghada-Offensive!

Russell: Auf Hurghada!

 

***

Kapitel III: Und es begab sich zu einer Zeit

 

Glaub keinem, der dir sagt,

dass du nichts verändern kannst.
Die, die das behaupten,

haben nur vor der Veränderung Angst.
Es sind dieselben, die erklären,

es sei gut so, wie es ist.
Und wenn du etwas ändern willst,

dann bist du automatisch

Terrorist.

Deine Schuld, Die Ärzte

 

 

Flächenbrand blieb hinter einer Palme verborgen und betrachtete das Löwengehege.

Er hatte sich einen falschen Bart angeklebt, einen billigen Trainingsanzug besorgt, Mütze und Sonnenbrille machten die Verwandlung zum Präkariaten Mitte zwanzig perfekt.

Oder war man Präk-Arier, sozusagen reinrassig unterprivilegiert?

Tim grinste.

Er war gespannt, wie Gründervater und Freiherrin aussahen. Die Aldi-Tüten, das Zeichen des Volkes, würden sie offenbaren.

Es dauerte nicht mehr lange, und eine junge Frau erschien.

Flächenbrand schätzte sie auf Anfang Dreißig, sie war hübsch und erinnerte ihn an die Schauspielerin Kate Beckinsale. Die schwarzen Haare trug sie kurz. Jeans, Bluse, Jeansjacke und Stiefel. In ihrer Linken hielt sie eine Aldi-Tüte. Sie blieb vor dem Gehege stehen und betrachtete die gelangweilten Tiere.

Gleich danach erschien ein Mann, Flächenbrand gab ihm etwas mehr als vierzig Jahre, und er trug einen verschlissenen grauen Anzug, der perfekt zur Aldi-Tüte in seiner Rechten passte. Er wirkte ein wenig wie Russel Crowe, nur mit langen Haaren und einem Vollbart.

Gründervater und Freiherrin.

Flächenbrand grinste. Oder er hatte keinen von beiden vor sich sondern nur ein paar zufällige Zoo-Besucher. Aldi-Tüten kamen weit herum, bis in den Hagenbeck.

Er verließ seine Deckung, seine Tüte wild schlenkernd, und ging auf sie zu, bevor sie miteinander Kontakt aufnehmen konnten. „Tach, Leuts“, sagte er jovial. „Jemand Lust auf Flächenbrand?“

„Aha, der Meister der Rhetorik! Ich bin Freiherrin“, sagte die Frau grinsend.

„Gründervater“, meinte der Mann etwas säuerlich. „Eine saudumme Idee. Das hier. Vor dem Löwengehge.“

„Es ist ein Zeichen. Der Löwe steht für die Gesellschaft. Im Grunde machtvoll und doch eingesperrt von ein paar schwachen Menschen, die ihm was zu essen geben und ihm ansonsten nichts erlauben“, erwiderte Flächenbrand. „Außerdem behaupten sie, es nur gut mit ihm zu meinen, und dass sie um ihn sorgen. Aber die Freiheit geben sie ihm dennoch nicht.“

„Außer der Freiheit zu ficken, wann sie wollen“, fügte Freiherrin an und zeigte auf die Tiere, die jetzt kopulierend übereinander lagen.

„Wie im echten Leben.“ Flächenbrand musterte sie und freute sich. „Keine Namen. Wir sind ja immerhin kurz davor, eine terroristische Vereinigung zur Erneuerung Deutschlands zu bilden.“

„Schon klar. Und was ist nun?“, knurrte Gründervater. „Hören wir jetzt was von deiner tollen Idee? Was soll an der so gut sein, dass sie funktioniert?“

Flächenbrand langte in seine Tüte und verteilte Handys. „Darauf sind unsere Nummern gespeichert, wir werden auch bald eine eigene Internet-Adresse haben. Daran arbeite ich noch“, erklärte er. „Zur Koordinierung der Aktionen werden wir nur über die Handys sprechen.“

Freiherrin sah sich um. „Ich frage mich gerade, wo die versteckten Kameras sind. Verstehen Sie Spaß und so.“

„Das hier“, sagte Flächenbrand düster, „ist kein Spaß. Wir stürzen das System. Wenn du daran nicht glaubst, kannste gehen.“ Er deutete auf die Bank, die neben dem Weg stand. „Wir plaudern erst mal ein bisschen.“

Sie setzten sich, Flächenbrand verteilte Büchsenbier und Rohesser. „War kack schwierig, Dosenbier zu besorgen. Hat heute ja fast keiner mehr“, sprach er mit imitiertem Asi-Jargon. „Das ist sozusagen unser trinkbarer Präk-Arier-Ausweis.“

Gründervater nahm ihm das übel. „Wenn du mich verarschen willst, nur weil ich arbeitsloser Schlosser bin…“

„Nee“, winkte er ab. „Nur Spaß.“ Er deutete auf Freiherrin. „Also, warum bist du hier?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Neugier?“

„Und haste versucht, vorher schon mal was zu verändern, wie unser Gründervater hier?“

„Ja. Habe ich. War in einer großen Volkspartei.“

Flächenbrand trank schlürfend. „Hochgebumst?“

„Hochgeblasen. Kann ich besser“, gab sie zurück und prostete ihm zu. Gründervater musste laut lachen.

„Ernsthaft jetzt. Warum ist nichts draus geworden?“

Sie wurde ernst, und auch wenn sich ihre Augen auf die fickenden Löwen richteten, sah sie durch sie hindurch. „Unten angefangen, Vorsitzende der Jugendabteilung geworden, und ich war echt gut. Engagiert. Demos, Bürgeraktionen, und es hat Spaß gemacht. Die Jungen wollten mich für den Stadtrat aufstellen. Aber da sagten die alten Männer und Frauen: Nee, Kleine. Sei du erst mal ein paar Jahre bei der Partei, dann kannst du mal auf die Liste kommen. Auf Platz 30, Nachrückerin. Die guten Plätze gehen an Jupp, Willi und Heinz, weil der schön spendet. Und Jupp ist Vorsitzender der Partei, der muss in den Stadtrat. Und Willi, also der Willi, der ist der Kumpel von Jupp.“ Freiherrin trank und sah wütend aus. „Flachenpfeifen, allesamt. Abnicker und Zustimmer.“

„Kenne ich“, sagte Gründervater. „Habe ich auch mal versucht, was politisch zu bewegen. Aber man braucht seine Heerscharen, und die hatte ich nicht. Das Parteiensystem, wie wir es haben, ist für den Arsch, da kann ich euch sagen. Da haben die Guten kaum eine Chance, nach oben zu kommen. Und wenn sie nach oben kommen, werden sie von denen ausgebremst, die sich ihr lukratives Nest aus Amt und Geld gebaut haben. Als ob sich einer vom miesen Rest dafür interessiert, was er dem Wähler versprochen hat. Hauptsache ins Amt gewählt, einen sicheren Posten ergattert und seine Mannen im Rathaus untergebracht, damit es mit der Wiederwahl hinhaut. Ohne mich! Da erreiche ich mit Demonstrieren mehr.“

Flächenbrand klemmte die Dose zwischen die Knie und klatschte in die Hände. „Da habe ich aber zwei sehr schön frustrierte Mitstreiter. Der Frust macht euch wütend, was? Das ist gut. Wut brauchen wir.“ Er ballte die Faust. „Denn wir sind wütende Terroristen der Freiheit!“

„Ich lege keine Bomben“, sagte Freiherrin sofort. Sie schaute sich wieder um. Sie glaubte noch immer, in eine TV-Show geraten zu sein.

„Wir töten doch niemanden“, rief Flächenbrand sofort. „Nee, den Fehler hat die RAF begangen. Machen wir aber nicht.“

„Ich habe noch immer nicht gehört, was du vorhast.“ Gründervater leerte seine Bierdose. „Und was ist denn deine Motivation?“

„Yeah, unser Flächenbrand hat mit Sicherheit studiert.“ Freiherrin rieb den Stoff der Trainingsjacke zwischen Daumen und Zeigefinger. „Das ist doch Maskerade. Im Chat klang durch, was du drauf hast.“

„Meine Motivation: Mich kotzt alles an. Und das nehme ich nicht länger hin, weil es zu viele andere tun“, erklärte Flächenbrand ruhig. „Alle maulen, schimpfen auf die Politiker und die Wirtschaft und die Banken, aber anstatt etwas dagegen zu unternehmen – maulen sie weiter. Zahlen Steuern und Abgaben, zahlen höhere Preise für weniger Ware und mehr Zinsen für Kredite. Alle werden reich, nur die Bürger nicht.“ Er schauderte gespielt. „Uh, bei so viel Aufbegehren werden die Politiker und Banker und Anzugträger in den Vorstandsetagen aber mächtig Angst bekommen!“ Er trat mit dem rechten Fuß auf. „Revolution! Das muss hier mal passieren.“

„Revolution. In Deutschland.“ Freiherrin lachte ihn aus. „Das wird nix. Die Deutschen sind alles, aber keine Revolutionäre.“

„Das geht nie im Leben“, erhielt sie von Gründervater Beistand. „Es sei denn, man stellt einigen den Fernseher ab, dann stehen sie auf und schauen aus dem Fenster.“

„Hey, es gab schon ein paar gute Versuche. Ich sage nur Paulskirche. Oder Hambach.“ Flächenbrand zeigte sich starrköpfig.

„Und was ist dabei herausgekommen?“, stichelte Freiherrin. „Die Restauration.“

„Nicht bei uns!“ Flächenbrand legte mit einer großspurigen Geste die Arme auf die Banklehne. „Wir sind siegreich und bringen die Türme von Politik und Geld zum Einsturz! Ihr werdet sehen.“ Er sah zuerst zu Freiherrin. „Du“, er wechselte zu Gründervater, „und du, ihr werdet die anderen beiden Zellen bilden…“

„Ich will endlich hören, was du vorhast!“, rief Gründervater genervt, und die Löwen sprangen auseinander. Coitus interruptus praecarius.

„Hey, leiser, Schlosserlein! Sonst werden wir vom BND geschnappt, bevor wir überhaupt angefangen haben“, rügte ihn Flächenbrand, beugte sich nach vorne und holte drei neue Dosen aus der Tüte, verteilte sie. „Also, hier mein kleines Referat.“ Er öffnete den Verschluss, prostete ihnen zu und schaute in die Sonne, schloss die Lider. „Wisst ihr, was Deutschland fehlt? Ich sage es euch: Es gibt keine eigene deutsche Terroristengruppe mehr. Alle zittern vor islamischen Attentätern, aber was haben wir denn noch? Nach der RAF blieb es ruhig. Die haben sich mal schon einfach so aufgelöst, weil sie keinen Bock mehr hatten. Seitdem wollte niemand mehr aus politischen Gründen gegen die deutsche Regierung ins Feld ziehen und für das Volk kämpfen. Das ist der Knackpunkt.“ Flächenbrand schaute zu Freiherrin. „Gleichzeitig sind Politikverdrossenheit und Korruption allerorten. Wir haben mächtige und von der Politik hofierte Konzerne und unantastbare Bosse, einknickende Politiker, geldverteilende Lobbyisten. Plus“, er hob den Zeigefinger und sah Gründervater an, „Nahrungsmittelskandale. Das Fleisch würden nicht mal mehr die Löwen fressen. Und obwohl die Zeitungen täglich voll mit dem ganzen Sumpf sind, passiert…?“ Er wartete, was seine Miststreiter sagen würden.

„Nichts“, knurrte Gründervater.

„Gar nichts“, präzisierte Freiherrin seufzend.

„Eben! Aber wir haben die enorme Unzufriedenheit im normalen Volk, die sich nicht in der Lage sehen, etwas gegen die Mächtigen und Machtmissbraucher zu unternehmen“, fuhr Flächenbrand fort. „Das können wir, indem wir das System verachten und Punks werden, was aber nicht mein Stil ist.“

„Sehe ich“, unterbrach ihn Freiherrin und feixte.

„Odarr wirrr werrrdänn Nazis und strrrräben nach einarrr Rrrückkehrrr des Drrrrritten Rrrreichs!“ Flächenbrand imitierte dabei die Sprechweise des Führers. „Ist aber auch nicht so meine Welt. Ich bin lieber frei. Ergo: Deutschland braucht eine neue Terroristengruppe. Eine für das Volk. Eine wie uns.“ Er sinnierte. „Stimmt schon. Paulskirche und Hambach sind gescheitert – weil die Intellektuellen aufbegehrt haben. Die Franzosen waren 1789 erfolgreich, weil sie die Volksmenge auf ihrer Seite hatten. Um es polemisch zu sagen: Wir haben ja wohl mehr Pöbel als Dichter und Denker in Deutschland. Ist schon eine rein mathematische Sache.“

„Das klingt gut, gebe ich zu“, sagte Gründervater und bat mit einer Geste um eine zweite Dose. „Aber wie stellen wir das an? Zu dritt?“

„Wir? Wir sind nur der Zünder, meine Freunde. Der Zünder für den Flächenbrand. Daher ist unser Namen, wenn es euch recht ist: Kommando Flächenbrand.“ Flächenbrand erhob sich und ging vor ihnen auf und ab. Als kein Protest kam, redete er weiter. „Wir sind gegen die Gegebenheiten in Deutschland und zetteln einen Aufstand der kleinen Leute an. Stimmvieh war gestern. Wir rufen den Krieg gegen Politiker, Konzerne und ihre Bossen sowie der Korruption aus. Und zwar sind wir so lange im Krieg, bis sich die Verhältnisse in Deutschland gewandelt haben. Da sich das Volk nicht mehr auf legalem Wege gegen die Ungerechtigkeiten wehren kann, braucht es uns.“

Freiherrin schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Also doch Bomben.“

Flächenbrand hob die Arme. „Warte doch mal. Ich erkläre doch gerade den Hintergrund. Ich werde einen Super-Hacker für unser Kommando einkaufen, der von Kreditkartenfälschung bis hin zum System-Crash alles machen kann. Er wird uns eine eigene Homepage ins Leben rufen. Außerdem werden wir auf nahezu allen Blog-Plattformen, Gästebüchern und sonst wo unsere Einträge hinterlassen, sodass keiner, aber auch gar keiner mehr an uns vorbeikommt. 50 Prozent der deutschen Haushalte haben einen Computer, und das ist doch schon mal ein guter Ansatz.“

„Virtuelle Revolution“, meinte Gründervater abwertend. „Damit kriegen höchstens ein paar Junge, aber nicht die Masse.“

„Lass doch mal“, warf sich Freiherrin dazwischen. „Ich finde das klasse.“

Flächenbrand grinste. „Und das war es auch noch nicht. Ich engagiere uns eine amerikanische Söldnerfirma, die uns drei zuerst taktisch weiterbildet und uns einen Ausbilder für Waffen und Sprengstoffe aller Art stellt. Wir bekommen in den Staaten Unterricht, danach zeigen wir in Deutschland unseren Leuten, wie alles funktioniert. Das Camp für unsere Zellen wird auf einem Privatgrundstück in der Lausitz eingerichtet.“ Er weidete sich an der Überraschung der beiden. „Echt. Ich mache keinen Scheiß.“

„Waffen. Sprengstoff“, echote Freiherrin nüchtern, dann rastete sie aus. „Mensch, Flächenbrand! Ich habe dir gesagt…“

„Hast du im Lotto gewonnen?“, fiel ihr Gründervater ins Wort. „Das kostet doch alles ein Heidengeld.“

„Macht euch darum keine Sorgen.“ Er winkte ab. „Die Waffen habe ich aus alten Russenbeständen gekauft, den Sprengstoff habe ich in einem Steinbruch geklaut. Klauen lassen. Wir sind also schon mal bewaffnet und gefährlich.“ Flächenbrand sah Freiherrin in die blauen Augen. „Wir töten niemanden, wir verbreiten nur Angst. Das schwöre ich!“

„Und wie?“, fragte sie aufgebracht.

„Durch Humor. Angst durch Humor, wie es damals schon Eulenspiegel gemacht hat. Man könnte uns auch militante Kabarettisten nennen. Unsere ersten Aktionen werden Streichen ähnlich sein und sich gegen Politiker und Konzerne richten. Wir führen sie vor, stellen sie bloß: Alles kommt auf den Tisch. Kontodaten mit Zahlungseingängen, Querverbindungen zu anderen Konten, Spesenabrechnungen, internationale Transaktionen.“

Gründervater lachte laut. „Oh, das klingt ja super einfach.“

„Für meinen Superhacker schon. Der macht in diesem Stadium der Revolution die Hauptarbeit.“

Freiherrin tippte mit dem Zeigefinger gegen das Kinn. „Könnte jedenfalls dazu führen, dass wir die Großen ärgern.“

„Und wie! Denn wir brauchen keine Sondergenehmigungen, keine Durchsuchungsbefehle. Die halten sich nicht an die Gesetze – wozu sollten wir es tun?“, erklärte Flächenbrand enthusiastisch.

Gründervater sah schon deutlich neugieriger aus. Etwas von dem Feuer der Begeisterung hatte ihn erreicht. „Aber was machen wir dabei?“

„Den Hacker füttern“, kicherte Freiherrin. Auch sie war von der Idee einer Revolution bezaubert.

„Wir haben Wichtiges zu tun. Wir beschaffen die entsprechenden Bilder der ehrenwerten Damen und Herren, um sie zu überführen.“ Flächenbrand hob die Hand und zählte an den Fingern auf. „Die Bilder und Neuigkeiten kommen ins Netz und auf unsere Homepage, wir beliefern sämtliche Tageszeitungen und Magazine damit. Sie werden vielleicht nicht diese Beweise drucken, aber sie werden Berichte über uns bringen! Kommando Flächenbrand wird starten. Und sobald wir uns in der Öffentlichkeit einen Namen gemacht haben, kommt Stufe zwei. Ich dachte dabei an Anschläge auf Einrichtungen der Parteien und auf Konzerngebäude. Ich möchte die Schadenfreude der Menschen sehen und ihnen zeigen, dass die Großen nicht unantastbar sind. Dass sie vor den Gerichten davonkommen bedeutet nicht, dass sie uns, den militanten Kabarettisten und Kommando Flächenbrand entgehen!“

„Sachschäden“, betonte Freiherrin deutlich. „Alles andere werde ich nicht mitmachen.“

„Mehr werden wir auch niemals tun“, bekräftigte Flächenbrand. „Tote lassen die Stimmung kippen, das hat man bei der RAF gesehen. Menschen entführen, Menschen umbringen – was bringt es denn? Das System muss fallen, der Apparat muss verschwinden. Aber dazu braucht man viele Hände, die anpacken, denn der Apparat ist scheiß schwer. Ein Volk kann das, ein Handvoll Terroristen nicht.“

Gründervater nickte. „Ich gebe zu, Flächenbrand, deine Taktik hat was.“

„Danke.“ Flächenbrand grinste so breit, dass man meinte, die Mundwinkel schnellten bis zum Hinterkopf. „Wir müssen den Menschen zeigen, dass sie die Macht haben. Stellt euch mal vor, dass durch uns… sagen wir… dreißig Millionen Menschen durch uns eine Tankstelle boykottieren. Dass durch uns sechzig Millionen Menschen ein Produkt nicht mehr kaufen. Dass zehn Millionen durch uns nach Berlin vor den Reichstag marschieren und wahre Demokratie fordern. Das ist die Macht des Volkes!“

„Mal angenommen“, sagte Freiherrin nachdenklich, „es funktioniert. Angenommen, es funktioniert wirklich und die Menschen in Deutschland stehen auf: Was kommt danach?“

Flächenbrand zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung.“

Sie blinzelte. „Wie, keine Ahnung?“

„Keine Ahnung eben.“

„Du kannst doch keine Revolution planen, ohne einen Entwurf für die Zeit danach entworfen zu haben!“, rief sie verblüfft.

Gründervater schüttelte den Kopf. „Brauchen wir auch nicht. Wir haben ja schon einen: Demokratie. Wenn wir ihr zum Sieg verhelfen, haben wir gewonnen. Echte Demokratie, bei der alle dem Volk und nicht das Volk allen dient.“

„Weise Worte, Gründervater.“ Flächenbrand hob die Hand und reckte die Bierdose. „Stoßen wir an. Auf die Gründung von Kommando Flächenbrand!“

Freiherrin und Gründervater zögerten keine Sekunde.

 

 

***

 

 

Internet-Chat Logg aus dem Forum „Widerstand gegen den Staat –Deutschland muss untergehen!“

Auszug aus der Ermittlungsakte des Verfassungsschutzes zu „Kommando Flächenbrand“

Teilnehmer:    Flächenbrand,

Lady Escape,

Delete

Schwerer Ausnahmefehler

Punky

Hittla

Personen und Aufenthaltsorte bekannt, siehe Anhang.

 

Hittla: Schwules Deutschland! Wir bräuchten einen Mann wie Adolf Hitler, dann hätten wir alle Arbeit und weniger Kriminalität.

Schwerer Ausnahmefehler: Klar. Weil die Verbrecher wie du im Arbeitslager säßen!

Delete: Hittla ist ein scheiß Nazi!!!!

Hittla: Klar bin ich ein Nazi, aber ich habe wenigstens ein Ziel. Ihr seid alles Lutscher! Wir bekommen wieder die Macht in Deutschland, man sieht es ja an den Länderparlamenten, in denen wir schon sitzen!

Lady Escape: Die NPD und die DVU bringen ja wohl gar nix.

Hittla: Hahaha! Die habe ich gar nicht gemeint. Wir sind überall, heimlich, überall. Die Doofen zeigen ihre Springerstiefel, die Schlauen tragen Anzüge, und die Cleversten seht ihr gar nicht. Wir bereiten alles vor, ihr werdet euch mal umschauen, wenn in Deutschland plötzlich wieder Ordnung herrscht. Das geht ratzfatz!

Flächenbrand: Freue mich jetzt schon auf eueren Endsieg, Hittla. Hat ja damals prima geklappt. Sieg an allen Fronten, und 1945 waren wir Weltmeister!

Hittla: Gebe ich zu, ist dumm gelaufen.

Flächenbrand: Weil Hitler und seine Ideologie dumm waren, vielleicht? Aber eines stimmt schon: Der Staat, wie er jetzt ist, muss weg.

Punky: Genau! ANARCHIE!

Flächenbrand: Anarchie ist ja wohl die beschissenste aller Weisen zu leben!

Punky: Wieso? Jeder kann machen, was er will! Freiheit für alle!

Flächenbrand: Und wenn der Nazi der Meinung ist, dass er dich nicht leiden kann und dich umhaut? Oder dein Haus will und eine Schrotflinte besitzt wie seine zehn Kumpels? Remember: keine Regeln. Olé, olé, super Anarchie, kann ich da nur sagen.

Hittla: Sage ich doch. Wer Stärke möchte, muss Stärke zeigen! Deutschland hat da einiges nachzuholen.

Schwerer Ausnahmefehler: Ging es nicht darum, dass wir einen anderen Staat wollen?

Hittla: Sicher!

Flächenbrand: Auf alle Fälle! Aber MIT Demokratie. Mit Politikern, die sonst nichts tun, als in ihren Bereichen tätig zu sein. Keine Nebentätigkeiten mehr.

Lady Escape: Du willst kein neues System, du willst das alte behalten.

Flächenbrand: Wenn man bedenkt, wie revolutionär echte Demokratie ist, WÄRE es sehr wohl ein neues System!

Delete: Hahaha, gar nicht dran gedacht!

Flächenbrand: Hier habe ich mal aufgelistet, was ein Politiker noch so alles macht. Bei einem kamen achtzehn weitere Tätigkeiten zusammen. Neben seinem Mandat im Bundestag. Und dann habe ich hier noch einen gefunden, Martin Rinnsler, Bundestagsabgeordneter, jährlich etwa 84 000 Euro Diäten plus 43 000 Euro steuerfreie Kostenpauschale. Der ist 55 Jahre, und die Haupteinnahmequelle des Typen ist: Hauptgeschäftsführer in einem Unternehmen! Das bringt ihm gut 310 000 Euro ein. Alles in allem mehr als eine Kanzlerin verdient. Jetzt erklär mir mal einer, wie jemand Hauptgeschäftsführer sein kann UND Berufspolitiker.

Schwerer Ausnahmefehler: Geht doch gar nicht!

Hittla: Alle korrupt. Beim Führer hätte es das nicht gegeben.

Flächenbrand: Es gibt eine Liste mit Industrie-Unternehmen, die Hitler damals Geld gegeben haben, damit er ihnen Aufträge verpasst. Oder sie in Ruhe lässt. Wie würdest du das nennen?

Hittla: 88!

Delete: Ich habe Hittla aus dem Forum gebannt.

Schwerer Ausnahmefehler: Hätte ruhig früher passieren können. Aber zurück zum Thema.

Flächenbrand: Rinnsler, okay, er macht nichts Ungesetzliches. Aber es ist trotzdem scheiße. Am Ende dieser Legislaturperiode hat er 23 Jahre im Bundestag verbracht, und wisst ihr, was das bedeutet?

Schwerer Ausnahmefehler: Höchstversorgung. Etwa 4837 Euro im Monat.

Flächenbrand: Richtig!!! Hey, gut! Du weißt Bescheid! Wenn du jetzt noch Hacker bist, hätte ich einen Job für dich!

Schwerer Ausnahmefehler: Ich komme vielleicht darauf zurück.

Delete: Ist das echt wahr? Die Kohle bekommt der?

Flächenbrand: Nein. Er bekommt noch mehr. Weil er vier Jahre lang Parlamentarischer Staatssekretär war, hat Rinnsler noch Anspruch auf weitere 3000 Euro Pension. Wird aber nur zum Teil verrechnet, und –TATA- noch mehr Geld auf der Bank.

Lady Escape: Ich werde Politikerin! Auf der Stelle!

Delete: Haste gut erkannt, Delete. Genau das ist der Antrieb der meisten, die in der Politik sind: die Kohle.

Flächenbrand: Wie gesagt – alles legal, was Herr Rinnsler macht. Aber ist das noch moralisch vertretbar? Wie kann man so noch einen Draht zum Volk haben? Wie versteht man eine Familie, die mit 1300 Euro auskommen muss, wenn man nicht weiß, wohin mit dem Zaster?

Schwerer Ausnahmefehler: Ich finde genauso schlimm, dass Banken, Großkonzerne und Wirtschaftsverbände sich Abgeordnete halten. Ich habe gehört, dass eine Gewerkschaft ihren Funktionären anbietet, nach der Wahl weiter für sie tätig zu sein. Wer im Bundestag Einzug hält, bekommt die Hälfte seiner alten Bezüge, bei anderen sind es im Landtag sogar 80 Prozent! In Landtag! Da kann man sehen, wie tief die legale Korruption nach unten reicht. So kann man ein Abstimmungsverhalten auch beeinflussen. Versteckter Wahlbetrug.

Flächenbrand: Tja, dagegen ist der Lohn vom Bürger an die Politiker –sprich die Diäten- ein Klacks, was?!

Lady Escape: Mh, was bedeutet das? Wir heben die Löhne der Politiker an und verbieten Nebentätigkeiten?

Flächenbrand: Wäre mein Vorschlag. Geht aber nur mit neuen Politikern. Die alten sind zu fett, zu träge, zu sehr im System. Die würden da niemals mitmachen.

Punky: Revolution! ANARC… ach nee, lieber keine Anarchie. Sonst kommt Hittla wieder…

Schwerer Ausnahmefehler: Ich meine, das zieht sich ja auch durch die Ausschüsse. Da sitzen Menschen drin, die Betriebsräte sind und nach wie vor vom Konzern bezahlt werden, während sie Gesetze ablehnen, die dem Konzern schaden könnten.

Flächenbrand: Jau, Treffer! Ich habe da auch schon gestöbert und lecko mio! Da gibt es einen Vorsitzenden des Ausschusses für Bildung und Forschung, der jahrlange jährlich 80 000 Euro für Text-Übersetzungen von einem Stromkonzern bekam. ÜBERSETZUNGEN, dass ich nicht lache! Und genau der Konzern gehört zu den größten Empfängern staatlicher Forschungsförderung und ist Lieferant eines Forschungsreaktors… und rein zufällig hat er ein Tochterunternehmen, das Kraftwerke baut.

Schwerer Ausnahmefehler: Mein persönlicher Liebling ist eine Dame, die für mehr Kohle für Ökostrom ist.

Punky: Hä?

Schwerer Ausnahmefehler: Windkrafträder und Solaranlagen, die liefern Strom, und Stromkonzerne sind gezwungen, den Strom für viel Geld zu kaufen. Und die Dame wollte, dass diese Vergütung noch höher wird.

Punky: Aha.

Flächenbrand: Sauber! Und was ist noch mit der Dame?

Schwerer Ausnahmefehler: Die Dame ist kaufmännische Geschäftsführerin einer Solarstrom-Gesellschaft, die gegen garantierte Entgelte Energie ins Stromnetz einspeist. UND sie hat Anteile an einer Solarzellen-Firma und wohnt in einem Öko-Haus. Welches Strom erzeugt!!!!

Lady Escape: Scheiße….

Schwerer Ausnahmefehler: Gell? Man kann gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte.

Flächenbrand: Revolution! Meine Rede. Sag mal, Schwerer Ausnahmefehler, bist du Hacker?

Schwerer Ausnahmefehler: Ich war mal im CCC Deutschland.

Punky: Hä?

Lady Escape: Chaos Computer Club.

Flächenbrand: Ich schicke dir mal eine PM, Schwerer Ausnahmefehler.

Hittla: Äch bin wieder da! 88!

Delete: Oh, Mann….

Kapitel IV: Jetzt geht’s los!

 

Lass uns diskutieren,

denn in unserem schönen Land,
sind zumindest theoretisch

alle furchtbar tolerant.
Worte wollen nichts bewegen,

Worte tun niemandem weh.
Darum lass uns drüber reden.

Diskussionen sind ok.

Deine Schuld, Die Ärzte

 

 

Tim saß vor dem Laptop zu Hause in seinem Arbeitszimmer und betrachtete die Homepage von Kommando Flächenbrand, die Schwerer Ausnahmefehler programmiert hatte.

Sie war perfekt und hatte mehr als 15000 Zugriffe pro Tag, Tendenz steigend. Die Revolution breitete sich aus.

Der Hacker war unbezahlbar. Mit seiner Hilfe gab es im Netz Blogs und Einträge von Kommando Flächenbrand, immer mit Querverweisen auf die Homepage.

Tim hatte eine weitere Unternehmung gestartet: Essentielle Aussagen ihrer Gruppierung wurden auf Plakatwände gekleistert, ganz legal. Rote Flammenschrift, schwarzer Hintergrund. In den Innenstädten, an Bushaltestellen, auf dem Dorf, an allen möglichen Orten sah man die Flammenschrift. Biblisch wie die Botschaft an der Wand.

Andere Plakate enthielten Auflistungen von Nebeneinkünften der Bundestagsabgeordneten und ihre weiteren Posten. Ohne Kommentar.

Einen greifbaren Auftraggeber gab es nie, weder für die neugierigen Nachfragen der Journalisten noch für andere. Die falschen Ausweise des Hackers sorgten dafür, dass man nicht ermitteln konnte, wer dahinter steckte.

Bilder des Auftraggebers gab es auch keine, und wenn, dann von einem Mann mit Bart, Sonnenbrille und Kappe.

Tim hatte gleichzeitig Graffiti -Künstler angeheuert, die er Slogans auf Konzern- und Bankgebäude sprühen ließ; auch die Autos von Geschäftsleuten blieben nicht verschont. Kommando Flächenbrand hatte sich zu einem subversiven Netzwerk ausgebildet, getragen von Künstlern und Freidenkern.

Tim war dennoch nicht ganz zufrieden. Es wurde Zeit, dass das Volk noch mehr mitbekam.

Zwar gab es erste Berichterstattungen in lokaler Presse, aber der ganz große Run hatte noch nicht eingesetzt. Aber er benötigte einen Hype.

Er wollte in Talkshows, zu Kerner, zu Beckmann, zu Schmidt, ins Morgen- und Mittagmagazin, vor allem zu RTL, Sat1, Pro7 und alle anderen Privaten, die sich an die intensivglotzenden Schichten richteten.

DA musste er hin, um den Flächenbrand auszulösen!

Polylux, ja, ganz nett, aber zu künstlerisch. Zu wenig gesehen. Ein Flächenbrand bedeutete Allgegenwärtigkeit.

„Wir müssen wachsen“, beschloss Tim murmelnd und betrachtete sein Gesicht auf dem spiegelnden Monitor. „Wir brauchen mehr Zellen. In ganz Deutschland, vor Ort.“

Er rief bei Freiherrin und Gründervater an und machte mit ihnen aus, dass sie neue Leute anwarben. Nur Leute, die sie selbst kannten und unbedenklich waren. Vielleicht war der Verfassungsschutz schon auf sie aufmerksam geworden und lauerte auf eine Gelegenheit, sie aufzuspüren.

Tim sah auf seinen Konto-Auszug: Es blieben ihm noch 46 Millionen Euro. Viel Geld für eine Revolution.

Als nächstes würde er Werbe-Jingles produzieren, die auf Internetplattformen zum Runterladen stünden. Fli-Fla-Flächenbrand. Revolution als Klingelton, kostenlos. Perfekt.

Der eigene Server stand sicher irgendwo auf einer kleinen Insel am Ende der zivilisierten Welt und war dank des Hackers unauffindbar. Von dort gingen die kleinen Filmchen der Sprayer auf die Videofilm-Plattformen der Welt.

Auch dort sollte Flächenbrand herrschen.

 

***

 

Nicht einmal einen Monat später trafen sich Tim aka Flächenbrand, Freiherrin und Gründervater mit den neuen Aspiranten. Wieder vor dem Löwengehege, wieder mit Aldi-Tüten, und dieses Mal sah es nach einem geführten Mitarbeiter-Rundgang durch den Zoo aus.

Tim zählte aus seinem Versteck hinter der Palme heraus ein Dutzend junger Männer und Frauen. Keiner war älter als vierzig.

Als er sich der Gruppe näherte, klatschten Freiherrin und Gründervater, und der Applaus breitete sich weiter aus. Tim wurde gefeiert wie ein Held, und das war ihm ein wenig peinlich.

Abwehrend winkte er ab. „Danke, danke, aber jetzt ist es gut. Sonst denken die anderen Besucher, ich gehöre zum Personal.“

Er nahm die Liste hervor und verlas die Bundesländer, aus denen die Leute stammten. Reale Namen interessierten ihn nicht. Es waren alle bundesdeutschen Staaten vorhanden.

„Ausgezeichnet.“ Tim nickte und nahm aus seiner Tüte die Kopien des Ablaufplanes. „Um was es geht, wisst ihr. Ich kann mir Erklärungen sparen. Wir sind geheim, subversiv. Wir schlagen aus dem Untergrund zu und entblößen die Mächtigen und Korrupten samt dem System. Die Schulungen in der Lausitz beginnen morgen und dauern zwei Wochen. Danach sucht ihr euch eigene Mitstreiter, und sobald ihr ein Team von zehn Mann habt, sagt ihr mir Bescheid. Dann startet die nächste Phase. Alles klar?“

Sie nickten und sahen begeistert aus.

„Okay, hat jemand Kontakt zu Altenheimen?“ Tim sah in die Runde und bekam zwei Meldungen. „Gut. Ihr sorgt dafür, dass die Senioren mehr uns erfahren. Ich habe Broschüren drucken lassen, die werde ich in einem Schließfach in euerem jeweiligen Bahnhof ablegen lassen. Alles weitere per SMS.“

Ein junger Mann mit abrasierten Haaren und den Klamotten nach ein Techno-Anhänger hob die Hand. „Ich habe schon zehn Mann“, sagte er. „Was mache ich denn als nächstes?“

„Woher kommst du?“

„Nordrhein-Westfalen.“

„Gut, dann heißt du für mich jetzt Nowe Alpha.“ Tim suchte seinen Organizer, tippte was hinein. „Ich habe dir auf dein Handy gerade das Kennwort für deine Zelle geschickt, mit dem du auf den Bereich des Flächenbrand-Servers zugreifen kannst, auf dem die Aktionen speziell für Nordrhein-Westfalen aufgelistet sind. Demnächst haben da ein paar Landespolitiker Auftritte in der Öffentlichkeit, und dann werden wir dabei sein.“

Nowe zog die Augenbrauen kampflustig zusammen. „Greifen wir an?“

„Ohne Gewalt gegen Menschen, ja“, betonte Tim und hörte das Testosteron in Nowes Worten. Das war nicht gut. „Bist du sicher, dass du zu uns gehören möchtest? Wir machen keinen Straßenkampf und so einen Scheiß. Das können von mir aus die Jungs in Berlin auf dem Kreuzberg machen, aber wir nicht. Unsere Methode ist anders.“

„Schon klar, Flächenbrand“, ging Nowe sofort in die Knie. „Aber den Menschen würde es sicher gefallen, wenn einer von den Politikern mal eine aufs Maul bekommt.“

„Nicht von uns, Nowe“, erwiderte Tim nachdrücklich. „Das Auto des Ministerpräsidenten bekommt einen neuen Anstrich, die Autos zweier Abgeordnete des Landtages sind ebenso fällig. Das sind die Denkzettel für zwei gebrochene Wahlversprechen. Ihr werdet die Versprechen auf die Autos und deren Hauswände pinseln. Dazu kommen die Handzettel mit den Spesenabrechnungen des Oberbürgermeisters von Dortmund, die werden in der Fußgängerzone verteilt. Ich lasse euch ins Schließfach einen Laptop und einen Beamer legen. Darauf sind die Fotos von einer Orgie des Staatssekretärs Wimmerling auf Steuerzahlerkosten gespeichert. Ihr werdet sie auf die Glasfläche des Einkaufszentrums in Essen projizieren und erläuternde Flugblätter streuen.“

Die Aspiranten lachten, und Nowe schien zufrieden zu sein.

Aber Tim nicht. Er fürchtete, dass der junge Mann zu aggressiv war, um bei ihnen bleiben zu können. Er sah die Mission als Test. „Danach“, sagte er in einem Verschwörerton, „rufen wir den Krieg gegen die Korruption und die falschen Politiker, gegen die Konzerne und ihre Gier aus! Flächenbrand wird auflodern und sich ausbreiten! Ihr seid die Funken, also geht hinaus und zündelt, was die Umgebung hergibt! Plattenbauten brennen wie Zunder!“

Wieder klatschten die Aspiranten, und Tim grinste. Dann ging er wieder, die Versammlung war vorbei.

Sobald er Zuhause angekommen war, würde er seine Presseerklärung zum Krieg gegen das System formulieren und versenden.

Danach rechnete er mit Einladungen von Beckmann mit Schmidt, von taff bis N-TV.

Kapitel V: Es brennt!

 

Nein - geh mal wieder auf die Straße, geh mal wieder demonstrieren.
Denn wer nicht mehr versucht zu kämpfen, kann nur verlieren!
Die dich verarschen,

die hast du selbst gewählt.
Darum lass sie deine Stimme hören, weil

jede Stimme zählt.

Deine Schuld, Die Ärzte

 

 

Mitschnitt aus der Talk-Sendung „Ausrufezeichen“ mit Reinhold Kerner

Auszug aus der Ermittlungsakte des Verfassungsschutzes zu „Kommando Flächenbrand“.

 

Kerner: Sie haben Deutschland den Krieg erklärt…

Flächenbrand: Nein. Ich habe dem korrupten System den Krieg erklärt. Deutschland ist super, aber vieles anderes in meiner Heimat nicht.

Kerner: Schön. Sie haben in Ihrem Krieg bereits einige Siege zu verzeichnen. Gegen einige Minister, Abgeordnete und Vertreter aus der Wirtschaft wurden Verfahren eingeleitet, nachdem Sie deren Verfehlungen und gravierende Unregelmäßigkeiten aufgezeigt haben.

Flächenbrand: Es ist nur schade, dass die Justiz uns benötigt, um dagegen vorzugehen.

Kerner: Dabei verstoßen Sie ständig gegen Gesetze. Fürchten Sie keine Strafen?

Flächenbrand: Ich kämpfe gegen Feinde, die sich außerhalb der Gesetze denken. Es schadet nichts, wenn sie Gegner bekommen, die sich auf ihr Niveau begeben. Und die Moral ist auf meiner Seite, Herr Kerner. Die Moral und die Menschen. Wenn Banker sich vor Gericht freikaufen können und das Verfahren eingestellt wird, damit sie nicht als vorbestraft gelten und ihre Posten behalten können, was denken Sie, was die Moral da macht? Sie kotzt. Aber wenn jemand, der kein Geld hat, sich einen Apfel im Kaufhaus stiehlt oder eine Packung Kekse, schlägt das Recht gnadenlos zu? Das darf in Deutschland nicht sein. Gesetze gelten für alle.

Kerner: Na, es gibt durchaus geteilte Meinungen zu Ihren militanten Kabarettisten und Kommando Flächenbrand. Wie gehen Sie damit um?

Flächenbrand: Kritik ist erlaubt, wir stehen nicht darüber, lassen uns aber auch nicht beirren. Die Kritiker von heute werden uns morgen dankbar sein. Spätestens deren Kinder.

Kerner: Wie meinen Sie das?

Flächenbrand: Es geht ja nicht nur um Einzelverfehlungen. Wir wollen noch mehr für den Bürger erreichen. Nehmen wir als Beispiel nur mal das Ein-Liter-Auto. Glauben Sie denn wirklich, dass die ausgezeichneten Ingenieure der Autobauer nicht in der Lage sind, Fahrzeuge zu entwerfen, die mit einem Liter Sprit auf einhundert Kilometer auskommen? Da kann der kleine Mann sparen.

Kerner: Zumindest gibt es die Wagen nicht…

Flächenbrand: Weil die alten Autos noch gut verkauft werden! Und nicht vergessen: Die fetten Firmenwagen der reichen Betriebe sind Spritschlucker, und die Firmen bekommen die Kosten über Steuervergünstigungen wieder zurück. Aber wo bleibt die Entlastung des kleinen Mannes? Wo sind die verbrauchsarmen Wagen? Solange die Autobauer durch höhere Spritpreise –und damit meine ich Preise von drei Euro den Liter- nicht gezwungen werden, diese undurstigen Motoren herzustellen, werden sie es nicht tun. Wenn Kommando Flächenbrand sie dazu nicht zwingen kann.

Kerner: Ich dachte, Sie wollen nur einen politischen Umsturz? Und wie wollen Sie Konzerne dazu zwingen?

Flächenbrand: Gegen das System zu sein, Herr Kerner, bedeutet weitreichende Veränderungen herbeizuführen. Politik, Wirtschaft, Banken. Ach ja: Lebensmittel. Wir sind der Auffassung, dass alle Deutschen ein Recht auf gesundes Essen haben. Keine Gifte mehr in Fleisch, Gemüse und Obst!

Kerner: Öko-Revolution?

Flächenbrand: Ist möglich. Wenn alle deutschen Landwirte ihre Massenproduktion auf ökologische umstellten, hätten wir in Deutschland ein enormes Angebot zu guten Preisen. Es bedürfte nur eines kleinen Anreizes. Die hirnlosen Subventionen für Massenhaltung und Überproduktion müssten einfach nur wegfallen und für Öko-Landwirte gezahlt werden. Käme allen zu Gute, oder?

Kerner: Kommen wir noch einmal auf die Konzerne zurück…

Flächenbrand: Sehen Sie, ein Konzern ist recht einfach in die Knie zu zwingen, wenn man sich nicht an die Gesetze halten muss. Was die meisten Konzerne ja auch nicht tun. Oder sie zahlen Politikern so viel, dass sie Extragesetze bekommen, die ihnen Vorteile bringen.

Kerner: Können Sie ein Beispiel geben, wie Sie einen Konzern zur Kursänderung bringen möchten?

Flächenbrand: Nun, wir sind gut ausgebildete Revolutionäre. Wir lehnen Blutvergießen und die Ermordung von Menschen ab. Da hindert uns aber nicht daran, Bomben auf Werksgeländen zu legen. Wenn die Förderbänder erst einmal still stehen und die Konzerne keinen Umsatz mehr machen, die Aktien in den Keller gehen und zu Spottpreisen von der Konkurrenz aufgekauft werden – was glauben Sie, über was man alles mit einem Konzern sprechen kann? Ich wette mir Ihnen, Herr Kerner, dass es in einem Jahr ein Ein-Liter-Auto für wenig Geld gibt.

Kerner: Das nennt sich Erpressung.

Flächenbrand: Ja, und?! Machen die Konzerne und die Mineralölgesellschaften im Verbund seit Dekaden von Jahren mit den Verbrauchern! Halten wir es uns klar vor Augen: Die Menschen dienen den Konzernen.

Kerner: Das ist doch alles sehr utopisch, was Sie anstreben.

Flächenbrand: Sie wollen einen Beweis, was das Volk ausrichtet, wenn es will? Gut. Ich rufe die Zuschauer auf, morgen um 12 Uhr bei der Zentrale von Shill Oil anzurufen. Das ist noch harmlos im Vergleich zu dem, was man sonst noch auf die Beine stelle könnte. Ich vergleiche das gerne mit Wasser. Ein einzelner Regentropfen macht nichts, aber lassen sie es mal 80 Millionen Tropfen sein. Das gibt eine Welle, da war der Tzunami damals Kindergeburtstag. Und diese Welle kann alles wegspülen, was sie möchte. Wer hält sie auf: die Bundeswehr oder die Polizei? Der Volkswille ist nicht zu bremsen, Herr Kerner. Wir wollen den Volkswillen entflammen und einen Flächenbrand entfachen, der Deutschland reinigt und wahre Demokratie bringt.

Kerner: Ich habe meine Zweifel, dass es gelingt. Es gibt wohl einige Resonanz in den Zeitungen, aber Demonstrationen für Flächenbrand sind nicht bekannt.

Flächenbrand: Wir haben 50000 Mitglieder in unserem Newsletter-Verteiler, unsere Homepage wird täglich von mehr als einer Million Menschen aus aller Welt besucht. Wir haben inzwischen auch Anfragen aus dem Ausland, wie man bei einer Revolution vorgehen sollte. Dass es noch keine Demo für uns gab, lag daran, dass wir keine gewollt haben. Warten Sie auf morgen, was um 12 Uhr in der Zentrale von Shill Oil los sein wird. Das war erst der Anfang.

 

***

 

Tim sah die Zeitungen durch, die sich auf seinem Schreibtisch stapelten.

Kein Blatt kam mehr um die militanten Kabarettisten und Kommando Flächenbrand herum, keines! Nicht mehr lange, und die ausländischen Medien berichteten ebenfalls über sie.

Er fühlte sich beschwingt und fröhlich. Die Zentrale von Shill Oil war unter der Last der Telefonanrufe vor einem Monat zusammengebrochen, drei Stunden lang war der Mineralölkonzern nicht zu erreichen. Kommando Flächenbrand hatte seine Wirksamkeit unter Beweis gestellt.

Es gab inzwischen Dutzende von Sympathisanten-Plattformen im Internet, die für die Ziele warben, ohne überhaupt zu Flächenbrand zu gehören.

Tim und der Hacker fanden das perfekt, weil sie dem BND und anderen Ermittlungsbehörden die Fahndung nach den wahren Schuldigen –sie- erschwerten.

Es gab mittlerweile auch sehr, sehr besorgte Politiker, die um ihr Leben fürchteten, weil sie anonyme Briefe von Flächenbrand erhalten hatten.

Es war zudem bereits zu Steinwürfen bei Kundgebungen von Politikern sowie Gewerkschaften oder bei Einweihungen von Konzern-Neubauten gekommen.

Das ging natürlich nicht.

Tim wurde nicht müde, die Medien unentwegt darauf hinzuweisen, dass Flächenbrand Gewalt gegen Menschen ablehnte. Ihre Idee werde falsch und widerrechtlich kopiert.

Dafür zeigte Flächenbrand die Zähne und beabsichtigte, die Wirtschaft wie bei Kerner angekündigt zum Zittern zu bringen.

Tim sah auf die Uhr. Um Mitternacht, Sonntag, null Uhr, würden in allen Bundesländern jeweils eine Bombe in die Luft gehen und die Werke von besonders ausbeuterischen Unternehmen lahm legen.

Eine Stunde später wären Filialen in Fußgängerzonen von nicht minder ausbeuterischen Einzelhandelsketten an der Reihe. Die gewählten Uhrzeiten garantierten, dass es keine menschlichen Opfer gab.

Darauf war Tim besonders stolz: es war nicht einmal zu ernsthaft Verletzten gekommen, wenn man von einzelnen Mitgliedern der Kommandos absah. Einsatzrisiko. Aber bisher hatten sich alle von ihren Blessuren erholt. Solange keine Bombe zu früh hoch ging, war alles halb so wild.

Tim betrachtete wieder die Homepage ihrer Vereinigung und las die neusten Mitteilungen: frische Spesenabrechnungen von Politikern, versteckte Zusammenarbeiten von Stromkonzernen, um Preise zu halten, falsche Etiketten auf Waren – es gab wieder einiges, um wütend auf das System der Abzocker zu sein. Noch mehr Öl für die kochende Volksseele. Bald würde sie explodieren. Wie sie sollte.

Tim las, dass es immer mehr Stimmen von jungen Politikern in den Volksparteien gab, die sich auf die Seite der militanten Kabarettisten begaben. Das machte ihn nicht unbedingt glücklich. Die politischen Opportunisten krochen unter den Steinen hervor und wollten sich in Position bringen.

Aber wenigstens die Nazis machten auf ihren eigenen Websites gegen das Kommando mobil und riefen zum Krieg gegen die Volksschädlinge auf, die einen Umsturz herbeiführen wollten. Das dürfe nicht sein. Die Braunen sahen sich überholt und fühlten sich aufs Hakenkreuz getreten.

Eben bekam Tim die Nachricht von Schwerer Ausnahmefehler, dass der eigens komponierte Flächenbrand-Song in Webradios rauf und runter gespielt wurde. Weil es ihn als Klingelton und Video gratis zum Download gab, wucherte er weiter. Neulich hatte ihn Tim im Bus gehört, irgendwo aus der Menge der Schüler und Arbeiter.

Tim rief die Börsendaten auf und überprüfte die Aktienkurse der Firmen, denen Kommando Flächenbrand verbal ordentlich zugesetzt und mit Vergeltung für die Ausbeutung gedroht hatte. Es wunderte ihn nicht, dass sie an Wert verloren hatten. Noch ein Ziel erreicht.

Vermutlich würde man ihn sofort durchstellen, wenn er mit dem Vorstandsvorsitzenden eines jeden einzelnen Unternehmens sprechen wollte, um zu verhandeln.

„Vielleicht tue ich das bald“, wisperte er und sah aus dem Fenster.

Es loderte an allen Ecken Deutschlands, es brannte hier und da.

Es wurde Zeit, dass sich die Flammenherde zusammenschlossen.

Explosionsartig.

Kapitel VI: Quo vadis?

 

Es ist nicht deine Schuld,

dass die Welt ist, wie sie ist.
Es wär nur deine Schuld,

wenn sie so bleibt.
Weil jeder,

der die Welt nicht ändern will,

ihr Todesurteil

unterschreibt.

Deine Schuld, Die Ärzte

 

 

 

Tim stand in der Halle des Essener Bahnhofs und wartete, dass sich Freiherrin, Gründervater und Nowe Alpha zu ihm gesellten.

Er hatte eine Mordswut, und das lag nicht an den Erfolgen, die sie zu verzeichnen hatten.

Die Bomben, die Anschläge auf die Filialisten, auf die Werke der Ausbeuter, auf die Parteizentralen brachten Flächenbrand sehr viel Lob und den Betroffenen noch mehr Schadenfreude.

Aber als die große Raffinerie plötzlich in die Luft geflogen war und sechs Tanks voller Mineralöl abfackelt waren, hörte der Spaß für Tim auf.

Sicher, es hatte einen Mineralölkonzern getroffen, und prompt waren die Aktienkurse so tief in den Keller gestürzt, dass es kein Halten mehr gegeben hatte. Das deckte sich mit den Maximen von Flächenbrand.

Die Kehrseite: dreizehn verletzte Feuerwehrmänner, gesundheitsschädliche Rauchwolken bis zum Horizont, nicht zu vergessen die Kontaminierung des Erdreichs.

Diese Aktion war Tim eindeutig zu grenzwertig. Und es waren keine Mitläufer gewesen.

Dummerweise hatte sich Nowe Alpha zu dem Anschlag bekannt. DAS erforderte klärende Worte und danach den Ausschluss. Aber etwas warnte ihn davor, leichtfertig anzunehmen, dass sich Nowe einfach so rausschmeißen ließ.

Nowe kam auf ihn zu, dieses Mal in schickem Anzug. Ohne Aldi-Tüte.

Er sah mit seinem Kurzhaarschnitt aus wie ein Bodyguard auf Urlaub, er trug sogar einen Sonnenbrille. Eine sehr teuere Sonnenbrille.

Freiherrin näherte sich ihnen vom Bahnsteig, und Gründervater kam durch den Haupteingang gelaufen. Sie waren vollständig versammelt und trafen sich genau in der Mitte der Halle.

„Was sollte das?“, zischte Tim Nowe an. „Dein Alleingang hat uns sehr viel Ansehen gekostet! Es stand nichts davon auf deinem Einsatzplan!“

„Ich habe meinen eigenen“, sagte Nowe ruhig und grinste. „Du wolltest, dass es in Deutschland brennt. Ich habe es nur wörtlich genommen.“

„Wir sind ein Team, ein Kommando, Nowe. Du hältst dich gefälligst an den Plan! Oder willst du die Revolution in Gefahr bringen?“ Tim sah ihn herausfordernd an.

Nowe grinste noch immer. „Die Revolution kann mich mal.“

„Du bist draußen!“, rief Tim lauter als gewollt, und einige Reisende wandten sich zu ihm um.

„Flächenbrand hat Recht“, mischte sich Freiherrin ein. Sie war nicht weniger zornig auf den Ausreißer. „Du bist keiner mehr von uns.“

„Muss ich jetzt mein Clubkärtchen abgeben?“, höhnte Nowe. Er öffnete sein Sakko und zeigte ihnen die Pistole, die ihm Gürtel steckte. „Ihr könnt mir gar nichts. Meine Leute sind hier im Bahnhof verteilt und passen auf, dass ihr euch nicht schnell bewegt.“

„Du bist kein Revolutionär mehr“, sagte Gründervater bebend.

„Stimmt. Ich bin Freischaffender.“

Tims Handy klingelte. Er nahm den Anruf entgegen und hatte Schweren Ausnahmefehler dran, der ihm noch mehr Unglaubliches mitteilte. „Woher hast du das Geld, Nowe?“, fragte er mühsam beherrscht.

Nowe lachte herablassend. „Oh, ihr überwacht mich?“

„Wir haben einen Superhacker, und ich hatte gleich den Verdacht, dass du nicht ganz sauber arbeitest. Wir haben dir nur Ausrüstung gegeben, mit der wir nachvollziehen können, was du machst“, erklärte er.

„Was für Geld?“, machte Freiherrin verwundert.

„Er hat drei Millionen überwiesen bekommen. Nach dem Anschlag auf die Raffinerie. Von einem Konto, das diverse Querverbindungen hat, damit man nichts nachvollziehen kann.“ Tims Stimme war dunkel und düster. „War es ein anderer Konzern?“

Nowe hatte seine Überheblichkeit verloren. Er ahnte, dass ihm die drei Millionen wieder genommen werden konnten. „Wenn der Zaster verschwunden ist, dann…“

„Du hast es nicht verdient, du Arschloch!“, herrschte ihn Gründervater an. „Du bist nichts weiter als ein Auftragsterrorist!“

„Und ich habe dir die Möglichkeit gegeben“, sagte Tim leise und enttäuscht. „Du wirst die Leitung der Zelle Nowe Alpha niederlegen…“

„Drauf geschissen!“ Nowe legte eine Hand an den Pistolengriff. „Es wird gerade lukrativ. Ich mache weiter, die Ausrüstung ist einwandfrei, und es macht Laune. Meinen Leuten gefällt die neue Ausrichtung auch.“

Freiherrin schüttelte den Kopf. „Du bist tot. Du bist so was von tot! Wie kannst du nur unsere Ideale verraten..“

„Ich bin sicherlich nicht tot, ihr Penner.“ Nowe tippte gegen die Waffe. „Ich mache weiter, im Namen von Flächenbrand.“

„Ich werde erklären, dass du nichts mit uns zu tun hast.“ Tim fühlte sich plötzlich uralt und verraten, wie Jesus damals. In Gezemaneh. „Verpiss dich jetzt.“

Nowe erlangte seine Großspurigkeit zurück. „Ihr könnt mir gar nichts. Klaut mir doch die drei Million! Los, klaut sie mir doch! Ich habe so viele Aufträge von der Industrie, ich verdiene in einem Jahr das Zehnfache!“ Er zeigte ihnen den Mittelfinger und eilte zum Ausgang.

Gründervater sah ihm nach. „Das klingt jetzt sehr pathetisch, aber ich fürchte, wir müssen ihn ausschalten.“

„Bevor er Flächenbrand zum Scheitern bringt“, bestätigte Freiherrin, und beide schauten Tim an.

Er wusste keine Antwort. Seine Revolution hatte unerwartet das Gleis verlassen, auf dem sie schier unaufhaltsam gerollt war. Neben der Spur.

 

***

 

Damit endeten die Schwierigkeiten für Tim und Flächenbrand nicht.

Wegen dem aufständischen Nowe wurde eine Sitzung aller Zellenleiter einberufen, und alle trugen Aldi-Tüten. Sie kamen in Frankfurt zusammen, im Hauptbahnhof.

Tim bemühte sich, Zuversicht zu verbreiten, doch die junge Rhepf brachte gleich zu Beginn einen Vorschlag ein, der Freunde fand: „Wir gründen eine Partei!“

„Niemals“, sagte Tim sofort.

Aber Rhepf missachtete ihn. „Seht ihr nicht, was bewegen? Der Zuspruch in der Bevölkerung ist überwältigend. Wenn wir jetzt eine Partei ins Leben rufen, die sich auf Kommando Flächenbrand beruft oder unterstützt wird, kommen wir bei den nächsten Wahlen in alle Länderparlamente und ziehen in den Bundestag ein!“

„Damit wären wir ein Teil des Systems, das wir kippen wollen“, sprach Tim dagegen.

„Aber du wolltest doch neue Politiker“, begehrte Rhepf gegen ihn auf.

„Wenn die alten abgesägt sind, wenn Flächenbrand sie ausgelöscht hat und die Parteien von Grund auf erneuert werden -  DANN ist die Zeit gekommen.“ Tim sah in die Gesichter der Männer und Frauen, die das Duell verfolgten. Es lag wieder etwas in der Luft, und Tim war sich sicher, Yves Saint Laurent zu riechen. Daran änderte auch die Aldi-Tüte nichts.

„Aber wäre nicht ein Sieg der Revolution, wenn wir das System mit seinen eigenen Waffen schlagen und uns an die Macht wählen lassen?“ Rhepf gestikulierte beschwörend. „Die Masse hebt uns auf den Schild, von dem aus wir auf die Köpfe der Etablierten einschlagen!“

„Das System muss weg!“ Tim wiederholte es, weil er keine Argumente dagegen hatte. Er brauchte auch keine. „Wir haben einen Plan, und wir diskutieren auch nicht…“

„Ach?“ Rhepf funkelte ihn an. „Wir kämpfen für echte Demokratie und müssen uns aber dem Wort eines Einzelnen beugen? Das ist ein Widerspruch, den ich nicht akzeptiere.“

„Dann wirst du uns wohl verlassen, Rhepf“, sagte Tim ruhig. Er bekam den Eindruck, dass der Flächenbrand mit Gegenfeuer bekämpft wurde, ohne dass das System überhaupt etwas dagegen tun musste. Erst Nowe, jetzt Rhepf. Die Kinder fraßen ihre Revolution. „Alles muss straff geregelt sein, sonst erreichen wir unser Ziel nicht.“

„Ich sage, dass unser Ziel in der Gründung einer Partei liegt“, blieb sie stur. „Wie Sinn Féin und die IRA. In Nord-Irland hat es doch auch geklappt.“ Sie sah in die Runde. „Wer dafür ist, hebt die Hand.“ Ihre Finger schnellten in die Höhe.

„Es gibt keine Abstimmung, hört ihr?!“ Tim sah die Männer und Frauen an.

„Na, ich sehe das anders. Ohne Demokratie bei Flächenbrand wäre der Kampf gegen das System wohl eine Farce“, sagte Berlin.

„Demokratie ist auch nichts so Tolles“, murmelte Bawü.

„Was?“ Tim glaubte, sich verhört zu haben. „Es ist ein Grundrecht!“

„Jetzt doch?“, warf Rhepf spitz ein, und er hatte das Verlangen, sie zu schlagen und ihr böse Namen zu geben.

„Demokratie ist die Unterdrückung der Minderheit, und wenn die Minderheit 49 Prozent sind, ist das doch scheiße!“, konterte Bawü. „Das sind 49 Prozent Unzufriedene, und das destabilisiert das System doch auch. Habe ich nicht recht? Ich mache mir schon die ganze Zeit, was wir stattdessen anbieten könnten. Sozialismus, Kommunismus…“

„Warum nicht Absolutismus?“, rief Freiherrin ätzend ein. „Da haben wir 99 Prozent Unzufriedene, da wären fast alle gleich.“

„Wir könnten mit unseren Aktionen ruhig härter werden“, steuerte Bay der Diskussion bei. „Es muss eindeutigere Zeichen ans Volk geben. Wir könnten ein paar korrupte Banker, Bonzen und Politiker schnappen und mit ihnen irgendwas anstellen. Teeren und Federn, anmalen, sie ausziehen und auf einem Marktplatz an den Pranger stellen.“ Er kreuzte die Arme vor der Brust. „Fände ich gut.“

„Seid ihr alle durchgeknallt?“ Freiherrin baute sich in der Mitte auf. „Ihr seid gerade dabei, die Revolution in Gefahr zu bringen.“

„Richtungsstreitigkeiten sind innerhalb revolutionärer Gruppierungen üblich“, hielt Rhepf verstimmt dagegen. „Es ist reinigend und gut.“

„Ein Scheiß ist das!“, schrie Tim. „Ihr macht alles kaputt!“ Er ärgerte sich, dass es aus dem Ruder lief.

Aus den Augenwinkeln sah er, wie Gründervater entgeistert auf den großen Anzeigemonitor in der Halle schaute, und er folgte dem Blick.

Es war eine Live-Übertragung aus Hamburg, und ein Teil des Hafens stand in Flammen!

„…Hintergrund ist ein Anschlag auf ein Tankschiff, das nach eigenen Angaben von Kommando Flächenbrand gesprengt wurde“, sagte die Reporterin. „Es verliert seitdem brennendes Öl. Feuerwehr und Polizei versuchen, den Brand unter Kontrolle zu bekommen. Zwei Werften haben bereits Feuer gefangen, drei Frachter wurden stark beschädigt.“ Sie drückte den Ohrknopf tiefer in den Gehörgang. „Und es gab soeben eine weitere Drohung gegen eine Raffinerie, wie unsere Sender erfahren hat. Der Hafen wird großflächig…“

„Nowe“, raunte Freiherrin bleich.

„Was macht die Sau in Hamburg?“ Ham runzelte die Stirn. „Wenn ich den finde, erledige ich ihn.“

„Das“, brüllte Tim und reckte den rechten Arm zum Monitor, „das kommt dabei raus, wenn jeder macht, was er will!“ Er zählte an den Fingern auf. „Damit es alle kapieren: keine Partei, keine Abstimmung, keine…“

„Was machen wir mit Nowe?“ Freiherrin schluckte. „Er ist außer Kontrolle! Wir müssen ihn…“

„…umbringen“, sagte Bay. „Wir schicken ein paar Leute los und lassen ihn ermorden. Bevor wir ihn…“

Tim hob die Hände. „So, entweder ihr hört mir zu und folgt mir oder Kommando Flächenbrand ist auf der Stelle erledigt und aufgelöst.“ Er klang entschlossen.

Es herrschte Stille.

„Schön. Wir machen das so: Ich weiß, wer Nowe ist und werde die Polizei auf ihn hetzen.“

Gründervater sah ihn an. „Aber er weiß, wer ich bin.“

„Er hat keine Beweise gegen dich. Wir machen vorher dein Haus leer und vernichten jedes noch so kleine Indiz. Notfalls wirst du untertauchen müssen. Ich besorge dir, was du…“

„Ich will aber nicht! Meine Familie wird mich vermissen, und ich habe ein normales Leben.“ Gründervater sah entsetzt aus.

Tim packte ihn bei den Schultern. „Ich bringe ihn sicherlich nicht um, damit er schweigt. Keine Menschenleben, schon vergessen?“

„Ich schon“, sagte Bay locker.

Tim sah ihn lange an, danach ließ er Gründervater los. „Das war es“, sprach er heiser. „Kommando Flächenbrand und die militanten Kabarettisten sind hiermit aufgelöst. Es hat nichts mehr mit dem zu tun, was ich erreichen wollte. Es kotzt mich an!“

Er wandte sich ab und achtete nicht auf die Rufe.

Tim würde die vorbereiteten Auflösungserklärungen an die Medien verschicken und darauf hinweisen, dass jede weitere Aktion nicht mehr im Sinne der Ur-Bewegung sei. Ohne Begründung. Der Flächenbrand war an seinem eigenen Qualm erstickt.

Zumindest in Deutschland. Um eine neue Revolution anzuzetteln, musste der gescheiterte Versuch von den Deutschen zuerst vergessen werden.

Tim hatte noch 41 Millionen Euro. Mit denen würde er nach Frankreich reisen und es ein weiteres Mal versuchen.

Die Franzosen hatten eine größere Revolutionstradition als die Deutschen, und der Plan an sich war nach wie vor gut. Es bedurfte besserer Mitarbeiter.

„Von Frankreich aus in die Welt“, sagte Tim halblaut vor sich hin. 1789 war die Revolution ein Exportschlager gewesen.

Dieses Mal würde es wieder klappen.

Nachtrag

 

Tim Grandmann wurde zwei Jahre später bei der Ausreise von Frankreich nach Spanien verhaftet. Wegen Trunkenheit am Steuer und Unfallflucht.

Er bekam zwei Jahre und wurde an Deutschland ausgeliefert, wo ihm aufgrund der Aussagen von Herbert Schumann –Nowe Alpha- der Prozess wegen Kommando Flächenbrand gemacht wurde.

 

Rhepf –Marlene Hanke- gründete die Partei Dagegen und scheiterte mehrmals an der Fünf-Prozent-Hürde.

Heute ist sie Staatssekretärin im Umweltministerium.

 

Herbert Schumann –Nowe Alpha- wurde gefasst, als er Bomben an der Frankfurter Börse legen wollte.

Nach einer einstündigen Schießerei wurden er und vier seiner Komplizen überwältigt.

Wer sein Auftraggeber war, ließ sich nicht herausfinden. Es gibt Gerüchte, dass zahlreiche Sabotageaufträge aus Wirtschaftskreisen an ihn ergingen.

Schumann packte aus und lieferte genügend Hinweise auf die Anführer von Kommando Flächenbrand.

Heute sitzt er ein und verbüßt noch zwanzig Jahre Haft.

 

Karl Ostmann –Gründervater- wurde aufgrund Schumanns Aussage verhaftet und bekam nach einem Geständnis fünf Jahre auf Bewährung.

Er arbeitet wieder als Schlosser.

 

Katharina Rinke –Freiherrin- schrieb unter einem Pseudonym ein Buch über ihre Erlebnisse mit Kommando Flächenbrand und landete einen Bestseller. Sie wurde mangels Beweisen nie angeklagt.

Heute schreibt sie an einer Fortsetzung.

 

Schwerer Ausnahmefehler hält die Internet-Plattform von Kommando Flächenbrand am Leben.

Noch heute ist seine Identität den Ermittlungsbehörden unbekannt.

Nachwort und Interpretion

Ich habe es in der Schule immer gehasst, Sachen interpretieren zu müssen, weil meine eigenen Schlüsse durch die angeblichen Expertenmeinungen meistens nichts galten. Man hatte ein Gedicht oder eine Geschichte so zu verstehen, wie es im Reclam-Heftchen oder in den Begleitbüchern aufgeführt war.

Das fand ich hochgradig unfair, denn oftmals kamen diese Einschätzungen nicht vom Verfasser. Man konnte die Autoren selten selbst danach befragen…

Aus diesem Grund gebe ich selbst keine Anleitung zur Interpretation. Ob das Bild vom ausgeschabten Ei etwas zu bedeuten hat? Ob der Duft der genannten Parfüms eine Rolle spielt oder ob es Schleichwerbung war? Ob sich Tim für einen Messias hält, weil Gezemaneh genannt wurde? Ob Nowe der moderne Judas ist?

Ich finde es viel spannender zu sehen, was sich die Leserinnen und Leser dabei denken.

Warum ich diese Kurzgeschichte geschrieben habe?

Es lag mir am Herzen, es musste raus. Die Revolution ist möglich – aber es ist eben schwer, gute Mitarbeiter zu finden.

In diesem Sinne: „deine Schuld“!

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