NEUE LESEPROBE

KONTINENT KALISSTRON, BARDHASDRONDA,
SPÄTSOMMER IM JAHR 1 ULLDRAEL DES GERECHTEN (460 N.S.)

Lorin betrat den Rand der Lichtung, auf der die Klingenden Steine standen, mit einem unguten Gefühl. Er blieb dicht hinter dem aus Segeltuch gespannten Paravent stehen, damit ihn niemand zu früh entdeckte. Nervös zupfte er am Ärmel seines weißen Hemdes.
Die Steine umgab ein Rätsel. Vor mehr als fünfhundert Jahren waren sie zum letzten Mal von einem Kalisstri zum Klingen gebracht worden, bis er den ovalen Gebilden mit Hilfe seiner Magie bezaubernde Töne entlockt hatte. Seine Kraft streichelte sie, berührte sie, ähnlich einem nassen Finger, der über den Rand eines sehr dünnen Glases streicht. Die Klänge, die dabei entstanden, drangen in die Seele und wirkten wohltuend, im wahrsten Sinne verzaubernd.
Aus den kleinen Konzerten, die er gelegentlich gegeben hatte, wurden Großereignisse, die nicht nur die Menschen aus seiner Heimatstadt Bardhasdronda anlockten und in ihren Bann schlugen.
So geschah es auch dieses Mal.
An dem spätsommerlichen Abend hatten sich fünfhundert Menschen aus den Städten und Dörfern der Umgebung versammelt, um ihm bei der Darbietung zu Ehren Kalisstras zuzusehen und zuzuhören. Mehr wurden nicht auf die heilige Fläche gelassen, die von mächtigen Kiefern, Tannen und Fichten gesäumt wurde. Die Hohepriesterin Kiurikka hatte die Lichtung der Schutzgöttin des Kontinents geweiht.
Lorins Frau Jarevrån, ein hellbraunes Kleid mit vielen Stickereien tragend, trat an seine Seite. Sie hatte seine ernste Miene bemerkt, nahm seine Hand und drückte sie zwischen ihren Fingern. "Was ist mit dir? Seit wann bist du vor einem Auftritt so unruhig und verschlossen?"
Lorin schnalzte mit der Zunge, die Augen fest auf die Ansammlung der Steine gerichtet. "Es ist nichts Bestimmtes", antwortete er langsam. "Die letzte Darbietung scheint mir nur so unendlich lange zurückzuliegen. Ich weiß nicht, ob das Bisschen, was ich an Magie noch in mir trage, ausreicht, um die Klänge zu erzeugen, welche die Menschen gewohnt sind. Der Kampf gegen Govan hat mir mehr Kraft geraubt, als als ich angenommen habe."
Die Sonnenstrahlen wanderten über die Lichtung und die Menschen, die auf dem dicken Moospolster saßen und geduldig warteten, bis sich Lorin blicken ließ. Um diese Jahreszeit, kurz vor dem Herbst, war das Licht besonders weich und fast so goldgelb wie der Honig. Umherschwebende Baumsamen und Spinnenfäden sahen ebenso verwunschen darin aus wie die Steingruppe. Bald würde die Kühle der Nacht dafür sorgen, dass sich ein sanfter Nebelschleier aus dem Moos erhob und der Lichtung etwas Überirdisches, Zwischenweltliches verlieh.
Jarevrån gab ihm einen Kuss in den Nacken und schob ihn sanft vorwärts. "Lass sie nicht länger warten. Sie freuen sich, dass du ihnen nach deiner Rückkehr endlich wieder die Schönheit der Klingenden Steine zeigst."
Lorin schenkte seiner schwarzhaarigen Frau ein verzagtes Lächeln. "Ich werde sie nicht enttäuschen."
Die Menschen, die eben noch in leise Gespräche vertieft gewesen waren, verstummten abrupt. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf den jungen Kalisstronen, der als Fremder vor vielen Jahren an den Strand von Bardhasdronda gespült und inzwischen einer der ihren geworden war. Seine klaren blauen Augen verrieten deutlich seine andersartige Herkunft, hatten Kalisstri doch stets grüne Augen. Nach all seinen Heldentaten vertraute man ihm blind und hatte ihn sogar zum stellvertretenden Kommandanten der Wachen ernannt.
Lorin verbeugte sich und hielt sich nicht lange mit Vorreden auf; die Städter kannten ihn, und er wusste, weshalb sie gekommen waren. Den Lohn für sein Tun - die stille Anerkennung und den Beifall - würde er von ihnen erhalten, nachdem der letzte Ton verklungen war.
Er wandte sich zu den Steinen, schloss die Augen und konzentrierte sich auf seine magischen Fertigkeiten, wie er es so oft zuvor getan hatte. Auf diese Weise stellte er den Kontakt zu den seltsamen Felsen her, von denen keiner sagen konnte, woher sie stammten und wie sie auf die Lichtung gekommen waren.
Als der erste Ton schwach erklang und er das leise, aufgeregte Luftholen der Menschen in seinem Nacken hörte, entspannte er sich, obwohl er immer noch fürchtete, dass die Steine auf seine veränderte Magie anders reagieren könnten als gewöhnlich.
Doch Kalisstra war mit ihm.
Lorin öffnete die Lider und sah die Steine, wie sie dunkelblau glommen und pulsierten, ihre einzigartigen Stimmen erhoben und zu einer nie gehörten Weise ansetzen
Er hielt den magischen Reiz auf die Gruppe aufrecht. Die Töne schwollen an, je länger er seine Macht auf das Gestein einwirken ließ, und das Leuchten nahm an Kraft zu. Als er einen Blick über die Schulter wagte, freute er sich über die verzückten Gesichter der Männer, Frauen und Kinder; Kalfaffel, der cerêlische Bürgermeister, saß in der ersten Reihe und lauschte ebenso andächtig wie die übrigen.
Sie merkten nicht, dass der Stein nicht mehr so rein und sauber klang wie beim letzten Mal, als er auf der Lichtung gestanden hatte. Sein geschultes Ohr hörte die winzigen disharmonischen Schwingungen im Gesang der Felsen, die es ihm ganz offensichtlich verübelten, dass er sie nicht mit der ihnen gewohnten Menge an Magie bedachte. Die versammelten Kalisstri aber gaben sich mit dem zufrieden, was er ihnen bot, und als er irgendwann erschöpft die Darbietung beendete, sparten sie nicht mit Beifall.
Lorin kämpfte gegen ein leichtes Schwindelgefühl; die Welt um ihn herum verschwamm und wurde undeutlich. Sollte das die Nebenwirkung sein, von der Soscha ihm damals bei meiner Ausbildung erzählt hatte?
Die magiebegabte Frau, die im Auftrag von König Perdór das Phänomen der magischen Kunst und der Arten der Magie untersuchte, hatte ihn davor gewarnt, seine Kräfte zu erzwingen, denn dann rächten sie sich, indem sie ihn unbeherrschter, jähzorniger werden ließen. Sie brachten den Körper außerdem dazu, rascher zu altern und zu verfallen. Viel war noch nicht von Soscha erforscht, aber die wenigen Erkenntnisse ließen die Magie in einem neuen Licht erscheinen. Seine Begabung hatte nicht nur Vorteile, wie er schon mehrmals am eigenen Leib erfahren hatte.
Der kleinste der Steine hatte sein blaues Leuchten noch nicht verloren, als weigere er sich, das bezaubernde Schimmern abzulegen und äußerlich zu einem gewöhnlichen Felsen zu werden.
Verwirrt ging Lorin näher an ihn heran, um die Hand auf die unebene Oberfläche zu legen und zu fühlen. Sie war heiß! Erschrocken zog er den Arm zurück. Im nächsten Augenblick sprang ein blauer Blitz aus dem Stein, schloss ihn ein und verzweigte sich.
Eine der Energiebahnen traf Kalfaffel voll auf die Brust, die andere spannte einen weiten Bogen um Jarevrån.
Lorin spürte, wie der Stein an seiner Magie riss und gleich einem wütend gewordenen Tier daran zerrte, nach mehr gierte und nicht eher aufhören würde, bis er die Ration bekommen hatte, die er verlangte. Die Schmerzen, die er durchlitt, reichten noch lange nicht an die heran, die er empfunden hatte, als Govan ihn beraubt hatte, doch es war äußerst unangenehm und brachte seine Glieder zum Zittern. Um ihn herum knisterte die Luft, seine Haare standen hoch, und kleine Flammen sprangen aus seinen Fingern.
Hör auf!, befahl er dem Stein und versuchte, sich gegen ihn abzuschirmen, doch er bekam erbitterten Widerstand entgegengesetzt.
Es dauerte lange, bis er die Verbindung unterbrechen konnte. Als das blaue Glühen verebbte, fiel er schnaufend ins Moos, das unter seinen heißen Händen aufbegehrend zischte.
"Jarevrån!" Besorgt sprang er auf und lief zu seiner Gemahlin, die auf einem dampfenden Moosbett lag. Ihre Augen waren geschlossen, und ihr Herz raste.
"Mir ist nichts geschehen", stöhnte sie angeschlagen und hob die Lider. Die Pupillen waren geweitet, sie schaute sich verwirrt um und benötigte lange, um ihn zu erkennen. "Nichts geschehen", wiederholte sie und berührte seine Hand. "Mir ist nur schwindlig."
"Kalfaffel!", rief Lorin sorgenvoll und blickte über die Schulter. "Wie geht es dir?"
Die Leute halfen dem Cerêler auf die Beine. Er sah genauso mitgenommen aus wie Lorin, schien aber wie er keine bleibenden Schäden davongetragen zu haben. Zum Zeichen, dass er sich den Umständen entsprechend gut fühlte, hob er die Hand und versuchte ein Lächeln.
Da stieß der Stein ein tiefes, lautes Brummen aus und leuchtete in so grellem Blau, dass die Menschen die Augen schließen mussten.
Und so bekam keiner von ihnen mit, wie der nächste Blitz gegen den Bürgermeister geschleudert wurde.