Leseprobe 2

Ulldart-Zeit des Neuen:
BRENNENDE KONTINENTE (Band 8)

ET: JULI 2006

KONTINENT ULLDART, KENSUSTRIA, 92 MEILEN SÜDWESTLICH VON KHÒMALÎN,
WINTER IM JAHR 1/2 ULLDRAEL DES GERECHTEN (460/461 N.S.)

Estra erwachte.
Sie lag auf dem Boden, auf einem Laubhaufen. Es roch nach Feuchtigkeit, Moos und seltsamerweise nach Meer; ganz in ihrer Nähe rauschte Wasser, sie hörte das Schnauben eines Pferdes. Ihr Kopf schmerzte, und ihr Kinn fühlte sich geschwollen an.
Abrupt richtete sie sich auf und schaute sich um.
Tokaro saß neben dem kleinen Feuer am Ufer des Baches, an dem sie ihr Lager bezogen hatten. Er lächelte ihr zu.
"Hast du Hunger?" Über den Flammen drehte sich ein geschnitzter Spieß, auf dem kleine Vögel steckten. Estra schaute zu der schützenden Krone eines immergrünen Baumes auf, der sie vor dem niederprasselnden Regen bewahrte. "Sie sind gleich gar."
"Du!", rief sie wütend und sprang in die Höhe, eilte auf den jungen Ritter zu. Blätter fielen ihr aus den halblangen, dunkelbraunen Haaren. "Du hast mich niedergeschlagen und entführt!" Sie holte aus und drosch ihm die Faust auf die Nase.
Tokaro wehrte den Schlag nicht ab. Der Knochen gab knirschend nach. Ein heißes Gefühl breitete sich aus, als Blut aus seiner Nase schoss, in das sich Tränen mischten.
"Jetzt sind wir quitt", sagte er und raffte einige Blätter zusammen, um das Blut aufzufangen. "Ich habe dich geschlagen, du hast mich geschlagen."
"Wir sind noch lange nicht quitt, Tokaro!", schnaubte Estra zornig. "Wie konntest du mich entführen, obwohl ich dir sagte, was für meine Heimat auf dem Spiel steht?" Sie trat ihm in die Seite, aber die Rüstung verhinderte, dass ihm Rippen brachen. Dafür verzog sie den Mund und hielt sich den Fuß.
"Hör auf, Estra!", nuschelte Tokaro, weil durch die anschwellende Nase kaum mehr Luft bekam. "Ich musste es tun."
"So?" Sie stand neben ihm. "Weswegen?" Ihre karamellfarbenen Augen sprühten vor Aufgebrachtheit. "Und sag nicht, dass du mich vor den Kensustrianern retten wolltest."
"Habe ich das nicht?", gab er trotzig zurück und legte den Kopf in den Nacken, damit das Bluten aufhörte. Er hatte damit gerechnet, dass sie wütend auf ihn war, sobald sie erwachte, aber dass sie sich dermaßen aufregte, hätte er niemals geglaubt. "Ich bringe dich..."
"... zurück nach Khòmalîn", führte sie seinen Satz zu Ende. "Was genau hast du nicht verstanden, als ich dir sagte, dass sie Ammtára angreifen und vernichten werden, wenn ich nicht bei ihnen bleibe?"
"Das ist eine Erpressung, die ich nicht dulde", entgegnete Tokaro und spuckte Blut aus. "Es ist ungerecht. Außerdem werden sie es nicht wagen, die Stadt anzugreifen. Sie hätten ganz Ulldart gegen sich."
"Hast du auch nur einen Augenblick darüber nachgedacht, wer es wagte, sich mit den Kensustrianern anzulegen? Oder es überhaupt wollte?" Estra achtete nicht auf das Blut, das der Ritter von sich gab, die Schmerzen hatte er sich verdient. Sie ging hinüber zu Treskor und hob den Sattel vom Boden auf, um ihn dem Schimmel auf den Rücken zu legen. "Ammtára ist die Stadt der Sumpfwesen, Tokaro, ein einstiger Ort der Finsternis. Bei aller Freundschaft, die zwischen den Bewohnern und Menschen herrscht, glaube ich nicht, dass auch nur ein Königreich dafür in den Krieg ziehen würde."
Tokaro stieß einen leisen Pfiff aus, und der Hengst tänzelte zur Seite, als sie ihn satteln wollte. "Wir gehen nach Tarpol", sagte er. "Ich kenne ein Versteck, in dem du vor den Priestern sicher bist."
"Ich darf nicht flüchten, du verbohrter Ritter!", tobte Estra. "Du hast es nicht begriffen."
"Ich habe begriffen, dass die Kensustrianer Unrecht tun und du darunter leiden musst", sprach er und stand auf. "Dass wir darunter leiden müssen." Er fing eine Hand voll von dem Wasser auf, das an einigen Stellen durch das Astwerk rann, und wusch sich das Blut von Mund, Kinn und Nase. "Das lasse ich nicht zu. Und schon gar nicht lasse ich es zu, dass sie dir etwas antun. Ich glaube nicht, dass sie dein Leben verschonen."
Estra warf den Sattel auf die Erde, Laub flog auf. Sie setzte zu einer harten Erwiderung an, dann schwieg sie und starrte hinauf zur Baumkrone. Schließlich kam sie langsam auf ihn zu und schlang die Arme um seinen Hals. "Verzeih mir. Ich weiß, welche Gefühle du für mich hegst. Und ich teile sie", sagte sie äußerlich ein wenig ruhiger, auch wenn ihr Herz noch immer raste. "Aber uns bleibt keine Wahl."
"Doch." Er küsste sie auf die Stirn und schob sie sanft von sich. "Wir lassen es darauf ankommen."
Sie starrte ihn wie einen Wahnsinnigen an. "Du würdest allen Ernstes eine Stadt mit Tausenden von Kreaturen aufs Spiel setzen, und das nur wegen mir?"
"Gibt es einen besseren Grund?" Er kreuzte die Arme vor seiner Brust, eine Geste der Bekräftigung seiner Worte. Sie sah es an seinen blauen Augen: Er würde nicht weiter mit ihr darüber streiten.
"Das kann nicht sein." Sie lachte ungläubig. "Ist das bei allen Rittern so? Diese Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit?" Estras mühsam niedergerungener Ärger flammte auf, und sie bewegte sich auf den Hengst zu, packte mit einer Hand in die Mähne. Sie hasste ihn dafür, dass er sie aufs Neue herausforderte, und sich selbst, weil sie es immer wieder zuließ. "Ich brauche keinen Sattel", sagte sie und drückte sich vom Boden ab.
Tokaro pfiff wieder, und Treskor wich der jungen Frau aus, die beinahe gestürzt wäre.
Sie blitzte ihn an. "Gut, dann laufe ich eben nach Khòmalîn", verkündete sie und versuchte, sich an irgendetwas zu orientieren, das ihr einen Hinweis gab, in welche Richtung sie zu gehen hatte.
"Ich habe uns weit abseits von allen möglichen Behausungen gebracht", rief er grinsend. "Du wirst keinen Weg finden."
Estra deutete auf Treskors Hufe. "Da du kein fliegendes Pferd besitzt, kann ich einfach seinen Spuren folgen." Sie marschierte los, trat in den Regen hinaus. "Kehre nach Ammtára zurück", verabschiedete sie sich. "Stehe Pashtak bei und sage ihm, dass es mir gut geht." Sie suchte sich einen Weg durch das Gebüsch und verschwand aus seiner Sicht.
Die Unterredung war nicht so verlaufen, wie Tokaro es sich gewünscht hatte. "Estra, warte!" Er eilte ihr hinterher, packte sie am Arm. "Überzeuge mich, dass dir nichts geschehen wird, und ich lasse dich gehen. Sage mir, was sie von dir wollen."
"Oder was? Schlägst du mich vielleicht ein weiteres Mal nieder?"
"Wenn es sein muss." Tokaro hielt sie eisern fest, Regenwasser lief über die braunen Haarstoppeln und über seine Wangen. "Vertrau mir, Estra", bat er sie eindringlich. "Bitte! Ich würde mein Leben für dich geben!"
Ihre Entschlossenheit und ihre Wut gerieten ins Wanken. Sie sah in das beinahe hilflose Gesicht. Die braunen Augen mit der aufrichtigen Sorge darin wirkten merkwürdig mildernd auf sie.
Seufzend nahm Estra Tokaros Hand und kehrte mit ihm unter den Baum zurück, setzte sich ins Laub und zog ihn zu sich hinab. Sie streichelte seine Wange. "Es tut mir Leid, dass ich dir die Nase gebrochen habe", meinte sie leise. "Ich wollte nicht so hart zuschlagen."
"Wenn du dein geschwollenes Kinn und den Bluterguss sehen könntest, hättest du das nicht gesagt", gab er lächelnd zurück. Der Geruch von verbranntem Fleisch stieg beiden in die Nase. "O nein!" Hastig nahm er den Spieß aus dem Feuer, betrachtete die verkohlten Überreste dessen, was er erlegt hatte, und warf sie dann achtlos in den Bach. "Verdammt, das war unser Abendessen."
"Wir werden schon noch etwas finden." Estra lehnte sich an den Baumstamm. Sie wusste nicht, wie sie anfangen sollte. "Meine Mutter war eine Priesterin, welche die Lehren ihres Gottes veränderte und dem Glauben viel Schaden anrichtete", begann sie. "Sie erwarten nun von mir, dass ich mich dem Kult von Lakastra anschließe und Buße für die Taten meiner Mutter tue. Danach wird Lakastra mit mir und Ammtára versöhnt sein. Ich habe es meiner Tante versprochen."
Tokaro nickte. "Das klingt noch harmlos. Aber wie soll diese Buße aussehen?"
"Ich soll neu errichten, was sie eingerissen hat."
"Also sollst du ebenfalls Priesterin werden?" Voller Schrecken sah er die erträumte gemeinsame Zukunft mit Estra auf seiner Burg Angoraja zu Staub zerfallen. "Wann hast du deine Aufgabe erfüllt?"
Estra schüttelte den Kopf. "Meine Aufgabe wird es nicht sein, Lakastras Glaube zu verbreiten." Sie schaute ihn an. "Ich muss seinen ersten Tempel, den es auf Kensustria gab und den Belkala schändete, neu errichten. Alleine."
"Alleine?" Er stieß die Luft aus. "Aber das... ist doch... Du wirst Jahre benötigen!"
"Ja. Sie haben errechnet, dass ich - wenn alles gut verläuft - etwa vierzig Jahre brauchen werde. Sie liefern mir die Materialien. Ich werde Stein auf Stein und Balken auf Balken setzen, bis er sich wieder erhebt. Danach ist die Schuld abgebüßt."
"Vierzig Jahre", wiederholte er schockiert. Er wusste nicht, was er auf diese Eröffnung sagen sollte. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf, der Orden, seine Liebe zu Estra, die Unmöglichkeit, für immer bei ihr zu bleiben. Nicht, solange sie in Kensustria lebte und einen Tempel errichtete. Sollte er vierzig Jahre in einer Hütte nebenan wohnen und warten, bis die Mauern standen?
Estra erahnte, was ihn plagte. "Fast wäre es besser, du glaubtest, ich sei tot, nicht wahr?", sagte sie bedächtig. "Jetzt weißt du nicht, was du tun sollst."
Tokaro stützte den Kopf auf die Hände. "Lass mir Zeit. Vielleicht finden wir einen Ausweg. Ich werde mit den Priestern sprechen und sie eine Aufgabe finden lassen, die dich weniger lange beschäftigt."
Sie grinste. "Du willst mit einem Gott verhandeln?"
"Ja", grinste er zurück. "Für dich werde ich auch mit einem Gott verhandeln, Estra. Die Priester müssen mir nur sagen, wo ich Lakastra finde." Er küsste sie auf den Mund, und sie erwiderte die Zärtlichkeit.
Aus dem Kuss wurde bald stürmische Leidenschaft. Sie vergaßen alles um sich herum, liebten sich ausgiebig auf dem Laub zur Melodie des Regens und des Baches.
Danach entfachte Tokaro das Feuer von neuem, damit sie es in der Nacht warm hatten. "Morgen reiten wir zurück", sagte er und suchte unter dem Laub nach trockenem Holz. "Ich werde sehen, ob die Priester..."
Sie schaute ihn verwundert an, während sie ihre Kleider richtete. "Du hast es wirklich vor?"
"Sicher. Ich werde ihnen klar machen, dass ihre Forderungen unsinnig sind."
"Oh, da ist sie wieder, diese Selbstgefälligkeit", merkte sie halblaut an. "Der Ritter der Selbstüberschätzung reitet los."
"Und wird zu unser beider Wohl obsiegen." Tokaro zog die aldoreelische Klinge, kniete nieder und betete zu Angor, um seine Hilfe zu erlangen. Danach küsste er die Blutrinne und verstaute das Schwert wieder in der Scheide. Als er sich zu Estra umwandte, war sie bereits eingeschlafen. Vorsichtig rückte er an sie heran, schlang einen Arm um sie und schloss die Augen.

Tokaro schlief nicht tief und erwachte von dem leisen Platschen. Im Mondlicht erkannte er, dass Treskor die Ohren aufgestellt hatte und die Nüstern blähte, den Kopf in Richtung Strand gereckt.
Tokaro hatte es für einen guten Einfall gehalten, nicht, wie es die Kensustrianer erwarten würden, in Richtung Norden zu flüchten, sondern sich in den Süden zum Meer abzusetzen. Von dort wollte er an der Küste entlang einen Bogen schlagen und den Suchtrupps entkommen. Anscheinend hatten die Kensustrianer seinen Plan durchschaut.
Lautlos erhob er sich, um Estra nicht zu wecken, und pirschte sich geduckt zu dem Gebüsch, hinter dem sich die Dünen und das Meer erstreckten. Da er seine Eisenrüstung nicht trug, gelang es ihm recht leise.
Das Schleichen war im Grunde unnötig, denn die Geräusche wurden lauter und lauter. Waffen klirrten, Männer schrieen, und Holz barst splitternd. Ohne Frage fand ein heftiger Kampf statt!
Er staunte nicht schlecht, als er über den Sand hinweg auf den Strand schaute. Das leise Platschen war nichts anderes als der Tod eines Schiffes gewesen. Gewaltige Trümmerteile trieben auf dem Wasser, teilweise brannten sie und beleuchteten, was dort geschah.
Zwei kensustrianische Schiffe durchschnitten die auseinander driftenden Bruchstücke. Tokaro hörte das wohl bekannte Klacken von Katapulten und das Schwirren von Pfeilen und Speeren.
Weiter unterhalb von seinem Versteck landeten mehrere Beiboote an, Krieger sprangen heraus und eilten den Sand entlang, drehten jedes Stück Treibgut um und stocherten in den Algennestern, die angeschwemmt worden waren. AllemAnschein nach sollte es keine Überlebenden geben.
"Angor, was bedeutet das?", murmelte er.
"Das kann ich dir auch nicht sagen", meinte Estra leise neben ihm, und Tokaro musste sich sehr beherrschen, nicht vor Überraschung einen Laut von sich zu geben. Sie bleckte die Zähne. "Ich kann besser schleichen als du. Als Inquisitorin muss man unvermittelt an Orten auftauchen können, ohne sich vorher zu verraten."
"Dann lass mich dir sagen: Du beherrscht es sehr gut." Er zwang sich ruhiger zu atmen. "Du bist genauso ratlos wie ich?" Er nickte zum Strand.
"Ziemlich." Das Licht der sterbenden Schiffe beleuchtete ihr hübsches Gesicht, und er hätte sie am liebsten geküsst.
Dann verengten sich ihre Augen; sie hatte entdeckt, wie Kensustrianer auf einen Mann einstachen, der versucht hatte, sich unter angeschwemmtem Holz zu verbergen. "Schau! Die Kensustrianer töten sich gegenseitig!"
Tokaro folgte ihrem Blick. Der Statur nach töteten Krieger soeben einen Krieger. "Ich hätte eher angenommen, dass sie einen Aufstand gegen die Priester und Gelehrten anzetteln", flüsterte er.
"Ich bin genauso unwissend wie du", raunte sie zurück.
"Aber deine Mutter war eine Kensustrianerin."
"Bedeutet das, dass ich alles verstehen muss, was in diesem Land geschieht?"
Mit großer Sorge beobachtete Tokaro, wie sich eine Abteilung Krieger anschickte, die Dünen hinaufzuklettern. "Weg von hier", wisperte er und nahm sie an der Hand. "Wir verschwinden."
"Ein Ritter Angors ergreift die Flucht?", neckte sie ihn.
"Nein, ich verzichte darauf, mich mit einem zahlenmäßig hoffnungslos überlegenen Gegner zu messen, und warte auf eine bessere Gelegenheit", erklärte er. "Außerdem traue ich den Kriegern nicht. Haben sie dir auch geschworen, dir nichts zu tun, oder waren es nur die Priester?"
Estra erbleichte. Das war ihm Antwort genug.
Sie eilten zu ihrem kleinen Lager zurück. Sie löschte das Feuer, während Tokaro den Hengst in aller Eile sattelte.
Wie aus dem Nichts stand plötzlich ein Kensustrianer neben Tokaro. Eine tiefe Wunde klaffte in seiner Seite, und das Blut sickerte in einem breiten Strom aus seiner Rüstung. Die Art von Körperschutz kannte der junge Ritter nicht; auch dass die Kensustrianer schwere gekrümmte Schwerter führten, war ihm neu.
Tokaro sprang zurück und zog die aldoreelische Klinge. "Verschwinde", befahl er hart, und die Spitze zielte auf die Kehle des Gegners.
Vier weitere Krieger brachen aus dem Gebüsch hervor, auch sie trugen die ungewohnten Rüstungen am Leib. Keiner war ohne eine Verletzung entkommen. Sie hatten ihre Schwerter gezogen und wirkten sichtlich erleichtert, es mit einem Menschen zu tun zu haben.
Dann entdeckten sie Estra.
Zwei packten sie, ehe sie oder Tokaro etwas unternehmen konnten, und drückten sie auf den Boden.
"Weg von ihr!" Tokaro attackierte ohne Gnade. Den Verletzten vor sich spießte er auf, danach rannte er zu Estra und wollte die Arme der Angreifer eben zerschneiden - da fuhren die vier zurück, als habe die Kensustrianerin eine ansteckende Krankheit; dabei stießen sie laute Rufe aus.
Estra, das Hemd halb zerrissen und die Haare völlig zerzaust, stemmte sich hoch. "Was ist geschehen? Ist es wegen deines Schwertes?"
"Nein." Er hatte die Blicke der Kensustrianer genau verfolgt. Sie starrten auf das Amulett, das vor Estras blanker Brust baumelte. "Ich glaube, es ist deinetwegen."
Einer der Kensustrianer zeigte auf das Schmuckstück, dann zeigte er auf sich.
"Nein!", rief Estra und umfasste es mit der Rechten. "Es gehört mir. Ich gebe es euch nicht!" Tokaro begab sich an ihre Seite, das blutige Schwert halb erhoben. "Verschwindet!"
Der Kensustrianer wiederholte die verlangende Geste, dieses Mal fordernder und angriffslustiger. Seine Begleiter warfen sich Blicke zu.
"Gib Acht", sagte Tokaro und hob das Schwert zum Schlag. "Sie werden versuchen, uns anzugreifen. Ich halte dir den Rücken frei."
Die Kensustrianer sprangen auf die Füße und näherten sich Estra. Da begannen ihre Augen grellgelb zu leuchten.
Sie reckte sich, streckte ihnen eine Hand entgegen und fühlte eine unbändige Wut gegen diejenigen, die ihnen das Andenken an ihre Mutter rauben wollten. Mit der anderen hielt sie das Amulett umklammert. "Verschwindet!", schrie sie auf Kensustrianisch. "Das bekommt ihr nicht!"
Wieder erstarrten die Angreifer und fielen sodann vor ihr auf die Knie. Sie drückten die Gesichter in den Staub, lachten ungläubig und beugten immer wieder die Häupter vor Estra.
"Sie haben die Zeichen gesehen", sprach eine Stimme hinter ihr nüchtern. Estra wirbelte herum und sah einen kensustrianischen Priester in einer hellbeigen Robe mit eingestickten Zeichen auf den Schulterstücken, der soeben aus dem Gebüsch trat. Begleitet wurde er von etlichen kensustrianischen Kriegern. Kensustrianische Krieger, wie man sie auf Ulldart kannte. "Sie haben das Amulett und dich gesehen." Der Priester nickte den Kriegern zu, die hinzusprangen und die vier, die immer noch im Laub knieten, ohne Zögern niederstachen. "Wir dürfen ihnen nicht erlauben zu entkommen und die Nachricht zu ihresgleichen zu tragen."
Tokaro hatte seine aldoreelische Klinge nicht gesenkt. Er verstand nichts, aber auch gar nichts von dem, was hier geschah. Doch er ahnte, dass Estra darin eine Rolle spielte, die weder ihm noch ihr gefiel. "Niemand rührt sich von euch", befahl er, zog Estra hinter sich und ging langsam auf Treskor zu. "Es ist keine Gewalt gegen Estra notwendig. Ich schwöre, dass ich sie zurück nach Khòmalîn bringen werde."
Der Priester verfolgte sie Schritt um Schritt. "Das spielt nun keine Rolle mehr. Es ist zu viel offenbart worden." Er reckte Estra die flache Hand entgegen. "Gib mir das Amulett."
Sie hatte es noch immer nicht losgelassen, klammerte sich daran. "Niemals", zischte sie und fühlte sich unglaublich aufgekratzt. Eine Wildheit rauschte durch ihre Adern, die sie oft gespürt und mindestens ebenso oft unterdrückt hatte. Sie fühlte sich stärker, mächtiger, so als wäre sie drei Schritt groß und mit der Kraft von zehn Männern ausgestattet. In ihr drängte alles, sich mit den Kriegern zu messen und sie gnadenlos zu zerreißen. Angesichts der Gefahr, in der sie und ihr Geliebter schwebten, stand sie kurz davor, dem Ungestüm freien Lauf zu lassen. Was immer danach geschah, sie war neugierig darauf.
Tokaro schaute sich um. Er hatte mehr als ein Dutzend Gegner gegen sich. Bei allem Vertrauen auf die verheerende Wirkung seiner Klinge würde es mehr als schwer werden, aus der Falle zu entkommen. Vier, vielleicht fünf Kensustrianer würde er mit in den Tod nehmen. "Angor steh mir bei", bat er. "Estra, steig in den Sattel."
"Das ist meine letzte freundliche Bitte." Der Priester zog einen langen Dolch, dessen Spitze feucht schimmerte. "Das Amulett. Oder ihr werdet sterben."
Der kalte Ausdruck in den bernsteinfarbenen Augen warnte Tokaro davor, auf die Forderung einzugehen. Der Kensustrianer hatte es mit seiner Formulierung deutlich gemacht: Er würde Estra töten lassen, so oder so.
Ein dröhnendes Brüllen, höchstens vergleichbar mit dem eines wütenden Stieres, erschallte, und ein breiter Körper landete im Rücken der Krieger. Der am nächsten Stehende erhielt einen brutalen Tritt und prallte gegen seine Kampfgefährten, der Kensustrianer rechts neben ihm wurde von einem Hieb getroffen und flog zwei Schritte durch die Luft, ehe er auf dem matschigen Boden aufschlug und liegen blieb.
"Gàn!", rief Tokaro freudig und begann seinen Angriff. Die aldoreelische Klinge teilte den Oberkörper des Priesters samt der Robe vom Scheitel bis zum Becken; die Hälften klafften auseinander, ehe der Kensustrianer nach hinten kippte. Sofort stürzte Tokaro sich auf den nächsten Gegner, bevor sich die Krieger von ihrer Überraschung erholt hatten.
Gàn überragte die Angreifer in Länge und Breite; sein schwerer eiserner Spieß wütete unter ihnen und schlug zur Abwehr erhobene Schwerter ebenso zur Seite wie die Männer, die sie hielten. Er setzte sogar seine beiden langen Hörner geschickt ein, um Stöße und Stiche auszuteilen. Seine brachiale Urgewalt war selbst für einen kensustrianischen Krieger zu heftig. Zusammen mit Tokaros Attacken lagen die Kensustrianer bald darauf regungslos auf dem Boden.
"Angor sei Lob und Ehre." In Gàns Rüstung zeigten sich Dellen und kleine Einschnitte, aber ihm war keine ernsthafte Verwundung zugefügt worden. "Ein aufregender, wenn auch kurzer Kampf." Er wirbelte den langen Spieß herum; dunkel surrte die Waffe.
Estra starrte die Kreatur an, die gewiss drei Schritt lang und sehr breit gebaut war; mit den zwei kleinen und zwei großen Hörnern auf der Stirn war er ein klassischer Angehöriger der Nimmersatten, der Wächter von Ammtára. Sie waren sowohl für ihre Schlagkraft als auch für ihren Hunger bestens bekannt. "Wie hast du uns gefunden?"
"Ich habe euch niemals verloren, Inquisitorin. Pashtak ist nach Ammtára zurückgekehrt, aber ich wollte sichergehen, dass euch beiden nichts geschieht. Und falls doch", die weißen Augen mit den jeweils zwei schwarzen Pupillen richteten sich auf Tokaro, "stehe ich euch bei. Ich war mir sicher, dass ich einen guten Kampf haben würde."
Tokaro grinste. Er kannte mindestens einen weiteren Grund, weswegen Gàn auf ihn und Estra aufgepasst hatte. Der Nimmersatte wollte in den Orden der Schwerter aufgenommen werden und hoffte sicherlich, auf diese Weise in Tokaro einen guten Fürsprecher zu finden. "Wir sollten gehen, bevor noch andere Kensustrianer oder..." Er schaute dahin, wo die Krieger in den unbekannten Rüstungen lagen. "Noch mehr von diesen auftauchen." Er gab Estra einen Kuss auf die Wange. "Hast du gesehen? Sie wollen dich umbringen." Etwas Besserwisserisches schwang in seiner Stimme mit.
Sie überhörte es und nickte. "Ich bin enttäuscht. Wütend und enttäuscht", gestand sie und schwang sich auf Treskors Rücken, Tokaro setzte sich hinter sie. "Dabei hatten sie es mir und Pashtak versprochen, dass sie mir nichts antun würden."
"Vermutlich haben sie auch schon lange Ammtára angegriffen", mutmaßte Tokaro. "Ich nehme an, du hast jetzt nichts mehr dagegen, dass ich dich in ein Versteck nach Tarpol bringe?" Sie schüttelte den Kopf und rückte die Kleider zurecht, verbarg das Amulett. "Weißt du, was es mit dem Schmuck auf sich hat? Anscheinend wollen es beide Parteien."
"Meine Mutter hat mir nichts dazu gesagt. Nur, dass es das Amulett ihres Gottes ist."
Tokaro lenkte den Schimmel durch das Gestrüpp und folgte einem keinen Trampelpfad, der hinter dem Strauch verborgen gewesen war. "Aus irgendeinem Grund hat man es in Kensustria darauf abgesehen." Er drückte sie zärtlich an sich. "Und auf dich. Dann dieses Gefasel von Zeichen, welche gesehen worden seien."
Estra schwieg und konzentrierte sich darauf, ihre Unruhe und Aufgebrachtheit zu besänftigen. Gàn lief schräg vor ihnen und übernahm die Sicherung des Pfads, der nach nicht allzu langer Zeit in einen breiten Weg mündete. "Sagtest du nicht, dass wir in Abgeschiedenheit wären?", rief sie über ihre Schulter nach hinten zu Tokaro.
"Dann habe ich mich anscheinend geirrt", grinste er. "Wie gut, dass du das nicht wusstest, sonst wärest du vorhin sicher abgehauen."
Sie rempelte ihm den Ellbogen in den Magen; dennoch lachte er, und Estra stimmte ein. Die Anspannung fiel von ihnen ab, je weiter sie sich vom Strand entfernten.
Nur Gàn blieb stumm. Er wusste genau, was der Priester mich Zeichen gemeint hatte, aber er wagte nicht, es Tokaro zu sagen.
Irgendwann müsste er es tun...