Leseprobe Shadowrun-Roman
"JEDE WETTE"
ET: Juli 2005
"Regel 1: Maximal dürfen 14 Schläger
mitgenommen werden. Ausnahmen gelten weder für Trolle noch für andere
körperlich überlegene Metamenschen oder magisch Begabte.
Der Schläger muß aus Schaft und Kopf bestehen. Alle Teile des Schlägers
müssen so zusammengebaut sein, dass der Schläger ein Ganzes bildet.
Der Schläger darf nicht abänderbar konstruiert sein, außer
in seinem Gewicht. Der Schläger darf nicht nennenswert von der herkömmlichen
und üblichen Form und Machart abweichen und kein äußeres Beiwerk
(Laservisier, Hydraulik, Stoßkompensator) haben.
Vercyberungen, magische Fertigkeiten und andere Eigenheiten, die den Spielvorgang
verfälschen, sind vorher der Spielleitung bekannt zu geben."
Auszug aus den All-Area-Combat-Golf Regeln der International Double A Combat
Golf Society
ADL, Groß-Frankfurt, Altstadt, 20. 09. 2059,
09:51 MEZ
Sein illegaler Zweig des Golfsportes brachte es mit sich, dass Holdo mit einer
gewissen Nervosität reagierte, wenn ihm Uniformierte im Leben abseits
des Matchs begegneten.
Da er nach seinem gestrigen Auftritt in der Zeil und nach seiner absolut bescheuerten
Wette ohnehin fürchtete, sofort auf der Straße erkannt zu werden,
tat er alles, um sich unkenntlich zu machen: Haare gefärbt, Augenbrauen
blondiert, Schuhe mit Absätzen, um größer zu wirken, und Wattetampons
in die Wangen, um ein breiteres Gesicht zu erhalten; den Bart ließ er
wachsen.
An den Uniformierten kam er an diesem sonnigen Tag dennoch nicht vorbei. Der
Stadtkern war vom Frankfurter Bankenverein aufgekauft und für Unsummen
restauriert worden. Anschließend krönte man die Altstadt mit einem
Wall, durch den Besucher nur nach einer eingehenden Kontrolle gelangten. Banker
waren schon immer wählerisch gewesen, was ihr Publikum anging.
Die Abschottung brachte der Altstadt den Beinamen "Die Verbotene Stadt"
ein. Wie das aber mit allem Verbotenen ist, besaß es seinen Reiz, nicht
zuletzt wegen den uralten Gebäuden, wie die Paulskirche und den Petersdom,
die sich perfekt in die auf historisch getrimmte, sanierte Umgebung einfügten.
Holdo reihte sich in die Schlange norwegischer Touristen ein, schlenderte
durch den Metalldetektor, ohne Alarm auszulösen. Auch seine ID-Karte
sorgte nicht dafür, dass Sirenen schrillten.
Erleichtert setzte er seinen Weg fort und gelangte in die behütete Fachwerkhausidylle
des Römerbergs, wo er in der Nähe des Gerechtigkeitsbrunnens den
Reporter erkannte.
Poolitzer saß an einem Tisch, vor sich einen Kaffee und ein Glas Wasser,
und hatte sich in seinen Palmtop vertieft. Vor ihm lagen drei Bücher.
Echte Bücher, gedrucktes Papier, keine Speicherchips. Als der Schatten
des Mannes über ihn fiel, schaute er von seiner Lektüre auf. "Oh,
hallo, Mr. Rough." Er deutete auf den freien Stuhl. "Setzen Sie
sich doch."
"Nennen Sie mich bloß nicht so. Sagen Sie einfach Schmidt zu mir."
Holdo setzte sich und bestellte sich einen Kamillentee, um seinen nervösen
Magen zu beruhigen.
Poolitzer nahm die Wahl des Getränks durchaus wahr. "Die Welt hat
sich für Sie seit gestern Nacht ganz schön verändert, was?"
Er wedelte mit seinem Mini-PC. "Die Quote steht bei 1:17, falls es sie
interessiert. Der Wettserver des Competition ist zusammengebrochen, nachdem
Ihre Wette bekannter wurde." Er schob ihm einen Ebbie über den Tisch.
"Da sind 5000 Ecu drauf. Erzählen Sie mir ein bisschen über
All-Area-Golf." Er nahm seine Kamera, eine Fuchi VX2200E, aus dem Futteral,
stellte sie vor sich und schaltete sie ein.
"Darf ich Sie um einen Gefallen bitten, Herr Gospini?" Er zuckte
erschrocken zusammen, als die Bedienung neben ihm erschien und den Tee servierte.
"Kommt darauf auf."
Holdo lehnte sich nach vorne. "Bitte, senden Sie einen Bericht, dass
ich die Wette zurückziehe", beschwor er ihn. "Ich war betrunken."
Er redete nun genau in die Kamera. "Habt Ihr gehört, da draußen?
Ich war betrunken! Die Wette ist annulliert, sie gilt nicht!"
"Ich sende nicht live, Herr
Schmidt", machte ihn Poolitzer
aufmerksam. "Ihr Appell ist zwar sehr eindringlich, und ich werde ihn
gerne irgendwo reinschneiden, aber machen Sie sich keine Illusionen."
Er nippte an seinem Kaffee und winkte die Bedienung bei. "Bringen Sie
mir bitte einen Döner. Mit viel wolle scharf."
Der Kellner glotzte ihn an. Es wurde viel bestellt, aber das hatte er noch
nie erlebt. "Unsere Tageskarte
"
"Ich habe die Tageskarte gelesen, Gläsersherpa, und wenn ich was
davon wollte, würde ich es bestellen", unterbrach er ihn. "Traben
Sie doch los und besorgen Sie mir einen. Sie bekommen auch lecker Trinkgeld.
Und nicht vergessen: Sehr scharf muss er sein. Wenn mir die Rosette nicht
brennt, verklage ich Sie." Er reichte ihm einen Fünfmarkchip. "Kennen
Sie den Spruch: Der Gast ist König?"
"In Ordnung." Der Kellner rannte quer über den Platz und verschwand
in einer Seitengasse.
Der Reporter leerte seinen Kaffee. "Also, wie gesagt, Sie haben ein Monster
zum Leben erweckt, Herr Schmidt. Und dieses Monster wird sich erst nach einer
Woche zum Sterben hinlegen. Es sei denn, Sie sterben vorher." Er schaute
für ein, zwei Sekunden bedauernd, dann deutete er auf die Linse. "Okay,
zurück zum All-Area-Combat-Golf."
Holdo schüttelte den Kopf. "Sie sind vielleicht abgebrühtes
Arschloch."
"Macht der Beruf. Nehmen Sie es nicht persönlich."
Stockend berichtete der Extrem-Golfer über das Equipement; den besonderen
verwanzten Ball, den ihnen eine Tüftlerwerkstatt anfertigte; die unterschiedlichen
inoffiziellen Ligen, die nach vercybert, nicht vercybert, Menschen und Metamenschen
unterschieden, um die Gleichheit der Kontrahenten zu wahren; die Wetten; die
Austragungsorte, die grundsätzlich überall sein konnten, von Slums
bis Innenstädte. "Gelegentlich sind schusssichere Westen und Helme
notwendig. Und
"
"Schnitt", unterbrach ihn Poolitzer. Er blickte Holdo unzufrieden
an. "Sie erzählen so lebendig wie eine schlechte Computeranimation
aus dem 20. Jahrhundert." Der Kellner kehrte zurück und reichte
ihm den verlangten Döner.
"Wundert Sie das?", brach es aus ihm heraus. "Mir kleben Killer
am Arsch!"
"Ruhig, Golfer, ruhig. Wir sind an einem der sichersten Orte Frankfurts.
Haben Sie die Kontrollen nicht bemerkt? Okay, dann beweise ich es Ihnen."
Poolitzer stand auf, breitete die Arme aus. "Hallo?", rief er laut.
"Ihr Killer, zeigt euch!"
Vor Holdos innerem Auge sprangen harmlose Gäste plötzlich auf und
zückten Waffen, eröffneten das Feuer und verwandelten ihn in ein
Sieb.
Natürlich geschah nichts, abgesehen von den irritierten Blicken, die
ihnen von den Nachbartischen zugeworfen wurden; zwei DSD-Wachmänner mit
dem zusätzlichen Emblem des Frankfurter Bankenvereins schauten zu Poolitzer
und warteten lange, ehe sie ihre Runde über den Römerberg fortsetzen.
"Zufrieden?" Er setzte sich wieder, schälte den Döner
aus seiner mehrlagigen Aluminium- und Papierhülle und prüfte mit
routiniertem Blick, ob sich genügend von dem gemahlenen Chilipulver darin
befand. "Wie ich sagte, Sie sind sicher." Herzhaft biss er hinein,
die Soße lief an den Broträndern herab und rann in die leere Kaffeetasse.
"Versuchen Sie, mal mit mehr Elan zu sprechen", nuschelte er. "Ich
nehme an, dass Com-Golf Ihre Leidenschaft ist. Momentan hat der Zuschauer
mehr den Eindruck, es handelt sich um eine eher leidige Sache."
"Ich glaube, wir lassen das Interview", gab Holdo auf. Ihm stand
nicht der Sinn danach, sich den Anordnungen eines Reißerreporters zu
fügen, dem es so was von offensichtlich scheißegal war, wie es
um seine Zukunft stand. Er schob den Ebbie zurück. "Nehmen Sie Ihre
5000 wieder und senden Sie einfach nur meine Botschaft, in Ordnung?"
Poolitzer kaute langsamer; er hatte soeben umdisponiert. "Wissen Sie
was? Wir machen die Golf-Sache später. Wie wäre es denn, wenn ich
Sie in den nächsten 168 Stunden begleite?", schlug er vor. "Ich
mache einen Dokumentarfilm über Sie, einen Mann, der aus
Ja, warum
haben Sie die Wette eigentlich abgeschlossen?" Dabei gab er dem Tisch
einen Stoß, sodass der Ebbie zurück zu Holdo glitt. "Behalten
Sie das Geld. Ich stocke es um 10000 auf, wenn Sie mir erlauben, bei Ihnen
zu bleiben." Er biss noch einmal ab. "Mit meinen Connections steigen
Ihre Überlebenschancen, Herr Schmidt. Es wird die Quote sicherlich wieder
drücken, aber ist das Leben an sich nicht viel besser?"
Das war in der Tat besser. "Danke, Herr Gospini." Noch war es zu
früh, um aufzuatmen, doch die Spannung fiel ein wenig von ihm ab.
"Es wird sicherlich spannend bleiben", redete er mit vollem Mund
und beherrschte das Kunststück, dabei weder Fleisch noch Tomate oder
Kraut auszuspucken. "Ich rufe gleich mal ein paar Leute an, die uns helfen
könnten. Wird aber nicht billig." Er zwinkerte, bevor er schluckte
und von seinem Wasser trank. "Aber Sie haben jetzt ja 15000 Ecu."
Mit einem schnellen Handgriff schob er die Fuchi in eine bessere Position.
"Also, dann stellen Sie sich mal vor, Herr Schmidt. Und erzählen
Sie, warum ein Mensch sein Leben verwettet."
"Weil es fast nichts mehr Wert ist", lachte Holdo bitter. "Ich
habe Schulden. Bei wem, kann ich nicht sagen, aber ich werde am 1. Oktober
sterben, wenn ich keine 100000 Nuyen aufgetrieben habe. Da kam mir der Gedanke,
es auf diese Weise zu versuchen."
"Zeit für ein paar Erläuterungen." Poolitzer drehte die
Kamera auf sich. "Sie sind ein Spieler, habe ich gehört, Herr Schmidt.
Und Sie waren oft in Düsseldorf. Mehr muss ich den Eingeweihten unter
den Zuschauern nicht sagen", tippte er trotz der Andeutung genau richtig.
"Diejenigen, die es nicht wissen: In Düsseldorf hat sich ein neuer
Oyabun vorgestellt, der ein strenges Regiment führt. Sehr zum Leidwesen
unseres Herrn Schmidt."
Ein Windstoß wirbelte die Serviette des Döners vom Tisch.
Holdo bückte sich schnell zur Seite und fing sie auf; im gleichen Augenblick
erklang das Geräusch, das entfernt an das Knallen eines Sektkorken erinnerte.
Er dachte sich nichts dabei, bis er sich aufrichtete und den Reporter anschaute.
Poolitzer tastete gerade nach seiner rechten Halsseite, aus der das Blut spritzte.
"Oh, Scheiße", sagte er sachlich. "Entweder
"
Was auch immer er noch hatte sagen wollen, er kam nicht mehr dazu. Holdo sah
das linke Auge des Mannes platzen, und als ob das nicht ausreichte, öffnete
sich schräg links über der rechten Braue ein Loch von der Größe
eines Daumennagels. Die Gäste am Tisch hinter ihm schrieen auf, weil
sie die enormen Austrittswunden der beiden Projektile sahen.
Poolitzer kippte mit dem Stuhl rückwärts und riss das Tischchen
um, klirrend gingen Porzellan und Glas zu Bruch. Die Bücher, die er sich
gekauft hatte, fielen auf das Kopfsteinpflaster und wurden mit Kamillentee
und Mineralwasser getränkt; den Döner hielt er noch immer in der
Hand.
Holdo sprang auf und rannte. Damit gab er den anderen Menschen auf dem Platz
das Signal, sich ebenfalls in Deckung zu begeben. Eine unaufhaltsame Fluchtbewegung
setzte ein, welche die heraneilenden DSD-Wächter einfach mit sich riss.
Die Besucherflut schwappte durch die Gassen bis zur Mauer und stürmte
durch die Kontrollstationen. Es war wie bei einer Stampede, die sich weder
aufhalten noch leiten ließ. Gleichzeitig bekam der unsichtbare Schütze
keinerlei Gelegenheit, Holdo Kraif ins Visier zu nehmen.
Er konnte weder denken noch sprechen, der Schock hielt seinen Verstand gepackt,
während ihn die Menge in ihrer schützenden Mitte aus der Altstadt
spülte. In diesem merkwürdigen Abwesenheitszustand lief er einfach
irgendwelchen Menschen hinterher und folgte ihnen in die U-Bahnstation, in
die Züge. Durchsagen wurden zu sinnlosem Gequake, Lampen glänzten
sphärisch und überirdisch.
Der Schutzheilige der Verwirrten stand ihm bei und verschonte ihn vor Kontrolleuren.
Irgendwann stieg er aus, fuhr Rolltreppen und Fahrstühle nach oben, bis
er durch eine Halle in eine kleine Cafébar torkelte. Alles um ihn herum
war verschwommen, es drehte sich und er fühlte das Essen in seiner Kehle
hochsteigen.
Holdo schaffte es bis auf die Toilette und übergab sich. Er kotzte er
das Urinal bis obenhin voll. Neben dem Becken sank er auf den eisigen Boden,
er hielt sich die Hände vor die Augen, atmete langsam ein und aus. Sein
Verstand und seine Erinnerung kehrten allmählich zurück.
Er stemmte sich in die Höhe, schüttete sich Wasser ins Gesicht und
ging nach draußen, wo er sich einen großen Kaffee und einen Cognac
bestellte. Zitternd hob er das Glas mit dem Alkohol an die Lippen.
Im Trid über dem Eingang zeigte der Sender MainSchau des DeMeKo schon
die ersten Live-Bilder vom Römerberg, die von einem Hubschrauber aus
gefilmt wurden: eine leerer Platz rund um den Gerechtigkeitsbrunnen, jede
Menge DSD-Wachleute und eine menschliche Gestalt, über die gerade eine
Tischdecke ausgebreitet wurde.
"Scheiße, er ist tot", raunte er.
"Das macht drei Ecu", sagte die Frau hinter dem Tresen misstrauisch.
Sie hielt ihn anscheinend für einen Junkie oder einen Schnorrer, der
in ihrem Café nichts verloren hatte.
Holdo lehrte den Cognac und bestellte noch einen. Mit der anderen Hand fuhr
er die Manteltasche und suchte nach Kleingeld. Den Ebbie mit den 5000 hatte
er auf dem Römerberg gelassen. Er legte einen roten zehn Markchip hin.
"Noch einen bitte", verlangte er heiser.
Sie entspannte sich, nachdem sie erkannt hatte, dass er Geld besaß,
und schenkte das Glas als eine Art Entschuldigung voller als voll ein. "Ist
das der Schnüffler? Der Typ, der vor kurzem diese Story mit Pomorya hatte?"
Sie stellte den Ton lauter.
Der Sender wechselte die Einstellung, ein Reporter hatte sich Touristen geschnappt,
die anscheinend auf dem Römerberg gewesen waren. "Was ist geschehen?",
wurde eine asiatisch anmutende Frau in einem pinkfarbenen Regencape gefragt.
"Nicht wissen", haspelte sie aufgeregt und zupfte an ihren schwarzen
Haaren. "Nicht wissen. Sitzen in Café, dann peng, peng, peng.
Ein Mann weglaufen, und andere Mann tot am Boden liegen." Sie schaute
direkt in die Linse, darunter wurde entsetzte Zeugin vom Sender eingeblendet.
"Eine Mann habe den andere erschossen. Ich ganz sicher." Sie verneigte
sich und lächelte stolz, winkte sogar ein bisschen, bevor der Kameramann
herumschwenkte und auf den schneidigen Reporter hielt.
"Heute wurde ein lieber Kollege, Severin Timur Gospini oder besser bekannt
als Poolitzer, der durch seine unübliche, aber effektive Methode der
Recherche viele Skandale aufdeckte und Leben rettete, Opfer eines feigen Mordes."
Das glattrasierte Gesicht drückte professionelle Trauer und Betroffenheit
aus. Das konnten alle Medienleute gut. "Die Polizei sagt derzeit nichts
zu den Vorkommnissen. Aber es deutet alles darauf hin, dass ein Mann, mit
dem sich Gospini in einem Café traf, in die Sache verwickelt ist. Er
wird als Zeuge gesucht. Und wir fragen uns: War er der Lockvogel oder sogar
der Attentäter? Wer sind die Hintermänner?" Er nickte und lächelte.
"Wir halten Sie natürlich auf dem Laufenden." Die Sondersendung
endete.
Holdo schwitzte. Er suchte in seinem Mantel nach einem Taschentuch und bekam
einen Plastikstreifen zwischen die Finger. Das Ticket!
Der Ausweg war mit einem Mal zum Greifen nahe. Jetzt musste er es nur noch
bis zum Flughafen schaffen, bevor die Polizei herausbekommen hatte, dass er
der Mann auf dem Römerberg gewesen war. Ins Gefängnis wollte er
nicht, dort war er noch schneller tot als auf der Straße. Das unterstellte
er den ganzen Kriminellen einfach mal.
"Entschuldigung, wie weit ist es von hier bis zum Flughafen?", fragte
er die Frau.
"Zu welchem wollen Sie denn? Paris, London, Rom?"
"Zum Frankfurter."
Sie lächelte unfreundlich. "Verarschen kann ich mich selbst, Schätzchen."
Sie wandte sich der Spülmaschine zu.
Als Holdo aus dem Fenster der Cafébar blickte, schaute er auf eine
große Eingangshalle, und darüber stand in dicken Leuchtbuchstaben
"Terminal 3". Er war genau richtig. "Entschuldigen Sie. Heute
ist nicht mein Tag", sagte er zu ihr, stand auf und setzte die Kaffeetasse
an die Lippen, um sie im Gehen auszutrinken.
Prompt rannte er in den Mann im hellen Trenchcoat hinein, dem es gelungen
war, absolut geräuschlos einzutreten.
Holdo fühlte sich, als sei er gegen einen Betonpfosten gelaufen. Entweder
der Mann trug eine Rüstung unter seinem Mantel oder aber er bestand nur
aus Muskeln. Der Kaffee war weniger beeindruckt, sondern folgte den physikalischen
Gesetzen und schwappte über den Rand hinweg mitten auf den Trench; das
Braun gab ihm einen neuen farblichen Akzent.
"Scheiße", fluchte Holdo und machte einen Schritt zurück.
"Ich meine, sorry. Oh, Mann. Heute ist einfach nicht mein Tag."
Er sah, dass der Mann unter dem Mantel einem modischen, dunkelgrauen Zweireiher
trug; auf dem dunkelblonden Schopf saß ein hellgraues Barett.
"Sieht fast so aus." Die graugrünen Augen des Mannes taxierten
ihn, im bartfreien, gepflegten Gesicht rührte sich nichts. "Ich
hoffe, es ist nicht ansteckend."
Holdo dachte an Poolitzers jähes Ende. "Bin mir nicht sicher."
Er wischte mit Servietten auf dem Fleck herum und stellte fest, dass er sich
einwandfrei von dem Papier aufsaugen ließ. Er spürte die Blicke
auf sich, und schon kehrte die Nervosität mit Wucht zurück. "Ist
das ein Spezialstoff?", versuchte er, Banales zu reden.
"Ja. Und Teflonbeschichtung. Darf ich?" Der Mann hob die die Rechte,
der schwarze Handschuh nahm Holdo die Serviette ab, und er entfernte den Fleck
selbst. "Gehen Sie ruhig. Sie werden einen Flug zu erreichen haben, nehme
ich an."
"Danke sehr", atmete Holdo auf. Er trank den Kaffee, stellte die
Tasse auf den Tresen und bewegte sich auf die Tür zu.
"Einen Augenblick", sagte der Mann in seinem Rücken.
Der arg strapazierte Selbsterhaltungstrieb verlangte von ihm, auf der Stelle
loszurennen, quer über die Straße in Terminal 3, um sich in die
Sicherheit der Flugabfertigung zu begeben. Sein Verstand warnte ihn davor.
Wäre der Typ ein Killer, hätte er ihn schon längst erschossen.
Also gehorchten seine Füße widerwillig dem Bremsimpuls aus dem
Hirn. "Ja?", sagte er über die Schulter.
Der Mann hielt sein Flugticket in der Linken. "Sie haben das verloren,
Herr Kraif. Sie wollen doch sicher an Bord kommen, oder?"
Holdo lächelte und dankte seinem Verstand. "Jetzt haben Sie was
gut bei mir", sagte er. "Danke vielmals. Wenn wir uns noch mal begegnen
sollten, lade ich Sie zum Essen ein."
"Abgemacht. Guten Flug." Der breit gebaute, unnatürlich muskulöse
Mann nickte und drehte sich zur Barfrau, die ihn äußerst interessiert
betrachtete. Für ihn war die Sache erledigt.
Mehr noch, denn als Holdo erleichtert die Straße überquerte und
auf den Eingang des Terminals zumarschierte, hatte ihn Jeremiah Jennings bereits
wieder vergessen.