Leseprobe 1

Ulldart-Zeit des Neuen:
BRENNENDE KONTINENTE (Band 8)

ET: JULI 2006

KAPITEL 1

"Wir sind den Spuren der Qwor gefolgt.
Sie streifen anscheinend sinnlos umher, es gibt kein Muster in ihren Bewegungen. Ich habe angeordnet, dass Arbeiten im Wald nur unter dem Schutz von zehn Bewaffneten erlaubt sind.
Nachts sehen die Wachen von der Mauer aus blaues Leuchten im Wald.
Ich erachte es als sicher: Die Qwor belauern uns."

Aufzeichnungen des ehrenwerten Sintjop,
Bürgermeister Bardhasdrondas,
gesammelt in den Archiven zu Neu-Bardhasdronda


KONTINENT ULLDART, KÖNIGREICH TERSION,
HAUPTSTADT BAIUGA, WINTER IM JAHR 1/2 ULLDRAEL DES GERECHTEN (460/461 N.S.)

Die Luft wehte durch Prynn Caldúsins lange schwarze Locken, in denen sich kein graues Haar fand. Er stand an der Balustrade des weißen Marmorbalkons und blickte von der höchsten Stelle des Palasts nach Südwesten.
Der Nachmittagswind strömte von der See her; er trug Kühle mit sich und brachte den alten Mann trotz des dicken Überwurfs aus weißer Terawolle zum Frösteln. Die hellblauen Stickereien und schwarzen Embleme auf dem Stoff wiesen ihn als Ältesten des Hauses Iuwantor aus.
"Ich habe es befürchtet", raunte er, die Augen aufs Meer gerichtet.
Die Umrisse von vier großen Schiffen zeichneten sich weit draußen auf dem Wasser ab. Das Äußere der Schiffe war für einen älteren Tersioner wie ihn unverkennbar: Drei Ruderbänke lagen übereinander, zwei kleine Segel schwebten geisterhaft am Bug; auf die große Entfernung waren die Taue, mit denen sie an dem kurzen Frontmast befestigt waren, noch nicht zu erkennen.
Ihr Fortkommen war bewundernswert, eine Meisterleistung von Ruderern und Trommlern gleichermaßen. Die Riemen hoben und senkten sich im Wechsel, sodass die hölzernen Blätter ohne Unterlass ins Wasser stachen. Die Galeeren schossen mit gleich bleibender und vor allem hoher Geschwindigkeit über die Wasseroberfläche. Noch vor Einbruch der Dämmerung würden sie die Hafeneinfahrt erreicht haben.
"Was tun wir nun, Furanta?" Prynn rieb sich über den kurzen schwarzen Bart und schaute über die Stadt zum künstlich angelegten Hafen von eineinhalb Meilen Breite und einer halbe Meile Tiefe. Davor lagen mächtige Mauern, die bogenförmig errichtet worden waren und die Hauptstadt vor zu hohen Wogen und Angreifern schützten. Auf zwei künstlichen Inseln standen Wachtürme, steinerne Hüter der Hafenpforte, zwischen denen sich knapp unterhalb der Wasseroberfläche eine mächtige Kette spannte.
Im Grunde gab es wenig, was Baiuga und er fürchten mussten. Bis auf das, was die Galeeren brachten: eine kleine, zierliche Frau.
Seine Nichte stellte sich neben ihn. "Ach, Onkel Prynn", seufzte sie und legte ihm eine zusätzliche Decke um die dünnen Schultern. Ihre zu Zöpfen geflochtenen blonden Haare waren selten für eine Tersionin; ihr Vater, so erzählte man sich, gehörte zu den rogogardischen Freibeutern, der in Baiuga nichts außer dem Herz ihrer Mutter geraubt und ihr ein lebendiges Andenken an eine gemeinsame Nacht hinterlassen hatte. Furanta war stolz auf ihre besondere Haarfarbe. "Alle Häuser wussten, dass ihre Abwesenheit nicht ewig währt." Sie richtete das hellblaue Seidengewand, in das raffinierte Schlitze auf dem Rücken und von der Taille abwärts eingearbeitet waren.
"Aber beinahe jeder hat es sich gewünscht." Prynns Lippen wurden schmal. Viele Errungenschaften und Freiheiten gerieten in Gefahr, und die Sklaverei, die Lodrik Bardri¢ während der Zeit der Eroberung abgeschafft hatte, würde zurückkehren. Ein Land ohne Unfreie - so hätte er Tersion gerne weitergeführt, und die Mehrheit der Häuser folgte Prynn auf diesem Kurs. Nicht zuletzt gefiel ihm die Macht, die er und damit das Haus Iuwantor ausübte. Niemals hätte er gedacht, dass er sich so rasch daran gewöhnen würde. "Ein schöner Traum geht zu Ende", sagte er vieldeutig.
Furanta ließ den Blick über die Befestigungsanlage schweifen. Prynn erkannte in ihren Augen, woran sie dachte. "Nein, wir werden sie gewiss nicht versenken. Die Folgen wären unabsehbar. Für unser Haus, für Tersion. Und für Ulldart."
Sie setzte sich auf die weiße Balustrade und lehnte den Rücken an eine Säule. "Ich hätte dir dergleichen niemals unterbreitet", sagte sie leise und meinte damit das Gegenteil.
Prynn wandte sich zu ihr und legte eine faltige Hand auf ihren Kopf. "Es ist vorbei. Wir waren Verwalter und keine Regenten." Es waren Worte der Aufgabe, des Rückzuges, und sie fielen ihm schwer.
Er betrachtete die Stadt, die weiß getünchten Häuser, in denen so viele Menschen wie in etwa zwanzig Dörfern zusammenlebten. Die breite Prachtstraße, die in gerader Linie vom Hafen zum Palast führte, hatte er immer gemocht. Jetzt betete Prynn, dass sie sich auftun und verschwinden würde, damit auf ihr niemand zu dem Hügel gelangte, auf dem sich der Palast befand.
In den Straßen und Gassen herrschte vielfältiges Treiben. Die Menschen ahnten noch nicht, was ihnen die Schiffe brachten; dass die Vergangenheit zurückkehrte und einige Tausend Bewohner in Ketten legen würde.
Darf ich es zulassen? Muss ich weichen? Prynn hörte das aufgeregte, begeisterte Rufen, das aus der Arena herüberklang. Die Tersioner jubelten den Shadoka zu, Kämpfern, die für das Geld und die Ehre der tersionischen Herrschaftsfamilien ihr Leben aufs Spiel setzten.
Schlagartig wurde es still.
In einem Augenblick der unheilvollen Ruhe vernahm er das Klirren von Waffen, danach einen langen Schrei. Einen Todesschrei. Gleich darauf brandete lauter Beifall auf, ein Kampf war zu Ende gegangen. Prynn verstand es als Zeichen: Seine Zeit als Regentschaftsverwalter war vorüber. Er musste sich fügen, um noch größeres Leid zu vermeiden. Nicht noch ein Krieg.
"Was bleibt uns also?", meinte Furanta niedergeschlagen.
"Die Hoffnung, dass sie sich umstimmen lässt und unseren Weg geht. Überall auf Ulldart sind Neuerungen im Gange." Er fuhr ihr über das Haar und lächelte; aus den dünnen Fältchen auf seinem sonnengebräunten Antlitz wurden dunkle Linien, die endlos tief wirkten. Sie zerschnitten das Lächeln, zerstörten es und offenbarten einen Teil seiner wahren Gefühle. "Warum nicht auch hier?"
Die junge Frau lehnte den Kopf gegen die Brust des alten Mannes und schwieg, während sie Baiuga betrachtete. Das rogogardische Blut in ihr wallte, sie dachte nicht daran, die Macht ihres Hauses aufzugeben. Sie hasste die Regentin, ohne sie gesehen zu haben, und ihre Augen schleuderten all ihre Empfindungen aufs Meer zu den Schiffen, die schneller und schneller wurden. Leider besaß sie nicht mehr als ihren Hass. "Du hast Recht", sagte sie schließlich, als füge sie sich vorerst. "Warum nicht auch hier?"
Stumm beobachteten sie die Galeeren, dann verkündete der linke der beiden Wachtürme der Stadt mit lautem Schlagen der Signalglocke das Nahen der vertrauten Fremden. Furanta schlang bei den durchdringenden Klängen die Arme Hilfe suchend um ihren Onkel.
Auch woanders wurde das Signal gehört.
Tief in den Schatten von Baiuga lauerte eine andere Vergangenheit, die weder vergab noch vergaß. Sie hatte sich wie ausgelaufene Tinte in den dunkelsten Ritzen der Stadt verteilt, war unsichtbar und doch allgegenwärtig geworden. Und sie lauerte.
Der Schlag der Glocke erweckte sie, brachte sie dazu, sich an einem Ort zu sammeln und zu einem Hort der Finsternis zu werden.
Dieser Hort sandte seine Schatten aus.

*

Alana die Zweite stand an Deck und achtete darauf, noch nicht gesehen zu werden. Ihr Erscheinen musste inszeniert und voller Wirkung sein, als bräche die leuchtende Sonne durch finstere Wolken. Ihre Dienerinnern umringten sie und schirmten sie vor den Blicken der Wartenden ab, die sich im Hafen versammelt hatten.
"Wie merkwürdig." In ihrem Kopf rangen die Gedanken mit den aufsteigenden Gefühlen. Der Anblick ihrer geliebten Stadt, aus der sie die Truppen von Bardri¢ vertrieben hatten, ließ ihr Tränen der Rührung und der Freude in die Augen treten. Gleichzeitig war ihr nicht entgangen, dass Baiuga sichtlich in zwei Lager gespalten war.
"Was ist merkwürdig?", fragte ihr Gatte, Lubshá Nars'anamm. Er überragte sie sowohl in der Breite als auch in der Länge um einiges und war die Verkörperung des mächtigen Kriegers, trotz seines fortgeschrittenen Alters. Er trug wie seine Alana einen dünnen Überwurf aus weißer Seide, darüber lag die wertvolle Rüstung aus Iurdum und kleinen Eisenplättchen. Die langen schwarzen Haare fielen mähnengleich auf seine breiten Schultern. Auch wenn Lubshá es nicht musste, er achtete darauf, dass die Schiffe anlegten, ohne sich zu berühren oder mit ihren langen Rammspornen die Mauern zu beschädigen.
"Die Art, wie ich empfangen werde." Als die vier Galeeren langsam durch den Hafen manövrierten und in dem Teil vor Anker gingen, der für die Streitkräfte vorgesehen war, hatten Alana die etwa zweitausend Bewohner flüchtig am Kai gesehen. Sie hatten Blumen geschwenkt, Blüten ins Wasser gestreut, den Namen ihrer Regentin gerufen und Ulldrael den Gerechten gepriesen.
Für eine Fünfzigjährige besaß Alana immer noch gute Augen. Sie spähte mit Hilfe eines Spiegels über die Reling. "Ich vermisse die Vertreter der wichtigsten Häuser unter meinen Bewunderern. Entweder sind die Familien von einem der Bardri¢s ausgerottet worden, oder", sie senkte den Spiegel und spürte Empörung in sich aufsteigen, "sie haben die Frechheit besessen und sind einfach nicht erschienen!"
Alana hatte sich so manchen Tag und manche Nacht Gedanken über ihre Rückkehr gemacht und sich dabei keineswegs der Illusion hingegeben, von allen freudig begrüßt zu werden. Und ihre Befürchtungen wurden wahr. Ganz mutige Einwohner taten ihre Meinung kund, indem sie die Läden ihrer Fenster schlossen. Nicht überall wurden Fahnen gehisst, nicht jeder stimmte in die Rufe ein. Aber auch wenn sie sich darauf vorbereitet hatte, blieb die Empörung.
Um keinen schlechten Eindruck zu machen, bemühte sie sich, Verständnis für die Ablehnung aufzubringen. "Ich war zu lange auf Angor", raunte sie nachdenklich. "Sie haben es mir übel genommen, dass ich Tersion in der Zeit der Not verließ." Sie winkte zwei Dienerinnen zu sich, die ihre halb durchsichtigen Seidengewänder richteten. Die mit Edelsteinen besetzte Kappe, das Zeichen ihrer Herrschaftsgewalt, glänzte in den letzten Strahlen der untergehenden Sonnen.
"Du musstest flüchten, Alana. Es war kein langjähriger Ausflug, den du aus einer Laune heraus unternommen hast", verbesserte sie Lubshá. Die Galeeren waren vertäut, und er gab das Zeichen, die Rampen auszufahren. Die ersten Garden gingen von Bord und sicherten die Stelle, an der Alana tersionischen Boden betreten würde. "Welchen Sinn hätte es gemacht, dich von Bardri¢ in ein Gefängnis werfen zu lassen?" Er fasste ihre Hände, die zwischen seinen dunklen, breiten Fingern beinahe vollständig verschwanden. Wie die Mehrheit der Angorjaner war seine Haut tiefschwarz, was seine weißen Zähne besonders hervorhob. "Du warst in Angor besser aufgehoben."
Alana verzog den Mund und scheuchte ihre Dienerinnen fort. "Ich fürchte, Lubshá, dass das Volk und vor allem die Häuser dies anders sehen." Sie hatte erfahren, dass König Perdór von Ilfaris es nach der großen Versammlung den Adelsgeschlechtern von Tersion überlassen hatte, wer das Land regierte. Bis zu ihrer Rückkehr. "Was ist, wenn es kommt wie in meinen schlimmsten Träumen und sie es wagen zu beschließen, dass sie mich nicht mehr als Regentin haben wollen?"
Sie atmete tief ein, die furchtbaren Albdrücke stiegen einmal mehr in ihr auf. Sie hatte gesehen, dass man das Pack sie unmittelbar nach ihrer Ankunft ergriff, ins Hafenbecken stieß und mit langen Stangen ertränkte. Allen voran gierten die Häuser nach ihrem Leben, Seite an Seite mit den Ärmsten der Stadt. "Ich möchte auf den Thron zurückkehren, auch wenn ich auf Teile meiner Macht verzichten muss."
Lubshá sah die aufrichtige Sorge in Alanas braunen Augen, um die sich Fältchen gebildet hatten. "Du sagtest mir, dass das Haus Iuwantor dir gegenüber treu war. Gibt es einen Grund, nun daran zu zweifeln? Glaubst du, sie würden sich gegen dich stellen?" Er ließ ihre Hand los, grinste und deutete zur nächsten Galeere links von ihnen. "Selbst wenn es so käme: Mein kleiner Bruder würde sie rasch zur Vernunft bringen." Er wurde wieder ernst. "Vergiss nicht, wen du an deiner Seite hast, geliebte Gemahlin."
Alana dankte ihm mit einem Kuss auf die Hände, schaute zum Palast auf den Hügel hinauf. Sie konnte es kaum mehr erwarten, endlich wieder von dem rein weißen Marmor umgeben zu sein. Die Gold- und Silberornamente an dem Gebäude warfen das Licht zurück, als lüden sie sie ein und riefen sie. In ihrer Vorstellung sah sie ihre Springbrunnen und die weitläufigen Gartenanlagen vor sich, die Vogelhäuser mit den prächtigen Tieren, deren Gesang und Gefieder sie gleichermaßen faszinierten. Alana atmete ein und meinte, den Geruch der vielen Blumen riechen zu können. "Lass uns nach meinem Thron sehen", bat sie ihren Gatten und bedeutete ihren Dienerinnen, zur Seite zu treten.
In ihrer berühmten Anmut schritt sie nach vorn, zeigte sich vor der hohen Rampe und hob die Arme. Die begeisterten Rufe steigerten sich zu einem Orkan an Stimmen, der ihr zeigte, dass es wirklich Tersioner gab, die sie vermisst hatten. Ihre Empörung legte sich.
Sie hob die Arme. "Volk von Tersion", rief sie bewegt und konnte nicht verhindern, dass ihr ein wohliger Schauer über den Rücken lief. "Es erfreut mein Herz, dich zu sehen." Sie hob ihre Augen, ließ sie über die Dächer schweifen. "Und du, sehnsüchtig vermisste Heimat, sei gegrüßt. Die Regentin ist aus ihrer Verbannung zurückgekehrt, um dein Schicksal mit neuer Kraft zu bestimmen. Ulldrael sei gepriesen!" Sie senkte die Arme und schaute nach hinten.
Das war das Zeichen für Lubshá Nars'anamm, vorzutreten und Seite an Seite mit ihr zusammen den Steg hinabzuschreiten. Der Wind hatte ihnen zu Ehren gedreht und trug ihnen die gestreuten Blüten entgegen. Nun setzte ein Chor aus dem Hintergrund ein, der eine alte tersionische Weise sang; Musikanten begleiteten ihn dazu. Ein beeindruckendes Paar kehrte zurück, Kraft und Grazie betraten den Boden.
Die Garde schirmte Alana und Lubshá vor den Menschen ab. Alana erkannte Prynn, der versuchte, zu ihr vorzudringen. Auf ihre Geste hin ließ man ihn durch. Ihm folgte eine Abordnung der Herrschaftshäuser, doch nicht alle hatten sich blicken lassen. "Du bist spät", sagte sie hochmütig. "Mein Volk freut sich demnach mehr, mich zu sehen, als die Häuser."
"Verzeiht, wir wurden aufgehalten." Der alte Mann verbeugte sich vor ihr, so gut es ging. An seiner Seite stand eine junge unbekannte Frau mit langen blonden Haaren. "Ich heiße Euch im Namen der Häuser Tersions willkommen, allerhöchste Regentin", sagte er und musste beinahe schreien, um den Lärm der Massen zu übertönen. Immer noch gebückt, deutete er auf die Prachtstraße und die beiden hohen Torbögen, die symbolischen Eingänge zu Baiuga. "Euere Residenz erwartet Euch."
Innerlich atmete Alana auf, ihr Albtraum vom Hafenbecken und ihrem Wassertod bewahrheitete sich nicht. "Ich danke dir, Prynn Caldúsin, Ältester des Hauses Iuwantor", erwiderte sie etwas freundlicher. "Ich freue mich, dass dir Ulldrael ein langes Leben verliehen hat. Dir gebührt Lob, dass du mein Land sicherlich hervorragend verwaltet hast."
"Er hat es nicht verwaltet, er hat es geleitet, allerhöchste Regentin", sagte die junge Frau an seiner Seite giftig. Ihr hübsches blaues Kleid zeigte und verhüllte gleichermaßen, das reizvolle Spiel einer jungen tersionischen Frau, die darüber hinaus unglaublich viel Mut besaß.
"Verzeiht meiner Nichte Furanta ihre unbesonnenen Worte", warf Prynn rasch ein, der kalkweiß im Gesicht geworden war.
Alana bedachte sie mit einem langen, verwunderten Blick. "Wenigstens ist sie offen und spricht aus, was sie denkt. Andere haben es offensichtlich vorgezogen, mir nicht gegenüberzutreten und mich im Unklaren zu lassen, ob sie meine Rückkehr gutheißen oder nicht."
"Es wird davon abhängen, was Ihr zu tun beabsichtigt, allerhöchste Regentin", sagte Furanta. Prynns mahnender Blick hielt sie nicht auf, rogogardischer Eifer schoss in ihre Zunge. "Euch zu Ehren würden Tausende freiwillig die Straßen säumen, würdet Ihr Euch ihren kleinen Bitten nicht verschließen. Da sie nicht zu sprechen wagen, tue ich es an ihrer Stelle: Folgt den Neuerungen, die auf dem Kontinent vonstatten gehen, allerhöchste Regentin, und sie werden Euch lieben wie keine Herrscherin jemals zuvor", bat sie eindringlich. "Wir…"
"Lasst uns das im Palast besprechen", unterbrach sie Alana und immer noch erstaunlich ruhig in Anbetracht der Anmaßung, die von der jungen Adligen ausging. Empörung meldete sich zurück, wurde jedoch von der Vernunft unterdrückt, denn: "Es gibt einige Dinge zu erzählen", sagte sie verheißungsvoll und warf Lubshá einen langen Blick zu.
"Sehr wohl, allerhöchste Regentin." Prynn zeigte auf die prächtigen Sänften, deren Sitz- und Liegeflächen über kleine Treppen erklommen wurden. So schwebte man, getragen von zehn kräftigen Männern, auf federweichen Kissen vier Schritte über dem Boden. Bestickte Baldachine bewahrten die Reisenden vor der Macht der Sonnen oder vor einem seltenen, dafür umso heftigeren Regenguss.
Unter dem anhaltenden Jubel der Menschen bestiegen Alana und Lubshá ihre Sänfte an der Spitze des Trosses. Umringt von Garden aus Angor und Tersion und gefolgt von den Adligen, begann der Zug durch Baiuga.
Alana betrachtete die mit bunten Lampen und Fackeln geschmückten Häuserfronten, die Menschen unter ihr, die Dächer und den Weg zum Palastdistrikt, dessen Mauer sich nach wie vor abwehrend gegen jeden Angreifer erhob. Dahinter wartete ihr geliebtes Heim mit den vielen Türmen und den bunten Fenstern, das sie auf Angor schmerzlich vermisst hatte. Gedankenversunken nahm sie sich eine Frucht aus der Obstschale, die in der Mitte der Sänfte ruhte.
"Du siehst, man hat dich besser empfangen, als du geglaubt hast." Lubshá blickte zurück. Sie hatten sich bereits gut dreißig Schritte vom Kai entfernt. Die Masten und Bordwände seiner Galeeren zeigten sich in den Häuserschneisen, als wollten sie ihm sagen, dass sie ihn mit ihren Geschützen und Katapulten bewachten.
"Aber du hast die Kleine gehört. Es wird kommen, wie ich es befürchtet habe: Ich werde einen Teil meiner Macht abgeben müssen", erwiderte sie. "Doch alles ist besser, als sie vollständig zu verlieren."
Lubshá lachte und berührte sie aufmunternd an der Schulter. "Wir werden sehen, was ich für dich zu tun vermag. Meine Stimme hat…" Aus den Augenwinkeln bemerkte er einen Schatten, der neben ihnen hinter einem Kaminschlot hervorschnellte und sich vom Dach abdrückte. "Vorsicht, Alana!" Er langte nach seinem Schwert.
Die schwarz gekleidete, maskierte Gestalt flog mit einem waghalsigen Sprung heran, landete auf dem Baldachin und brachte ihn zum Einsturz. "Lang lebe ein freies Tersion!" Die Regentin und ihr Gemahl wurden unter dem schweren Stoff begraben, während ein entsetzter Aufschrei aus Hunderten Kehlen ertönte.
Drei weitere Angreifer sprangen hinzu. Auch sie waren bewaffnet und stießen ihre Klingen mit schnellen, kräftigen Bewegungen durch den Baldachin.
"Nieder mit der feigen Unterdrückerin!", erklang der Ruf. Blut floss an den Seiten der Sänfte hinab und rann die Streben entlang.
Die Sänfte wurde rasch abgesetzt. Gardisten aus Angor stürmten die schmale Treppe hinauf, um ihrem Herrn und ihrer Herrin zu Hilfe zu eilen.
Die Angreifer teilten sich auf. Zwei von ihnen sicherten den Aufgang, die anderen beiden stachen nach wie vor immer wieder durch den Stoff; die Klingen hatten sich längst rot gefärbt.
Angorjaner vermochten sehr gut zu kämpfen, aber die Unbekannten waren ihnen dennoch überlegen. Vierzehn Gardisten stürzten verletzt oder tot rechts und links die Stufen hinab, ehe einer der Angreifer einen Pfiff ausstieß und das Zeichen zum Rückzug gab.
"Alle Macht Iuwantor!", erschallte es. Die Maskierten nahmen auf der Liegefläche einen kurzen Anlauf. Zwei von ihnen sprangen durch die geschlossenen Fenster im oberen Stockwerk des gegenüberliegenden Hauses; Glassplitter regneten auf die Köpfe der Wartenden. Die anderen zwei sprangen auf die Sonnensegel, die vor den Häusern hingen; Armbrustbolzen und Pfeile verfehlten die Mörder, die sich zu schnell und abrupt bewegten. Sie flüchteten um die Ecke und verschwanden.
Der Spuk war vorüber.
Die Menschen am Straßenrand schwiegen bestürzt, während Gardisten den durchlöcherten Baldachin anhoben und nach Alana und Lubshá sahen. Entsetztes Stöhnen erklang aus den Kehlen der Männer, die in ihrem Leben viel Tod und Verderben gesehen hatten.
Aus den Schiffsleibern der Galeeren ergoss sich unterdessen ein waffenstarrendes Heer, angeführt von einem jugendlichen Angorjaner, der große Ähnlichkeiten zum Gemahl der Regentin aufwies. Er rannte an den Trägern vorbei, stürmte die Treppe der Sänfte hinauf - und blieb stehen.
"Angor!" Langsam sank er vor seinem älteren Bruder auf die Knie, dessen Leib von Stichwunden übersät war. Mit bebenden Händen suchte er eine Stelle, an der er die Blutung aufhalten könnte, aber es gab zu viele Wunden. So schwebten seine Finger hilflos über dem geschundenen Körper. Selbst ein Cerêler hätte nichts mehr zu tun vermocht. Lubshás Herz schlug nicht mehr.
"Angor, sieh, was sie mit deinem edelsten Geschöpf getan haben", wisperte der junge Mann fassungslos. Erst dann wandte er seinen Kopf Alana zu. Ihre Brust hob und senkte sich schwach, Ulldrael hatte sein Geschöpf anscheinend besser geschützt.
Er sprang auf. "Ich schwöre, dass ich seinen Tod rächen werde. Mein Schwert wird das Blut aller Schuldigen trinken, wie es Brauch ist." Er zog seine Waffe. "Schwärmt aus", befahl er seinen Kriegern. "Durchsucht jedes Haus, bis ihr die vier Attentäter gefunden habt. Und nehmt keine Rücksicht."
Die Soldaten taten, was er ihnen auftrug, stürmten durch die Türen und begannen mit der Suche. Durch die Fenster und Eingänge erklangen das Splittern von Holz, das Klirren von zerbrochenem Geschirr und die entrüsteten Rufe der Bewohner.
Niemand wagte es einzugreifen, weder die Abgeordneten der Herrschaftshäuser noch die Einwohner, noch Baiugas Soldaten.
Noch nicht.
Prynn, der ebenso wie Furanta aufgesprungen war, ahnte, dass die Lage auf Messers Schneide stand. Ein falsches Wort, eine falsche Geste konnte ein Gefecht auslösen. "Wer immer Ihr seid, ich bitte Euch…"
"Wer ich bin?" Der junge Angorjaner schaute zu ihm. "Mein Name ist Nech Fark Nars'anamm, siebter Sohn von Ibassi Che Nars'anamm und Bruder des ermordeten Kaisers von Angor, Lubshá Nars'anamm", grollte er wütend. "Und dank der Gastfreundschaft der Tersioner gegen meinen Willen neuer Kaiser Angors."
Prynn verschlug es die Sprache. Niemand hatte gewusst, dass Alanas Gemahl zwischenzeitlich Herrscher des Nachbarkontinents geworden war. Damit wog der Mord mehr als schwer. Er hörte das Raunen um sich herum, die Nachricht wurde von den Menschen mit Sorge vernommen.
"Wie ist dein Name?"
Prynn verbeugte sich und stellte sich vor. Ein Gardist neigte sich an Nechs Ohr und flüsterte ihm etwas zu. "Iuwantor? Verlangten die Mörder nicht, dass dir alle Macht gebührte?"
Prynn wurde heiß und kalt. "Ich verstehe es selbst nicht. Ich…"
Nech wies auf die bewusstlose Alana. "Da liegt die Regentin. Bete, dass ihr Leben von einem Cerêler gerettet werden kann und sie über dein weiteres Schicksal entscheiden wird! Sonst tue ich es." Er ließ die Sänfte anheben und verlangte, zurück zum Hafen getragen zu werden. Als er sich auf Prynns Höhe befand, warf er ihm einen zornigen Blick zu. "Meine Schwägerin wird auf der Galeere bleiben, bis wir die Mörder und die Anstifter gefunden haben", verkündete er. "Bis sie von ihren Verletzungen genesen ist, herrsche ich über ihre Stadt und ihr Land. Als der Bruder ihres Gemahls sehe ich es als mein Recht an."
Prynn war klug genug, nichts zu entgegnen. Seine Nichte jedoch nicht.
"Ihr?", stieß Furanta hervor. "Ihr seid der Kaiser von Angor, nicht von …"
Nechs Augenbrauen zogen sich zusammen. "Legt sie in Ketten", befahl er seiner Garde und deutete mit dem Schwert auf sie. "Legt jeden in Ketten, der aus diesem verdammten Land kommt und es wagt, mir zu widersprechen oder meinen Anordnungen nicht Folge zu leisten!"
Das Raunen wurde leiser, niemand wollte sich der Gefahr aussetzen, in Gefangenschaft zu geraten.
Prynn schloss die Augen, er bebte vor Sorge um Furanta, und sein altes Herz geriet aus dem Takt. "Allerhöchster Kaiser", begann er vorsichtig, "in Euerem Schmerz um Euren Bruder…"
"Die Drohung von Ketten schreckt wohl nicht genug?" Nech ließ die Sänfte anhalten, hob sein Schwert und schleuderte es geradewegs nach dem alten Mann.
"Nein!" Furanta warf sich mit einem Schrei in die Bahn der wirbelnden Klinge. Die Spitze bohrte sich durch ihr dünnes Kleid, durch ihre weiche Haut und die Knochen darunter. Rücklings fiel sie gegen ihren Onkel, der mit ihr zusammen in die Kissen der Sänfte stürzte. Ein lauter, von der Menge ausgestoßener Schrei brandete gegen die Hauswände und brach abrupt ab. Das Grauen hielt die Menschen gepackt.
"Lasst es euch eine Lehre sein", rief Nech laut über die Köpfe der erschütterten Einwohner hinweg. "Ich bin der Herrscher von Tersion, bis Alanas Augen sich wieder öffnen. Ich erwarte Unterwerfung und Gehorsam, wie es sich gebührt, oder ich flute die Plätze dieses Ortes mit eurem Blut und lasse das Hafenbecken davon überquellen." Er bedeutete den Trägern, dass sie weitermarschieren sollten.
Diener sprangen Prynn zur Seite und halfen ihm. Aus eigener Kraft hätte er sich nicht unter Furanta hervorwinden können. Seine Nichte war tot. Ihre braunen Augen starrten gläsern an die Unterseite des Baldachins; rotes Blut sickerte aus der Wunde in ihrem Unterleib und tränkte Prynns Robe.
Er schlug die Hände vors Gesicht und wurde sich mit einem Mal der Stille bewusst, die auf der Prachtstraße herrschte. Die Spannung war greifbar, es fehlte die Winzigkeit, um die angestauten Gefühle der Bewohner ausbrechen zu lassen.
Auch wenn er Nech für seine sinnlose Tat den Tod wünschte, sammelte sich Prynn und ließ die Finger sinken, die wie Gitterstäbe vor seinen Augen lagen. "Volk von Baiuga", krächzte er, dann räusperte er sich. "Volk von Baiuga! Geht nach Hause. Kehrt in die Häuser zurück oder sucht nach den Mördern des Kaisers, die auch meiner Nichte den Tod brachten", beschwor er sie. "Unternehmt nichts gegen die Angorjaner. Es würde uns allen den Untergang bringen."
Die Masse schwieg ihn an, rührte sich nicht.
Schließlich trat eine Frau vor und rief mutig: "Alle Macht Iuwantor!"

.... to be fortgesetzt....