SR-Roman Bd. III
AETERNITAS
- Leseprobe -
Prolog
ADL, Norddeutscher Bund, Göttingen, Campus der Universität, 01:02
MEZ, 21. 04. 2058 A.D.
Heribert Lämmle-Strohnsdorf, Wachmann des Verbandes Wach- und Schließgesellschaften,
schaltete den seitlich an der Tür des Peugeot "Corindon" montierten
Suchschweinwerfer ein und richtete den hellen Strahl auf die Hintertür
des Gebäudes, das auf seiner Campus- Route lag. Dann langte er auf den
Beifahrersitz, nahm das Fernglas und betrachtete die Sicherung. Die Anzeige
des Magschlosses blinkte warnend und bestätigte den Alarm, der vor wenigen
Minuten in der Zentrale eingegangen war.
Er aktivierte das Kehlkopfmikrofon. "Karl, ruf die Bullen an. Wir haben
einen echten Einbruch, keinen Fehlalarm."
"Hast du dir die Sache angeschaut? Ich habe keine Lust, schlecht gelaunten
Grünträgern zu erklären, dass es wieder ein Irrtum war."
Die Zentrale wollte, dass er aus dem warmen Auto stieg. "Schon gut, ich
gehe nachsehen", meinte Lämmle-Strohnsdorf gereizt. Er verließ
den Peugeot, schaltete den Suchscheinwerfer aus und nahm sich die schwere
Taschenlampe.
Genervt stapfte er zum Eingang, tippte den Überbrückungscode für
das Magschloss und checkte, wann sich jemand daran zu schaffen gemacht hatte.
Die Einbrecher waren demnach knappe fünf Minuten am Werk. Vorsichtig
drückte er die Klinke mit den Fingerspitzen herab. Die Tür schwang
auf.
"Karl, es ist wirklich ein Einbruch", wiederholte er inständig
seine Meldung. "Sei so lieb und ruf die Polizei. Ich passe solange auf
meinen Arsch auf und versuche, sie nicht zu verscheuchen." Von drinnen
erklang ein gedämpftes Bersten von Holz. Scheiße! Sie sind
noch drin!' "Die Bullen sollen sich beeilen!" Schritt für Schritt
zog er sich zurück, die Rechte lag am Griff seiner Fichetti Security
500a.
"Wenn du nicht willst, dass die Grünen dich die nächsten zehn
Jahre verarschen, gehst du besser rein und vertrimmst die Studis, die drin
sind", empfahl ihm die Einsatzzentrale. "Der Uni-Präsident
wird echt sauer, wenn da etwas wegkommt."
"Wenn es aber mehrere sind?" Der Wachmann konnte sich für den
Gedanken, einer Übermacht gegenüberzustehen, nicht erwärmen.
"Du hast eine schusssichere Weste, einen Elektroschlagstock und eine
Pistole", erinnerte ihn Karl unfreundlich. "Geh da rein, Heribert,
wenn du deinen Job behalten willst. Du weißt, dass unsere Unterhaltungen
aufgezeichnet werden und es ziemlich feige aussieht, was du da machst. Wir
haben die Aufgabe, die Gebäude zu bewachen und Täter zu..."
"Halt die Fresse." Lämmle-Strohnsdorf zückte die Fichetti
entsicherte sie und lud durch. "Ich gehe rein." Der rote Punkt des
Ziellasers erwachte.
Vorsichtig, ganz langsam setzte er einen Fuß vor den nächsten,
bewegte sich die wenigen Stufen hinauf, die ihn in den Korridor im Erdgeschoss
der Magischen Fakultät führten. Nach kurzem Lauschen, ging er in
Richtung des Büros des Dekans, von wo die Geräusche stammten.
Das Mondlicht sorgte für genügend Helligkeit, sodass er die Taschenlampe
rasch ausknipste, um sich nicht durch den weißlichen Strahl zu verraten.
Der Wachmann pirschte sich näher und spähte durch den Spalt ins
Innere des Zimmers.
Auf dem Stuhl saß Dekan Prof. Lutz Diederichs, gefesselt an Armen und
Beinen, während sich zwei Maskierte, ein Mann und eine Frau, im Büro
umschauten, die Vitrinen und Schränke rücksichtslos durchstöberten.
Ein Dritter stand vor dem Leiter der Fakultät und klebte ein weiteres
Pflaster auf den nackten Oberkörper des Professors.
"An Ihrer Stelle würde ich reden, Sir. Das war schon die dritte
falsche Antwort, und somit bekommen Sie das dritte Stimulanspflaster. Ich
habe gehört, dass es für Magier wie Sie gewisse Nebenwirkungen haben
kann."
"Fahren Sie zur Hölle!", sagte Diederichs, die Pupillen stark
geweitet. Schweiß stand ihm auf der Stirn. "Sie gehört mir.
Ich habe es nicht verkauft, da werde ich sie Ihnen schon gar nicht überlassen.
Man hat mich gewarnt. Solch unverschämte Kreaturen, wie Sie es sind,
werden es nicht schaffen, mir den Aufenthaltsort zu entlocken."
Ohne eine Erklärung nahm der Maskierte ein weiteres des mit stimulierenden
Substanzen behandeltes Verbandsmaterial aus seiner seitlichen Beintasche,
entfernte die Schutzfolie und klebte es dem Professor auf den Oberarm. "Vier."
Diederichs jaulte auf und versuchte, sich von den Fesseln zu befreien.
"Heribert, die Bullen sind unterwegs", dröhnte es in Lämmle-Strohnsdorfs
Kopfhörer, und der Wachmann erschrak so sehr, dass er mit einer unwillkürlichen
Bewegung den Lauf der Fichetti gegen die Wand schlug.
Der männliche Suchende der "unbefugten Personen" wirbelte herum
und schaute zum Türspalt. Die braunen Augen hinter dem Sehschlitz der
Sturmhaube entdeckten den Zuschauer. Augenblicklich sank der Wachmann zusammen
und lag schlafend am Boden.
"Forbes, dear pal, du wirst schlampig", sagte der Verhörer
vorwurfsvoll scheinbar in den leeren Raum.
"Negative, Sir. Ich hatte ihn die ganze Zeit über im Visier",
kam es beinahe beleidigt über Funk.
"Darüber reden wir später." Der Mann mit dem starken rollenden
Akzent wandte sich Diederichs zu. "Ich muss Sie um etwas Beeilung bitten,
Sir." Er hielt dem Dekan eine Handvoll der Stimulanspflaster unter die
Nase. "Das sind die stärksten Präparate, die es derzeit auf
dem Markt gibt. Ich schlage vor, Sie denken rasch nach, wo es sich befindet
oder verabschieden Sie sich für immer von ihrer Magie, Sir. Mein Team
und ich haben keine Lust, unsere Zeit mit Suchen zu vergeuden."
Der Leiter der Fakultät begann, am ganzen Leib zu zittern. Die Wahl,
ein so wertvolles persönliches Gut unwiederbringlich gegen ein Artefakt
einzutauschen, fiel schwer. Diederichs rang mit sich selbst. Schließlich
siegte die Selbsterhaltung.
"Es steht hinter dem Bücherbord in einem Geheimfach." Hektisch
beschrieb er, wie man den Alarm umging und an die verborgene Vertiefung gelangte.
Die Frau befolgte die Anweisungen exakt, um wenige Sekunden darauf das in
ein schwarzes Samttuch eingeschlagene rechteckige Objekt in Händen zu
halten. Ihr Suchpartner hockte sich für einen Moment hin, erstarrte und
kehrte wieder ins Bewusstsein zurück. "Das ist sie. Die astrale
Identifizierung verlief positiv, Sir."
Die Frau wickelte den Gegenstand in einen weiteres Tuch und verstaute die
Beute in ihrem Rucksack.
Der dritte nickte zum Ausgang. "Abrücken, Team. Sehr gute Leistung.
Forbes?"
"Constables im Anmarsch", gab der Unsichtbare durch den Äther
vollkommen ruhig seine Aussicht weiter. "Schneller Rückzug durch
die Hintertür, Sir. Ich gebe Ihnen notfalls Deckung."
"Affirmative." Der Anführer winkte den Mann und die Frau hinaus.
Seine vorletzte Handlung bestand darin, die verbliebenen Stimulanspflaster
der Reihe nach zum Aufkleben vorzubereiten.
"Sie hätten das Kaufangebot nicht abweisen sollen, Sir. Ich soll
Ihnen die schlechtesten Wünsche vom Interessenten überbringen."
Die dünnen Abdeckungen waren alle entfernt. "Ich dagegen hoffe das
Beste für Sie, Sir. Halten Sie sich wacker."
Die Klebeflächen kamen in Kontakt mit der bloßen Haut, die chemischen
Substanzen drangen durch die Epidermis und setzten ihre Wirkung frei.
Der Ausdruck im Gesicht des Dekans wechselte, seine Wangenmuskulatur erschlaffte.
Seine plötzlich stumpfen, riesigen Pupillen glotzten ins Nirgendwo.
*
(Poolitzer hat sich bei Forge eingeladen, ein Hersteller von magischen Utensilien,in
Suhl eingeladen, um einen Bericht über Waffenfoki zu drehen.)
Forge lenkte Poolitzer in einen mehrfach gesicherten Bereich, der an einen
Lagerraum erinnerte. "Und hier haben wir unseren Nachschub gelagert.
Rohstoffe für Fetische und Foki, sprich Kräuter, Minerale und Metalle
aller Art und in allen Formen, mal natürlich, mal raffiniert. Dazu gesellen
sich Knochen, Rasseln, Trommeln, Federn und vieles andere mehr. Es kommt immer
darauf an, ob wir es für die hermetische oder die schamanistische Schule
herstellen. Fetische sind recht rasch zu fabrizieren. Unsere besten nichtmagischen
Leute bekommen ein Kräutersäckchen innerhalb von wenigen Stunden
hin. Aber Alchemie und Fokusherstellung kann nur von Magiern fachgerecht betrieben
werden."
Safetüren mit Kartenschlitz, Retinascan und Tastenfeld gewährleisteten,
dass gewisse Materialien nur vom Chef persönlich hervorgeholt werden
konnten.
"Sie müssen doch Vorbestellungszeiten von Jahren haben", wunderte
sich der Reporter nach dem Gehörten.
"Ein halbes Jahr wäre bei einer Maßarbeit schon sinnvoll.
Aber für weniger Exklusives geht es rascher."
Poolitzer schaute auf die unzähligen Klappen, hinter denen sich säuberlich
geordnet die Ingredienzien verbargen. "Können Sie mir mal was Außergewöhnliches
zeigen?"
Der Elf öffnete eine der Stahltüren und holte eine Schale mit getrockneten
Blüten hervor. "Das sind Tigerlilien, inzwischen nur noch an entlegenen
Stellen in China und Japan zu finden, und natürlich werden diese Orte
eifersüchtig gehütet. Es hilft aber alles nichts, wenn ein Fetisch
eine solche Zutat benötigt."
"Was machen Sie denn, wenn so etwas nicht vorrätig ist?"
Die Frage schien ein Thema zu berühren, das dem Metamenschen nicht recht
passte. "Es gibt Spezialisten, die exotische Materialien sehr schnell
besorgen können. Aber die meisten wollen nicht genannt werden",
wich Forge aus. "Sehen Sie, gelegentlich benötigt ein Fokus eine
Zutat, die nicht leicht zu bekommen ist. Beispielsweise ein Liter Blut eines
Erwachten Wesens oder Drachenzähne oder kostbare Juwelen aus einer bestimmten
Mine. Diese Spezialisten riskieren viel und gehen Wege, die nicht einmal Schattenläufer
nehmen würden. Mehr will ich dazu nicht sagen."
Die Nase des Seattlers juckte unvermittelt.
Er hatte gelernt, dass dieses Zeichen eine große Story bedeutete, die
sich in nächster Zeit anbahnte. Wahrscheinlich wären diese "Spezialisten",
die den Fokusschmieden das Zeug ankarrten, genau das Richtige, um einen weiteren
Bericht zu machen. Jetzt müsste er nur noch an eine Adresse eines solchen
Typen gelangen. Ich verwette meine VX2200C, dass Forge irgendwo eine
Anschrift hat.' "Wie kommt man an diese Leute?" erkundigte er sich
betont beiläufig.
Der Metamensch schenkte ihm ein mitleidiges Lächeln. "Vergessen
Sie's. Vergessen Sie, dass ich sie überhaupt erwähnte und schneiden
Sie das Stück aus dem Bericht."
Poolitzer stellte sich stur. "Und was ist mit der Authentizität?"
"Ich will nicht, dass dieses Zitat von mir gesendet wird, verstanden?"
Forge klang sehr verhandlungsunbereit. "Das würde mir mordsmäßige
Schwierigkeiten bei meinem Lieferanten einbringen."
"Schon gut", gab sich der InfoNetworks-Mitarbeiter einsichtig. "Ich
werde es löschen. Geben Sie mir wenigstens einen Tipp, wie ich an so
einen Kontakt komme. Kennen Sie vielleicht jemanden, der seine Fokusgeschäfte
aufgegeben hat und plaudern würde?"
"Niemand ist so lebensmüde", meinte der Elf und deutete auf
die Tür. "Der Rundgang ist beendet. Ich muss noch arbeiten. Haben
Sie noch Fragen zur Waffenfokusherstellung, Herr Gospini?"
"Das ist wohl der Rausschmiss, was?"
"Sie haben's erfasst."
"Ich habe gerade eine Marktlücke entdeckt", grinste er frech.
"Wenn Sie einen Dildo nähmen, einen ganz kleinen Erdbebenspruch
darauf binden würden, sodass das Ding immer vibriert, hätten sie
den ersten Frauenglücklichmacher ohne Batterien erfunden. Ist das was?"
Poolitzer strahlte ihn erwartungsvoll an. Forge enthielt sich jeglicher Antwort.
"Ist nur eine Idee."
Gemeinsam gingen sie zum Warteraum zurück.
Der Jagdtrieb des Journalisten war geweckt, er wollte nicht eher aus dem Gebäude,
bis er einen brauchbaren Hinweis auf den besonderen Lieferanten des Elfen
fand.
Indem er ständig vorgab, Nahaufnahmen vom Hochofen, den Werkzeugen, halbfertigen
Waffenfoki und den Menschen zu machen, schund der junge Mann aus UCAS wertvolle
Zeit, in der er darüber nachdachte, auf welche Weise er Kontakt zu einem
Spezialisten aufnehmen konnte. Seine Augen erledigten die Reporterarbeit von
selbst, steuerten die Cambrille, seine Stimme erklärte die Einstellungen
und das, was er aufzeichnete.
Schließlich ging sein Plan auf: Forge verabschiedete sich entnervt,
stellte ihm einen Assistenten zur Seite, der die Anweisung erhielt, den Gast
nach exakt fünf Minuten an die frische Luft zu setzen.
Der Assistent hatte den Schnüfflertricks Poolitzers nichts entgegenzusetzen.
Nachdem er mit Plaudereien ein leichtes Vertrauensverhältnis zu dem Mann
aufbaute, gab er vor, aufs Klo zu müssen. Anschließend, so versicherte
er seinem Aufpasser, würde er schnurstracks hinaus gehen. Gutgläubig
verschwand der Assistent.
Der InfoNetworks-Reporter lenkte seine Schritte in entgegengesetzter Richtung
zu den Werkstätten und suchte nach einem Büro.
Er fand nach kurzem "investigativem" Vorgehen den Raum, in dem die
Post sortiert wurde. Da der Computer durch eine Passwortabfrage geschützt
war, stöberte er hastig in einer Gitterbox herum, in der stapelweise
zusammengefaltete Pakete herumlagen, die in diesem komprimierten Zustand darauf
warteten, irgendwann noch einmal benutzt zu werden. Die Adresse, über
die am meisten stolperte, lautete "Fitting Company" mit Sitz in
London.
Wer sagt es denn?', grinste Poolitzer, während er die Adressen
notierte. Poolitzer bekommt seine Informationen immer.'
ADL, Freistaat Thüringen, Jena, Schiller Universität, 09:32 MEZ,
22. 04. 2058 A.D.
Als habe er einen elektrischen Schlag erhalten, fuhr Dr. mag. herm. Wenzislav
Scutek zurück, fluchte laut auf Lateinisch und rieb sich die Kuppe des
Zeigefingers, mit der er soeben beinahe den Unterarm des Mannes ihm gegenüber
berührt hatte. Das aufgebaute Lasermessgerät gab einen Signalton
von sich, die Berechnung war erfolgt.
"Und?", erkundigte er sich gepresst, während er nach dem Headset
griff und das Mikrofon zurecht bot.
Der 31-Jährige grinste nur breit. "Wie immer."
"Machen Sie sich nur lustig, Sie Phänomen", kommentierte der
Magieexperte und begann, seinen Bericht zu diktieren. "Einmal mehr habe
ich mich Xavier Rodin ohne Schutz genähert und musste erfahren, wie schmerzvoll
es ist, mit seinem natürlichen Feld Gegen-Magie in Kontakt zu treten.
In Ermangelung eines passenden Ausdrucks nenne ich es weiterhin Gegen-Magie,
bis ich einen besseren gefunden habe." Er schaute auf den Monitor. "Die
letzte Messung ist damit abgeschlossen, die kritische Grenze der Aura liegt
ohne starke Beanspruchung des Probanden bei exakt vermessenen 0,979 Millimeter
gleichmäßig um einen Körper." Scutek hielt einen unsicheren
Moment inne. "Für den Genitalbereich kann ich es nur vermuten",
fügte er dann zögernd hinzu.
"Dabei wird es auch bleiben", lachte Xavier stand auf, um sich seine
Kleider wieder anzuziehen.
87 Kilogramm fettfreie Muskelmasse verteilten sich auf 1,83 Meter. Seine nackenlangen,
schwarzen Haare hatte er in einem Zopf zusammengefasst, über der rechten
Augenbraue befanden sich drei Piercings und akzentuierten das Gesicht mit
den leicht vorstehenden Wangenknochen zusätzlich.
"Ich würde gerne noch einen Test mit einem Watcher machen",
meldete sich der Dozent, um den Aufbruch zu verhindern. "Bereiten Sie
sich schon mal darauf vor, ich hole uns noch einen astralen Beobachter."
Gehorsam setzte sich der ehemalige Schattenläufer, der sich ganz der
Schiller Universität, die renommierte Lehranstalt für Hellsicht
und astrale Wahrnehmung, verschrieben hatte. "Sie sind der Boss. Und
Sie sind sicher, dass die Watcher keine Schmerzen haben?"
"Hoffen wir es mal." Scutek rief einen Assistenten zu sich, der
magische Experiment vom Astralraum aus beobachten sollte, um das Schicksal
des niederen Geistes genau zu verfolgen.
"Igor", befahl Scutek den Watcher aus dem Astralraum zu sich. "Zeige
dich. Bleibe in der Mitte des Raumes und pass auf, ob du jemanden siehst."
Das magische Wesen erschien, zeigte sich in der Form einer blauen Kugel mit
Sonnenbrille und einem Schnurrbart. "Geht klar."
Scutek wich einige Schritte zurück und betrachtete den niederen Geist,
der in rund 1,5 Meter in der Luft schwebte und sich dabei langsam um die eigene
Achse drehte, um zu symbolisieren, dass es das Zimmer beaufsichtigte. Obwohl
Xavier nur drei Meter neben Igor stand, nahm es ihn nicht wahr.
Langsam kam der Negamagier auf den Watcher zu. Behutsam hob er die Hände,
umfasste den magische Diener und hielt ihn fest.
Igor wechselte die Farbe, seine Kugelgestalt glomm vor Schreck und Panik grellrot
auf. "Huch! Ich..." Von einer Sekunde auf die andere war er verschwunden.
"Geflüchtet?" erkundigte sich der Doktor neugierig bei seinem
Assistenten, der aus dem Astralraum zurückkehrte.
"Vernichtet", korrigierte er seinen Vorgesetzten. "Seine Gestalt
wurde instabil, seine Energie wurde rapide verringert, bis sie vollständig
...absorbiert... umgeleitet... weg war." Ratlos breitete er die Arme
aus. "Ich kann es nur umschreiben."
Scutek diktierte die Aussagen des Assistenten. "Haben Sie dieses Mal
irgendeinen astralen Hinweis auf die Anwesenheit von Herrn Rodin gehabt?"
fragte er zum Schluss. An seiner Betonung hörte Xavier, dass der "Dr.
mag. herm." förmlich danach lechzte, auch nur das geringste Indiz
aufzustöbern.
Wieder musste der andere nach Worten suchen. "Nein. Für mich war
er ebenso wie für Igor unsichtbar. Ich sah nur den Watcher. Vielleicht
so etwas wie... ein Hitzeflimmern? Ein leichtes Kräuseln?"
Die Augen des thaumaturgischen und sehr nachdenklichen Experten ruhten auf
seiner Testperson. "Wissen Sie, dass Sie ein unglaublich gefährlicher
Mensch für die magische Welt sind, Herr Rodin? Sie sind wie ein glühendes
Messer in einem Stück Eis: für uns unangreifbar, aber vernichtend."
"Aber nicht doch, Herr Scutek", wehrte Xavier dämpfend ab.
"Ich tue keiner Fliege was zuleide. Es sei denn, sie wollte sich auf
mein Essen setzen."
"Da habe ich aber Glück. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich
mich auf Ihrem Brot niederlasse", meinte der Magier humorig. "Für
heute lassen wir es gut sein. Morgen würde ich gerne zur nächsten
Stufe übergehen. Mal schauen, was Sie gegen ein Feuerelementar ausrichten.
Das interessiert mich. Brennend."
"Das Wortspiel habe ich verstanden", lachte der Negamagier. "Halten
Sie schon mal den Feuerlöscher parat. Nur für alle Fälle. Und
ich möchte einen Asbestanzug." Er grüßte die beiden Männer
und verließ, die schwarze Aktentasche unterm Arm, das Laboratorium,
in dem er im Auftrag der Schiller Universität schon ein Dutzend Versuche
durchgeführt hatte.
"Xavier Rodin", sagte er leise, während er sich in Richtung
Ausgang bewegte. Diesen Namen führte er erst seit kurzem, noch klang
er fremd.
Jahrelang war er auf der Straße als "Keimag" unterwegs gewesen,
ein Schattenläufer, der sich besonders gut gegen Magiebegabte einsetzen
ließ. Doch nach einen Lauf gegen das Forschungslabor von "Cyberdynamix"
in Ingolstadt musste er zuerst mit ein paar amerikanischen Leidensgenossen
in die UCAS abtauchen.
Seattle, das Notrefugium vor der Rache des Kons, hielt ihn nicht. Die sich
dort anbahnende Liebe zu einer Magierin würde zudem niemals gut gehen.
Seine Berührungen verursachten ihr körperliche Schmerzen. Feuer
und Wasser durften eben nicht zusammen gehören.
Um sich Neuem zuzuwenden und auf andere Gedanken zu bringen, kehrte Keimag
in die ADL zurück, verschaffte sich eine gefälschte ID und beschloss,
seine Fertigkeit näher zu erforschen.
Vielleicht, so hoffte er insgeheim, vielleicht entdeckten die Thaumaturgiefachleute
einen Weg, wie er seine Fertigkeit, die er besaß, aber nicht kontrollierte,
endlich beherrschte. Oder los wurde. Das Antlitz der hermetischen Magierin
verschwand nicht mehr aus dem Kopf und aus dem Herzen.
Eine tragische Konstellation', dachte er bitter. Besser kann man
es sich nicht aussuchen, um ein Leben lang unglücklich zu sein.'
Xavier trat hinaus in den Sonnenschein und betrachtete den Campus der Uni,
an der er unter strengster Geheimhaltung sowie mit Sonderauflagen, was die
Bewegungsfreiheit anbelangte, tätig war.
Nachdem er Scutek bewies, dass eine Berührung von ihm ausreichte, einen
Fokus zu zerstören, erhielt er sofort einen Lageplan, welche Bereiche
er auf alle Fälle zu meiden hatte, um zu verhindern, dass sich Artefakte
durch ein zufälliges Zusammentreffen mit ihm in ein nutzloses Ding verwandelten.
Daneben verabredeten sie weitere Schutzmaßnahmen, wie das Anlegen von
dicker Kleidung und Handschuhen, um magische Begabte nicht zu verletzen.
Der Negamagier lernte nicht nur durch die Experimente, die unternommen wurden.
Er nutzte seine Freizeit, um sich selbst fortzubilden und den wenigen theoretischen
Abhandlungen im Internet und der Weimarer Bibliothek nachzujagen, die es über
das Phänomen "Countermagic", "Gegen-Magie" gab. Die
Erscheinung kannte viele Bezeichnungen, von "Gegen-Magie" über
"Anti-Magie" bis "Nega-Magie", "Ars magica immunis"
oder "Black magic hole", je nachdem, wer sich damit beschäftigte
und welche Theorie er dazu aufstellte.
Eher er sich eingehend damit beschäftigen konnte, brachte ihm ein Dozent
die Wirkungsweise der herkömmlichen Magie nahe, wie ein Magier die Energie
aus dem Astralraum ableitete und in die reale Ebene einfließen ließ,
um den gewünschten Effekt zu verursachen. Xavier erhielt eine ungefähre
Vorstellung, verzichtete jedoch darauf, ins Detail zu gehen. Das grobe Verständnis
reichte ihm aus, um seiner Begabung auf die Spur zu kommen.
Die Ausbeute seiner Forschung gestaltete sich sehr gering. Wenigstens stieß
er in den virtuellen Archiven der Weimarer Bibliothek auf einen interessanten
Artikel aus dem Jahr 2047, verfasst von einem Professor Matthew Hawkins. Zwar
gab es vor ihm einige Wissenschaftler, die davon ausgingen, dass wenn es Magie
gibt, auch das Gegenteil davon existiert. Doch ihm gelang es zum ersten Mal,
seine Theorie auch zu beweisen.
Xavier steuerte auf eine freie Bank unter einer Trauerweide zu und legte sich
darauf. Er nahm die ausgedruckten Blätter aus seiner Tasche hervor und
las den amerikanischen Aufsatz, der den Titel "IGRIF - Intelligence-Generated
Reality Inversion Field theory" trug.
Auf den ersten Blick erschien Hawkins als ein Spinner. Er setzte voraus, dass
die Legenden von Drachentötern und Drachen der Realität entsprachen
und es sich bei den vermeintlichen Fabelwesen um zu früh oder damals
schon Erwachte handelte. "Wie konnte ein Mensch mit einem simplen Schwert
einen mächtigen Geschuppten vernichten?", lautete die durchaus berechtigte
Frage. Denn der Drache hätte mehr als eine Gelegenheit gehabt, den angreifenden
Sterblichen mit Feuer und Zaubersprüchen ins Jenseits zu befördern.
Hawkins schloss daraus, dass es damals schon Menschen gab, die gegen die Wirkung
von Magie jeglicher Art immun waren. Die Kollegen bezeichneten ihn als Kindskopf
und Spinner.
Zwei Jahre später, die er mit einer Suche rund um den Globus verbrachte,
präsentierte der Verspottete den ersten offiziellen "Nega-"
oder "Gegenmagier" der Welt, Miles Freeman.
Das "Chicago Thaumaturgical Research Institute" unternahm mehrere
Versuche mit Freeman, wobei sich herausstellte, dass das Feld von Antimagie
ständig aufrecht erhalten wurde, egal ob Freeman schlief, wach war oder
sich im künstlichen Koma befand.
Die Dimension dieser Aura variierte, dehnte sich aber niemals mehr als ein
Inch, rund 2,5 Zentimeter, weit von der Hautoberfläche aus. Innerhalb
dieses Feldes bestand keinerlei Form von Magie.
Dazu entstanden zwei Meinungen in der Forschung. Eine Minderheit nahm an,
dass es sich bei der Nega-Magie um eine Form von magischer Begabung handele,
die jegliche andere magische Kraft absorbiere, um sich selbst aufrechtzuerhalten.
Anders ausgedrückt: thaumaturgischer Vampirismus.
Die andere Variante unterstellte, dass der Geist, der Verstand eines Negamagier
diese Aura aufrecht erhalte. Hawkins Kollege Herasmussen behauptete sogar,
dass innerhalb des Fluidum die physikalischen Gesetze des Kosmos so geändert
wurden, dass Magie dort nicht existieren könne.
Letzteres belustigte Xavier am meisten. Als physikalische Anomalie könnte
ich also Mars oder Pluto aus der Bahn werfen, wenn man mich nahe genug heranbringt.'
Im Grunde und bis 2058 wusste niemand so recht, wie die Antimagie funktionierte.
Besser gesagt, ob sie überhaupt existierte. In Österreich stieß
ein Forscher im Gebiet um Hall und Hallstein auf die Besonderheit, dass einige
Menschen eine Art Blitzableiter für magische Energien fungierten.
Die jenensischen Resultate aus den bisher unternommenen Versuchen deckten
sich mit den Erkenntnissen aus Chicago. Er war für Magier, Elementare
und magische Wesen astral nicht zu erkennen. Gleichzeitig wies er eine Immunität
gegen Zaubersprüche aller Art auf, angefangen bei Kampf- über Manipulations-
bis leider hin zu Heilzauber. Die Magier, die sich alle Mühe gaben, eine
Wirkung an ihm zu erzielen, kämpfen dagegen mit den üblichen Nebenwirkungen,
sprich Entzug und Erschöpfung, ohne etwas gegen ihn ausrichten zu können.
Xavier war der fleischgewordene Albtraum für Magische.
Offiziell analysiert wurde das Phänomen kaum, die Suche nach Probanden
gestaltete sich schwierig. Die Negamagier hielten sich bedeckt, offenbarten
sich nach dem Schicksal Freemans selten einem Magier. Unbekannte hatten den
Amerikaner 2050 auf offener Straße erschossen.
Angeblich, so stand es in einem kleinen Artikel, wollte der Negamagier einen
Ausflug in einen Nachtclub unternehmen. Als er unterwegs an einem Geldautomaten
Halt machte, um sich den Credstick neu aufzuladen, lauerten ihm drei Angreifer
auf, raubten ihn aus und nieteten ihn um. Auffällig fand Xavier, dass
die Gegner nicht warteten, bis er sich den Stick mit neuen Nuyen gefüllt
hatte.
Aufgrund dieser Tatsache wurden Stimmen laut, die eine Verschwörung einer
Gruppierung aus der magischen Welt gegen die Negamagier annahmen. Erst nach
einem Monat, so fand er anhand der Zeitungsartikel heraus, legte sich der
Wirbel um Freemans Tod. Die Behörden ermittelten nicht weiter. Dafür
fand sich kein Mensch oder Metamensch mehr, der öffentlich behauptete,
ähnliche Fertigkeiten zu haben wie der Erschossene.
Scutek war Anhänger der "Verstand-Theorie". Denn die Vampirismus-Variante
würde konsequenterweise dazu führen, dass Negamagier beständig
auf der Suche nach Magiern und magischen Gegenständen sein müssten,
um sie zu vernichten und sich deren "Magie" anzueignen. Vermutlich
empfand der "Dr. mag. herm." diese Vorstellung als zu beängstigend.
Damit wären die Negamagier das Raubtier und das Ende der Nahrungskette,
die die sonst so überlegenen Magier als Leckerli oder Imbiss betrachteten.
Noch ein Grund für Magische, ihn und Seinesgleichen zu hassen. Zu töten.
Xavier verschwieg dem Mann, dass er das "Absaugen" für sinnvoller
hielt. Wenn er sich Zaubersprüchen in den Weg warf oder Magischen aller
Gruppierungen physisch zu Leibe rückte, fühlte er sich dabei sehr
gut und keinesfalls wie ein genötigter Blitzableiter.
Zwar empfand er in all den Jahren niemals so etwas wie Entzug, doch geriet
er niemals wirklich in die Situation, lange ohne einen "Schuss"
auskommen zu müssen.
Foki, gegnerische Magier, Elementare, sie gaben ihm genügend Energie,
und dazu noch freiwillig, wenn er an seine Abenteuer als Schattenläufer
dachte. Wenn nichts dazwischen kam, würde er sich selbst eine Art Diät
auferlegen und völlig ohne Magie auszukommen versuchen. So ermittelte
er unter Aufsicht von Scutek, ob er eine neue Form von magischem Vampir oder
ein Gedankenkraftgenie wäre.
Xavier überkam ein mulmiges Gefühl, als er vom Unglück des
amerikanischen Negamagiers las. Doch da befand er sich bereits an der Universität,
die ihn mit offenen Armen empfingen und sehr dankbar waren, ein "Phänomen"
wie ihn zu erkunden.
*
(Wir befinden uns im Viertelfinale um den European Champions Trophy des ISSV
Europa der Mainzer Black Barons gegen die Gastgeber Maschine Moskwa)
Russland, Moskau, 20:01 MEZ, 23. 04. 2058 A.D.
Die Elfin neigte den Kopf zuerst nach rechts, dann nach links.
Ihre Halswirbel knackten dabei leise, erzeugten einen unnatürlichen Klang.
Sie ging mehrmals hintereinander in die Hocke und sprang in die Höhe,
zog dabei die Knie an. Danach dehnte und streckte sie sich ausgiebig, Rumpfbeugen
folgten auf Liegestützen, bis sie schließlich auf der Stelle sprintete
und sich ein dünner Schweißfilm auf ihrem Gesicht gebildet hatte.
Ein salziger Tropfen rann über die tätowierte glühende Sonne
auf ihrer Stirn, deren in die Haut gemalte Flammenkorona waagrecht bis zu
den Schläfen reichte. Am Hals wanden sich schwarze Dornenranken bis an
den Unterkiefer nach oben. Ihrem deutlich zur Schau getragenen Körperschmuck
verdankte Tasmin Felhainir ihren Namen: Tattoo.
Die Elfin steckte ihre fingerlangen, schwarzen Haare mit den dunkelroten Strähnen
unter ein Bandana, darüber kam der grauhellgrün gemaserte Kevlarhelm.
Sie überprüfte den Sitz ihrer gleichfarbigen kugelsicheren Weste,
checkte die Ruger Super Warhawk und die Smartverbindung. Routiniert verzurrte
die Frau ein Paar dikotebeschichtete Sai-Gabeln an ihren Oberschenkeln, ein
weiteres auf dem Rücken. Dann legte sie die Unterarmschützer an.
Nachdem sie alle Vorbereitungen abgeschlossen hatte, folgte der letzte Teil
des Rituals. Sie tauchte ihre beiden Zeige- und Mittelfinger in die Dose mit
der schwarzen Farbe, zog sich zwei parallele Striche von der Nase bis zu den
Wangen.
"Es geht in fünf Minuten los. Kommst du?", erkundigte sich
ihr Coach über Funk.
Tattoo hieb gegen die Spindtür. Blechern klappte sie zu, das Schloss
schnappte ein. Der Laut hallte von den gekachelten Wänden wider.
Im kleinen, außen angebrachten Spiegel zeigte sich selbst die metallenen
Reißzähne, die sie sich implantieren ließ. Ihr Hand berührte
das Emblem auf ihrer Weste, den schwarzen, zur Faust geballten Panzerhandschuh.
Keine Gnade!'
Die Elfin, die wenig von der viel gerühmten becircenden Ausstrahlung
ihrer Art vorwies und auch nicht sonderlich hübsch war, wie viele es
von einem weiblichen Langohr erwarteten, stieß mehrmals gegen den Schrank,
als suchte sie Streit mit dem Möbelstück.
Die leicht modifizierte Adrenalinpumpe erwachte, steigerte ihren Grundumsatz,
den Blutzuckerspiegel, die Durchblutung der Bewegungsmuskulatur und der Herzkranzgefäße
sowie die Leistung des Kunstherzens. Und ihre Aggressivität.
Aufgeladen wie ein frischer Akku trabte sie aus der Umkleide, die sie als
Letzte verließ, folgte dem mit Plastikwänden gestalteten Gang,
bis sie vor einem Tor stand. Mit einem Knurren trat sie die Flügel auf
und lief hinaus.
Sofort stand sie inmitten von Scheinwerfern, zwei Mikroskimmer mit hochsensiblen
Kameras umschwirrten sie. Ihr böses, psychopathisches Grinsen auf dem
Gesicht wurde rund um den Erdball gesendet, und in einigen deutschen Wohnungen,
Kneipen sowie im Heimstadion in Mainz brandete nun mit Sicherheit Ohren betäubender
Jubel auf. Nur wer sich das Sport-Abo beim "Bloody Sports -Channel"
des DeMeKo leistete, kam in ihren Genuss.
Tattoo riss die Arme hoch, poste, wie man es von ihr der Schau halber erwartete
und reckte ihren Zeigefinger drohend in Richtung einer Linse.
Dann ging sie hinüber zu ihrem Team, den "Black Barons", eine
der Topmannschaften der ADL- Stadtkrieg- Liga.
(...)
Nur wenige Meter trennten Tattoo von der Torzone. Zu leicht.' Der Schütze
und dessen MG würden mit Garantie hinter der Ecke auf sie lauern. Da
hilft nur die gute alte Trickkiste.' "Zug 26", nickte sie Andex
zu.
Der Ork ging in die Hocke. Sie nahm Anlauf und hüpfte mit beiden Füßen
auf die Schultern des grobschlächtigen Metamenschen. Kaum berührten
ihn die Stiefelsohlen, stemmte er sich blitzartig in die Höhe und fungierte
für die Aufklärerin der "Barons" als Sprungbrett.
Der Salto vorwärts brachte sie genau ins Zentrum der russischen Zone.
Sie rollte sich ab, suchte mit den Augen nach dem Passwerfer ihres Teams,
der ihr die Pille in die Finger werfen sollte.
Am Rand bemerkte sie, dass um sie herum mehr als sieben Gegner kauerten, die
nach dieser akrobatischen Einlage auf sie aufmerksam geworden waren.
Doch noch blieb Zeit. Würde sie den Ball nicht gleich erhalten und punkten,
müsste sie sofort den Aufgabeschalter betätigen oder die "Moskwa"-
Jungs würden sie in Fetzen ballern.
"Pass?!", brüllte sie aufgeregt über Funk, zog ihre Super
Warhawk und schoss nach einem Jäger, der sich gerade um sie kümmern
wollte. Er erwiderte das Feuer, die Projektile sirrten an ihr vorbei und wurden
zu Querschlägern.
Wie aus dem Nichts flog das Ei heran, hoch über die Köpfe der russischen
Verteidigung hinweg, ehe es vor Tattoo aufschlug und in Richtung des Kreismittelpunktes,
ein Gullydeckel, rollte.
Es geht doch.' Jetzt hatte sie zehn Sekunden, um den Ball zu berühren,
was als Touchdown galt. Mit einem Triumphschrei hechtete sie nach vorne.
Es geschah etwas, mit dem sie nicht rechnete: Die Abdeckung des Kanalschachtes
klappte in die Höhe, und die Pille verschwand wie ein überdimensionaler
Golfball im plötzlich entstandenen Loch.
"Hey! Scheiße, was soll das?!", protestierte die Elfin erbost.
"Time-Out! Schiri!" Sie stand auf und schaute zu einem der ISSV-Offiziellen,
der auf einem benachbarten Dach stand. "Das ist ja wohl nicht erlaubt,
oder?"
Andex machte sich einer Wut über den Regelverstoß Luft, indem er
sich den nächstbesten Russen am Schlafittchen schnappte, um ihn durchzuschütteln.
Russische und deutsche Stadtkrieger rannten herbei, schrieen durcheinander,
man schubste und schob sich hin und her.
Mehrere kleine Gegenständen flogen aus der Öffnung, kullerten über
den Asphalt und zündeten mit einem lauten Krach in Kombination mit einem
gleißenden Blitz.
Geblendet taumelte Tattoo zur Seite, rempelte jemanden an und erhielt einen
mörderischen Schlag gegen das Visier, der sie aus dem Gleichgewicht brachte
und zu Boden schickte.
Blind trat sie um sich, fischte ihre zweite Garnitur Sai-Gabeln aus der Rückenhalterung,
um damit Angriffe abzublocken. In der nächsten Sekunde röhrte über
ihr ein Maschinengewehr auf, die heißen Patronenhülsen regneten
auf sie herab.
"Sind die Russen völlig verrückt geworden?", keuchte sie
verwirrt. Vor ihren Augen tanzten glühende Kreise. Die Blendgranaten
hatten ganze Arbeit geleistet.
Um sie herum ballerte jeder los.
Die Elfin unterschied den Klang mehrerer Pistolen, Schnellfeuergewehre und
das Dauertackern von MGs.
Sie robbte, immer noch ihrer Sehkraft beraubt, hinter irgendetwas, von dem
die Kugeln mit einem lauten Scheppern abprallten.
Funksprüche mischten sich zur chaotischen Schreierei, alles rief durcheinander.
Als Tattoo auf die Frequenz der Gastgeber schaltete, um sich über den
Sinn der Aktion zu informieren, hörte sie die gleiche Verständnislosigkeit
aus den Kommentaren der Spieler heraus. Der "Kommandant", wie die
"Maschine" ihren Kapitän nannten, gab Rückzugsorder, nachdem
die "ADLski" scheinbar verrückt geworden waren.
Die Wirkung der Blendgranaten ließ nach. Es reichte aus, um zu sehen,
wie der verletzte "Baron"-Jäger Frisbee seine Aufgabe durch
das Aktivieren der Glühfäden signalisierte.
Seinen für sie unsichtbaren Gegner interessierte das wenig.
Eine Salve Geschosse brachte ihr Teammitglied zum ungewollten Tanz auf den
Zehenspitzen, daraufhin brach er auf die Knie und kippte vornüber. Die
Vollmantelprojektile hatten sich auf diese kurze Distanz kaum an der mittelschweren
Panzerweste gestört.
Tattoo nahm ihren Revolver. Euch zeig ich's.' Sie lugte hinter ihrer
Deckung heraus und sah, wie ein Mann in einer schwarzen Vollrüstung den
Gurt seines MGs austauschte. Sie zielte auf die Granatenpärchen, das
an seinem Gürtel baumelte und drückte zweimal ab. Der Angreifer
verschwand in einer roten Explosionswolke.
Ein zweiter Mann drehte sich zu ihr um, und schon hoben sie unsichtbare Kräfte
in die Höhe. Sie flog meterweit durch die Luft, krachte gegen ein Hindernis
und rutschte zu Boden.
Magie!', verstand sie, trotz der Benommenheit. Scheiß verfluchte
Magie.' Der Schmerzeditor trat in Aktion, hielt sie trotz der wahrscheinlich
eingehandelten Verletzungen einsatzbereit. Ich hasse Magie!' Die Aufklärerin
stemmte sich auf, kroch über einen Schutthügel und sah auf das Gewirr,
das rund um die Torzone von "Maschine Moskwa" ausgebrochen war.
Spieler von beiden Mannschaften lagen am Boden verteilt. Drei Typen in Vollrüstungen
teilten aus ihren Maschinengewehren in alle Richtungen aus, wo sich etwas
bewegte. Drei andere schienen die magische Artillerie zu bilden. Ein heraneilender
ISSV- Schiedsrichter verglühte in einem Feuerball.
Die Überlebenden der Stadtkrieg-Teams hatten inzwischen verstanden, dass
eine dritte Partei mitmachen wollte. Sie organisierten den Widerstand, der
gegen die Magie kaum etwas ausrichtete. Dennoch reichte die Gegenwehr aus,
um die Angreifer zu verunsichern. Schließlich traten die Elementare
der ISSV in Aktion, die normalerweise dazu da waren, während eines Matches
Betrug zu verhindern.
Die Unbekannten entschlossen sich zum Rückzug durch den Kanal, zwei von
ihnen blieben tot oder verwundet zurück.
Einen kriege ich.' Tattoo rutschte die Halde hinab, nahm den letzten
der Vollrüstungsträger unter Beschuss. Sicher zielte sie auf die
Handgelenke und Finger, die wenig gepanzerten Stellen.
Als sie abdrückte, entstand unmittelbar vor ihr eine menschengroße
Windhose, die sie packte und wie eine federleichte Puppe zu Boden schmetterte.
Mehr bekam sie nicht mehr mit.
*
ADL, Homburg (Sox), 05:21 MEZ, 26. 04. 2058 A.D.
Regentropfen stürzten sich aus den dunklen Wolken, prasselten gegen die
grau-weiß-schwarz bemalten Stahlplatten und rannen zu Boden. Das Klirren
der Ketten endete, der 500 PS starke Dieselmotor röhrte noch einmal voll
auf und blubberte anschließend gemächlich vor sich hin. Schwarze
Abgasschwaden waberten unter dem Rumpf des Lockheed- Chenowth "Defender"
hervor. Das Abzeichen zeigte das Emblem von ECC.
Der Turm des leichten Panzers drehte sich, die 20 Millimeter Kanone und der
seitlich montierte Granatwerfer schwenkten auf ihr Ziel ein.
Im Takt von zwei Sekunden flogen die Explosivgeschosse aus der Mündung.
Die Granaten detonierten zielsicher in 800 Meter Entfernung, exakt im Zentrum
der Hauswand, verwandelten das Mauerwerk und das Gebäude nach einer Minute
in einen einzigen Trümmerhaufen.
Plötzlich sprangen Gestalten hustend aus den benachbarten Ruinen und
rannten los, um dem Gefahrenbereich zu entkommen. Die Panzerbesatzung hatte
bei ihren Zielübungen aus Langeweile eine Ghulsippe aufgestöbert.
Der "Defender" setzte sich mit einem Blitzstart in Bewegung, um
die Verfolgung aufzunehmen. Schwarze Bitumenbröckchen wirbelte hinter
den Ketten auf, die ihre Abdrücke in dem Asphalt der Talstraße
hinterließen und die Decke aufrissen.
"Hier Pascha eins an alle: Wir haben wieder bewegliche Freiziele. Ich
wiederhole, wir haben bewegliche Freiziele", gab der Kommandant, Friedrich
Balent, übers Funkgerät weiter. "Wenn ihr mitmachen wollt,
kommt vorbei. Das Pack flieht in Richtung Ausfahrt Bruchhof-Sanddorf."
Umgehend liefen die Bestätigungsmeldungen ein.
Immer schneller wurde der tonnenschwere Koloss, die Häuser flogen an
ihm vorüber. Mit knapp 70 Sachen hetzte er die Critters, deren Vorsprung
zusammenschmolz.
"Kurs Stadtpark", befahl der Anführer dem Fahrer. "Wenn
die Leichenfresser denken, sie könnten uns entkommen, werden sie sich
wundern." Die Sensoren des leichten Panzer erfassten die Ghule, die von
nun an kaum mehr eine Chance auf eine Flucht besaßen.
Die "Aktion Wipe Off" lief seit den Morgenstunden. Ziel war es,
die weitere Umgebung rund um die ECC-Ark in Bexbach von den Ghulen und Punks
jedweder Art zu säubern oder den Abschaum so sehr zu verschrecken, dass
er das Areal von sich aus großräumig umging.
Die neue Leitung in Bexbach wollte Klarschiff machen und hatte den Kontrollrat
über die Truppenbewegungen im Vorfeld informiert. Da die Lage in der
Sox angespannter denn je war, könnten umherfahrende Panzerverbände
schnell zu einem nicht beabsichtigten Zwischenfall mit anderen Kons führen.
Im Gelände rund um die Bexbacher Ark selbst waren die Ghule erfolgreich
vertrieben worden. Nun machten sich die Panzer einen Spaß daraus, ein
paar der Leichenfresser selbst abzuschießen oder in den 50 Meter breiten
Todesstreifen zu jagen.
Zwei weitere "Defender" näherten sich über die Richard-Wagner-Straße
und beteiligten sich am Kesseltreiben.
Der Schütze an der 20 Millimeter Kanone eröffnete das Feuer, gedämpft
hörte man das Knattern des Geschützes durch die Panzerung und die
Kopfhörer. Der kleine Videomonitor zeigte, wie die Hälfte der Sippe
unter dem Beschuss auseinandergerissen und niedergemäht wurde. Die anderen
Ghule sprangen in den flachen See des Parks und tauchten ab.
Der Panzer hielt am Ufer an.
Dynamitfischen', dachte Balent und grinste fies, während er dem
Schützen befahl, mit dem den Granatwerfer zu schießen. Die unterseeischen
Detonationen drückten das Wasser ruckartig nach oben, hoch stiegen die
dreckigen Fontänen aus Schlamm und brackiger Flüssigkeit in die
Luft. Die Ghule blieben jedoch verschwunden.
"Vorwärts", befahl der Kommandant im Jagdfieber, "scheuchen
wir die besonderen Fische an Land."
Klackend schlossen sich die Abdeckungen der unteren Abgasrohre. Die heißen,
giftige Dämpfe wurden umgeleitet und aus einem anderen Schacht nach oben
abgeblasen. Das amphibienfähige gepanzerte Fahrzeug rollte ins Wasser.
Im Zickzackkurs pflügte es durch die Fluten. Die anderen "Defender"
beteiligten sich an der Vorgehensweise.
Keine der Besatzungen spürte Skrupel oder moralische Bedenken, gegen
die Wesen vorzugehen, als handele es sich um absolut rechtlose Dinge. In den
Augen der Sicherheitstruppen waren die Ghule und Punks nichts anderes als
Gegenstände, weniger als Tiere. Und für die bremste ein Panzer auch
schon nicht.
Die konzertierte Taktik zwang die Critters, sich aus der trügerischen
Sicherheit zu flüchten und ihr Heil in einer weiteren, aber aussichtslosen
Flucht zu suchen.
Auf einer kleinen Anhöhe mit einem Pavillon ereilte sie das stählerne
Schicksal. Alle drei 20 Millimeter Geschütze tackerten los.
Der kleine Unterstand löste sich in seine Bestandteile auf, die Vollmantelprojektile
zerfurchten das Erdreich rings um die Ghule, die sich unter der Vielzahl der
Einschlägen in eine undefinierbare, blutende Masse verwandelten.
Zwei der leichten Panzer drehten balletthaft synchron auf der Stelle, um zurück
nach Homburg zu rollen und weitere der Nachtwesen zu suchen. Balent wünschte
ihnen viel Glück bei der Jagd. Er wollte sich in dem Gelände noch
genauer umsehen.
Der Fahrer steuerte den "Defender" auf sein Geheiß hin näher
an die zerfetzten Kadaver heran, steuerte mit Ach und Krach den durchweichten
Hügel hinauf und stand vor einem Gebäude, das noch sehr intakt aussah.
Die Karte, mit welcher der Kommandant die Lage verglich, wies es als Stadtbad
aus.
"Sir, der Leichenfresser hat ein Funkgerät", machte ihn der
Schütze aufmerksam, der sich über die Videokamera die Überreste
betrachtete. "Ein militärisches Funkgerät. Soll ich es mir
mal anschauen?"
"Wozu?" Der Kommandant ließ den "Defender" vorrücken.
"Er wird es von einem Konvoi gestohlen oder einem toten Punk abgenommen
haben." Die Mauer verhinderte, dass sie auf die Wiese dahinter schauen
konnten. Einen Durchbruch versuchte Balent nicht, die Ketten könnten
dabei beschädigt werden.
Sein Überwachungsgerät meldete das Auftauchen von drei kleinen Objekten
im Überwachungsbereich der Sensoren, die sich rasch näherten. Ohne
dass er etwas sagen musste, schwenkte der Schütze den Turm in die Richtung,
aus der die Fahrzeuge ankamen.
"Motorrad- Punks, Sir", meldete der Mann, eine Hand am Joystick
zur Steuerung der Bordwaffen, und zoomte heran. "Sie halten an. Entfernung
rund 500 Meter." Aufmerksam beobachtete er die Rocker. "Jetzt fahren
sie wieder."
Die Punks verteilten sich und näherten sich dem "Defender"
aus drei unterschiedlichen Richtungen.
"Weg mit ihnen", befahl der Kommandant, der sich Gedanken darüber
machte, warum sich die Ganger auf einen ungleichen Kampf einließen.
Sein Schütze trat in Aktion und zerlegte den ersten Kradfahrer samt seiner
Maschine in kleinste Teile. Die Explosion, die nach den Treffern der 20 Millimeter
Kanone erfolgte, fiel nach der Einschätzung Balents allerdings viel zu
heftig aus. Demnach mussten die Gestalten Sprengkörper mit sich führen.
Und die galten dem Panzer.
"Kontrollierter Rückzug", hieß die nächste Anweisung
an den Fahrer. "Aber rasch. Ich brauche einen passenden Feuerwinkel für
den Schützen, um die Bastarde zu erwischen."
Der leichte Panzer fuhr an und wählte seine Route so, dass es dem zweiten
Angreifer nicht gelang, sich in Deckung an den übermächtigen Feind
anzupirschen. Ein einziger Volltreffer aus dem Granatwerfer verbuk Mann und
Maschine zu einem unansehnlichen Klumpen aus Chrom und Fleisch.
Vom dritten fehlte jede Spur.
"Auf den Hügel", orderte Balent der besseren Übersicht
wegen und sehr beunruhigt.
Der Motor brüllte auf, der "Defender" wühlte sich das
lockere, durchnässte Erdreich hinauf. Die Ketten, die üblicherweise
ein probates Fortbewegungsmittel in fast allen Terrains darstellten, förderten
den Mutterboden ab und kamen mit dem schmierigen Untergrund nicht zu Rande.
Die Glieder glitten über den lehmigen Belag, ohne Halt zu finden. Das
Gefährt hatte sich eingegraben und saß in Schräglage fest.
Der Fahrer hob hilflos- entschuldigend die Arme.
"Scheiße", fluchte der Kommandant und funkte die anderen beiden
"Defender" ab, um ihnen die Lage zu erklären. Dabei verteilte
er die G12 an die beiden Männer und wies sie an, auszusteigen, um den
Punk mit Kugeln einzudecken. Seinen Panzer wollte er nicht verlieren. Das
wäre die Krönung der Peinlichkeit.
Das kostet mich eine Runde Bier in der Kantine', ahnte er die Reaktion
seiner Kollegen voraus. Durch die geöffnete Luke fielen Regentropfen,
die Wolken hingen schwarz über seinem Kopf. Es hätte wenigstens
die Sonne scheinen können', ärgerte er sich darüber, dass er
auch noch nass wurde.
Unmittelbar vor dem Ausstieg schaute er auf die Sensoranzeigen. Mitten in
der Bewegung erstarrte er. Die Wärmefühler registrierten angeblich
20 Individuen, die in unmittelbarer Umgebung des Panzers standen.
Das kann nicht sein.' Vorsichtig hockte er sich an den Videoschirm und
bediente den Hebel der Kamera.
Er sah seine Leute, die in diesem Moment den heranpreschenden Rocker von der
Geländemaschine schossen. Kaum hatten sie den Punk erfolgreich bekämpft,
feuerten sie auf neue Angreifer. Hektisch ruckten die Mündungen hin und
her, suchten sich neue Ziele.
"Sir, da sind noch mehr Leichenfresser", meldete der Bordschütze
sorgenvoll.
"Kommen Sie zurück in den Panzer", befahl Balent aufgrund der
Überzahlsituation. "Wir warten, bis die anderen beiden Defender'
eintreffen."
Hastig sprangen die Männer einer nach dem anderen durch die Luke ins
Innere, der Eingang wurde verriegelt. So gut es in der Schräglage ging,
würden sie die Bordwaffen des leichten Panzers einsetzen. Doch keiner
der Critters wollte ihnen vors Korn laufen.
"Schlaue Biester", knurrte der Kommandant. Er sendete einen knappen
Bericht der Ereignisse an die Arkologie.
Ein leichtes Schlaggeräusch, wie das eines Hammers, war zu hören.
Nach und nach verstärkte es sich, bis ihnen die Ohren gewaltig dröhnten.
Die Ghule trommelten mit irgendwelchen massiven Gegenständen gegen den
Stahl, um die Kon-Gardisten im Inneren zu verhöhnen. Der Bildschirm zeigte
kreischende Gestalten, gefletschte Zähne und Eisenstangen, die geschwungen
wurden. Ständen sie im Freien, wären sie mit Haut und Haaren verspeist
worden.
Dann, von einer Sekunde auf die andere, endete das Klopfen. Die Leichenfresser
zogen sich zurück, die Wärmesignaturen entfernten sich sehr schnell
von dem uneinnehmbaren Gefährt.
Die anderen Panzer sind da', hoffte Balent, lenkte die Kamera nach rechts
und links.
Stattdessen erkannte er den wahren Grund der Ghulflucht.
Ein kleiner Gegenstand rauschte unheimlich schnell heran, einen Abstrahlschweif
hinter sich herziehend.
Im nächsten Moment traf die Faust eines Giganten gegen den "Defender".
Wie die Puppen flogen die Männer im Inneren durcheinander. Benommen stemmte
sich der Kommandant auf. Die Stahlplatten des leichten Panzers zeigten sich
resistenter als erwartet.
Scheiße, woher haben die schwere Waffen?' Er richtete sein Mikrofon.
"Hier Pascha eins, wir werden beschossen! Ich wiederhole, wir werden
beschossen! Die Ghule verfügen über..."
Weiter kam er nicht mehr. Die nächste Rakete zischte heran und schlug
präzise an der Schwachstelle zwischen Turm und Rumpf ein.
*
ADL, Hansestadt Hamburg, 16:22 MEZ, 24. 04. 2058 A.D.
Der Negamagier konnte es nicht fassen, dass er am Terminal C des Flughafens
der kleinen Weltmetropole stand und darauf wartete, abgeholt zu werden. Noch
vor wenigen Stunden hielt er den Komhörer in der Hand, jetzt war er kurz
davor, seinen möglichen Auftraggeber kennen zu lernen.
Ein Mann, der weiß, was er will', schätzte er und trat etwas
vom Bordstein zurück, als eine Limousine über den regennassen Asphalt
dicht an das Trottoir heranfuhr.
Zu seinem Erstaunen hielt die Luxuskarosse vor ihm. Die getönte Scheibe
sirrte nach unten, und eine Frau mit einem dunkelbraunen Lockenschopf schaute
heraus.
"Sie sind Rodin?" Sie grinste frech. "Ich bin Jeroquee. Cauldron
hat mir Ihr Bild gezeigt."
"Hat Sie Ihnen auch gesagt, wie meine Kontonummer lautet?", seufzte
er.
Die Tür öffnete sich. "Steigen Sie ein."
Xavier kam der Aufforderung nach. Satt fiel die Tür ins Schloss, der
Opel Saevio setzte sich in Bewegung. Hätte er ein randvolles Glas Wasser
in der Hand gehabt, kein Tropfen wäre beim Anfahren verloren gegangen,
was sowohl für die Qualitäten des Chauffeurs als auch für die
der Federung sprach.
Jeroquee reichte ihm die Hand. "Hallo, noch einmal ganz offiziell. Kurz
zum weiteren Ablauf: Wir fahren in aller Ruhe zum Hotel Escardor und essen
zu Abend. Dabei erklärt Ihnen der Boss, um was es geht."
"Sind Sie Magierin?" Sie verneinte, daraufhin schüttelte er
ihre Rechte. "Geben Sie mir mal einen Tipp: Sie erwähnten am Kom
einen Diebstahl?"
"Ehrlich? Da muss ich mich falsch ausgedrückt haben." Jeroquee
wurde Rot. "Vergessen Sie das. Es ist nichts Kriminelles, für was
man Sie benötigt. Aber bevor ich irgendetwas erzähle, was nicht
stimmt, warten Sie lieber, bis der Boss ins Escardor kommt." Sie musterte
ihn neugierig. "So sieht also ein Negamagier aus."
"Sagen Sie nichts: Sie dachten, ich sei größer?", seufzte
Xavier. "Hat Cauldron vielleicht noch mehr Details über mich erzählt?"
"Nee, keine Angst", beruhigte die junge Frau aus Seattle ihn. "Sie
hat auch nicht direkt gesagt, dass Sie eine so eine Besonderheit sind. Ich
habe es aus den Bemerkungen Ihrer Kollegen geschlossen. Sie hat nichts gesagt."
Außer meiner Geheimnummer.' "Und wie haben Sie sich einen
Negamagier vorgestellt?", musste er sich einfach erkundigen.
Jeroquee dachte nach, bis sie mit den Achseln zuckte. "Anders eben. Geheimnisvoller."
Der Deutsche drehte den Spieß um. "Ihnen sieht man auch nicht an,
dass Sie eine Frau Schmidt sind."
"Frau Schmidt? Sie halten mich für eine Vermittlerin? Nein, ich
bin... war Ghuljägerin", verbesserte sie freundlich. "Ich habe
eine ganze Zeit davon gelebt, dass ich die Leichenfresser platt machte und
die Kopfprämien kassierte. Ist jetzt aber vorbei, seit ich für den
Chef arbeite. Ich bin sozusagen ein Runner mit festem Arbeitsvertrag",
feixte sie.
"Aha. Ich vermute, dass der Auftrag was mit meiner besonderen Begabung
zu tun hat?"
Die Ghuljägerin nickte. "Aber ehe Sie jetzt weiterfragen, ich habe
keine Ahnung. Ich sollte nur den Kontakt herstellen." Wieder färbte
sich ihr Gesicht rot, das sichere Indiz, dass sie mehr wusste, als sie sagen
durfte. "Wie gesagt, warten Sie auf den Boss."
"Und wie heißt der Geheimnisvolle?"
"Das wird er Ihnen auch selbst sagen."
Xavier druckste bei nächsten Frage ein wenig herum. "Wie geht es
ihr?"
Die Frau verstand gleich, wen er meinte. "Cauldron? Oh, sehr gut."
Jeroquee nahm eine kleine Flasche Saft aus der Minibar und reichte sie dem
Mitfahrer. "Sie zieht immer noch mit ihren Chummern um die Häuser.
Neulich haben sie einen Typen zerlegt, Lugstetter, der ihnen von Cyberdynamix
auf den Hals gehetzt worden war. Aber ansonsten gibt es nichts Neues. So weit
ich das weiß. Ich bin aber schon ziemlich lange weg von Zuhause."
Enttäuschung machte sich bei dem Negamagier breit. Ein bisschen hatte
er gehofft, dass sie Grüße ausrichtete oder vielleicht sogar einen
altertümlichen, aber sehr romantischen Brief von der Magierin an ihn
in der Tasche hatte. Aber außer der Kom-Nummer schien sie nichts weitergegeben
zu haben. Ich Idiot', schimpfte er mit sich selbst, weil er sich Hoffnungen
machte.
Er stützte das Kinn auf die Hand und schaute hinaus, betrachtete die
Hamburger Häuserfronten, die vorüberhuschten. Seine Begleiterin
verstand, dass er nicht in der Stimmung war, sich mit ihr zu unterhalten und
schwieg ebenfalls.
Die Limousine hielt vor dem "Escardor", ein Hotel der gehobenen
Oberklasse, wie der Mann an der Fassade und dem ersten Eindruck der Empfangshalle
feststellte. Da er auf so viel Etikette nicht vorbereitet war, Jeans und Turnschuhe
nicht passten, musste er sich im hauseigenen Shop eine Abendgarderobe ausleihen,
um weiter ins Innere des Gebäudes vordringen zu dürfen.
Jeroquee überließ ihn der Obhut eines "Maitre de Irgendwas",
dessen französischer Titel Xavier unaussprechlich fand, winkte ihm noch
einmal knapp und fläzte sich in die Couch im Eingangsbereich. Ihr Job
endete vor den Stufen der höheren Gesellschaftsklasse. Für den Negamagier
begann es erst.
Im Nebenzimmer, in das ihn der Maitre de Irgendwas geleitete, saß noch
niemand. Zwei Diener wuselten ihm ihn herum, der eine schenkte ihm Wein, der
andere Wasser ein. Ein Dritter brachte die Speisekarte und legte sie vor ihn
auf den Tisch, um sich sofort wieder zurückzuziehen.
Tja, und nun?', dachte er ratlos. Er wusste nur, dass es sich beim "Boss"
wahrscheinlich um einen Mann handelte, der seine zerstörerische Wirkung
auf Magie benötigte. "Abwarten und Wein trinken", murmelte
er und nahm einen Schluck. Das Aroma, das sich auf seiner Zunge und im Rachen
entfaltete, gewährte ihm neue Geschmackserlebnisse. Jedenfalls
ist das kein Fusel.'
Nach zehn Minuten steuerte ein seltsames Trio auf seinen Tisch zu.
Ein unauffälliger älterer Mann mit einer Zwickelbrille und einem
sehr guten und sehr teueren Geschmack, wenn es um die Wahl des Erscheinungsbildes
ging, lief in der Mitte. Er stützte sich beim Laufen auf einen Stock
aus schwarzem Holz, das Griffstück bestand aus einem stilisierten, gleichfalls
dunklen Totenkopf.
Rechts neben ihm lief eine Afrikanerin, die eine Chauffeuruniform trug. Für
ihre Größe hielt er sie für zu dünn, die Haut schimmert
tiefschwarz. Die stark hervortretenden Wangenknochen machten die Frau, die
er auf Mitte 20 schätzte, zu einer herben Schönheit. Die gelblichen
Augen schaute ihn schon von weitem beinahe feindselig an und spiegelten eine
unbestimmte Wildheit wieder.
Auf der anderen Seite ging ein Elf, redete leise mit dem Mann. Er steckte
in einem dunkelgrauen Businessanzug, hatte kurze blonde Haare, eine sehr hohe
Stirn und ein Oberlippenbärtchen, wie es die sogenannten Dandys meist
ausrasierten. Sein linkes Auge stand leicht schief. Das nörgelnde Spitzohr
war mit Sicherheit ein Magier, der ihn astral checken wollte und es nicht
fasste, dass er unsichtbar blieb.
Anhand des Verhaltens des "Maitre de Irgendwas" erkannte er, dass
es sich um seinen Gastgeber und seine Bodyguards handelte. Als sie noch zwei
Meter von ihm entfernt waren, erhob er sich. Die Arme ließ er herabhängen.
Wenn er sich etwas abgewöhnt hatte, dann war es, Fremden die Hand zu
geben. Wie schnell konnte die Begrüßung bei einem Magischen unangenehme
Folgen haben.
Scheinbar erahnte der Ältere den Grund für die Unhöflichkeit
und nickte nur. "Guten Abend, Herr Rodin. Schön, dass Sie Zeit hatten,
nach Hamburg zu kommen und sich meinen Vorschlag anzuhören."
"Und Sie sind der Boss?", erwiderte der Negamagier. "Haben
Sie auch einen Namen?"
"Yakub Estefan Zozoria. Ich befasse mich mit Antiquitäten",
lächelte der Mann. "So viel kann ich Ihnen schon einmal anvertrauen.
Es steht für Sie eine nicht unwesentlich Summe bereit, wenn Sie den Auftrag
annehmen, den ich Ihnen unterbreiten möchte. Aber es setzt Verschwiegenheit
voraus. Mehr, als es im Schattenlaufgeschäft üblich ist. Dazu zähle
ich bereits diese Unterredung." Er wählte einen anderen Wein aus
und schaute ihn aus beinahe toten, grünen Augen an. "Wir sollten
uns besser kennen lernen. Lassen Sie uns ein bisschen plaudern. Beginnen wir
mit einer einfachen Sache. Beispielsweise damit. Was ist der Tod für
Sie?"
"Gibt es einen bestimmten Grund, warum Sie ausgerechnet darüber
sprechen wollen? Sollte mich das nervös machen?"
Der Mann nickte auffordernd. "Die Einstellung zum Tod verrät viel
über einen Menschen. Sicherlich, wir könnten über die neusten
Entwicklungen auf dem Aktienmarkt oder den Wert einer Vase aus der Ming-Dynastie
sprechen. Tun Sie mir einfach den Gefallen, Herr Rodin. Ich lade Sie zu einer
kleinen Philosophiestunde ein."
Meine Güte, der ist meschugge.' Xavier dachte nach, wie er den
Test, den er durchlaufen würde, bestehen könnte. "Na, schön.
Der Tod also. Medizinisch betrachtet?", versuchte er einen Ansatz zu
finden. "Aussetzen der Atmung, Stillstand des Herzens, Ende der Gehirntätigkeit.
Gut, die Reihenfolge kann variieren, wenn die Kugel direkt in den Schädel
rauscht", fügte er mit schwarzem Humor hinzu.
Zozoria stimmte zu. "Eine nette, knappe Definition. Diese Erkenntnis
brachte mich zur nächsten Frage." Ruhig massierte er seinen Handrücken,
legte dann seine Finger entspannt auf die Sessellehnen. "Warum muss der
Mensch sterben, Herr Rodin?"
"Ich würde sagen, dass letztendlich die Kräfte verbraucht und
erschöpft sind. Der Abbau der Vitalität ist was ganz Natürliches."
"Falsch!", kam es hart aus dem Mund des Antiquitätenhändler.
"Gibt es Ihnen nicht zu denken, dass die seelisch-geistige Entwicklung
des Menschen nicht unbedingt in demselben Ausmaß von diesem Abnutzungsvorgang
betroffen ist? Es gibt körperlich kranke und alte Menschen, die innerlich
sehr jung, wach und unverbraucht geblieben sind. Wir sind anders als Tiere
und Pflanzen, bei denen Ihre Ansicht stimmt. Es geht nun darum, die körperliche
und die geistige Kraft aufrechtzuerhalten. Ewig."
"Leonisation? Ich halte nicht viel davon, zu viel Gott zu spielen. Es
ist ganz gut, dass der Mensch nur eine gewisse Zeit lebt."
"Ein gutes Stichwort. Ich vermute, Sie gehören wahrscheinlich pro
forma einer christlichen Konfession an?"
"Ich wurde getauft, wenn Sie das meinen. Protestantisch."
"Dann wird es Sie überraschen zu hören, dass im Weltentwurf
Gottes der Tod tatsächlich ein Eindringling, ein Feind des Menschen ist.
Der letzte Feind des Menschen ist der Tod, heißt es in der Bibel. Ich
weiß nicht, wie es Ihnen geht, doch der Tod widerspricht zutiefst meinem
ausgeprägten Verlangen nach dem Leben." Er lehnte sich nach vorne.
"Oder stürben Sie gerne?"
Der Negamagier verfolgte die Ausführungen seines zukünftigen Auftraggebers
nun aufmerksamer. Das Philosophie lag ihm zwar nicht besonders, doch er vermutetet,
dass der Mann in eine gewisse Richtung wollte. "Nein", entgegnete
er zagend. "Nein, wenn ich es mir recht überlege, würde ich
gerne noch lange auf der Erde bleiben."
Triumphierend lächelte Zozoria. "Bleiben wir doch ein wenig bei
dem Thema. Mancher Zeitgenosse und manche Religion verstehen den Tod als das
Tor zum Leben nach dem Tod. Sie sind Schattenläufer. Sie stehen mit einem
Bein immer im Grab. Glauben Sie daran, dass es hinterher weitergeht?"
"Äh...", machte der Negamagier. "Hinterher? Nach dem Sterben?
Na ja. Doch. Es gibt anschließend etwas. So etwas wie ein Jenseits,
so eine Art große Gemeinschaft." Seine Äußerungen klangen
reichlich unsicher. "Denke ich. Oder?"
"Warum begehen dann nicht alle Menschen Selbstmord, die diesen Vorstellungen
vom besseren Leben nach dem Tod anhängen?"
"Öhm...?"
"Die Hoffnung auf einen Ausgleich im Jenseits, ein Leben im Jenseits
ist meiner Ansicht nach ein raffinierter Schwindel, um einfache Menschen zu
trösten und von den herrschenden Missständen abzulenken. Es kam
noch keiner zurück und erzählte uns, wie großartig es nach
dem Sterben ist. Den Versprechungen quer durch alle Jenseitsvorstellungen
folgte kein einziger Beweis, der mich überzeugte. Fazit: Mit dem Tod
ist alles aus." Zozoria deutete wahllos auf kostspielige Dinge im Raum.
"Ich speise gerne gut, ich habe einen gewissen Luxus erreicht, ich kann
mir viel leisten, wenn ich möchte. Und das soll lange so bleiben. Hier
weiß ich, was mich erwartet. Am Geld wird es nicht scheitern. Stellen
Sie es sich vor, ohne Verfallserscheinungen gesund und ewig zu leben. Ewig
Dinge zu lernen, Wissen und Können zu perfektionieren, was sonst niemandem
vergönnt ist."
"Dazu müssten Sie den letzten Feind, wie Sie ihn vorhin nannten,
erst besiegen", führte Xavier die seltsame Gedankenkette des Antiquitätenhändlers
fort. "Tja, und da scheitern Sie."
Zozoria atmete langsam aus. "Wir werden sehen", beließ er
es bei einer Andeutung. "Ich sehe, Sie sind mit ihren Vorstellungen vom
Tod ein Gefangener der allgemeinen Meinung, Herr Rodin. Was ich Ihnen nicht
weiter nachtrage."
"Heißt das, Sie wollen mir den Job immer noch anbieten?" Anscheinend
hatte er den Test bestanden, obwohl er die beinahe obsessionshafte Art des
Mannes, über das Ableben zu räsonieren, schon merkwürdig fand.
Seiner Ansicht nach hatte Zozoria einfach zu viel Zeit zum Grübeln.
"Sicher. Den Grund, weshalb die Wahl auf Sie fiel, können Sie sich
vielleicht denken. Nachdem ich von Ihrer besonderen Begabung hörte, musste
ich Sie einfach kennen lernen."
"Und? Um was geht es?"
Der Inhaber von Antique Enterprises betrachtete Xaviers Gesicht sehr aufmerksam.
"Wie ich schon sagte, Ihre Aufgabe setzt eine außergewöhnlich
große Bereitschaft voraus, Stillschweigen zu bewahren. Da ich Sie derzeit
nicht im vollen Umfang unterrichten möchte, lassen Sie mich einen Test
machen." Er nahm einen schlichten Goldring aus seiner Rocktasche, legte
ihn in die Mitte des Tisches. Matt schimmerte das Edelmetall auf. Anschließend
nahm er ein kleines Samtsäckchen und deponierte das Kleinod darin. "Es
ist ein sehr billiger Fokus, von dem ich möchte, dass Sie sein magisches
Potential durch eine Berührung zerstören. Ohne Sichtkontakt. Schaffen
Sie das?"
Der Deutsche steckte als Antwort die flache Hand kurz in den Beutel, um den
Ring zu berühren. Zozorias männliche Begleitung schien den Vorgang
astral überwacht zu haben. Er beugte sich vor und flüsterte dem
Mann etwas ins Ohr.
"Kompliment. Sie haben das magische Artefakt in Sekundenbruchteilen vernichtet",
sagte er beglückt zu dem Schattenläufer. "Damit kommen wir
zu nächsten Stufe unserer Unterredung. Das Einzigste, was ich von Ihnen
möchte, ist die Wiederholung dieser Tätigkeit an anderen Objekten.
Da es Sie nichts angehen soll, um was es sich dabei handelt, werden wir die
Dinge in einen Beutel legen. Ich nahm nicht an, dass Sie sich von uns die
Augen verbinden lassen wollen." Xavier nickte ganz leicht. "Sie
berühren die Gegenstände, und wir fliegen Sie wieder nach Hause."
"Ich soll Foki zerstören", fasste Xavier zusammen, die Enttäuschung
über die vermeintliche Leichtigkeit des Auftrages schwang in seinen Worten
mit, was Zozoria genau registrierte. "Wie spannend."
Der Antiquitätenhändler musste lachen. "Sie haben erwartet,
dass ich Sie auf einen mysteriösen Lauf schicke? Sie scheinen sich bei
Ihrer momentanen Tätigkeit prächtig zu langweilen."
"Ich mache derzeit im Grunde genau das Gleiche, was ich für Sie
tun soll", seufzte der Negamagier.
Ein Leuchten ging über das Gesicht des Elfs. Er beugte sich ein weiteres
Mal zu seinem Arbeitgeber und raunte ihm einige Sätze zu, die Zozoria
knapp, aber unverständlich erwiderte. Schließlich wandte er sich
wieder seinem Gast zu.
"Dann werde ich mich bemühen, Ihnen wenigstens mehr Geld zukommen
zu lassen als Ihr anderer Brötchengeber. Konkret formuliert: Sie werden
magische Barrieren für mich zerstören, und Sie erhalten dafür
pro erledigtem Auftrag 10000 Mark. Wie viele Gegenstände wir Ihnen vorlegen
werden, wissen wir zur Zeit noch nicht, aber gehen Sie davon aus, dass es
mindestens fünf sind."
"Und wo soll das Ganze stattfinden?"
"Ich werde Sie an einen Ort fliegen lassen, an dem es Ihnen nicht an
Komfort mangelt", wich der ältere Mann aus. "Die Gegenstände
zu Ihnen zu bringen ist mir, einfach gesagt, zu risikobehaftet. Seien Sie
versichert, die Gegend ist wunderbar: tief eingeschnittene Täler, Bergquellen,
sanfte Bäche, Ruhe und Abgeschiedenheit. Der Zeitpunkt richtet sich ganz
nach Ihnen." Xavier erhielt eine Visitenkarte gereicht. "Rufen Sie
uns einfach an und wir schicken Ihnen einen Jet, wo immer Sie ihn auch haben
möchten." Er langte in eine kleine Tasche und zog eine Uhr mit einem
Sprungdeckel heraus. "Sind wir uns einig geworden, Herr Rodin?"
Der Negamagier bestätigte den Deal mit einem Grinsen. "Dann sehen
Sie mir bitte nach, dass ich Sie alleine lassen muss. Geschäfte",
deutete Zozoria an. "Ich schicke Ihnen Frau Jeroquee herein. Sie wird
Ihnen beim Essen Gesellschaft leisten, wenn Sie möchten."
"Nur zu", meinte der Negamagier. Er spielte mit der Visitenkarte.
"Es wird nicht lange dauern, bis Sie von mir hören, Herr Zozoria",
versprach er. "Sie haben mich mit der schönen Gegend gelockt, weniger
mit dem Geld. Ferien habe ich dringend nötig."
Der Antiquitätenhändler machte sich auf den Weg zum Ausgang. "Schön,
dass Sie Ihre Aufgabe als so wenig belastend betrachtend und von Ferien ausgehen",
verabschiedete er sich. "Hoffen wir, dass Sie ebenso erfolgreich wie
zuversichtlich sind." Er winkte grüßend und ging zusammen
mit der Afrikanerin und dem Elfen hinaus.
Es dauerte nicht lange, da erschien der Lockenschopf der ehemaligen Ghuljägerin
im Türspalt. "Da bin ich wieder." Leicht unsicher trat sie
herein und setzte sich. So, wie sie sich präsentierte, hatte sie in der
escardoreigenen Ausleihe ein champagnerfarbenes Abendkleid "empfohlen"
bekommen, in das sich ihr Körper perfekt schmiegte. "Der Boss meinte,
ich könnte mit Ihnen einen drauf machen."
"Solange er bezahlt", entgegnete der Negamagier, zwang sich, die
Augen von ihr zu wenden. In diesem Dress war so ziemlich jedes Körperteil
an ihr ein Hingucker.
"Er zahlt", kam es vom Maitre de Irgendwas stoisch, in dessen Gefolge
sich mehrere Kellner mit abgedeckten Tellern befanden. "Bon appetit."
Während sie sich über die Vorspeise hermachten, beschloss Xavier,
mit Jeroquees Hilfe etwas mehr über seinen Auftraggeber herauszufinden.
"Hat Ihnen auch ein Gespräch über den Tod gehalten?"
Die junge Frau wirkte nicht sonderlich verwundert. "Nicht bei unserem
ersten Zusammentreffen. Aber später, nachdem klar war, dass ich einen
Auftrag für ihn erledigte, saß ich in seinem Arbeitszimmer und
musste ihm darlegen, was ich vom Jenseits erwarte. Ist anscheinend ein fixe
Idee von ihm."
"Wie ist er sonst so?"
Jeroquee feixte. "Ein echter Menschenfreund. Er unterhält ein Handel
mit Antiquitäten und hat parallel dazu einen Fonds gegründet, aus
dem er mittellose Magiestudierende unterstützt."
Das Wissen, das sie damals mit einem Bekannten über Zozoria in Erfahrung
brachte, behielt sie für sich. Weder der Negamagier noch der Boss selbst
mussten merken, dass sie von dessen Verwicklungen in Geschäfte mit Artefakten
Kenntnis hatte.
Der gebürtige Andorraner besorgte seiner Kundschaft die ältesten
magischen Gegenstände und Ingredienzien, die man sich vorstellen konnte,
hieß es im Schattennetz. Aus allen Regionen der Welt. Angeblich gingen
verschiedene Diebstähle sowie Überfälle auf das Konto seiner
Handlanger, zu denen sie gehörte. Davon hatte sie bislang noch nichts
zu sehen bekommen, ihre "Abteilung" beschäftigte sich mit Harmloserem,
wenn auch nicht Astreinem.
"Antiquitäten", wiederholte der Negamagier nachdenklich. "Sind
die normalerweise mit magischen Schutzfeldern umgeben?"
Energisch legte die Seattlerin ihr Besteck auf den Tellerrand. "Hören
Sie mal, wenn Sie mehr über Ihren Job wissen wollen, Chummer, fragen
Sie den Boss und nicht mich. Ich kenne Ihren Auftrag nicht und würde
Ihnen auch nichts erzählen, selbst wenn ich etwas wüsste. War das
deutlich?"
"Es war laut", äußerte Xavier lakonisch. "Was machen
Sie für ihn?"
Er erhielt einen vorwurfsvollen Blick. "Sie fragen ja schon wieder. Aber
das ist wenigstens etwas, was ich Ihnen sagen kann." Sie fuhr sich durch
die dunkelbraunen Locken. "Ich begleite Kräuterteams."
"Hä?"
Jeroquee schenkte ihm ein Lächeln. "Angenommen, ein Kunde möchte
die gelblau getupfte Rapunzelblüte, die unter dem ostöstlichen Wendekreis
des Planetoiden Muckefuck wächst, dann recherchiert eine Crew, wo das
seltene Pflänzlein gedeiht und bricht dorthin auf."
Der Negamagier begriff, was ihr Part dabei war. "Sie sorgen mit Ihren
Ballermännern dafür, dass die Pflücker unbehelligt durchs Gemüse
robben können." Sie zwinkerte ihm als Zustimmung zu. "Genau
so etwas hätte ich auch gerne mal wieder gemacht", gestand er unbefriedigt.
"Ein bisschen Action."
"Sie haben das gleiche Problem wie ich", kommentierte die ehemalige
Ghuljägerin wissend. "Wir sind Adrenalinjunkies. Wir brauchen den
Kick. Ich wollte es mir anfangs auch nicht eingestehen, aber es ist einfach
so."
"Da stimme ich doch glatt zu." Er erwiderte ihr Zwinkern. Was
tust du? Flirtest du da gerade?', wunderte er sich insgeheim. Er fühlte,
wie sein Kopf warm wurde. Woher die Verlegenheit stammte, wusste er nicht
einzuordnen. Vielleicht das schlechte Gewissen, weil er eigentlich dachte,
er würde Cauldron in seinem Herzen tragen. Als "Mann" unterlag
er offensichtlich den weiblichen Reizen der einstigen Ghuljägerin.
Die junge Frau aus Seattle senkte den Blick. "Fragen Sie den Boss doch
einfach mal, ob Sie mich begleiten dürfen. Nicht, dass Sie vor Langeweile
umkommen. So ein aufgebrachter Wildhüter in einem Naturschutzgebiet,
der mit einer Wumme die gelbblau getupfte Rapunzelblüte unter dem ostöstlichen
Wendekreis des Planetoiden Muckefuck verteidigt, kann eine echte Herausforderung
sein."
Xavier kostete von dem Wein, den Zozoria vor seinem Verschwinden bestellte.
"Die Idee ist nicht schlecht", meinte er etwas munterer.