Hallo, hallo!
Hier sind die Leseproben zum neusten SR-Roman
"Sturmvogel", der vermutlich im Juni 2004 erscheint.
Fertig geschrieben ist er auf jeden Fall schon. UND ER HEIßT AUCH NICHT
"FEUERVOGEL", wie Amazon behauptet... :o)
Es sind vier kleine Ausschnitte, und wie die sich später zusammen fügen
werden, überlasse ich der Fantasie der und des Lesenden.
Allgemein kann ich sagen: es geht um Pomorya, die Landtagswahlen im NDB 2059,
Poolitzer und natürlich vieles mehr.
Viel Spaß damit!
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ADL, Norddeutscher Bund, 5 Kilometer vor Ribnitz, 16.09.
2058, 09:32 MEZ
"Haben Sie sich auch alles gut durchgelesen, Herr Young?" Das aparte
Gesicht der Reisebegleiterin erschien neben seinem Sitz. Die Elfin hatte sich
zu ihm heruntergebeugt, ihr blumiges Parfüm drang in seine Nase.
Die wachen, hellen Augen lagen zuerst auf seinem Gesicht, dann auf der Broschüre,
die sie sofort nach der Abfahrt aus Rostock an alle Passagiere verteilte.
Das Studieren der Informationen war Pflicht und eigens in den Reisebedingungen
von "Anders Ausflüge GmbH" verankert.
Diese beinahe singende Art zu sprechen kannte er, der junge Amerikaner zuckte
trotzdem zusammen. Der Vorgang des Memorierens hatte seine ganze Konzentration
gefordert.
"Ja, danke, Frau Venslau." Er wollte das dünne Heft zurückreichen
und bemerkte ihren Blick. "Genau, die Unterschrift", fiel ihm sein
Fauxpas auf. Rasch nahm er seinen Schreiber aus der Windjacke und setzte er
ein schwungvolles "Young" unter die Zeile. Damit akzeptierte er,
die Vorschriften des Reiselandes zur Kenntnis genommen zu haben und verpflichtete
sich, sie in allen Punkten zu erfüllen. "Habe ich jetzt noch einen
Kühlschrank bestellt, ohne es zu wissen?"
Sie schenkte ihm ein liebenswürdiges Lächeln und nahm die Broschüre
entgegen. "Vielen Dank." Als gewiefte Reiseleiterin erkannte sie
die Unsicherheit ihres Gastes. Den meisten ging es so, nachdem sie die Zeilen
lasen. "Keine Sorge", beruhigte sie ihn, "es klingt schlimmer,
als es in Wirklichkeit ist. Sie werden meine Heimat lieben. Auch als Mensch."
Venslau zog weiter.
"Das werden wir sehen", murmelte Young und schaute aus dem Fenster.
Seine sich darin wiederspiegelnden Züge verrieten seinen Schlafmangel.
Die braunen Augen waren ganz klein, die blonden Haare hingen wirr auf seinem
Kopf, selbst der dichte Schnurbart stand in alle Richtungen davon, die Narbe
über seiner Nasenwurzel fungierte als auffälliger Blickfang. Sein
Anblick war ihm fremd und ein bisschen unheimlich.
Das näher rückende, grell leuchtende Hinweisschild neben der Ausfallsstraße
verkündete eine Botschaft, die man durchaus als Drohung verstehen konnte:
"Willkommen. Sie betreten pomoryanisches Hoheitsgebiet. Sie unterliegen
den geltenden Gesetzen des Herzogtums und haben den Anweisungen jeglicher
pomoryanischer Polizeikräfte diskussions- und widerstandslos Folge zu
leisten. Zuwiderhandlungen werden mit dem Höchstmaß der Strafandrohung
geahndet. Wir wünschen einen angenehmen Aufenthalt."
Sehr rigide. Fast kommunistisch. Fehlen nur noch Hammer und Sichel.'
Young grinste und tauchte nach seinem Rucksack, um die etwas ramponiert aussehende
Fuchi VX2200C herauszunehmen und die Tafel abzufilmen. Die herzoglichen Polizeibeamten,
die ihm dabei mit in die Aufnahme gerieten, schauten nicht, als würden
sie sich besonders über Touristen freuen. Los, lacht gefälligst!
Wir bringen euch gutes Geld!'
Dennoch, die grüne Oase lockte wagemutige, unerschrockene Reisende, um
sich das "gelobte Land" oder "Terra Nobilis", wie es manche
nannten, mit eigenen Augen anzuschauen.
Es war ein Land der Gegensätze. Die meisten der rund 118560 Elfen lebten
in den fünf größeren Städten. Der Rest Pomoryas bestand
aus kleinen Siedlungen, in denen sich oftmals Menschen niedergelassen hatten,
und jeder Menge Wildnis. Dazwischen tauchten Geisterdörfer und Brachen
aus dem Grün auf, die weniger hübschen, teilweise verwüsteten
Landstriche, die während der Eurokriege verlassen worden waren. Dank
des Revitalisierungsprojektes strotzte die übrige Natur überwiegend
vor Gesundheit und Wachstum. Ein ungewöhnliches Bild, wenn man die üblichen
ADL-Maßstäbe anlegte.
Viele der besonders schönen Wälder blieben dem normalen "Touri"
verwehrt. Heilige Haine, in denen kultische Handlungen vollzogen wurden, waren
denen vorbehalten, die ihre Religion ausüben wollten.
Und mancher Hain, das wusste er aus dem Prospekt, hatte nicht einen einzigen
Baum vorzuweisen. Wie Trebelauen, der "Hain des Konflikts", der
aus einem trostlosen Sumpfgebiet bestand, in dem 2032 Tausende von russischen
Soldaten den Tod fanden. Die Elfen machten den Ort zu einer Kultstätte
des Konfliktes. Young dachte an das zankende Ehepaar drei Sitze hinter ihm.
Für die ist Trebelauen genau richtig.'
Die anderen Fahrtteilnehmer, Elfen aus allen Ecken des Norddeutschen Bund,
wollten in einigen der 91 Haine einen Hauch "Land der Verheißung"
einatmen, ehe sie wieder im techniküberlasteten ADL- Alltag versanken.
Waldwanderungen standen nicht auf seinem Besuchsprogramm von "Sieben
Tage in Pomorya", das er bei "Anders Ausflüge" gebucht
hatte. Er würde stattdessen die vier Grafschaften bereisen, im Schnelldurchlauf
die schönsten Sehenswürdigkeiten des Elfenstaates bewundern und
einen Tagesabstecher nach Saßnitz, die Hauptstadt des Herzogtums, machen.
Offiziell.
Inoffiziell und außerhalb des Reisewegs befand er sich auf der Suche
nach einer ganz anderen "Sehenswürdigkeit" und dabei musste
er verdammt vorsichtig sein.
Der Bus verlangsamte seine Geschwindigkeit und bog auf eine Standspur ein.
"Halten Sie bitte ihre IDs bereit, meine Damen und Herren", sagte
die Reisebegleiterin freundlich. "Man wird in einer üblichen Routineprozedur
Ihre Personalien überprüfen und Ihre Einreise vermerken. Vielen
Dank für Ihr Verständnis."
Young filmte, bis das Fahrzeug zum Stillstand kam. Vor den Türen des
Busses positionierten sich ein halbes Dutzend Bewaffneter. Jeweils zwei von
ihnen stiegen vorne und hinten ein, die anderen beiden verharrten seitlich
des Transporters, die H&K Maschinenpistolen locker vor dem Körper
haltend.
Schlagartig wurde ihm bewusst, dass er der einzige Mensch an Bord des Fahrzeugs
war. Ich hätte mir spitze Ohren ankleben sollen.' Der Amerikaner
senkte die Kamera rasch, als er die erste Helmspitze im Inneren entdeckte.
Er wollte die Polizisten durch seine Filmerei nicht provozieren.
Es waren Ordnungshüter des Hauses Sarentin, wie ihre Wappen auf der Armbinde
anzeigten. Einer der Elfen sichtete die elektronischen Personalausweise, sein
Partner stand schräg neben ihm, die Waffe leicht im Anschlag. Sie schienen
nicht sonderlich zu Scherzen aufgelegt zu sein.
Der Kontrolleur erledigte seine Arbeit routiniert und näherte sich Young,
der ihm die amerikanische SIN sofort hinhielt. Das Gerät fiepte, ein
Lämpchen glomm rot auf, der Grenzer fluchte in einer unverständlichen
Sprache.
Das Herz des Amerikaners setzte vor Schreck einen Schlag aus. "Ist was
mit meiner SIN nicht in Ordnung?", erkundigte er sich zögerlich.
"Verzeihen Sie die Umstände, Herr Young", erwiderte der Elf
ohne den Blick zu heben, seine Finger lösten eine kleine Halterung, eine
Klappe öffnete sich und gab den Akkublock frei. Mit einem lässigen
Wurf beförderte er die entladene Energiezelle nach draußen, wo
sie von einem anderen Uniformierten gefangen wurde. "Es geht sofort weiter."
Er atmete auf. "Ich dachte schon, das SIN-System bereitet Ihrem Lesegerät
Schwierigkeiten", erklärte er seine Aufregung. "Wissen Sie,
ich habe mich so auf den Besuch von Pomorya gefreut, und da wäre es schade,
wenn ich wegen eines Computerproblems nicht einreisen durfte." Er lachte
und es klang dummerweise nervös. "Mann, als Decker an einem Datenproblem
zu scheitern, das wäre der Hammer, oder?!"
Ein Pfiff, ein kleiner Gegenstand flog herein. Der Elf fing den Ersatzblock
elegant auf und setzte ihn ein, die Kontrollleuchte sprang auf Grün um.
Aufmerksam musterte der Grenzer die Daten.
"Es sieht so aus, als würde Ihrer Einreise nichts entgegen stehen,
Herr Young." Er reichte die SIN zurück. Als der Mann aus Seattle
danach griff, hielt der Elf den länglichen Chip fest. "Warum möchten
Sie Pomorya sehen, Herr Young? Sie sind ein Mensch."
Wieder der mehr oder weniger offene Ansatz von Diskriminierung, der ihm schon
bei der Reisebegleiterin entgegengeschlagen war. Die spitze Bemerkung, die
ihm auf der Zunge lag, schluckte er runter.
"Weil ich ein Freund der Natur bin. Als Decker, als Matrixjockey braucht
man den Ausgleich, das Gegenteil von Datenautobahnen und so."
"Aha. Und so."
"Wenn Sie es genau wissen wollen, mich hat die elfische Kultur schon
immer interessiert, und wenn Sie in meinem Visum nachgeschaut haben, werden
Sie sehen, dass ich auch schon in Tír na nÓg war." Er hielt
dem forschenden Blick des Sarentiners stand. "Außerdem würden
sich meine elfische Patentante sehr über Aufnahmen aus ihrer Heimat freuen."
Der Elf gab den Ausweis frei und verlangte, das Visum zu sehen, kontrollierte
die Behauptungen des UCASlers ganz genau. Die übrigen Passagiere verhielten
sich mucksmäuschenstill.
Inzwischen war Venslau an die Grenzer herangetreten und unterhielt sich mit
ihnen auf Sperethiel. Was immer es bedeutete, der Kontrolleur ließ von
Young ab und überprüfte die restlichen Reisenden, und zwar nicht
weniger akribisch, dann wurde zum Abschluss des Rituals das Gepäck eines
zufällig ausgewählten Reisenden gecheckt. Letztlich, nach fast einer
halben Stunde Aufenthalt, rollte Bus weiter und bewegte sich auf pomoryanisches
Hoheitsgebiet. Young seufzte erleichtert.
Der Lautsprecher knackte. "Nachdem unser kleiner Aufenthalt vorüber
ist, werden wir bald Strelasund, dem Hauptsitz der gleichnamigen Grafschaft,
erreichen. Wer den Stadtrundgang mitmachen möchte, folgt mir", sagte
die elfische Reisebegleiterin. "Wer auf eigene Faust loszieht: Wir treffen
uns um 17 Uhr vor dem gotischen Rathaus. Vielen Dank."
Es dauerte wirklich nicht allzu lange. Bald öffneten sich die Türen,
saubere, Luft wehte ins Innere, die Bezeichnung "lieblich-rein"
traf den Duft am besten. die Touristen betraten "Terra Nobilis",
und Young erkannte in den Gesichtern erste deutliche Anzeichen von Glückseligkeit.
So leicht geriet er nicht in Verzückung. Er hob die Kamera und filmte
die Backsteingotik des Rathauses mit der berühmten Schauwand. Über
den großen Fenstern der Marktfront deuteten Wappen der Hansestädte
Wismar, Lübeck, Hamburg, Greifswald, Stralsund und Rostock auf alte Seehandelsbeziehungen
hin.
"Im Verlauf der Jahrhunderte erfuhr das Rathaus mehrmals Veränderungen",
hörte er Venslau beinahe singend erklären. Renaissancetreppe, ein
Ziegel- anstelle des alten Kupferdachs, der langgestreckte Hof bekam den reizvollen
Galeriegang.
"Als herausragende Architekturleistung aus neuerer Zeit ist das Barockportal
mit Wappenbekrönung zu nennen. Wer es nicht erwarten kann", dieser
Hinweis ging unzweifelhaft an die Adresse des Amerikaners, "im Innern
des Rathauses sind die Räume des Löwenschen Saales, der Achtmannskammer
und der Alten Wache sehenswert." Die Elfin kam zu ihm und drückte
ihm ein CityGuide- Pad in die Hand. "Viel Vergnügen, Herr Young."
Sie drückte die Kamera nach unten, um ihm ihn die Augen zu schauen. Kundenbindung.
"Bitte, denken Sie an die pomoryanischen Gesetze", sagte sie freundlich,
aber bestimmt und etwas besorgt.
"Ich verspreche es Ihnen", grinste der junge Mann und schob sie
einen Kaugummi in den Mund, vier kurze Kaubewegungen später entstand
eine Blase vor seinen Lippen und barst knallend. "Ehrlich, ich passe
auf." Er hob die Hand zum Schwur.
Sie kniff die Mundwinkel zusammen und machte keinen Hehl daraus, dass sie
ihn als potentiellen Gefängniskandidat sah. Amerikaner benahmen sich
selten, Seattler schon gar nicht. Die Elfin nickte noch einmal und schritt
los, die Horde Touristen folgte ihr wie Küken der Glucke.
Young feixte und schaute auf seine Uhr. Es blieben sieben Stunden Zeit, die
Grafenstadt auf den Kopf zu stellen.
Er streunte hinüber zum Wulflamhaus, ein um 1350 errichteter Backsteinbau.
"Eines der bemerkenswertesten mittelalterlichen Giebelhäuser der
Stadt", wie es der elektronische Stadtführer mit einer singenden
Stimme nannte.
Das Gesäusel scheint eine Elfennorm zu sein.' Er kam den Aufforderungen
des Elektronikspitzohrs nach, schaute sich die Diele, die Galerie und Speicherböden
artig an und gönnte sich auf dem Hof ein frisch gebrautes Bier.
"Sehr schön", murmelte er und filmte den Aufbau des spätgotischen
Giebels, wobei ihm beim Schwenk abwärts etwas in die Linse fiel. Auf
der anderen Seite des Marktplatzes baute man eine riesige Musikbühne
auf. Young trank aus und schlenderte hinüber.
"Hoi, Chummers", grüßte er die Roadies, die gerade die
Lautsprecherboxen zu Stapeln türmten. "Was wird das für ein
Konzert? Bardenkontest?"
"Uh, was für ein Slang! Ami?" Einer der Arbeiter, ein Typ in
schmuddeligen Jeansklamotten und Allerweltsgesicht, wandte sich dem Tourist
zu. "Nu, Kollege, das wird die Bühne für die Morgenröte."
Der Amerikaner schaute verständnislos. "Aurora. Aurora Teleam, die
Tochter vom Medienkurfürst. Sie singende Heimsuchung des gelobten Landes."
"Und ich sach dir, lauf. Datt Grauen hat einen Namen", witzelte
ein zweiter, dessen Oberarmmuskeln so breit wie Youngs Gesicht waren. "Nicht
alle Spitzohren können gut singen." Der Mann wuchtete einen Hochtöner
herum und deutete anschließend mit seinen Händen eine stattliche
Oberweite an. "Die sind der Grund, warum sie überhaupt Tracks verkauft.
Die Deluxe-Tüten und ihr geiler Knackarsch." Die Umstehenden grienten.
"Wenn du Zeit und Ohrstöpsel hast, bleib und schau sie dir an."
Sie widmeten sich lachend wieder ihrer Tätigkeit.
"Okay, Chummers." Er wandte sich um und verstaute seine Kamera.
Das Kaugummi schmeckte inzwischen mehr als furchtbar. Bier vertrug sich nicht
mit Pfefferminze, Funsticks hatte er auch keine mehr. Young suchte in seinen
Taschen nach einem neuen Kautschukstreifen. Ah, Zimt mit Pfeffer.'
Während er den frischen aus der Packung schälte, sog er automatisch
die Luft ein und spuckte den weißen, unansehnlichen Klumpen Gummi in
hohem Bogen aus. Austauschroutine.
Als er den Zimt-Pfeffer-Streifen zwischen den Lippen hatte, klopfte ihm jemand
auf die Schulter.
"Noch was zur singenden Heimsuchung Aurora, Chummers? Oder zu ihren Tüten?",
meinte er gut gelaunt und drehte den Kopf nach hinten.
Es waren leider keine Bühnenarbeiter. Zwei Polizisten standen hinter
ihm, zwei Polizisten des Hauses Teleam, groß, dünn, schmale Züge
und erbarmungslos pflichtbewusst. Einer tippte bereits etwas in sein Pad,
der andere betrachtete den Amerikaner ausdruckslos.
"Fuck", rutschte es Young heraus, siedend heiß fiel es ihm
beim Anblick der Uniformen ein. "Paragraf vier, Absatz drei, Hinterlassen
von Müll und Unrat an öffentlichen Plätzen". Das Ausspucken
von Kaugummi stand als Exempel dabei.
Ohne dass einer der Beamten etwas sagen musste, bückte er sich und hob
das zerkaute Gummistück auf. "Ich hab's vergessen, sorry",
entschuldigte er sich kleinlaut. "Entschuldigen Sie das Versehen."
Ihm wurde warm, sein Körper reagierte mit einem erstem Schweißausbruch.
Lass sie die Tüten überhört haben, gerechte Allmacht.'
"Sicher", nickte der Elf gleichgültig. "Das Herzogtum
Pomorya verzeiht Ihnen das Versehen ebenfalls..."
"Vielen Dank, denn..."
"... gegen ein Bußgeld von 300 Ecu."
"300 Mücken? Aber ich habe den Kaugummi doch wieder aufgehoben",
protestierte er fassungslos. "Ich bin Tourist. Machen Sie doch mal eine
Ausnahme."
"Tut mir Leid. Keine Ausnahmen", blieb der Polizist unbeugsam.
"Meine Güte, jetzt stellen Sie sich doch nicht so an!", beschwerte
sich Young halbherzig. "Das macht keinen guten Eindruck auf Ausländer."
Der Elf lächelte nur herablassend, seine Augen wanderten auf die runden
Ohren seines Gegenübers.
Young verstand den Blick. "Ach, so ist das", rutschte es ihm heraus.
"Ich bin kein Elf. Mit mir kann man es ja machen." Er sah sich um,
aber niemand schien gewillt, ihm beizuspringen. Die Roadies kümmerten
sich leidenschaftlich um das Equipement. "Ich werde mich bei meiner Reiseleitung
über Sie beschweren!" Innerlich verfluchte er seine impulsive Ader.
Mit seinem aufmüpfigen Verhalten brachte er sein eigentlichen Reisezweck
in Gefahr. Komm wieder runter, Idiot!' Er schluckte. "Nein, hören
Sie, vergessen Sie's einfach", beschwichtigte er die behördliche
Reaktion auf seinen Ausbruch. "Ich...."
"Was Sie nicht sagen?! Beschweren." Der Beamte blieb gelassen. "Schön."
Er drückte dem Seattler den Ausdruck der Zahlungsaufforderung über
300 EC in die Hand. "Damit es sich für mich lohnt, schlagen wir
noch eine Beleidigungssache gegen Sie obendrauf. Sie äußerten sich
in Gegenwart von mir und meinem Kollegen despektierlich über ein Mitglied
der Kurfürstenfamilie, das macht noch mal 1000 Ecu." Die Gelassenheit
wich keinen Moment, die Hand in dem schwarzen Handschuh reckte sich dem Tourist
fordernd entgegen. "Wenn wir schon dabei sind: Ihre ID oder Ihr entsprechendes
Equivalent. Sofort."
Worst case', zuckte es durch seinen Verstand. "Dazu muss ich mein
Hotel", log er.
"Sie kamen vorhin mit der Reisegruppe von Anders Ausflüge. Wir haben
Sie gesehen", vernichtete der Elf seine Ausflucht, sein Unterton wurde
hörbar aggressiv und misstrauisch. "Fürs Protokoll halte ich
fest, dass Sie sich einer polizeilichen Anweisung widersetzen." Er langte
an seine Koppel, wo ein Paar Handschellen im Schnellziehholster baumelten.
"Ich muss Sie bitten, zur Klärung Ihres Verhaltens...."
Young täuschte einen Ausfallversuch nach Links an, auf den der Polizist
hereinfiel, und hechtete nach rechts. Er sprintete über den Alten Markt
und wählte sich eine Seitengasse aus, um die Polizisten abzuhängen,
dabei tippte er "UCAS-Botschaft" ins Pad ein und aktivierte die
Satellitennavigationsoption.
Was tust du da, Idiot!', schrie ihn sein Verstand an. Das kannst
du in den Barrens machen, aber nicht in Pomorya!'
Er antwortete seinem Verstand nicht, er musste sich zu sehr aufs Rennen und
auf die wie gewohnt halb gesungenen Anweisungen des elektronischen CityGuides
konzentrieren. "Die nächste links, geehrter Tourist", flötete
es aus dem Lautsprecher. "Das Gebäude, in dem sich die Botschaft
befindet, wurde im Jahre...."
"Aus", befahl er. Das hatte es vermutlich auch noch nie gegeben,
dass ein Flüchtiger sich mit Hilfe eines Touristenwegweisers dem Zugriff
der Polizei entzog. Er hoffte, dass der gespeicherte Stadtplan stimmte.
"Nun bitte rechts, geehrter Tourist. Das Gebäude, in dem sich die
Botschaft befindet, wurde im Jahre...."
"Halt endlich die Fresse!", keuchte er und würgte mit einem
Tastendruck die Erläuterungen ab. Die Tragetasche der Fuchi schlug ihm
in die Seite und zermürbte seine Nieren. Die schnellen Schritte seiner
Verfolger, die zu allem Überfluss näher rückten, spornten ihn
zu Höchstleistungen an und ließen ihn alle Schmerzen vergessen.
Rennen konnte er gut, seine Ausdauer stimmte, nur bei der Geschwindigkeit
waren ihm die Elfen mit Sicherheit überlegen.
Das wird nichts. Ich brauche ein Versteck.' Er schoss um eine Ecke und
stand vor einem riesigen Parkplatz, unmittelbar vor ihm reihten sich Wohnmobile
und Pkw mit Wohnwagen hintereinander auf.
Lass ein Wunder geschehen, Gott der Unterhaltung!', betete er und drückte
die Klinke des ersten, gigantischen Wohnmobils nach unten.
Die Tür ließ sich öffnen!
Amen!' Hastig huschte er ins Innere und hörte, dass der Inhaber
des rollenden Hauses unter der Dusche stand, aus den Augenwinkeln bemerkte
er Unmengen von Postern einer Elfin, unter denen immer wieder "Aurora"
stand. Er war an ein Fan-Mobil geraten, aber in seiner Lage hätte er
sich auch in einen Kofferraum voller Skorpione gelegt. Mit spitzen Fingern
verriegelte Young die Tür.
Die Polizisten, das hörte er am Klappern der Stiefel, betraten die Szene.
Sie unterhielten sich, dann orderten sie Verstärkung über Funk an.
Fuck, wenn sie mich jetzt erwischen, lande ich auf Jahre im pomoryanischen
Knast!', dämmerte es ihm.
Selbst wenn er aus Strelasund entkam, er würde sich aufgrund seiner SIN
nicht mehr frei im Herzogtum bewegen können. Die Bullen wussten, zu welcher
Reisegruppe er gehörte, und in weniger als einer Stunde verfügte
jede kleine Aufpasser über sein Bild und seine Daten. Okay, es war eine
gefälschte SIN, aber dennoch würde es brenzlig.
"Sie sind falsch gelaufen, geehrter Tourist", säuselte das
Pad plötzlich, und ihm kam es vor, als dröhnte der Singsang mit
100 Dezibel durch die Luft, sodass es jeder Cop im Umkreis von zwei Kilometern
hören würde. "Sie müssen...."
Verräter Drek-Ding!' Young legte das Pad zu Boden und trat auf
es ein, bis es still war, dann hob er den Kopf und spähte hinaus. Panik
stieg in ihm auf, während die Polizisten parallel zueinander die Autoreihen
passierten, langsam wie bei einer Treibjagd. Die Elfen hatten ihre Waffen
gezogen, zwei Drohnen schwebten umher und unterstützten sie bei ihrer
Suche.
In seiner Angst bemerkte er nicht, dass die Dusche nicht mehr lief. Erst als
sich ein runder Gegenstand kühl in seinen Nacken bohrte, fiel ihm das
Schweigen des Wassers auf, und das Ding in seinem Genick konnte nur eine Mündung
sein.
Na, herzlichen Glückwunsch.' Sofort riss er die Arme hoch. "Ich
bin in einer Notlage", flüsterte er bittend. "Ein Justizirrtum,
ehrlich! Ich habe nur ein Kaugummi ausgespuckt, und die Cops wollen mich deswegen
fertig machen!"
"Die da draußen?", wollte eine weibliche Stimme wissen, er
roch unelfisch herbes Parfüm, und Hoffnung keimte ihn ihm auf wie Bakterien
in einem alten Döner.
"Genau", nickte er. "Bitte, Lady, verraten Sie mich nicht!
Ich ... stehe in Ihrer Schuld. Wenn Sie wollen, wasche ich Ihre Wäsche.
Oder wollen Sie berühmt werden? Ich mache einen Bericht über Sie.
Der ...", er suchte verzweifelt nach einem reißerischen Titel,
".. gnädige Engel von Pomorya oder so. Die Beschützerin von
Polizeiwillkür und Faschistentum. Die größte Fanin von Aurora
rettete Amerikaner von Prügelpolizisten!"
"Einen Bericht?", wiederholte sie neugierig. "Wie wollen Sie
das machen?"
"Ich bin Reporter", offenbarte er ihr. Er nahm seinen Presseausweis
vorsichtig aus der verborgenen Jackentasche und hielt ihn hoch. "Ich
arbeite bei InfoNetworks als Freier Mitarbeiter."
Hart klopfte es gegen das Wohnmobil.
Die Mündung wurde aus seinen Halswirbeln entfernt. "Weg von der
Tür", befahl sie, "Kopf runter." Er kroch unter den Tisch
und kauerte sich zusammen.
Er hörte, wie die Frau den Eingang öffnete und mit dem Elfen einen
kurzen Dialog auf Sperethiel führte, dann knallte die Tür ins Schloss.
"Bleiben Sie unten." Surrend fuhren die Jalousien des Gefährts
herab. "So, jetzt kann man Sie nicht mehr sehen." Gedimmtes Licht
sorgte für eine schwache Beleuchtung. "Stehen Sie auf, ehe sie sich
einen Hexenschuss einfangen."
Young, eigentlich Severin T. Gospini und noch besser bekannt als Poolitzer,
verließ seinen kleinen Bunker und erklomm die Sitzbank, sein Kreislauf
kehrte zu Normalwerten zurück.
"Danke", schnaufte er befreit und schenkte ihr sein bekanntes Charmeurlächeln.
"Das war knapp." Im schwachen Licht erkannte er die Silhouette einer
Frau im Bademantel, ein paar spitze Ohren, die unter langen, nassen Haaren
hervorstanden und die klassisch schmalen Züge einer Elfin. Er schaltete
seine eingebaute Cybercam ein, der Restlichverstärker zauberte eine taghelle
Aufnahme von seiner prominenten Retterin. Vorsichtshalber schaute er zu einem
Poster. Kein Zweifel. "Wow, Sie sind tatsächlich die Teleam!",
staunte er.
"Aurora", verbesserte sie. "Es gibt noch eine Teleam. Meine
Schwester. Und die hätte Sie auffliegen lassen, Mister....Gospini?!"
Fragend hoben sich ihre Augenbrauen.
"Poolitzer", stellte er sich mit seinem Straßen- und Korespendentennamen
vor.
"Ach? Sie sind das?", freute sie sich sichtlich über das Zusammentreffen.
"Ich finde Ihre Berichte gut. Meine Schwester meint zwar, dass sie sich
jenseits aller journalistischen Regeln bewegten, aber was soll's. Gegen Regeln
ist immer gut." Sie reichte ihm die Hand. "Schön, Sie kennen
zu lernen. Dabei sehen Sie im Trid anders aus.
"Anders?"
"Besser."
Er dachte an die physische Beschreibungen der Roadies, seine Augen und damit
die Cam-Aufnahme wanderten an ihr entlang. Ihren Hintern sah er im Moment
nicht, aber was sich ansonsten unter dem weißen Mantel abzeichnete,
errang in der Erotikbranche mit Leichtigkeit Spitzenwerte. Keine Frage,
Deluxe-Tüten.' Seine Überlegungen wurden mit einem Mal nicht mehr
jugendfrei. "Das mit dem Aussehen haben wir gleich. Ich musste mich ein
wenig verkleiden." Er zog sich den falschen Schnurbart von der Oberlippe
ab. "Darf ich Ihr Bad benutzen?"
Aurora deutete auf die schmale Tür. "Aber setzen Sie sich hin beim
Pinkeln."
Poolitzer pulte sich in der geräumigen Kabine die Schaugummieinlage,
die seine Wangen dicker gemacht hatten, aus dem Mund. Sie landeten ebenso
im Müll wie die Kunstnarbe auf der Stirn, der verhasste Schnurbart, der
in der Tonne wie eine fette Raupe aussah, und die gefälschte SIN.
Die Rückverwandlung zu Severin T. Gospini schritt voran. Er zog ein Mundspray
aus der Hosentasche, verteilte die Flüssigkeit über seinen Haaren
und wusch sie anschließend aus. Die Chemikalie löste blonde Farbe,
in hellen Schlieren rann das Zeug in den Ausguss, und zurück blieb Schwarz,
seine natürliche Haarfarbe. Als er sich erhob und in den Spiegel schaute,
sah er fast aus wie immer.
Grinsend entfernte er die braunen Kontaktlinsen mit der Retinakopie und tauschte
sie durch einfache, dunkelgrüne aus. Da bin ich wieder.'
Die letzten Handgriffe bestanden darin, Hemd, Hose und Jacke auszuziehen,
das andersfarbige Innere nach außen zu stülpen und somit völlig
neue Kleidung zu tragen. Fertig.
Er kehrte in die Sitzecke zurück, wo die jüngste Tochter von Elias
Teleam auf ihn wartete. Sie hatte ihm ein Glas Cola eingeschenkt und sah sehr
neugierig aus. Sie taxierte ihn, offensichtlich war er nun mehr nach ihrem
Geschmack, er meinte sogar, so etwas wie Interesse in ihren Augen zu erkennen.
"Und? Was wollte der Superschnüffler von InfoNetworks in Terra Nobilis?"
"Filmen." Er fand ihr Verhalten dafür, dass sie erstens eine
Elfin und zweitens die Tochter eines Kurfürsten war, sehr ungewöhnlich.
Er nahm einen Schluck. "Und warum helfen Sie mir?"
Aurora lächelte beinahe dämonisch, die spitzen Ohren taten ihr Übriges
dazu. "Sagen wir, ich bin ein böses Mädchen. Ich stehe nicht
auf die guten, alten Elfentraditionen. Das macht meinen alten Herrn zwar wahnsinnig,
aber was soll's. Ich finde es lieb, dass er mir mit seinem Medienimperium
trotzdem hilft." Sie beobachtete ihn. "Aber etwas mehr Unterstützung,
und zwar im Schattenland könnte ich für meine Musik schon gebrauchen.
Haben Sie schon mal was von mir gehört?"
Nur von Ihren Tüten.' Als er den Kopf schüttelte anstatt etwas
Peinliches zu sagen, betätigte sie die in der Tischplatte eingelassene
Fernbedienung, ansatzlos dröhnte einer ihrer Songs mit satten 90 Dezibel
durch das Wohnmobil.
Poolitzer rechnete sich nicht zu den Song-Experten, doch was er da hörte,
bewegte sich ungefähr auf dem gleichen Niveau einer Barrens- Hinterhof-
Band. Auroras Gesang hatte Probleme, sich gegen die Sounds durchzusetzen,
für seine Ohren klang es nach Experiment. Nach einem misslungenen
Experiment.'
Der Lärm endete.
"Ruppig", lautete Poolitzers beschönigender Kommentar, und,
oh Wunder, er war nicht taub und hatte nicht grinsen müssen. "Könnte
in gewissen Schattenkreisen was werden." Er dachte dabei an Ork- und
Troll-Gangs, die mal wieder kräftig über "Elfengejaule"
ablachen wollten.
Ihr Gesicht hellte sich auf. "Sehr schön! Sehen Sie, das ist der
Grund, warum ich Ihnen half. Die Reputation, wenn die PR von Ihnen kommt,
ist besser als der ganze organisierte Krempel von Teleam- Medienabteilungssklaven."
Die Sängerin langte nach ihrem Glas, wieder traf ihn ein begieriger Blick.
"Außerdem finde ich rassistische Bullen scheiße." Sie
bemerkte Poolitzers Gesichtsausdruck. "Nicht jeder Elf klatscht in die
Hände, wenn ein Norm verprügelt wird."
Er holte die Fuchi aus dem Futteral. "Können wir noch ein paar O-Töne
aufnehmen? Ich dachte an Statements wie dieses eben", beeilte er sich.
"Das macht sich im Bericht noch besser. Bei manchen Leuten hat Pomorya
einen ekligen Ruf, das könnte jemand wie Sie gerade rücken."
Artig wiederholte Aurora ihre Worte und fügte noch ein paar verurteilende
Dinge über Diskriminierung hinzu, während Poolitzer sie aus unterschiedlichen
Positionen filmte.
Eine Frau wie die nennt man Quotengeschenk.' Wenigstens kam er mit einem
halbwegs interessanten Bericht aus dem Elfenland nach Hause. Eine Kurfürstentochter,
die sich gegen die Hardliner der Regierung stellte, sah er als guten Storystoff
an, zumal sie das Interview im offenherzigen Bademantel gab und sich daran
gar nicht störte. Die Standbilder würde er gegen teueres Geld an
Fans verkaufen können.
Er senkte die VX2200C. "Danke, Aurora." Vorsichtshalber sichtete
er die Aufnahmen. "Können Sie mir einen Tipp geben, wie ich aus
Strelasund weg komme?" Die Bilder stellten ihn zufrieden.
Die junge Elfin erhob sich und ging zum Bad, ihr Mantel glitt zu Boden und
gab den Blick auf ihre perfekte Rückansicht frei. Die Roadies hatten,
was den Hintern anging, auch nicht übertrieben. "Eigentlich haben
Sie alleine keine Chance", sagte sie und verschwand in der Kabine.
Der Fön sprang an. Sie ließ die Tür einen Spalt breit offen,
sodass er sie bei ihrer Tätigkeit sehen konnte, ohne alles von ihr präsentiert
zu bekommen. Die Elfin spielte mit ihm, bereitete anscheinend eine Verführung
vor. Schon klar. Mit mir ins Bett gegen, um gegen den Papi aufzubegehren',
dachte er und grinste dreckig. Oh, bitte, benutz mich, Baby.'
"Ich rufe Ihnen einen Fahrer, der Sie ohne Probleme über die Grenze
bringt. Das Emblem des Hauses Teleam bewirkt Wunder." Der Haartrockner
wurde eine Stufe höher geschaltet. "Was wollten Sie noch gleich
hier?"
Poolitzer fügte sich. "Ich wollte über das Labyrinth auf Rügen
berichten", sagte er halblaut, um den Fön zu übertönen.
"Die Elfen mit dem Dupont- Makara- Syndrom. Vielleicht noch was über
CNX-17 und die tiefer liegenden Stockwerke des Labyrinths, wenn es die Zeit
zugelassen hätte."
Aurora kam aus dem Bad, ihre Kurven mit einem großen Handtuch verhüllend.
"Uh, ja, kein Wunder, dass Sie sich eingeschlichen haben. Die Dreherlaubnis
hätten Sie niemals erhalten", lachte sie. "Nicht mal Myriam
darf was über die unterirdische Siedlung bringen. Jedenfalls nichts über
die unteren Sektionen, wo sich alle möglichen Gestalten rumtreiben."
Laut stieß er die Luft aus. "Shit. Das wäre also ein echter
Hammer geworden, was?!" Wie ärgerlich. Und nur wegen einem ausgespucktem
Kaugummi und Fascho-Bullen war alles versaut. "Ich werde es in drei oder
vier Monaten einfach noch mal versuchen." Er schaute sich demonstrativ
um und lehnte sich in die Polster. "Sagen Sie, könnten Sie nicht
im feinsten Hotel von Strelasund leben?"
"Ja. Könnte ich", lautete die lakonische Antwort.
"Aber?"
"Ich will nicht."
"Und von absperren halten Sie auch nicht viel?"
"Normalerweise schon. Ich war nachlässig." Ihre Augen bemerkten
das leere Glas des Reporters. "Andererseits hätten wir uns sonst
nie getroffen. Möchten Sie noch was?!"
Poolitzer fröstelte. "Was Warmes wäre nicht schlecht",
meinte er fragend.
Die Elfin schlug das Handtuch auseinander und zeigte ihm, warum sie so viele
unmoralische Angebote in ihrer Post fand. Ihre makellose, nackte Haut war
von einem seidenen Schimmern überzogen, er roch ihren herben Duft als
sie sich vor beugte und ihn sanft auf den Mund küsste. Weich und warm.
Ihre Rechte legte sich zärtlich auf seine linke Wange. "Möchten
Sie mehr?" Gespannt wartete sie auf eine Reaktion.
"Wenn Sie mich so fragen", antwortete er, nachdem er seine Überraschung
überwunden hatte, "gerne. Sie sind ein echt böses Mädchen."
Seine interne CyberCam schaltete sich ein, natürlich nur, um sich in
Zeiten der Frauennot immer an diese wundervollen Momente besser zu erinnern.
"Und wie", grinste sie und packte seinen Jackenaufschlag, mit einem
harten, für ihn überraschend kräftigen Ruck zog sie ihn zu
sich heran.
***
ADL, Norddeutscher Bund, Rostock, 30.11. 2058, 19:32
MEZ
"Mit diesem Landesvorsitzenden gehen wir bei der nächsten Landtagswahl
als Sieger hervor! Kameradinnen und Kameraden, heißen wir unseren heutigen
Gastredner, Staatsanwalt Matthias Fröhlich-Eisner, herzlich willkommen",
peitschte der Vorsitzender des Rostocker Stadtverbandes der Deutschnationalen
Partei die Besucher an.
Die eingespielte Hymne des Norddeutschen Bundes hatte es schwer, sich gegen
den frenetischen Applaus der 500 Zuhörer durchzusetzen.
Poolitzer hob die Fuchi und begann mit der Aufzeichnung. Das vorangegangene
dilettantische Politgebelle des Stadtverbandsvorsitzenden befand er als ebenso
uninteressant wie die Versammlung als solche. Das würde sich gleich ändern,
der "Star" der DNP kam in die Arena. Umringt von fünf Leibwächtern
betrat Fröhlich-Eisner im gleißenden Scheinwerferlicht die Rostocker
Hansehalle.
Es war kein rauchiges Hinterzimmer mehr, in dem die DNP zu tagen pflegte.
Den Charme einer belächelten Kneipenpartei hatte die rechtspopulistische
Vereinigung in den letzten Wochen Schritt für Schritt abgelegt, anstelle
der genagelten Stiefel trugen die Verantwortlichen nun Lackschuhe. Die Marschrichtung
stand fest: NDB-Landtag 2059. Die Umfragen, die erste besorgte "bessere"
Parteien in Auftrag gegeben hatten, brachten schon jetzt erschreckende sechs
Prozent an den Tag, Tendenz steigend.
Der Reporter war durch einen Tipp auf die aufkochende braune Soße aufmerksam
geworden und recherchierte Erstaunliches. Die Brühe verlor zwar ihre
originäre Farbe nicht, aber sie mischte sich einen neuen Geschmack bei.
Einen verführerischen Geschmack.
Es schien, als hätten die einstigen Randalierer und Hooligans von irgendwoher
Hirn gespendet bekommen. Die Partei gab sich plötzlich clever, man wollte
bürgertauglich werden. Das bedeutete, dass man keine alten Nazis mehr
ans Pult ließ, deren Arm im rechtsradikalen Grußreflex unwillkürlich
nach oben zuckte, wenn man ihnen "Sieg" ins Ohr schrie.
Trideowirksame Menschen wie Fröhlich-Eisner, Staatsanwälte mit Reputation,
Ärzte, sogar ein hoch talentiertes Decker-Genie standen in der ersten
Reihe und sammelten mit Charme, Charisma, Fakten und harten, wohl dosierten
Worten unaufhaltsam Sympathien. Die nationalkonservative und erklärt
deutschkatholische Haltung brachte ihnen vor allem in Westfalen Zulauf.
Ihr Bundesvorsitzender, Arnold Hagen Freiherr von Doberein, hatte gute Beziehungen
zur Kirche. Von mancher Kanzel schallten sein Worte, gepredigt wurde auch,
dass die Mitgliedschaft in anderen Parteien sündig sei - offensichtlich
funktioniert diese Taktik bei vielen weniger gebildeten und gläubigen
Christen.
Im NDB setzte ihr Landesvorsitzende auf eine leicht abgewandelte Strategie,
gab sich nationaler und hetzte vor allem gegen Polen und Pomorya.
Fröhlich-Eisner stieg zum Pult hinauf, schüttelte dem Stadtverbandsvorsitzenden
die Hand und wandte sich der Menge zu. Sein freundliches, ansprechendes Gesicht
suchte die Kameralinsen, und er winkte knapp. Nicht übertrieben heiter,
sondern eher in der Art "Hier bin ich. Ich weiß, was ich kann."
Der helle Anzug, den er trug, war geschmackvoll und stilsicher ausgewählt,
erschien aber nicht zu teuer, um keinen Neid aufkommen zu lassen.
So, Dr. Goebbels, dann lass mal hören.' Poolitzer positionierte
sich absichtlich nicht auf einem der für die Medien reservierten Plätze.
Er hatte sich eine Stelle ausgesucht, von der er den Redner und die Menschen
filmen konnte, ohne große Schwenks machen zu müssen. Er wollte
die Faszination der Verblendeten dokumentieren, um sie der restlichen ADL
als abschreckendes Beispiel zu präsentieren.
Der Staatsanwalt ging um das Pult herum und lehnte sich seitlich an. Er versteckte
sich nicht hinter dem Gestell, völlig entspannt, in Plauderhaltung trat
er den Parteianhängern, Sympathisanten und Neugierigen gegenüber.
Er war ihnen nahe, nichts stand zwischen ihm und den Menschen, aber sie mussten
immer noch zu ihm aufsehen wie zu einem Gott. Alleine dieser Schachzug bewies
die Schläue des Mannes.
"Ich kann nur sagen, raus mit dem Pack", rief er deutlich. "Verjagen
wir die Minderheiten endlich. Sie haben in unserem schönen Land nichts
verloren, denn sie können sich nicht benehmen. Sie sorgen für Unruhe,
sie stören unsere Gesellschaft. Ich sage es in aller Deutlichkeit: Wir
müssen unser Land endlich von dem minderwertigen Gesindel reinigen!"
Seine lächelnd vorgetragenen Worte hallten durch den Raum, ein Raunen
ging durch die Reihen. Sollten sie nun klatschen oder nicht?
Die Journalisten schauten sich ungläubig an, einige zückten ihre
Mini-Koms und gaben die rassistischen Sätze des Landesvorsitzenden an
die Redaktionen weiter. Damit wäre die DNP im Landtagswahlkampf am Ende.
Fröhlich-Eisner schaute zu den Medienvertretern. "Wenn Sie diese
Sätze zitieren möchten, meine Damen und Herren von den Medien, sollten
Sie dazu schreiben, dass ich soeben nur Graf Wratislas von Vineta wiedergegeben
habe, nachzulesen in dem pomoryanischen Onlinemagazin Elfenstolz'."
Seine blauen Augen wanderten über die Gesichter der Besucher. "Das
ist seine Meinung über die der Grafschaft lebenden Menschen. Und uns,
liebe Freunde, unterstellt man radikale Tendenzen!"
Die Menge klatschte begeistert, denn nun durfte sie.
Poolitzer hatte es geschafft, einige der DNPler zu filmen, die einen Frühstart
hingelegt und schon bei den rassistischen Äußerungen applaudiert
hatten. Das würde zeigen, welche Gedanken ein nicht unwesentlicher Anteil
der umlackierten Braunen in Wirklichkeit hegte.
Der Anwalt hob die Hände. "Ich mache Pomorya keinen Vorwurf, auch
unsere Partei litt einst unter dieser Beschränktheit. Die DNP ist nicht
gegen Metamenschen und nicht gegen das Zusammenleben aller Spezies, das sage
ich in aller Deutlichkeit."
Fröhlich-Eisner schaute in die Kameras und die ihn umschwebenden Ü-Drohnen.
Er behielt seinen Plauderton bei, setzte die Akzente in seiner Betonung unglaublich
geschickt, dass sich seine Aussagen unwillkürlich festfraßen.
"Wir nennen uns deutschnational. Das bedeutet, zu vorderst die deutschen
Interessen zu wahren. Wenn sich ein Elf, ein Ork, ein Troll oder wer auch
immer aus vollem Herzen dazu bekennt, ein Deutscher zu sein, ist er herzlich
im Norddeutschen Bund und in der ADL willkommen. Wenn sich ein Individuum,
und ich sage bewusst Individuum, nicht mit unserer Heimat identifiziert, Kameradinnen
und Kameraden, dann soll es bitte dahin gehen, wo es ihm besser gefällt.
Dort kann es dann meinetwegen international sein."
Er wechselte seine Position, stellte sich nun vor das Pult, der Saal wurde
indessen eine Spur weiter abgedunkelt, Scheinwerfer hoben ihn noch deutlicher
hervor.
"Es geht uns einfach nur darum, deutsch zu sein, nicht mehr und nicht
weniger. Wir behandeln andere nicht schlechter, weil sie eine andere Hautfarbe
haben oder weil sie eine andere Rasse haben. Deshalb muss ich Wratislas, Sarentin
und den Menschenhassern deutlich warnen: Was man sät, erntet man. Wir,
der Landesverband der DNP im Norddeutschen Bund, werden es nicht hinnehmen,
dass Pomorya auf dem besten Wege ist, eine Zweiklassengesellschaft einzurichten.
Es kann nicht angehen, dass ein Mensch schlechter als ein Elf gestellt wird.
Noch weniger kann hingenommen werden, dass die Stadtväter Rostocks sich
an das Herzogtum anbiedern. Rostock muss sich bald den Vorwurf gefallen lassen,
mit einem Apartheid-Regime zusammenzuarbeiten. Wollen wir das?"
Er wurde in seinen Ausführungen durch Beifallsbekundungen unterbrochen
und nutzte die Gelegenheit, einen Schluck Wasser zu trinken.
Verdammter Bastard.' Poolitzer überlief ein Schaudern. Dieser Mann
verfolgte eine Argumentationsstrategie, der man sich schwer entziehen konnte,
und er dachte unwillkürlich an sein Abenteuer in Pomorya und das Verhalten
der Elfenpolizisten. Nein, es würde ihn nicht wundern, wenn die DNP mehr
als fünf, sieben oder neun Prozent abstaubte.
"Wir, liebe Freunde, werden uns nach einem Einzug in den Landtag des
Norddeutschen Bundes für Sanktionen gegen Pomorya stark machen. Nichtbeachtung,
Restriktionen, Boykott von pomoryanischer Ware, bis die rassistischen Grafen
zur Besinnung gekommen sind. Was sich der wachsweiche Landtag nicht wagt,
wir werden es auf den Weg bringen. Wir legen einen Start bei den Wahlen hin,
Kameradinnen und Kameraden, dass den korrupten, rückgratlosen und faulen
Politikern der Arsch auf Grundeis gehen wird. Unsere Partei steht für
das Deutsche, für Recht und Ordnung, für das Bewahren der Werte
und den christlichen Glauben! Für Ehrlichkeit, die kein Blatt vor den
Mund nimmt und sich traut, etwas gegen die Zustände im Nachbarland zu
sagen! Wir kuschen nicht, wir kuscheln nicht, wir tun weh! Wir sind der heilsame
Schmerz für den Norddeutschen Bund!"
Von diesem Stichwort leitete der Landesvorsitzende über zu kriminellen
Ausländern, die abgeschoben werden sollten.
Fröhlich-Eisner wandelte auf dem schmalen Grat von Populismus, Tatsachen
und versteckten radikalen Äußerungen, aber, das gestand Poolitzer
ein, er machte seine Sache verdammt gut. Zu gut. Watteweich, logisch, samten
kamen die Forderungen des Staatsanwaltes daher, der ein oder andere Zuschauer
zu Hause am Trid würde nach der Sendung mit Sicherheit sein Kreuz sofort
auf die Liste der DNP setzen.
Der Reporter seufzte. Ob es einen Goebbels-Talent-Chip gibt?' Er sah
es als Pflicht, irgendwo einen Skandal auszugraben, um die Braunen zu diskreditieren,
sonst müssten die Amerikaner in naher Zukunft zum dritten Mal über
den Teich fliegen und Europa vor den deutschen Rechtsradikalen zu retten.
Die DNP-Meute im Saal, ein williger Empfänger für die Botschaften
der eigenen Partei, klatschte sich die Finger wund, als der Referent ankündigte,
dass die Insassen der Gefängnisse die längste Zeit auf Staatskosten
gelebt hatten. Die DNP würde eine Reform der Strafgesetzgebung anstreben,
die Zwangsarbeit ermöglichte.
Fröhlich-Eisner gab unverwunden zu, dass er bereits Gespräche mit
Konzernen geführt habe, die den neuen Möglichkeiten aufgeschlossen
gegenüber stünden. Damit hole der Norddeutsche Bund die Kosten für
die Beaufsichtigung der Gefangenen heraus und spüle Geld in die ausgetrockneten
Landeskassen.
"Kameradinnen und Kameraden, wir werden bei den Landtagswahlen ein Ergebnis
erzielen, das wie ein Paukenschlag durch den Bund und die ADL geht!",
schloss der Staatsanwalt seine Rede. "Die Stimme der Vernunft kehrt durch
uns in die Politik zurück, denn wir sind die Stimme des Bürgers.
Ich bedanke mich für euere Aufmerksamkeit!"
Tosender Applaus, stehende Ovationen für einen Schauspieler, der die
Massen begeisterte, mobilisierte, elektrifizierte. Poolitzer kam sich vor,
als besuchte er eine Mischung aus Theatervorstellung und Motivations-Convention.
Fröhlich-Eisner erhielt einen Blumenstrauß von einem ekstatisch
blickenden Stadtverbandvorsitzenden, zusammen mit der Menge sangen sie das
Lied des Norddeutschen Bundes, dann setzte sich der Anwalt an den Vorstandstisch
und musste zahlreiche Hände schütteln.
Schöne Scheiße.' Der Reporter schaltete die VX2200C ab. Die
DNP befand sich seiner Einschätzung nach auf dem steilsten Weg nach oben,
solange sie Menschen wie den Landesvorsitzenden hatten. Die rechte Partei
war gefährlich wie niemals zuvor, und er würde das in seinem Beitrag
herausheben.
Er wollte sich noch ein paar Statements des Redners einholen und ihn dabei
ganz zufällig provozieren. In Wut verplapperten sich die Menschen gerne,
und wenn jemand Menschen unfreiwillig oder absichtlich auf 180 bringen konnte,
war er das.
Er näherte sich dem Vorstandstisch und wurde schon auf große Distanz
von den Leibwächtern abgegriffen. "InfoNetworks, Freunde",
sagte er und hielt seine Presse-ID hoch. "Ich will mit dem Anwalt sprechen."
Nach einer Leibes- und magischen Visitation ließen sie ihn auf einen
Wink des Landesvorsitzenden durch.
"Hallo, Herr Gospini", begrüßte ihn Fröhlich-Eisner.
"Sie saßen gar nicht bei Ihren Kollegen?"
"Nein, ich mache mir gerne mein eigenes Bild von jemandem und lasse mir
nichts vorsetzen", entgegnete er ohne große Liebenswürdigkeit
und setzte sich. "Pressefreiheit nennt man das."
"Ich weiß. Ein wertvolles Gut", sagte der Staatsanwalt lächelnd.
Er hatte sofort bemerkt, dass es sich bei dem Seattler um einen kritischeren
Journalisten handelte. "Sie sind Amerikaner, nicht wahr?! Ein Volk, das
eine lange Tradition in Patriotismus und Stolz auf seine Menschen vorzuweisen
hat. Wir möchten dahin zurückkehren."
"Wissen Sie, wenn Sie das sagen, klingt es irgendwie scheiße",
eröffnete Poolitzer seine Provokationsattacke. "Aber zwischen Stolz
und dem, was Sie verbreiten, besteht ein gewisser Unterschied, Herr Fröhlich-Eisner."
"Was möchten Sie wissen, Herr Gospini?", erkundigte er sich
höflich, auf seine Uhr schauend. "Ich habe noch eine Veranstaltung,
auf der ich reden will. Also?"
"Ich möchte wissen, wann Sie und die DNP die Maskerade fallen lassen
und die alten Parolen ausrufen?", sagte der Seattler ohne besondere Betonung.
Er setzte auf den Vorwurf, der in den Worten enthalten war. "Ich glaube
nämlich nicht, dass diese Partei auch nur eine Spur liberaler geworden
ist. Warum sagen Sie nichts gegen die Unterdrückungspolitik gegen deutsche
Metamenschen in Westfalen? Wohin haben Sie Ihre Nazis abgeschoben? Sie wissen
schon, die Jungs, die ihren Schnurbart nur so breit wie ihre Nasenflügel
wachsen lassen."
Fröhlich-Eisner grinste. "Sie gehören auch zu den Journalisten,
die unsere Wandlung nicht glauben wollen." Er schenkte ihm ein Glas Wasser
ein. "Ich weiß, Sie würden Ihren Zuschauern lieber berichten,
dass die DNP Metamenschen und Ausländer verprügelt. Glauben Sie
im Ernst, dass ich als Staatsanwalt bei so einer Partei den Landesvorsitz
übernähme? Dann, mit Verlaub, wären Sie beschränkt. Die
Altlasten, die Sie vorhin mit Nazis' ansprachen, sind nach unserer Erneuerung
ausgeschieden, die wenigen Extremisten in unseren Reihen haben sich bald überlebt."
"Sie wollen mir weiß machen, dass...."
"Alles, was ich will, ist, dass es dem Norddeutschen Bund, der ADL, den
Deutschen gut geht. Was Westfalen angeht, wir führen Gespräche mit
der Regierung. Bei der nächsten Wahl werden wir auch dort antreten. Und
entre nous, unsere Chancen dort sind sehr gut." Wieder der Blick auf
die Digitalanzeige seines sündhaft teuren Chronometers. "Nun entschuldigen
Sie mich. Die Rede", entließ er den Reporter aus der Fragestunde,
die Leibwächter machten Poolitzer klar, dass er nun zu verschwinden hatte.
"Schon gut. Mir ist von Ihren Worten auch schlecht genug. Schnitt",
erteilte er der VX den Befehl, die Aufzeichnung zu stoppen. Das Glas ließ
er unangetastet, ein Bodyguard schob ihn an den Rand der Halle, während
sich Fröhlich-Eisner vom Stadtverbandsvorsitzenden verabschiedete und
wie ein Triumphator aus dem Saal zog.
Poolitzer schwenkte ein letztes Mal über die Gesichter der Parteifreunde.
Er würde diese Sequenz mit Doku-Tönen aus dem Dritten Reich unterlegen,
damit es auch der Begriffsstutzigste verstand, was die Intentionen der DNP
waren.
Gut, es hatte wirklich nichts mit fairer Berichterstattung zu tun, aber die
Braunen arbeiteten ebenfalls mit unfairen Mitteln und Wählertäuschung.
Der Landesvorsitzende war zu listig, zu schlagfertig, zu sehr Anwalt, als
dass man ihn mit Provokationen zu einer verräterischen Äußerung
hinreißen konnte.
Euch werde ich im Auge behalten', versprach er der DNP lautlos und verließ
die Rostocker Hansehalle. Er umrundete das Gebäude und ging auf den Parkplatz,
wo sein neuer VW Messenger parkte. Er stieg ein, die Kameratasche landete
im Fußraum des Beifahrersitzes. Poolitzer ließ sich eine Verbindung
zu InfoNetworks geben.
"Kein Knüller, sorry", erklärte er seinem Chef vom Dienst.
Die DNP sind die neuen Biedermänner der ADL. Der Anwalt hat seine Kampfansage
an Pomorya wiederholt. Ich schicke die Aufnahmen gleich rüber. Ich fahre
ins Hotel und überarbeite sie noch ein wenig." Er lauschte auf die
Anweisungen. "Eine Stunde? Müsste ich schaffen." Ihm fiel ein,
dass er seinen Vorgesetzten noch was fragen wollte. "Chef, geben Sie
mir danach bitte einen Auftrag, bei dem ich mal wieder was Reißerisches
draus machen kann", bettelte er mit gespielt weinerlicher Stimme. "Politik
ist das Letzte. Ich brauche Skandale, Kons, Action. Es muss die Post abgehen."
Auf der anderen Seite der Leitung erklang ein Lachen. "Ach, Sie haben
was?! Ich soll übermorgen nach Hamburg? Ein Umwelt-Skandal?! Bilder von
seltenen toten Tieren? Aufgedunsene Seehund-Baby-Leichen? Prima! Danke, Chef!"
Gut gelaunt und vor allem erleichtert, das schmierige Terrain der Politik
vorerst verlassen zu können, wollte er den VW starten.
Ein Scheinwerferpaar kam um die Ecke der Rostocker Hansehalle, ungefähr
40 Meter von ihm entfernt. Bläulich gefärbte Lichtkegel durchschnitten
die Nacht, Poolitzer erkannte einen dunkelgrünen Audi A6 Turbo, die Nobelkarosse
von Fröhlich-Eisner. Er wunderte sich, warum der Staatsanwalt den Weg
hinter dem Gebäude entlang wählte.
Alle möglichen Menschen bekommen Krebs. Warum du nicht?', wünschte
Poolitzer dem Landesvorsitzenden und wartete, um den Audi vorzulassen.
Das Fahrzeug kurvte zwischen den Mülltonnen hindurch, verringerte die
Geschwindigkeit lange vor dem Stopp-Schild, setzte den Blinker nach rechts.
Als die Limousine an der Haltelinie stand, detonierte eines der Behältnisse
plötzlich in einem Feuerball.
Der Audi wurde von der Hand eines Giganten herumgeschleudert, die Druckwelle
schüttelte selbst den Messenger noch durch. Die gelegte Bombe hatte den
gesamten Motorblock zerfetzt und den Wagen lahm gelegt.
Drei vermummte Gestalten sprangen von irgendwo aus den Häuserschatten
herbei und eröffneten das Feuer auf den Audi, grellgelb zuckten die Stichflammen
vor den Läufen der G12, Garbe um Garbe wurde in den Fond gepumpt.
"Shit!", fluchte Poolitzer und schaltete seine eingebaute Cybercam
ein. Bis er die Fuchi ausgepackt hätte, vergingen zu viele kostbare Sekunden,
das konnte er sich bei den Aufnahmen nicht leisten; doch das elektronische
Gerät lieferte nur verflimmerte, undeutliche Bilder, die Attentäter
mussten einen Störsender aktiviert haben. Schnell deaktivierte er sie
wieder.
Die Leibwächter stiegen aus und schossen zurück, ohne eine echte
Chance zu haben. Sie streckten einen der drei Angreifer nieder, ehe sie im
Kugelhagel starben.
Der InfoNetworks- Mitarbeiter beschränkte sich aufs Zuschauen und das
Notizen machen. Er fummelte in Handschuhfach herum, um das Fernglas herauszuholen
und die Szene besser zu sehen.
Unerklärliches geschah. Völlig unerschrocken verließ Fröhlich-Eisner
das Fahrzeug, er hob die Arme und unterhielt sich mit den beiden Attentätern!
Was macht der Idiot denn da?', wunderte sich Poolitzer, der tatsächlich
kurz, wirklich nur ganz kurz mit dem Gedanken gespielt hatte, dem Anwalt zu
Hilfe zu kommen, um daraus später Kapital zu schlagen.
In dem Moment schüttelte einer der Angreifer den Kopf, drehte sich um,
zog eine zweite Pistole und feuerte mehrmals auf seinen Partner. Den ersten
Treffer setzte er dem überraschten Maskierten in die Brust, die anderen
streute er wild, anschließend warf er Fröhlich-Eisner die Waffe
zu, der sie lachend auffing.
Der Reporter gefror in der Bewegung. Das verstand er nun nicht, deshalb blieb
er lieber sitzen.
Der verbliebene Attentäter kontrollierte die Lebensfunktionen seines
eigenhändig erschossenen Mitstreiters, dann legte er seine Waffe auf
den Asphalt, hob die G12- Kurzvariante vom Boden auf und bedeutete dem Anwalt,
sich an die Stelle zu stellen, von wo aus er seinen Kampfgenossen niedergestreckt
hatte. Die Mündung der Schnellfeuerwaffe hob sich, ein Schuss, und Fröhlich-Eisner
wankte, Blut lief aus seiner Schulter.
Vorsichtig drehte Poolitzer die Scheibe runter, um etwas von den Gesprächen
zu hören.
Die Männer taten ihm den Gefallen nicht, sich zu unterhalten. Der Maskierte
warf das Gewehr auf den Boden, grüßte den Anwalt, der gerade schwerfällig
zu Boden plumpste und sich die verletzte Stelle hielt, und lief davon.
Ein gefakter Überfall! Braune Dreckschweine!', stellte der Seattler
eine Theorie anhand des Gesehenen auf. So leise wie möglich verließ
er seinen VW und lief in die Richtung, in die der Attentäter verschwunden
war. Die Fuchi klemmte unter seinem Arm, probeweise schaltete er sie ein.
Sie leistete wieder einwandfreie Arbeit.
Poolitzer trabte die Straße entlang. Am anderen Ende stand ein Geländewagen
mit laufendem Motor, der Mann stieg gerade ein.
Poolitzer sprang in den Schatten einer Mauer und riss die Cam in dem Augenblick
hoch, als sich der Attentäter die Sturmhaube vom Kopf zog und im Wagen
verschwand, ganz gemütlich fuhr der Jeep davon.
Hoffentlich ist die Aufnahme was geworden.' Die näher kommenden
Sirenen warnten ihn vor den anrückenden Bullen, er rannte zurück
an den Ort des Anschlags und filmte die Szenerie. Der Landesvorsitzende hatte
inzwischen das Bewusstein verloren.
Poolitzer krümmte keinen Finger, um den Verletzten zu helfen. Wenn es
sich um ein vorgetäuschtes Attentat handelte, würde Fröhlich-Eisner
schnelle Hilfe organisiert haben. Wenn nicht... hatten die Braunen das Problem,
ohne Landesvorsitzenden zu sein.
Er konnte nicht widerstehen und zog die Sturmhauben der beiden getöteten
Angreifern ein Stück weit nach oben, um ihre Gesichter zu sehen. Fuck!'
Es waren ein Elf und eine Elfin, deren gebrochene Pupillen durch ihn hindurch
starrten. Poolitzer wusste, was das für die DNP bedeutete: Sympathien,
Zulauf, noch mehr Prozente.
Das habt ihr toll eingefädelt.' Er ging hinüber zum ohnmächtigen
Anwalt und bannte ihn ebenfalls auf CD. Mann, wenn ich ausgestiegen
wäre, um dir zu helfen, hättest du und dein Kollege mich weggepustet',
dachte er wütend. Dummerweise hatte er keinerlei Beweise gegen ihn in
der Hand.
Arsch!' Poolitzer trat mehrfach nach Fröhlich-Eisner, bückte
sich und suchte dessen Börse, er nahm das Geld ebenso an sich wie den
elektronischen Terminkalender. Vielleicht würde er damit etwas über
den DNPler, seine Machenschaften und eventuelle Freunde im Hintergrund herausfinden.
Seine Theorie, dass die Hilfe schon im Vorfeld des Anschlags arrangiert worden
war, bestätigte sich. Nach wenigen Minuten brauste der erste Rettungswagen
von BuMoNa noch vor der Polizei auf dem Parkplatz und kümmerte sich sofort
um das prominente Opfer.
Poolitzer befand sich da schon auf dem Weg in sein improvisiertes Schneidestudio,
um den Bericht für InfoNetworks zusammenzustellen.
***
ADL, Norddeutscher Bund, Bremen, 06.12. 2058, 22:35
MEZ
Der riesige Troll in der Tarnfarben-Uniform kroch auf die Anhöhe, verlagerte
das Gewicht auf die Ellbogen und hob das elektronische Fernglas an die Augen.
Der Blick schweifte über das taghell beleuchtete Gelände, das sich
rund einen Kilometer vor ihm befand.
Es wartete kein leichter Job auf ihn.
Ein vier Meter hoher Stahlzaun, durch den Starkstrom floss, bildete das erste
Hindernis, gleich dahinter folgte ein zwei Meter tiefer Graben, an den sich
eine Mauer ansatzlos anschloss. Überall, wenn auch dezent, waren Kameras
angebracht worden, nichts blieb den Sicherheitsriggern der Anlage verborgen.
"Das gesamte Gelände ist nachts so hell erleuchtet, dass man dort
ohne Probleme mit einem solarbetriebenen Fahrzeug fahren könnte",
hatte sein Informant Bismark gewarnt und Recht behalten.
Rund um die riesigen Hallen, Krane und Gebäude patrouillierte Wachpersonal
in unregelmäßigen Abständen. Die cybermodifizierten Höllenhunde,
die sie mit sich führten, erweckten nicht den Eindruck, besonders friedlich
zu sein.
Der Troll senkte die Gläser, ein gedämpftes, freudloses Lachen stieg
aus seiner Kehle. Höllenhunde.' Als würden die elektronischen
Ü-Anlagen nicht schon ausreichen. Wahrlich kein leichter Job, in die
Bremer Vulkan Werft einzusteigen, aber das Schlimmste stand ihm noch bevor.
Er ließ sich auf etwas ein, dass man ihm erzählt hatte. Genau das
war der Punkt, den er an dem Plan nicht mochte, es gab keinen Beweis für
die Aussage, und ausgerechnet davon hing das Gelingen des nachfolgenden Runs
ab.
Dann wollen wir mal', dachte er. Er rutschte den kleinen Hügel
auf der anderen Seite hinunter, um näher an den Zaun zu kriechen. Meter
für Meter pirschte er sich heran, bald war er so dicht an das erste Hindernis
herangekrochen, dass er das aggressive Summen hören konnte. Strom. Tausende
Volt brachten die Luft zum Knistern, luden sie auf und veränderten ihren
Geruch. Vielleicht bildete er sich das auch nur ein. Die Angst stieg.
Sein Kom-Gerät erwachte zum Leben. "Wir sind mit dir, Bruder Waterkant",
hörte er eine amüsierte Frauenstimme mit starkem norddeutschen Akzent.
"Wenn das schief geht, Perle, suche ich euch als Geist heim, sag das
den anderen Korsaren", versprach der Troll dumpf und griff nach den beiden
isolierten Griffen, die aus seinem Rucksack ragten. Mit einem sanften Ruck
zog er den Bolzenschneider aus der Tragebeutel. "Ich hasse euch. Ende",
funkte er zum Abschied.
Ohne sich weiter um eine Entdeckung durch die Kameras und Sensoren zu kümmern,
erhob er sich und stand mit seinen fast drei Metern unübersehbar vor
dem E-Zaun.
Die Backen des Bolzenschneiders schob sich auseinander. Ich hoffe, die
Isolierung taugt was.'
Noch ehe die Metallstücke mit dem Draht in Verbindung kamen, schloss
sich der "Schaltkreis", ein kleiner Lichtbogen schnellte nach vorne
und schnappte die Metallkiefern.
Die Herren Volt und Ampere rasten durch seinen Leib, Waterkant zappelte wie
ein Marionette, die an den Fäden eines tollwütig gewordenen Puppenspielers
hing.
Endlich unterbrach der Sicherheitsrigger in der Zentrale die Stromzufuhr,
qualmend, zuckend stürzte der Metamensch auf die Erde.
Die Patrouille, die ausgeschickt wurde, um den Kadaver zu entsorgen, berichtete,
dass der Troll erstens noch lebte und zweitens ständig den Namen "Proteus"
stammelte. Die Sicherheitszentrale beschloss daraufhin, den Runner zum Verhör
aufs Gelände zu holen. Entsorgen konnte man den Troggy auch nach der
"Unterredung".
*
"Wie kann man nur so blöd sein?", wunderte sich Werksarzt Dr.
Vresemann, in dessen Behandlungszimmer man den Troll schob. Er schaute auf
die durchgebrannten Griffisolierungen des Bolzenschneiders. "Das bisschen
Gummi gegen Starkstrom, ts."
Er streifte sich Einmalhandschuhe über und tastete an der Halsschlagader
nach dem Puls des Metamenschen. Das Herz raste immer noch, die Elektrizität
hatte den Muskel nachhaltig beschleunigt, außerdem roch es nach verbranntem
Fleisch.
Dr. Vresemann wandte sich um und suchte in seinem Apothekerschrank nach einem
Mittel, welches das Herz beruhigte, ehe es vor Überlastung seinen Dienst
einstellte.
"Sie wollen ihn verhören?", richtete er dabei die Frage an
die wartenden drei Gardisten. Er fand die Ampulle und lud sie in den Hochdruckinjektor,
die Kartusche verklemmte sich.
"Jep", meinte einer der Bewacher lakonisch. "Vermutlich ein
Proteus-Spitzel."
"Jetzt fangen die auch schon an, bei uns zu spionieren?" Der Arzt
fummelte an den Halterungen des Injektors herum, bis die Ampulle in die richtige
Position glitt. "Man könnte meinen, die werden alle wahnsinnig.
Wer
"
Hinter ihm ertönten plötzlich viele Geräusch. Das Knarren einer
abrupt belasteten Liege mischte sich zum Klatschen von Schlägen, einem
erstickten Alarmruf und einem gedämpften Knacken, dann herrschte wieder
Stille.
Vresemann schluckte und wagte nicht, sich herumzudrehen.
"Gib her." Eine kräftige, behaarte Hand schob sich von hinten
in sein Blickfeld, entwand seinen schreckensgelähmten Fingern die Spritzvorrichtung.
Es piekste zwischen seinen Schulterblättern, und er sank betäubt
um.
Waterkant fing den Arzt auf und legte ihn auf die Bahre. Jede seiner Bewegungen
forderten seine volle Konzentration, weil ihm zum einen noch nicht alle Muskeln
gehorchten, wie er wollte, zum anderen fühlte sich sein Kopf an, als
habe er an vier Junggesellenpartys hintereinander gesoffen und nicht geschlafen.
Aber immerhin.' Er grinste sich selbst im Spiegel über dem Waschbecken
zu und sah, dass seine halblangen, dunkelblonden Haare sich durch den Strom
aufgerichtet hatten. Der erste Teil des Plans hat funktioniert.'
Natürlich waren es nicht die Griffisolierungen alleine gewesen, die ihm
das Leben retteten, verschiedene Faktoren spielten zusammen, angefangen von
seiner immensen Konstitution über die spezielle Ausrüstung bis hin
zur Magie.
Der gesamte Bolzenschneider war eine Attrappe und bestand aus schwer leitfähigem
Material, seine Schuhsohlen trugen den gleichen Werkstoff, ebenso die Innenseite
der Handschuhe. Seine größte Angst: Der Strom schlösse den
Kontakt nicht über den Bolzenschneider, sondern durch ein ungeschütztes
Körperteil, wie den Kopf. Die beste Magie hätte da nichts mehr geholfen.
Trotzdem reichte der Stromschlag aus, um ihm kurzzeitig die Lampen durchzubrennen.
Unmittelbar nach dem sehr schmerzhaften Kontakt benutzte der Trollhexer sein
letztes bisschen Verstand, um sich auf magischem Weg einigermaßen zu
flicken, selbstverständlich nicht zu sehr, damit die Wachen an den Beinahetod
glaubten und der Manaentzug ihm nicht den Rest Lebensenergie raubte.
Eine einfache Gefangennahme hätte nicht den gewünschten Erfolg gebracht.
Solange der Werkschutz aber der Meinung war, Waterkant stünde kurz vor
dem Exitus, würden sie ihn schlampig bewachen. So war es auch gewesen.
Weiter!' Der Troll hatte keine Zeit, sich ausruhen zu können. Mit
schmerzenden, tauben Fingern und dröhnendem Schädel begann er, mit
dem Computer im Krankenzimmer eine Leitung nach draußen zu öffnen.
Ihr Decker wartete sicher schon, dass sich das Hintertürchen in die Haus-Matrix
öffnete und er loslegen durfte.
Waterkant schaute auf die Uhr an der Wand. "23:41 MEZ", verkündete
die Digitalanzeige. Noch vier Minuten, und der zweite Teil des Vorhabens startete.
Exakt um Viertel vor Mitternacht sendete er mit dem Funkgerät des Wachmanns
auf der verabredeten Sequenz sein Zeichen. Nun wussten die anderen, dass er
lebte und auf seinem Posten stand.
Der Bildschirm veränderte sich von selbst. "Hallo", stand da,
"schön, dass du noch lebst. Wir sind in der Burg. Halte dich bereit.
Wenn das Licht ausgeht, legst du los."
Er schob einen Speicherchip in die Schnittstelle, der Computer begann von
selbst, Daten auf das Speichermedium zu übertragen. Ihr Matrixexperte
kopierte ihm eine Virusvariante rüber, die er am nächsten Terminal
einladen sollte, somit müssten die werfteigenen Decker und Rigger an
zwei Fronten kämpfen.
Waterkant lehnte sich stöhnend an die Wand und nutzte die Pause, um die
Selbstheilung in Gang zu setzen. Die offenen Stellen an den prankengroßen
Händen schlossen sich, unter der schwarzen, unkenntlichen Haut entstand
neue, die alte streifte er mit reibenden Bewegungen ab.
Das habe ich gut gemacht.' Der Troll erlaubte es sich, ein wenig stolz
zu sein. Dieses Kunststück hätte keiner der Roten Korsaren hinbekommen.
Den Sams und Chipheads wären die Leitungen verglüht, jede noch so
gute Cyberware hätte einen Kurzschluss davongetragen oder wäre durch
Fehlreaktionen zu einer Gefahr für den Nutzer geworden. Als Hexer hatte
er es da einfacher. Und ohne ihn, Waterkant, müssten die Piraten ihren
privaten Run gegen die Vulkan Werft ganz anders aufziehen.
Unvermittelt erlosch das Licht, seine infrarotlichtempfindlichen Augen glichen
die Schwärze spielend aus. Der Hexer wusste, dass diese Finsternis jetzt
auf dem gesamten Gelände herrschte. Kein einziges Überwachungsgeräte
funktionierte mehr, weil ihr Decker durch die Matrix jagte und an jedem Datenknotenpunkt
wildes Chaos hinterließ.
Waterkant nahm den Chip sowie die Waffen der Sicherheitsleute an sich und
trat auf den dunklen Gang. Er ging zielstrebig durch die umherirrenden Mitarbeiter
und schickte den nächstbesten Troll, in dessen Uniform er einigermaßen
passte, mit einer Prise Magie zu Boden, zerrte ihn in eine Seitenkammer und
tauschte die Kleider. Derart maskiert, setzte er seinen Weg fort. Er lief
hinunter zur Werftanlage Delta, in der die kleineren Schiffe für militärischen
Zwecke gebaut wurden.
Die Vulkan-Sicherheitsleute spulten ihr Programm ab. Gepanzerte Fahrzeuge
sausten über die Freiflächen, die Tore wurden besonders gut gegen
Eindringlinge gesichert, Drohnen stiegen auf und begaben sich auf die Jagd.
Normale Runner hätten keine Chance, jetzt einzudringen. Es konnte niemand
ahnen, dass sich einer der Korsaren bereits in der Anlage befand.
So weit, so gut.' Waterkant erreichte die Hintertür des Delta-Komplexes,
entriegelte den Notausgang manuell und drückte sich hinein. Wieder blieb
alles still, nichts verriet den Wachen, dass jemand unbefugt im Hochsicherheitsbereich
unterwegs war. Ohne Strom war die allgegenwärtige und normalerweise übermächtige
Elektronik nutzlos, die Notstromaggregate versagten ihren Dienst.
Ein Schatten tauchte vor ihm auf. "Stehen bleiben", bekam er den
Befehl. "Ausweis." Vorsichtig tastete er an seiner Panzerung entlang,
bis er die Plastikkarte fand. Ein zweiter Wachmann erschien, die Waffe im
Anschlag. "Falsche Sicherheitsstufe. Sie dürfen hier nicht rein.
Leisten Sie..."
Ein wenig Hexerei und schon sanken die Sicherheitsleute auf den Hallenboden.
In der leeren Wachstube fand er einen Computer und legte den Viren-Chip ein,
beim Systemneustart würde der Rechner automatisch auf den Datenträger
zugreifen und sich verseuchen, das brachte wieder wertvolle Zeit.
Waterkant beeilte sich. Lange würde es nicht mehr dauern, bis die Werft-Decker
und -Rigger die Matrixjockeys der Piraten aus den Leitungen kickten. Der Diebstahl
eines Schiffsprototyps würde nur gelingen, solange der Hauptsicherheitsrechner
offline war.
Der Troll betrat die Haupthalle, ein breites Grinsen entstand hinter dem Helmvisier.
Ihr Informant hatte nicht gelogen.
Vier Modelle der neuen Powerboot-Generation "Sharkskin A1" durchliefen
hier wirklich letzte Tests, ehe sie an den Kunden ausgeliefert wurden. Sie
waren für den BGS bestimmt, um den Schmugglern und Piraten bei den Verfolgungsfahrten
in Ost- und Nordsee endlich einmal überlegenere Technik entgegen zu setzen.
Sie waren gut 13 Meter lang, fünf Meter breit, keilförmig und wirkten
durch die mausgraue Farbe auf den ersten Blick mehr als unspektakulär.
Da halfen auch die Spoiler nichts, doch die Boote hatten es im wahrsten Sinne
des Wortes in sich
Die Antriebsmaschinen mit 2600 PS brachten die Wassergefährte trotz ihrer
Panzerung auf 370 Stundenkilometer. Werkstoffe wie Kevlar, Kohlefaser und
Aluminium sorgten für das geringe Gewicht, damit die beiden Messerschmitt-Kawasaki
TI-500 Turbinen weniger übers Wasser schieben mussten. Die bis zu sechsflügligen
Propeller wechselten automatisch je nach Seezustand.
Ihr Informant hatte steif und fest behauptet, der Rumpf sei voller Holotechnik.
Die Firma "Medical Holotech Bremen" habe mittüfteln dürfen.
Der Bordcomputer projizierte die identische Umgebungsfarbe und -struktur auf
das Powerboot und machte es für das Auge unsichtbar. Angeblich. Die kantige,
futuristische Form sollte zum einen größere Stabilität im
Wasser bringen und zum zweiten eine Ortung durch Radar erschweren. Schneller,
unsichtbar, tödlich. Die "Sharkskin"-Klasse hätte den
Tod der Piraten bedeutet.
Waterkant griente immer noch. Das wollten die Roten Korsaren natürlich
nicht zulassen. Das Risiko des Unternehmens hatte sich gelohnt, er stand kurz
davor, den Freibeutern einen gewaltigen Vorteil gegenüber den "BuSchus"
zu verschaffen.
Zwei Schnellboote waren in irgendwelchen Messgeräten eingespannt, die
anderen beiden dümpelten in den Kanälen, die nach draußen
in die Weser führten. Ein Seitenarm des Flusses stand der Werft als Versuchswasserfläche
zur Verfügung, von dort gab es eine Verbindung in den Hafen und natürlich
ins offene Meer.
Der Troll vergewisserte sich nochmals, dass er alleine war, und lief zu den
startbereiten Modellen. Er schaltete sie nacheinander ein, gehorsam fuhren
der Autopilot die elektronischen Systeme hoch, ohne nach einer Legitimation
zu verlangen. Die Konstrukteure hatten die Sicherheitsabfrage genullt, damit
verschiedene Testfahrer zum Einsatz kommen konnten. Die sträfliche Vernachlässigung
rächte sich bald bitter.
Waterkant leerte derweil die Magazine seiner erbeuteten Waffen rasch in die
empfindlichen Computer der anderen zwei Powerboote.
Das Licht in der Halle erwachte zum Leben, der Strom war wieder da, nun wurde
es eng. Er öffnete die Tore der Deltahalle, fütterte dem Autopiloten
des ersten "Sharkskin" die Koordinaten, an dem die Korsaren auf
ihn warteten, und gab dem Computer das Startsignal. Die Turbinen röhrten
auf, das Powerboot schoss den Kanal entlang wie eine Kugel durch einen Gewehrlauf
flog.
Es wird Zeit, dass ich gehe.' Der Hexer hetzte zu seinem Fluchtvehikel,
kletterte zur Kanzel und öffnete sie. Entsetzt starrte er auf den Durchlass,
weil ihm eine Schwierigkeit jetzt erst wirklich bewusst wurde: Ein Norm passte
geradeso durch die Luke, aber ein Troll wie er niemals!
Er schlug sich die Hand vor den Mund, es wurde ihm eiskalt. Scheiße,
was mache ich jetzt?' So sehr sich der Pirat anstrengte, es wollte ihm nur
eine einzige Möglichkeit einfallen. Ich habe den Starkstrom überstanden.
Da schaffe ich das auch', machte er sich selbst Mut.
Mit zittrigen Fingern tippte er die Koordinaten ein weiteres Mal ein. Seine
Hände suchten an den kantigen Formen verzweifelt nach einem Halt und
fanden eine Vertiefung in der Kevlarverkleidung, die Stiefel stemmten sich
gegen die hinteren Luftleitbleche. Von oben betrachtet lag er wie ein dickes
"X" auf dem Schiff.
Waterkant schluckte den Kloß in seinem Hals hinab. "Los",
erteilte er den Befehl. Die Luke der Kanzel schloss sich, die Turbinen starteten,
wenige Sekunden darauf katapultierten die 2600 PS den "Sharkskin"
über die untere Weser.
Auf den ersten 300 Metern holten ihn zwei Daimler-Chrysler H2000 Hoverfahrzeuge
ein und beschossen ihn aus Maschinengewehren. Die H2000 hopsten in den Bugwellen
der "A1" auf und nieder, das Zielen fiel schwer.
Die Projektile prallten natürlich an der Panzerung des Powerbootes ab,
doch zwei Querschläger erwischten ihn. Einer perforierte sein rechtes
Bein, die zweite Kugel bohrte sich tatsächlich in seinen ansehnlichen
Hintern.
Waterkant konzentrierte sich auf nichts anderes als auf das Festklammern.
Er stellte sich vor, wie er eins mit dem "Sharkskin" wurde. Als
das bei einer Geschwindigkeit von 210 Sachen nicht mehr ausreichte und der
Wind ihn beinahe wie ein loses Blatt davon wirbelte, steigerte er auf magische
Weise seine Kraft, während das Boot auf eine gerade Strecke bog.
Der Hexer hörte das schrillen Kreischen der TI-500 Doppelturbinen, die
nochmals an Schub zulegten, er spürte, wie sich der Rumpf immer weiter
aus dem Wasser hob und der Speed unaufhörlich zunahm. Die H2000 der Vulkan
Werft fielen zurück, somit musste der "SS-A1" schneller als
240 Sachen fahren.
Das ist geil!' Waterkants Beherrschung war dahin, er schrie. Der Geschwindigkeitsrausch
packte ihn, der Kick pumpte Adrenalin in seinen Körper, bis er wie ein
debiles Mungomännchen juchzte und grölte. Die nächtliche Umgebung
jagte an ihm vorüber, die Lichter wurden zu langen leuchtenden Strichen.
Als er unter sich blickte, brüllte er noch lauter. Er sah das Wasser!
Die Holoprojektoren oder was auch immer an Technik in dem Schiff steckte,
verpassten dem Powerboot einen Tarnanstrich, wie er besser nicht sein konnte.
Menschen, die ihn in dem Augenblick zufällig entdeckten, würden
schwören, dass ein drei Meter großer Troll in waagrechter Position
mit ausgestreckten Armen und Beinen wild schreiend in knapp zwei Meter Höhe
über die Weser flog.
Das Ende der Euphorie kündigte sich an, ihm wurde allmählich Schwarz
vor Augen. Beschleunigung, Zauberei und Verwundung taten ihre Wirkung. Der
"Sharkskin" bog ins offene Meer ab, während die Glieder des
Hexers abrutschten. Die Luft fuhr pfeifend zwischen die Schiffsoberseite und
ihn, trennte ihn von seinem Fluchtgefährt und riss ihn fort.
Bei knapp 250 Stundenkilometern hatte Wasser Balken. Betonbalken. Schon der
erste Aufprall raubte ihm das Bewusstsein. Dass er noch ein paar Mal kieselsteingleich
über die Weser hopste, bekam er nicht mehr mit. Auch nicht, dass ihn
ein Boot der Wasserschutzpolizei auffischte.
***
ADL, Norddeutscher Bund, Freistadt Hamburg, Stade,
27.01. 2059, 23.39 MEZ
Die Fenster des Konsulats Pomoryas in der malerischen Altstadt des Hamburger
Stadtteils Stade waren hell erleuchtet.
Exzellenzia Lasla Tameel gab sich wie alljährlich die Ehre, ausgesuchte
Repräsentanten der Elfengemeinde Hamburgs anlässlich des Geburtstags
des Herzogtums zu einem privaten Empfang in das sehr geräumige Gebäude
einzuladen. Es war, wenn man es so wollte, das exklusive Neujahrsfest der
"humanis nobilis".
Stade schwamm als idyllische Metamenschen-Insel in der Freistadt. Nach den
Vertreibungen des Jahres 2021 hatten sich Orks, Zwerge, Trolle, aber vor allem
sehr viele Elfen in dem Stadtteil niedergelassen. In einer Nacht traf man
auf der Straße mehr Elfen als im Rest Hamburgs in einem ganzen Jahr
und von den etwas mehr als 9000 Elfen Hamburgs waren sicherlich zehn Prozent
in dieser Nacht im Konsulat anzutreffen.
Entsprechend groß gestalteten sich die Sicherheitsvorkehrungen in der
Altstadt und vor allem rund um die diplomatische Niederlassung. Auf Großbildleinwänden
verfolgte die schicke Gesellschaft die Feierlichkeiten in Pomorya mit, Live-Schaltungen
zeigten Bilder aus Saßnitz und den anderen Residenzen der Grafen.
Für den frühen Morgen, so gegen ein Uhr, hatte sich Graf Ratibur
Dreikopf von Gora angekündigt, um mit seinem Privathelikopter auf dem
Dach des Hauses zu landen und mit der High-Society Hamburgs Party zu feiern.
Ihm und der Exzellenzia dichteten gut unterrichtete Kreise eine Affäre
an, andererseits wunderte das niemanden. Graf Ratibur, der Jet-Setter des
Herzogtums, ließ selten Gelegenheiten aus, um die Damen mehr als nur
durch seinen Charme und sein Auftreten zu beeindrucken. Angeblich hatte er
auch mit Aurora Teleam ein Techtelmechtel, als die gerade einmal 16 Jahre
alt gewesen war.
Wenn sich der hoch gestellte Skandal-Elf ansagte, waren die Damen und Herren
der Klatschpresse nicht weit, nur etwa zehn Reporter hatten die begehrte Akkreditierung
erhalten, der Rest der Meute musste vor den Toren der Botschaft auf einen
Schnappschuss lauern. Die Tatsache, dass der Graf einschweben wollte, sorgte
für Verdruss, damit war er fast nicht zu fotografieren.
Während man sich in den Sälen langsam darauf vorbereitete, den Countdown
für die letzten Minuten einzuleiten, schleppte Miro Vinetari die nächsten
Kisten eiskalten Champagners aus dem Keller nach oben zur Anrichte, damit
der Durst der illustren Runde standesgemäß gestillt wurde.
Sein für einen Elf kräftig gebauter Körper steckte in einem
Maßanzug, auf den er jedoch wenig Rücksicht nahm. Sein grobes Gesicht
wirkte wie das eines Minderjährigen, in Wirklichkeit befand er sich aber
mitten in der Ausbildung zum pomoryanischen Diplomaten. Sein Nachname verriet,
aus welcher Grafschaft er stammte: Vineta.
Dank den guten Beziehungen seines Vaters und seines bekannten Proteges kam
er auf die Hochschule, studierte seit zwei Jahren fünf verschiedene Fremdsprachen,
Betriebswirtschaft und Soziologie, um später ins diplomatische Korps
zu wechseln. Sein Einsatzgebiet stand bereits fest. In drei Jahren, wenn er
25 Jahre alt wurde, hieß sein Einsatzort Polen.
Das alles befand sich weit von ihm entfernt, momentan schwitzte er wie ein
Ork. Miro richtete sich auf und wischte sich wütend das Salzwasser aus
den Augen. So stellte er sich sein Praktikumsemester nicht vor.
Er hatte geglaubt, dass die Exzellenzia ihn mit besseren Aufgaben betraute,
doch seine Wünsche erfüllten sich nicht. Er war ausgerechnet am
höchsten pomoryanischen Feiertag mit Handlangerdiensten beauftragt worden,
da tröstete ihn auch nicht, dass er mit enormen Werten hantierten. Eine
Flasche kostete schon 300 Ecu.
Neidisch schielte er zu den eleganten Gestalten auf der Tanzfläche. Da
wollte er hin. Dort wollte er seine Gespräche führen, Informationen
sammeln, Kontakte knüpfen, wie es ihm sein Vater und sein verwandtschaftlicher
Protektor rieten.
Dekadenz ist nicht gut.' Verärgert entfernte er den Drahtkorb vom
Flaschenhals und erlaubte dem Korken, knallend und ihn hohem Bogen davon zu
fliegen, ein provokanter Verstoß gegen die Etikette und seine Art von
Protest. Selbst das interessierte niemanden, man feierte den Elfenstaat und
vor allem sich selbst.
Punkt null Uhr stieß er freudlos mit den umstehenden Bediensteten an,
leerte sein Glas in einem Zug und beschloss, dass die Veranstaltung für
ihn nun beendet war.
Miro war sich als Butler zu schade. Dafür beherrschte er nicht fließend
Polnisch, Sperethiel, Französisch, Russisch und Englisch, dafür
hatte er nicht stundenlang in Bibliotheken gesessen, gepaukt und auf Freizeit
verzichtet.
Sollen sie sich ihr Zeug selbst holen.' Er warf die weißen Handschuhe
in die Ecke, nahm seinen Mantel und verließ das Haus. Die Sicherheitsbeamten
der Herzogsgarde, die dekorativ und in vollem Ornat vor der Tür standen,
salutierten knapp. Miro nickte ihnen zu, zog den Mantel enger und stapfte
durch den Schnee zum Ausgang des weitläufigen Gartens.
Die unzähligen Eiskristalle knirschten unter seinen Schuhen, sonst hörte
man kaum etwas. Die Altstadt war wie ausgestorben, nur das gedämpfte
Gelächter der Reichen und Schönen drang aus dem Konsulat.
Der junge Elf wohnte nur zehn Fußmarschminuten entfernt. Er hatte absichtlich
auf den Fahrdienst, der ihm zustand, verzichtet. Die kalte Luft befreite seinen
Verstand von der benebelnden Wirkung des wenigen Champagners, den er getrunken
hatte.
Miro bewegte sich ohne Angst durch die Straßen. Der Sicherheitsdienst
sorgte für Ruhe, außerdem konnte er sich dank seiner Kampfsporterfahrung
sehr gut selbst verteidigen. Das war nicht alles. Das Luftelementar, das ihm
zusätzlich auf Abruf im Astralraum zur Verfügung stand, sorgte für
satte Selbstsicherheit.
Sein pomoryanischer Protektor bestand auf dieser Sicherheitsvorkehrung, und
so hängte sich jedes Mal eines der magischen Wesen an seine Fersen, wenn
er das Gebäude verließ. Das Konsulat beherbergte zwei äußerst
befähigte Magier, um sich gegen etwaige Angriffe angemessen zu behaupten.
Das reichte von Barrieren bis hin zu Elementaren, die ballistische Verteidigung
übernahmen ausgewählte Mitglieder der Herzoggarde.
Der Jungdiplomat bückte sich, sammelte Schnee und formte eine Kugel daraus.
Der weiße Ball zischte los und zerstob an einem Verkehrsschild. Miro
freute sich. Darauf hätte er Lust. Eine Schneeballschlacht, einfach
so. Mit ganz vielen Leuten.'
Leider befand sich außer ihm nur ein Passant auf der Straße, und
ob der mitmachen wollte, war fraglich. Der Mann versuchte gerade, sich einen
Zigarillo anzuzünden, sein Feuerzeug versagte ihm den Dienst.
Höflich wie Miro war, trat er an ihn heran und langte in die Manteltasche,
um die Streichhölzer zu zücken. So etwas gehörte zur Grundausstattung
eines jeden angehenden Konsuls.
"Entschuldigung", machte er auf sich aufmerksam. "Darf ich
Ihnen aushelfen?" Das Streichholz flammte auf.
Der Mann hob erstaunt den Kopf. Der Elf sah ein freundliches Gesicht, das
einen 3- Tage- Bart zierte, und graugrüne Augen, unter der schwarzen
Wollmütze spitzten kurze dunkelblonde Haare hervor.
"Danke. Sehr aufmerksam", sagte er überrascht. Er hielt das
eine Ende in die kleine Flamme, der Tabak glomm auf. Mit dem blauen Dunst
breitete sich dezenter Vanillegeruch aus. Der deutete mit der kleine Zigarre
auf die spitzen Ohren. "Ihr Land hat heute Geburtstag, nicht wahr?"
Miro lächelte und nickte stolz. "Ja."
Der Unbekannte reckte ihm seine Rechte entgegen. "Dann möchte ich
Ihnen stellvertretend gratulieren. Verstehen Sie es als Geste der herzlichen
Anteilnahme."
Erfreut schlug der Elf ein und schüttelte die Hand des Mannes. "Das
finde ich wiederum sehr aufmerksam", gab er unumwunden zu. "Es wird
die Exzellenzia entzücken, wenn ich ihr morgen von unserem Zusammentreffen
erzähle."
"Sie arbeiten im Konsulat?", fragte er heiter und hielt die Finger
immer noch umschlossen. "So ein Zufall. Ich habe nämlich ein symbolisches
Geschenk für Pomorya dabei. Das wollte ich gerade abgeben."
"Es wird mir eine Freude sein, Sie zu begleiten."
"Nein, das glaube ich nicht."
Es ging alles sehr schnell. Miros Arm wurde nach vorne gezogen, der Ellbogen
des Mannes schnellte in die Höhe und traf ihn genau auf den Nasenknorpel.
Die Tränen schossen ihm in die Augen, ihm wurde schwummrig, unbeholfen
sackte er in den Schnee.
Mit einem lauten Brüllen tauchte das Elementar auf, um dem Konsulatspraktikanten
wie befohlen beizustehen und verging im selben Moment. Der Angreifer wusste
magisch zu kontern.
Der Elf fühlte sich an den Mantelaufschlägen gepackt und empor gerissen.
Sein eigener Schlag ging ins Leere, dafür krachte der Ellenbogen seines
Gegners wieder brutal in sein Gesicht, zwei, drei Mal hintereinander, jetzt
spritzte Blut. Sein Blut.
Mit einem weiteren Wurf beförderte ihn der Mann, dem er überhaupt
nichts getan hatte, den er nicht einmal kannte, kopfüber auf die Straße.
Sein Schädel knackte beim Aufprall leise, er bekam augenblicklich Schmerzen
an den Schläfen. "Was habe ich Ihnen..."
Ein Motor startete, Miro sah die Räder eines Transporters neben sich
anhalten. Maskierte Männer sprangen aus der Seitentür, griffen sich
ihn und warfen ihn ins Innere. Sie und der Zigarilloraucher stiegen ein, das
Fahrzeug rollte los.
"Besser hätte es nicht laufen können", sagte der Dunkelblonde
zu seinen Helfern. Jemand durchwühlte die Taschen des benommenen Jungdiplomaten,
sein Pass flog durch die Luft und landete bei dem Angreifer. "Miro Vinetari",
las er laut vor. Er beugte sich zu dem zusammengekrümmten Metamenschen.
"So, Spitzohr. Wir geben dir jetzt dein Geschenk, und dann lassen wir
dich laufen. Versprochen", sagte er gehässig.
"Wenn du dann noch laufen kannst", fügte ein Zweiter hinzu.
"Ich verspreche dir, Miro, die Exzellenzia wird entzückt sein, dich
zu sehen", hörte er den Raucher sagen.
Miro gelang es nicht, etwas zu entgegnen. Sein Hirn pochte, es fühlte
sich an, als würde ihm Flüssigkeit die Innenwand des Schädels
hinablaufen. Er ahnte, dass er in die Hände von Elfenhassern gefallen
war und dass er den nächsten Geburtstag Pomoryas nicht erlebte.
*
ADL, Norddeutscher Bund, Hamburg, Wilhelmsburg, 31.01. 2059, 08:51 MEZ
Poolitzer vermutete, dass dieser Tag etwas Besonderes brachte.
Er hatte bei seiner morgendlichen Tasse Tee und dem Blick aus seinem Zellenfenster
genau gesehen, dass sich ein Schnellboot des BGS "Big Willy" näherte
und durch den Minengürtel kurvte. Es gab normalerweise keinen Grund,
weshalb sich die BuSchus hier sehen lassen sollten, also war etwas im Busch.
Er verließ sich darauf, dass Neuigkeiten im Knast schnell die Runde
machten. Spätestens beim Mittagessen würde er den Grund erfahren,
was die Grünjacken in der Strafanstalt wollten. Sicher lieferten sie
einen besonders gefährlichen Neuzugang ein.
Der Reporter machte sich selbst einen Vermerk, den Direktor der Anstalt mal
auf die Schaffung eines eigenen Senders anzusprechen. "Knast-TV",
"Zellengucker" oder "Mauerblick" wären mögliche
Namen für die Sendung, in deren Mittelpunkt man Interviews mit den Häftlingen
stellen könnte. Natürlich würde er sich selbst als CvD vorschlagen.
Um neun Uhr holte ihn "Little Bullneck", wie Poolitzer den kleinen
Dicken inzwischen nannte, aus seiner guten Stube, um ihn zum Besuchsraum zu
führen.
Das überraschte ihn. Perle war schon da gewesen, um Tee- und Waffelnachschub
zu bringen, und von daher stand ihm keine weitere Stippvisite mehr zu. Das
bedeutete, dass es sich bei seinem Gast um jemanden mit viel Einfluss handelte.
Die Neugier erwachte.
Man erwartete ihn bereits, und es waren zwei Bekannte. Allerweltsgesichter,
Allerweltsklamotten mit den dazu passenden Allerweltsfrisuren und Allerweltsnamen
Schmitt und Müller.
"Schau an", grüßte er sie locker und war enttäuscht.
"Das BKA-Dreamteam. Leute, ich habe euch alles gesagt, was ich weiß",
stellte er sofort missmutig klar. Wenn sie mit seiner Kooperation rechneten,
würde er ihnen erzählen, was sie mit ihren Fingern und ihren Hintern
machen konnten. "Wollen Sie was Eingesperrtes begaffen? Dann gehen Sie
in den Zoo."
Die Frau sah ihn nachdenklich an, als zögere sie vor dem nächsten
Schritt. Wortlos öffnete sie die schwarze Aktentasche neben ihrem Stuhl
und nahm einen Packen Bilder hervor.
Die erste Nahaufnahme zeigte das entsetzte Gesicht eines jungen Elfen mit
grob-kantigen Gesichtszügen, die Pupillen wirkten stumpf. Ganz offenbar
handelte es sich um das Foto eines Toten, ein oder mehrere Schläge hatten
ihm die Nase gebrochen, breite Blutspritzer unter dem Kinn ließen auf
eine weitere Verletzung im Oberkörper schließen.
Angesichts des nächsten Bildes bekam Poolitzer große Augen.
Es war eine Tatortaufnahme. Der nackte Metamensch lag rücklings auf der
Erde, Arme und Beine abgespreizt. Aus seinem eingedrückten Brustkorb
ragte ein etwa 90 Zentimeter Meter langer Stahlstab, der einen geschätzten
Durchmesser von einem halben Meter aufwies, die Wundränder wirkten angesengt,
verbrannt. Ihm fiel auf, dass der Schnee um den Oberkörper der Leiche
herum weggetaut war, als strahle der Torso eine sehr große Hitze aus.
Die schweigende BKAlerin wechselte, Poolitzer wurde ein neues Bild gezeigt.
Dieses Mal nutzte der Fotograf einen Weitwinkel, um den Fundort des unglücklichen
Opfers in Gänze zu zeigen. Es war eine Seitengasse, jemand hatte mit
einem Filzstift "Stade" dazugeschrieben. Der Journalist wusste,
dass sich in diesem Hamburger Stadtteil das Konsulat Pomoryas befand.
Als er seinen Blick über die Häuserzeilen dahinter schweifen ließ,
entdeckte er das Gebäude. Besser hätten die Rassisten ihr Ziel nicht
wählen können. Ungewöhnlich fand er nur, dass die Idioten das
Ziel ihrer Verblendung sehr theatralisch pfählten, die Art der Hinrichtung
rechnete er dem osteuropäischen Spektrum zu.
Müller legte die Aufnahmen auf die kleine Ablage vor der Trennscheibe.
"Wir glauben, dass Baduscheidt zugeschlagen hat", gab sie die Einschätzung
des Bundeskriminalamtes wieder. "Das, was der Tote in sich stecken hat,
ist eine Glaskokille aus dem gestohlenen Castor. Rund 450 Kilogramm schwer,
noch etwa 400 Grad heiß."
"Glas.. was?"
"Es ist der nicht verwertbare Rest aus atomaren Brennstäben, der
mit Glasgranulat vermischt und in Glaskokillen eingeschmolzen wurde",
erklärte sie, "drum herum kommt ein Stahlmantel. 26 Stück lagerten
in jedem Castor, jede einzelne ist 1,40 Meter lang, 46 Zentimeter im Durchmesser.
Die Gussstücke erreichten anfangs weit über 1500 Grad Celsius".
Sie tippte auf das Pfähler-Foto. "Weil von den Beamten keiner so
recht wusste, was er vor sich hatte, haben wir jetzt vier kontaminierte Polizisten
im Krankenhaus liegen. Das Areal musste großflächig geräumt
werden."
Poolitzer schluckte. "Wie ist Baduscheidt an diese Strahlestange gekommen?"
"Es gibt verschiedene Theorien in unserem Haus. Die eine nimmt an, dass
die NA sie von GreenWar kaufte, die andere, dass die NA den Frachter selbst
überfiel, um sich das Material zu holen", antwortete die Ermittlerin
ehrlich. Sie sah müde aus. Müde und verzweifelt. "Wir fanden
einen Zettel mit der Aufschrift pars pro toto' bei dem Toten."
"Ein Teil für das Ganze", übersetzte Schmitt den lateinischen
Spruch. "Vermutlich haben es die Terroristen auf das komplette Konsulat
abgesehen."
"Oder die gesamte Elfengemeinde Hamburgs", ergänzte die Frau.
"Das Schreckliche ist, dass wir dank Ihres Hinweises etwas von der Sache
ahnten, ohne etwas dagegen unternehmen zu können."
Poolitzer hatte gebannt gelauscht. Eine Mörderstory! Meine verdammte
Mörderstory! Und ich sitze in dem scheiß Bau!', überschlugen
sich seine Gedanken, in denen auch irgendwann Mitleid für den Elf vorkamen.
Aber nur kurz. "Sie hoffen, dass die Bilder mein Gedächtnis auffrischen,
was Baduscheidt angeht", schloss er aus dem Erscheinen der BKA-Beamten.
"Nein", erwiderte die Frau. "Wir wollen Sie einstimmen."
Sie nickte ihrem Partner zu, der ein kleines Kästchen aus der Tasche
nahm und einen Knopf drückte. "Mein Kollege hat soeben einen Signalunterbrecher
betätigt. Die Überwachungsgeräte in diesem Raum sind ausgeschaltet,
unser Gespräch wird nicht aufgezeichnet", erklärte sie kühl.
"Herr Gospini, das BKA bietet Ihnen an, Sie auf der Stelle aus der Strafanstalt
zu holen."
"Wennnnnn?", machte er gedehnt.
"Wenn Sie sich auf die Suche nach Baduscheidt machen", gab Müller
einen Teil der Vereinbarung preis. "Finden Sie ihn und es gelingt uns,
den Terroristen durch Ihren Tipp zu töten, sind Sie ein freier Mann."
Er leckte sich über die trockenen Lippen. Das klang nach einem guten
Deal. Die Bullen mussten verzweifelt sein, wenn sie ihn auf den Typen ansetzten
und nicht von Gefangennahme sprachen. Sein Vorteil war, dass er sich nicht
an bestehende Gesetze halten musste und er noch mehr zwielichtigere Leute
als die Behörde kannte. "Was, wenn ich nichts herausfinde?"
"Wandern Sie zurück in Ihre Zelle und bekommen als Dank für
Ihre Mühe allerlei Vergünstigungen", fuhr sie ungerührt
fort.
Die Risiken, die ihm blühten, waren enorm. Ein rassistischer, kompromissloser
Killer mit Freunden und nuklearem Abfall gegen ihn und seine Fuchi VX2200C.
"Ich will mehr", stellte er kühn seine Forderungen. "Ich
will eine Prämie von ...."
"Auf Baduscheidt sind Belohnungen in Höhe von 100000 Ecu ausgesetzt.
Und Sie haben die Exklusivrechte. Das sollte Ihnen ausreichen", unterbrach
sie ihn hart. "Weitere Verhandlungen wird es nicht geben, Herr Gospini.
Wie sagen Ihre Landsleute so schön? Take it or leave it."
Poolitzer verzog den Mund. "Ich brauche aber unter Umständen Material,
wie ein neues Auto, Waffen, ein oder zwei schlagkräftige Jungs",
feilschte er nun projektorientierter und hielt die sofortige Zusage. "Okay.
Ich mache es", willigte er ein. Er klopfte gegen das Glas. "Holen
Sie mich raus, und ich jage den Nazi für Sie." Der Sensationsreporter
stand auf. "Ähm, wie erklären wir der Öffentlichkeit,
dass ich frei bin?"
"Wir werden Sie ein wenig verändern", sagte die BKAlerin. "Es
muss niemand von Ihrem Ausflug wissen. Und wenn doch, sind Sie gegen hohe
Bewährungsauflagen auf freien Fuß gesetzt worden." Die Frau
holte Luft. "Ich bitte Sie, Herr Gospini, sich in der Sache zu beeilen.
Baduscheidt kann jederzeit wieder zuschlagen und mit jedem toten Elf wird
unsere Lage schlechter. Wir befürchten Racheakte durch die Elven liberation
front und Sympathisantenaktionen der rechten Szene. Das könnte den gesamten
Norddeutschen Bund in einen Strudel der Gewalt ziehen."
"Ich gebe mir Mühe", versprach der Reporter. Ihm fiel noch
etwas ein. "Wer war der Elf eigentlich, den er erwischte? Irgendeine
arme Sau, die dummerweise vorbei lief?"
Schmitt schnalzte mit der Zunge. "Miro Vinetari, ein angehender Diplomat
Pomoryas, der in Stade sein Praktikum bei Konsulin Tameel absolvierte."
Jetzt wusste er, warum das BKA und vermutlich die Regierung des Norddeutschen
Bundes verdammt nervös waren. Diplomat wurde nicht jeder. "Hat er
einen bekannten Papi?", hakte er nach. "Es ist wichtig. Vielleicht
muss ich auch in der Richtung ermitteln."
"Sein Vater ist nicht das Problem", sagte sie zum Abschied. "Aber
sein Protektor. Sie werden seinen Namen sicherlich schon gehört haben."
"Ja?"
"Graf Wratislas von Vineta. Der Getötete war der Neffe des Grafen.
Sie können sich denken, dass die Kom-Kanäle zwischen Hamburg und
Pomorya glühen", schloss die Beamtin die knappe Erläuterung
ab und blickte auf die Uhr. "Wir warten am Steg auf Sie, Herr Gospini.
In einer knappen halben Stunde haben Sie ihre vorübergehende Freiheit
wieder." Sie wandten sich zum Gehen.
"Hey!", rief er. "Und der Chip? Das Drekding irgendwo in meinen
Körper?"
Müller lächelte milde. "Bleibt, wo er ist. Damit Sie uns nicht
ganz von der Bildfläche verschwinden. Vertrauen ist gut, aber Ihre Kontrolle
ist mehr als besser." Die Tür fiel zu.
"Little Bullneck" holte den Seattler ab und begleitete ihn in seine
Zelle, kurz darauf erhielt er den Hinweis, das er entlassen würde.
In bester Laune begann er, die vielen Zettel und Briefe abzumontieren und
einzupacken. Sie würde er nicht mehr brauchen, denn der Vorsatz und die
Überzeugung, Baduscheidt ausfindig zu machen, standen felsenfest. Geld,
Freiheit und Exklusivbericht bildeten ein unwiderstehliches Triumvirat, mehr
Ansporn ginge nicht mehr.
Ausgerechnet den Neffen des erklärtesten Menschenhassers Pomoryas
haben sich die NA-Terroristen ausgewählt, um sich bei den Langohren noch
unbeliebter zu machen. Darin sind sie besser als ich.' Graf Wratislas von
Vineta hatte sicherlich schon Schritte eingeleitet, um die Mörder zufinden
und zur Strecke zu bringen. Poolitzer wollte schneller sein, schließlich
brauchte er die 100000 Ecu. Und den Ruhm.
Ganz hinten, hinter dem Ehrgeiz und unter der Selbstsucht, saß ein bisschen
von dem, was bei den meisten Menschen als Verantwortungsbewusstsein oder Moral
bekannt war. Auch das regte sich bei ihm. Das Schöne dieses Mal war:
Er musste es nicht einmal unterdrücken.