NOCH NEUERE LESEPROBE !

KONTINENT ULLDART, KÖNIGREICH TÛRIS, DIE FREIE STADT AMMTÁRA,
SPÄTSOMMER IM JAHR 1 ULLDRAEL DES GERECHTEN (460 N.S.)
(...) Die Zeit verging wie im Flug.
Tokaro und Estra schauten sich die monumentalen Gebäude entlang der Prachtstraßen an und drangen tief in die Gassen Ammtáras vor, wo die Häuser dicht an dicht standen und manche Behausungen noch aus der Zeit stammten, zu der Sinured in seiner ersten Regentschaft vor mehr als vierhundertsechzig Jahren geherrscht hatte.
Estra erklärte Tokaro alles Mögliche zur Geschichte der Stadt, wobei sie ihn immer wieder heimlich betrachtete. Sie hatte sich gewünscht, ihn wieder zu sehen, und versuchte nun zu ergründen, woran das lag. War es, weil er ihren Vater kannte und ihm näher stand als sie, die eigene Tochter? Oder weil sie ihn mochte?
"Was genau ist deine Aufgabe als Inquisitorin, Estra?" In dem Moment drehte er sich zu ihr um und sah zu ihr auf.
Ihre Blicke verschmolzen.
Der gelbe Ring um ihre Pupille vergrößerte sich und verdrängte ihre eigentliche Augenfarbe. Tokaro starrte sie an, als wäre sie eine Göttin; er konnte sich weder rühren noch sprechen. Stattdessen verfiel er in einen Tagtraum, in dem er sie bei der Hand nahm und sie in seine Burg Angoraja führte. Hunderte von Rittern, Knappen und Pagen füllten den Festsaal und ließen sie beide als Brautpaar hochleben. "Hurra", murmelte er leise und lächelte verzückt. Er fühlte sich wie der glücklichste Mensch der Welt.
Estra spürte, dass merkwürdige Dinge mit dem Ritter vorgingen. "Tokaro!", rief sie, doch er reagierte nicht. Also beugte sie sich nach vorn und wollte ihn sachte rütteln, doch sie verlor das Gleichgewicht und rutschte aus dem glatten Sattel.
Einer Eingebung folgend, fing er sie auf, doch damit nicht genug: Er küsste sie mitten auf den Mund!
Das ging Estra ein wenig sehr schnell, und vor Überraschung versetzte sie ihm eine schallende Ohrfeige.
Das Klatschen und der Schmerz zerstörten den Tagtraum. Tokaros Verklärung schwand, und anstelle einer Estra in einem wunderschönen Brautkleid stand ihm eine sehr giftig dreinblickende gegenüber.
"Wie kannst du es wagen, mich zu küssen?", fuhr sie ihn an.
Seine Wange pochte, die junge Frau hatte fest zugeschlagen. "Ich habe dich geküsst?" Er blinzelte in die Sonnen. "Schade, dass ich es nicht mehr weiß. Es war gewiss wundervoll."
"Ein schöner Ritter bist du! Du machst dich auch noch lustig darüber?"
Er hob die Hand zum Schwur. "Bei Angor und meiner aldoreelischen Klinge, die einst dem Großmeister und meinem Ziehvater Nerestro von Kuraschka gehörte: Was immer ich tat, ich tat es nicht absichtlich." Er vermied es, in ihre faszinierenden Augen zu schauen, weil er fürchtete, die betörende Verwirrung könne ihn wieder treffen. "Es waren deine Augen", sagte er leise. "Sie haben mich in den Bann gezogen und mich schwärmerisch werden lassen. Verzeih mir."
Estra wurde unsicher. Sie streckte die Hand vorsichtig nach der rot leuchtenden Wange des Ritters aus. "Nein, mir tut es Leid", sagte sie ehrlich. "Ich wollte nicht so hart zuschlagen." Und eigentlich hatte sie sich auch in ihren Träumen gewünscht, dass sich ihre Lippen berührten.
Tokaro grinste. "Ich habe schon Schlimmeres ausgehalten." Er deutete auf den Sattel. "Möchtest du wieder hinauf?"
"Nein", wehrte sie ab. "Ich laufe besser."
Sie kehrten schweigend zum Haupttor zurück, wo kein Pashtak auf sie wartete, dafür aber einer der Wächter wiegenden Schrittes auf Tokaro zuging.
Die Kreatur war so groß wie ein Ritter zu Pferd. Aus seiner Stirn wuchsen zwei kleine und zwei große Hörner, der Leib von der Dicke zweier Fässer steckte in einer grob geschmiedeten Rüstung. Die Hand hielt einen Spieß, der sicherlich vier Schritt lang war und aus Eisen bestand. Wer Pashtaks knochigen, flachen Kopf mit den tief im Schädel sitzenden Augen als Furcht einflößend bezeichnete, hatte noch nie einem solchen Wesen gegenübergestanden. Ob er es wollte oder nicht: Die Schritte des Ritters verlangsamten sich.
"Es ist ein Nimmersatter", sagte Estra völlig gelassen neben ihm. "Sie sehen schlimmer aus, als sie in Wirklichkeit sind, doch reizen würde ich sie niemals. Das geht übrigens recht einfach. Möchtest du es sehen?"
Er schüttelte den Kopf.
Der Wächter blieb vor ihm stehen und schaute auf ihn herab. "Ihr seid ein Ritter", stellte er fest und tippte behutsam gegen die Rüstung und das Ordensabzeichen.
"Mein Name ist Tokaro von Kuraschka. Ja, ich bin ein Ritter vom Orden der Hohen Schwerter, der für Angor, den Gott des Krieges…"
"…des Kampfes, der Jagd, der Ehrenhaftigkeit und der Anständigkeit", fiel ihm der Nimmersatte begeistert ins Wort. "Ich weiß alles über den Orden, ich war bei der Schlacht in Taromeel dabei und habe gesehen, wie Kaleíman von Attabo die Truppen führte." Er beugte sich nach vorn, und der junge Mann wich den heranzischenden Hörnern aus.
"Ich messe mich nicht mit dir", sagte Tokaro sogleich.
Der Nimmersatte lachte dunkel und satt, der Ton brachte die Gedärme zum Kribbeln. "Verzeiht meine Unhöflichkeit. Ich bin Gàn. Ihr versteht mich falsch. Ich will nicht kämpfen. Ich möchte ein Ritter werden und zu Ehren Angors kämpfen."
Tokaro hatte geglaubt, dass ihn nach den bisherigen Erlebnissen auf den Schlachtfeldern, auf hoher See und den Irrungen seines Herzens nichts mehr überraschen und erschüttern könne.
Bis eben.
Nicht nur, dass der Nimmersatte die Sprache der Menschen sehr gut beherrschte. Viel mehr verunsicherte ihn dessen Anliegen. "Du willst ein …" Es verschlug ihm die Sprache.
Gàn nickte, die leuchtend weißen Augen, in denen jeweils zwei schwarze Pupillen saßen, schauten bittend. "Ich habe gehört, dass der Großmeister nach Ammtára kommt. Werdet Ihr ihm meine Bitte vortragen?"
"Ja", zwang er sich zu sagen. "Ich verspreche es." Schon allein, um Kaleímans Gesicht zu sehen, wenn er ihm davon erzählte. "Du wirst von mir hören, bevor wir die Stadt wieder verlassen."
Ein Ruf vom Wehrgang brachte Gàn dazu, auf seinen Posten zurückzukehren, da Besucher auf das Tor zumarschierten. Es wurde ihnen unverzüglich geöffnet.
Tokaro und Estra sahen zwei kensustrianische Priester hinter die Stadtmauern treten und sich ein wenig verloren umschauen. Hinter ihnen standen deutlich größere und schwer gerüstete Krieger.
Estras Herz klopfte schneller, als ihr Blick auf die Männer und Frauen mit den grünen Haaren und der sandfarbenen Haut fiel, deren Augen wie Bernsteine in der Sonne leuchteten. Es waren Angehörige des Volkes ihrer Mutter!
"Komm mit", verlangte sie aufgeregt und eilte zu ihnen, um sie willkommen zu heißen. In gebührendem Abstand blieb sie vor ihnen stehen und verneigte sich, während es Tokaro bei einem Kopfnicken beließ. "Seid gegrüßt! Ich bin Inquisitorin Estra. Das ist Tokaro von Kuraschka, Ritter vom Orden der Hohen Schwerter, und ein Gast unserer Stadt", stellte sie ihn vor. "Wie kann ich Euch helfen?"
Die Priester, die in der Statur deutlich hinter der ihrer gerüsteten Begleiter zurückblieben, verneigten sich und lächelten zurückhaltend. "Ich bin Relio, das ist Kovarem. Wir sind Abgesandte Kensustrias und gekommen, um die Stadt zu erkunden, von der wir gehört haben." Der Stoff seiner lilafarbenen Robe war dicht gewoben und sah sehr kostspielig aus; die verschnörkelten Stickereien und raffinierten Faltenanordnungen hatten sie gewiss nicht billiger gemacht.
Kovarem neigte den Kopf. "Sie heißt tatsächlich Ammtára, wie man sich erzählt?"
Stolz, dass der Name, den ihre Mutter ausgesucht hatte, offenbar Anklang bei ihrem Volk fand, hob sie den Arm und beschrieb einen weiten Halbkreis. "Ammtára, so nennen wir sie; es bedeutet Freundschaft", bestätigte sie strahlend.
Die Priester tauschten sorgenvolle Blicke. Die Krieger verhielten sich ruhig, als ginge sie das alles nichts an. Ihre Kaste war nach der Schlacht von Taromeel und dem Tod ihres Königs entmachtet worden. Sie hatten sich der Herrschaft der Gelehrten, die ihre Macht inzwischen mit den Priestern teilten, unterwerfen müssen. Was nicht bedeutete, dass sie es gern getan hätten.
Relio lächelte unglücklich. "Inquisitorin, würdet Ihr uns ein wenig herumführen, ehe Ihr uns zu Eurem König geleitet - oder wer auch immer diesem Ort als Herrscher dient -, damit wir uns mit ihm besprechen?"
"Es wäre besser, wenn Ihr Euch zuerst mit Pashtak trefft", schlug sie im Gegenzug vor, um nicht allein mit den Kensustrianern zu sein. Die unerwartete und zudem unangemeldete Aufwartung ging sicherlich über einen reinen Höflichkeitsbesuch hinaus.
"Ihr wollt uns nicht führen? Dann gehen wir ohne Euch und suchen Pashtak später auf", beharrte Kovarem auf der umgekehrten Reihenfolge.
"Nein, ich zeige Euch selbstverständlich gern die schönsten Plätze der Stadt. Folgt mir, bitte." Sie beugte sich zu Tokaro. "Reite zu Pashtak und sage ihm, dass Kensustrianer hier sind", flüsterte sie hastig. "Und dass ich nicht glaube, dass sie zum Plaudern gekommen sind." Weil er sich verführerisch nahe vor ihrem Mund befand, hauchte sie ihm rasch einen verstohlenen Kuss auf die Wange, die sie vorhin geschlagen hatte. "Verzeih mir den Schlag."
Gemeinsam mit den Kensustrianern machte sie sich auf den Weg, und kaum verschwanden sie hinter einer Häuserecke, schwang sich Tokaro in Treskors Sattel und jagte durch die Straßen, um den Vorsitzenden zu warnen. Er grinste, während er ihre Lippen noch auf seinen spürte. Wenn sie ihn jedes Mal schlug, bevor sie ihn küsste, würde er seinen Helm von nun an ständig tragen.