Ulldart 9
FATALES VERMÄCHTNIS
ET: Juli 2007
Leseprobe 1
Prolog
KONTINENT ULLDART, KÖNIGREICH BORASGOTAN,
NEUE HAUPTSTADT DONBAJARSK, FRÜHLING IM JAHR 2 ULLDRAEL DES GERECHTEN (461
N.S.)
"Da kommt sie, die Usurpatorin aus Tarpol." Hariol, ein Mann von
beinahe fünfzig Jahren, spähte durch den schmalen Spalt zwischen den
fast geschlossenen Fensterläden. Unter ihm lag der glitzernde Repol, der
in Donbajarsk nicht breiter als vier Speerlängen war und erst im Verlauf
seiner Reise durch das Land an Breite und Mächtigkeit gewann, bis er zu
einem gewaltigen Gewässer anschwoll.
Der warme Wind wehte den Geruch von frischem Backwerk und zarten, knospenden
Frühlingsblüten in den Raum; die Gedanken der Versammelten hingegen
waren weitaus weniger lebensfroh: Sie kreisten ausschließlich um den Tod.
Hariol sah die vier großen Prunkbarken flussaufwärts zur Anlegestelle
am Großmarkt staken; auf den Brücken standen zahllose Bewohner und
winkten Kabcara Norina zu. Er hob den rechten Arm und gab den hinter ihm wartenden
fünf Männern und der Frau das erste Zeichen.
Sie trugen allesamt leichte Lederharnische und an ihren Schultern das Wappen
Borasgotans; auf den Köpfen saßen geschlossene, einfache Helme aus
mattiertem Eisen, die sowohl als Schutz in einem möglichen Gefecht als
auch dazu dienten, ihre Gesichter unkenntlich zu machen. Sie reichten sich die
Hände, schworen der fremden Kabcara noch einmal Verderben.
"Wir sind die Augen des Volkes", besiegelte Pujlka, die einzige Kämpferin
unter ihnen, ihre Worte. "Wir wachen über unser Land."
"Seht sie euch an, die Verräter", murmelte Hariol hasserfüllt
hinter seinem Visier. Seine Wut richtete sich gegen die jubelnden Menschen.
"Man sollte sie ebenfalls umbringen. Wie schnell sie unsere Herrscherin
Elenja vergessen haben." Er ließ die Barken nicht aus den Augen.
"Haltet euch bereit. Noch geschätzte elf Speerlängen, dann sind
sie genau vor uns. Die Kabcara ist auf der zweiten Barke, ihr müsst nicht
einmal weit springen, um auf das Boot zu gelangen." Er zog sein Schwert.
"Für die Freiheit unseres Landes!", rief er, und seine Mitstreiter
stimmten ein.
Die Barken näherten sich langsam.
Die Herrscherin aus Tarpol drehte und wandte sich den Jubelnden am Ufer sowie
denen zu, die aus den Fenstern heraus winkten, dann grüßte sie die
Menschen auf den Brücken.
Hariol gestand ihr zu, dass sie in dem schlichten dunkelbraunen Kleid gut aussah.
Sie wirkte freundlich, die langen schwarzen Haare hatte sie hochgesteckt und
mit goldenen Ranken geschmückt; es war das einzige Geschmeide an ihr.
Die Usurpatorin gab sich bescheiden, doch Hariol wusste es besser. Auf den borasgotanischen
Thron gehörte eine Borasgotanerin, und alle Lügen, die in den letzten
Wochen über Elenja verbreitet worden waren, änderten an seiner Ansicht
nichts.
Hariol vermutete hinter den sich überschlagenden Ereignissen die Ränke
aus Ulldarts Süden. Norina war eine Vertraute des dicken ilfaritischen
Königs, der seine feisten Finger in zu vielen Töpfen hatte und sich
in Dinge einmischte, die ihn nichts angingen. Wie zum Beispiel die Belange Borasgotans.
Hariols Heimat durfte nicht zu einer heimlichen Kolonie von Ilfaris werden.
Die Barken waren noch sieben Speerlängen von ihnen entfernt.
"Gleich ist es soweit. Kommt zu mir", sagte er angespannt und stellte
den rechten Fuß auf den Schemel, von dem er sich abdrücken wollte,
um zu springen. Er musterte noch einmal die jubelnde Menge. "Armselige
Verräter", murmelte er erneut. "Leere Versprechungen und ein
hübsches Gesicht genügen, um euch zu täuschen." Hariol schaute
zur ersten Barke, und dabei streifte sein Blick das Haus gegenüber: Seine
Fensterläden waren ebenfalls bis auf eine winzige Lücke zugezogen.
"Wenigstens einer, der sie ebenso missachtet", bemerkte er versöhnter
mit den Städtern. Dann glaubte er in der Dunkelheit des Raumes gegenüber
etwas aufblitzen zu sehen, und im nächsten Augenblick erhielt er einen
Schlag gegen die Stirn. Seine Gedanken erloschen, die Welt verschwand in Schwärze.
Pujlka hörte den Einschlag, als der Pfeil mit einem metallischen Laut in
den Helm fuhr, durch den Schädel jagte und aus Hariols Hinterkopf austrat.
Das Geschoss besaß derart viel Wucht, dass es sich dem hinter Hariol stehenden
Mann durchs Visier hindurch ins Gesicht bohrte. Es zertrümmerte Eisen und
Knochen und perforierte sogar die Stirn eines dritten Mannes. Das zweite und
dritte Opfer wurden durch den blutverschmierten Pfeil verbunden; gemeinsam stürzten
sie auf die Dielen.
"Was
" Pujlka duckte sich rechtzeitig, um dem nächsten Angriff
zu entgehen. Dieses Mal durchbrach das Geschoss den hölzernen Laden, traf
den vierten Verschwörer am Hals und verletzte ihn schwer; leicht abgebremst
setzte der Pfeil seinen Weg fort und tötete einen weiteren Krieger, indem
er ihm durch die Rüstung ins Herz fuhr. Rot sprühte das Blut aus der
Kehle und benetzte Pujlkas Rücken, die hastig zum Ausgang kroch.
"Fort", rief sie dem letzten Verschwörer zu. "Wir sind verraten
worden."
Der Mann drehte sich zu ihr, machte zwei Schritte nach vorn und wollte sich
ebenfalls auf den Boden werfen, da erwischte es ihn: Der Pfeil kam exakt durch
das Loch gesirrt, welches das zweite Geschoss hinterlassen hatte - und schien
den Mann verfehlt zu haben.
Er langte sich an den Hals und versuchte, das heraussprudelnde Blut aufzuhalten,
doch der Strom intensivierte sich und quoll unaufhörlich durch die Finger.
Keuchend und gurgelnd brach er zusammen, die Hand fiel kraftlos herab.
Pujlka sah, dass der Hals zu mehr als Zweidrittel waagrecht aufgeschlitzt worden
war, der Pfeil selbst steckte im Türrahmen, der stählerne Schaft zitterte
leicht. Sie erkannte eine sichelmondförmige Spitze.
Hastig robbte sie hinaus und kroch die Stufen hinunter, bis sie sich sicher
war, dass sie aufstehen und weglaufen konnte, ohne von einem weiteren tödlichen
Geschoss getroffen zu werden. Pujlkas Verstand rang um Fassung, sie sah die
toten Freunde auf dem Boden liegen und zwang sich dennoch, weiter an ihrem Vorhaben
festzuhalten. Jetzt musste die Kabcara erst recht sterben, schon allein um Rache
zu üben.
Wer sie verraten hatte, wusste sie nicht. Sie hätte niemals geglaubt, dass
es einen Spitzel unter ihnen geben könnte, daher war sie entsprechend erschrocken
und verwirrt durch die Geschehnisse. Nicht zuletzt spürte sie große
Angst.
Pujlka zog den Helm ab, sodass ihre kurzen braunen Haare zum Vorschein kamen,
schleuderte die blutige Rüstung von sich und wurde zu einer gewöhnlichen
Bewohnerin Donbajarsks. Das Schwert verbarg sie unter ihrem Mantel.
Sie zwang sich zur Ruhe und lenkte ihre Schritte zum Marktplatz, wo sie einen
zweiten Anlauf unternehmen wollte, Elenja und ihre Freunde zu rächen. Aber
vielleicht durfte sie sich ihren Versuch ja sparen, und die anderen Verschwörer
unter Achnovs Leitung besaßen den Beistand der Götter.
Pujlka blieb zuversichtlich, den borasgotanischen Thron verteidigen zu können,
während sie sich durch die Menge schlängelte. Ganz wurde sie ihre
Angst jedoch nicht los.
***
Norina freute sich unglaublich über den überschwänglichen Empfang,
den sie so nicht erwartet hatte. Donbajarsks Brücken waren geschmückt,
die Menschen winkten und jubelten.
Sie lächelte. Wäre Waljakov mitgekommen, hätte er aus Furcht
vor Anschlägen jede einzelne Brücke sperren lassen. Doch Perdórs
Spione hatten die Bedenken des Leibwächters zerstreut, der auf ihre Anordnung
mit Stoiko im fernen Ulsar geblieben war. Donbajarsk galt nicht als Hochburg
der Elenja-Anhänger, deren Zahl ohnehin verschwindend gering war. Als Herrscherin
durfte sie keine Furcht zeigen, und ein Durcheinander im führungslosen
Borasgotan musste vermieden werden, bis sich das Land aus eigener Kraft regieren
konnte. Je schneller dies geschah, umso besser.
"Wir haben siebenundneunzig Brücken, hochwohlgeborene Kabcara",
sagte Gouverneur Rystin, der neben ihr in seiner schmucken, hellgrauen Uniform
stand und den Reiseführer gab. Er war um die fünfzig Jahre und trug
einen kurzen, schwarzen Bart; eine alte Narbe über dem linken Auge war
das ewige Andenken an eine Schlacht, die vor langer Zeit geschlagen worden war.
Perdór hielt ihn für einen ehrlichen Mann, der sich um die Menschen
kümmerte anstatt um seine Reichtümer. Und so hatte sich Krutors Empfehlung,
Donbajarsk zur neuen Hauptstadt zu machen, als exzellent erwiesen.
Auf ihrer Barke befanden sich die Stadtoberen und jede Menge Gardisten, die
zum einen repräsentierten und zum anderen auf sie Acht gaben. Norina verzichtete
auch nicht auf eigene Leibwächter, die Waljakovs Schule durchlaufen hatten.
Rystin seufzte zufrieden und sah zu den geschmückten Brücken. "Dabei
sind die kleinen Überwege nicht eingerechnet. Alle sind zu Eurem Eintreffen
beflaggt worden."
"Ich danke Euch nochmals, Gouverneur", erwiderte Norina mit einem
Lächeln. Er hatte es ihr vor lauter Stolz bereits zum dritten Mal berichtet.
Sie winkte den Menschen zu und ließ sich nicht anmerken, dass sie trotz
aller Sicherheitsmaßnahmen Sorge in ihrem Herzen trug.
Die Vergangenheit hatte ihr gezeigt, dass es stets Personen gab, die Böses
wollten. Stets.
So galten ihre Blicke nicht allein den vielen fröhlichen Menschen, sondern
auch der eigenen Sicherheit; lediglich eine Gefahr schloss sie gänzlich
aus: Elenja. Sie wurde von Lodrik gehetzt, weit weg von Donbajarsk und auf hoher
See zwischen Rundopâl und Rogogard.
Rystin hob den Arm und deutete auf den Hügel, auf dem sich der Palast mit
seinen vier Türmchen erhob. Er war nach der Tradition Borasgotans beinahe
vollständig aus dunklem Holz erbaut worden; die Schnitzarbeiten hatten
die Handwerker sicherlich über Jahre ihres Lebens beschäftigt gehalten.
Blattgold und Silberbeschläge blinkten im Sonnenschein, Fahnen flatterten
in einer sanften Brise. "Da oben werdet Ihr residieren, hochwohlgeborene
Kabcara, über der Quelle des Repol. Wir haben den Palast im Innern umgestalten
lassen, damit Ihr Euch mindestens so wohl fühlt wie in Ulsar."
Norina sah zu einem Fenster, dessen Laden vor und zurück pendelte und in
dem ein faustgroßes Loch prangte; die Ränder sahen zersplittert aus,
als wäre etwas von außen hindurchgeflogen. Sie schauderte. Es wäre
der ideale Ort, um einen Anschlag auszuführen. Ohne dass sie sich zu wehren
vermochte, klopfte ihr Herz schneller. Die Erinnerung an die Geschehnisse in
Amskwa und die Furcht, die Zvatochna ihr eingeflößt hatte, waren
noch zu frisch, zu gegenwärtig. Sie lagen wie grau gefärbtes Glas
über allem.
Rystin bemerkte ihren Blick. "Sorgt Euch nicht, hochwohlgeborene Kabcara",
meinte er. "Es droht keinerlei Gefahr. Das Einzige, was mich ärgert,
ist, dass meine Anweisung, sämtliche Häuser für Eure Ankunft
instand setzen zu lassen, nicht befolgt wurde. Dieser Bewohner wird noch von
mir hören." Er musterte das Loch genauer. "Das sieht freilich
merkwürdig aus." Rystin betrachtete die gegenüberliegende Fensterfront
und beugte sich nach hinten, um seinen Begleitern Anweisungen zu geben. "Ich
lasse das prüfen, hochwohlgeborene Kabcara."
Norina winkte zur anderen Uferseite. "Lasst ihn nur in Frieden, werter
Gouverneur, ich bitte Euch. So wie es aussieht, ist der Laden noch nicht lange
beschädigt. Er wird keine Zeit mehr dazu gehabt haben, ihn herzurichten."
Sie sah ihn lächelnd an, die braunen Augen wirkten beschwichtigend. "Sendet
ihm lieber ein paar Münzen, damit er das Geld hat, die Reparatur erledigen
zu lassen. Richtet ihm meine besten Wünsche aus."
Rystin schaute sie verblüfft an, dann verneigte er sich. "Ihr seid
so weise, wie man es mir berichtet hat, hoheitliche Kabcara." Dann wies
er seine Leute an, die Umgebung noch genauer zu beobachten.
Norina hob den Arm und grüßte, obwohl ihre Schulter bereits schmerzte.
Das Winken gehörte eben zu den Pflichten einer Herrscherin, vor allem wenn
sie sich die Herzen ihrer Untertanen erst noch erobern musste. Bei erobern dachte
sie ohne zu wollen an Gefechte, und ihre Augen zuckten für einen winzigen
Moment zum schwingenden Laden hinauf. Ihr wurde erneut bewusst, wie leicht es
ein Attentäter hatte. Waljakovs mahnendes Gesicht erschien vor ihr.
Der Palast wurde größer und größer und versprach ihr sicheren
Schutz. Erst wenn sie sich hinter seinen Toren befand, würde sie sich wohler
fühlen.
Dennoch überwog die Erleichterung, dass es keine Anzeichen für einen
Anschlag gab. Sie wunderte sich, was ein pendelnder, beschädigter Fensterladen
bei ihr auslöste. Manches Mal ist ein Fensterladen einfach nur ein Fensterladen,
dachte sie und winkte weiter.
***
Achnov stand auf der Brücke, auf welche die Barken zusteuerten, und blickte
hinauf zum Fensterladen, der vor und zurück schwang. Er trug die schlichte
Kleidung eines einfachen Bauern: ein langes weißes Hemd, das über
die hellbraune Hose hing; an den Füßen steckten flache Schuhe. Im
wahren Leben war er Treidler, und das hatte ihm über die Jahre eine kräftige
Statur eingebracht. Ein heller Bart bedeckte sein Gesicht, das lange Haar war
zum Pferdeschwanz gebunden. Wo steckt er? Hariol zeigte sich nicht, und der
passende Zeitpunkt, um in das Schiff der Herrscherin zu springen, verstrich
mehr und mehr.
Achnov befand sich nicht allein auf der Brücke, sondern stand umgeben von
zahlreichen Männern, Frauen und Kindern, die Norina willkommen heißen
wollten. Er beabsichtigte genau das Gegenteil davon, und seine drei Begleiter,
die in einfacher Kleidung verteilt um ihn herum warteten, würden ihn dabei
unterstützen.
"Ich verstehe das nicht", raunte Lovoc, der neben ihm lauerte, und
schaute absichtlich auf den Repol, um die Aufmerksamkeit nicht auf das Fenster
zu lenken. Der Blonde war im Gegensatz zu Achnov jung, ein Mann vom Land und
ein leidenschaftlicher Nationalist. Die anderen Verschwörer waren Städter,
teilweise von untadligem Ruf und hoch angesehen. Lovoc warf einen raschen Blick
auf das Haus, wo sich noch immer nichts tat. "Es wäre
"
"Ich weiß", unterbrach Achnov ihn missmutig. "Für
so feige hätte ich ihn nicht gehalten. Hat seine Krämerseele letztlich
doch über die Liebe zu Borasgotan gesiegt."
Lovoc schnaubte, die Rechte ballte sich zur Faust. "Was nun?"
Er sah zu den Barken, klatschte leidlich begeistert und dachte fieberhaft nach.
"Hier ist zu wenig Platz", entschied er. "Sag den anderen, dass
wir uns auf der großen Pelzbrücke treffen. Sie sollen die Wappen
offen tragen, damit alle sehen, dass wir aufrechte Patrioten sind und keine
gedungenen Attentäter." Achnov löste sich vom Geländer.
"Beeilt euch. Wir müssen vor den Booten dort sein."
Lovoc nickte und eilte davon, so gut es in der Masse ging. Achnov schlug die
andere Richtung ein und zwängte sich durch die Neugierigen. Dabei schaute
er mehrmals nach dem Fenster, doch von Hariol fehlte jede Spur. "Feigling",
murmelte er erneut. Beim nächsten Treffen würde er den Ausschluss
des Kaufmanns fordern, Geld hin oder her.
Entschlossen schob er sich vorwärts. Es durfte nicht sein, dass die Frau
Kabcara von Borasgotan wurde. An das Märchen einer vorübergehenden
Lösung, bis sich ein borasgotanischer Adliger gefunden hatte, um den Thron
einzunehmen, glaubte er nicht, denn wenn sie erst einmal die Macht erlangt hatte,
würde sie diese niemals mehr abgeben.
Die Erzählungen über die finsteren Pläne und angeblichen Verbrechen
von Elenja betrachtete er als schiere Lügen. Leider befand er sich zusammen
mit einer Hand voll Getreuen in der Minderheit, denn etliche fielen auf die
Lügen herein.
Seiner Ansicht nach saß Elenja an einem geheimen Ort gefangen oder war
bereits ermordet worden, damit die Tarpolerin freie Bahn hatte. Er würde
die Augen seiner Landsleute mit Gewalt öffnen, und das begann damit, dass
er die Thronbesetzung verhinderte.
Achnov hatte den Aufgang zur Pelzbrücke erreicht.
Sie wurde deswegen so genannt, weil Donbajarsks Kürschner sie gestiftet
hatten; die farbigen Steine waren so angeordnet worden, dass sie das hellgrün
gefleckte Fellkleid eines Serin-Rens nachempfanden; aus größerer
Entfernung entstand der Eindruck, sie bestünde in der Tat aus dem kostbaren
Pelz. Heute hingen Fahnen wie lange Vorhänge herab und schmückten
sie zusätzlich; auf dem Geländer waren Vorrichtungen für ein
Feuerwerk montiert worden.
Allerdings lief das normale Leben an dieser Stelle trotz der Ankunft der fremden
Thronräuberin weiter. Fuhrwerke rollten auf beiden Seiten entlang, Vieh
wurde vorwärts getrieben und machte die Wege auf der Brücke zu einem
unfeierlichen Ort. Die Händlergilde hatte darauf gedrängt, das Geschäft
nicht zu unterbrechen.
Achnov schlenderte hinauf. Es gab nicht mehr als zwei Dutzend Schaulustiger,
die sich gegen die kopfhohe Brüstung drückten. Sie hatten sich Kisten
und Schemel mitgebracht, damit sie überhaupt über die Mauer schauen
konnten.
Er näherte sich ihnen und stellte sich neben eine Frau, die einen Korb
mit losen Blütenblättern in der Armbeuge hielt. Ein sanfter, bunter
Regen sollte auf die Fremde niedergehen. Nicht weit von ihnen entfernt standen
zwei gerüstete Gardisten, welche mit argwöhnischen Blicken über
die Zuschauer wachten. Achnov nickte den Männern zu und sah auf den Repol.
Die Barken befanden sich etwa dreißig Speerlängen von ihm entfernt.
Wenn ihr erstes Vorhaben scheiterte, wartete ein nicht ungefährlicher Sprung
von drei Schritt in die Tiefe auf ihn. Hatte er diesen unverletzt überstanden,
stand ihm der Kampf gegen die Leibgarde der Besatzerin bevor.
Neben ihm erschien Lovoc, er hielt ebenfalls einen Korb in der Hand, in dem
Blüten lagen; sie dufteten herrlich. In seinem Mundwinkel klemmte eine
rauchende Pfeife. "Die anderen stehen links von uns", wisperte er
dem Anführer zu und schob die Blätter ein wenig zur Seite. Darunter
kamen faustgroße, eiserne Handbomben zum Vorschein. Sicherlich waren sie
ebenso verboten wie der Einsatz von Feuerwaffen; aber es war auch verboten,
eine Kabcara zu töten. Von daher spielte der Einsatz von höchst ungesetzlichen
Mitteln keine Rolle.
"Sie sind sicher?", vergewisserte sich Achnov und zog seine eigene
Pfeife aus einem kleinen Beutel an seinem Gürtel. Sodann stopfte er sie
und entzündete sie, indem er sich mit der Messerspitze glimmenden Tabak
aus Lovocs Pfeife nahm.
"Ja. Wir haben eine davon gezündet, und sie ging hoch, wie sie sollte.
Von den Barken und den Menschen darauf wird nichts bleiben." Der Verschwörer
paffte schneller, um die Glut am Leben zu erhalten. Sie wurde benötigt,
um die Lunten der Handbomben zu zünden. Achnov und Lovoc rauchten und warteten.
"Schujew und Chosopov kümmern sich um die Stadtwachen."
"Hervorragend." Achnov genoss die anregende Wirkung des Tabaks und
beobachtete die Barken durch den weißlich-blauen Dunst. Seine Aufregung
stieg, er wippte mit dem Fuß.
Keine elf Speerlängen mehr, und ihr Anschlag würde seinen Lauf nehmen.
"Bereit halten", raunte er und langte in den Korb, warf eine Ladung
Blütenblätter und hieß die Kabcara zum Schein mit lautem Rufen
willkommen. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sich Schujew und Chosopov den Wächtern
näherten. Kurz darauf sanken die Gerüsteten erstochen zu Boden; mit
einer heimtückischen Attacke gegen sich hatten sie nicht gerechnet. Kurzerhand
wurden sie auf einen vorbeifahrenden Wagen geworfen.
Achnov atmete erleichtert auf: Keiner der Jubelnden bemerkte etwas, sie starrten
johlend auf den Fluss und die Boote.
Etwas zischte knapp an seinem Gesicht vorbei, er spürte den Luftzug und
eine leichte Berührung an seiner Wange. Es krachte und splitterte neben
ihm, Lovoc ächzte auf.
"Was hast du getan?" Achnov sah zu seinem Begleiter und erschrak.
Ein langer Pfeilschaft ragte aus dessen Mund, die Pfeife lag in viele Teile
zersprengt auf den Steinen; einzelne glimmende Tabakfäden hatten sich auf
dem Mantel des Mannes verfangen und versengten den Stoff.
Lovoc packte noch den Pfeilschaft, als wolle er ihn aus dem Fleisch ziehen -
und brach tot zusammen. Der Korb fiel zu Boden, und unter den Blütenblättern
rollten die Handbomben heraus.
Noch immer merkten die Neugierigen neben ihm nichts. Sie hielten ihre Aufmerksamkeit
vollends auf die Kabcara gerichtet und gerieten beim ungewohnten Anblick eines
gekrönten Hauptes in Verzückung. Das wiederum brachte den Verschwörern
genügend Ablenkung.
"Verflucht!" Achnov bückte sich nach den Sprengkörpern und
raffte sie an sich; währenddessen erklangen von der anderen Seite der Brücke
laute Schreie, und er erkannte die Stimmen seiner Freunde. Der für ihn
unsichtbare Bogenschütze hatte anscheinend seine Mitverschwörer unter
Beschuss genommen.
Achnov lehnte sich mit eingezogenem Kopf an die Mauer, paffte hektisch und versuchte,
die erste Lunte im Pfeifenkopf zu entzünden. Ein Fuhrwerk ratterte an ihm
vorbei, und er erbleichte: Daran hing Schujew! Pfeile in Kopf, Brust und Schultern
hatten ihn an die Seitenwand genagelt. Das Blut rann aus den Wunden an den Schuhen
hinab und malte eine rote Linie auf die Straße.
Zischend zündete die Lunte. Achnov musste aus seiner Deckung gelangen,
um nach den Barken zu sehen.
Die erste befand sich unmittelbar unter ihm, die zweite konnte er mit einem
halbwegs guten Wurf erreichen.
Er holte aus und schleuderte die Handbombe - als sie eine Haarlänge von
seinen Fingern entfernt von einem entgegenkommenden Geschoss getroffen wurde.
Es durchbohrte den Sprengkörper, flog weiter und perforierte seinen Handteller.
Ein heißer Schmerz fuhr durch seinen Arm.
Der schwere Pfeil besaß so viel Wucht, dass es Achnov nach hinten riss
und er auf die Brücke fiel. Sein Kopf traf auf die Steine, er war für
einige Lidschläge benommen.
Er vernahm, wie das Feuerwerk in Gang gesetzt wurde, als wäre nichts geschehen.
Die Folter in seiner Hand war immens, und als er endlich wieder klar sah, blickte
er auf die Handbombe, die durch den Pfeil mit seinem Fleisch verbunden war.
Die kurze Lunte sprühte noch immer.
"Nein!", schrie er entsetzt. Während er den Pfeil herausreißen
wollte, wanderte der entscheidende Funke in die Zündkammer und brachte
sie zur Explosion.
***
Pujlka eilte am Aufgang der Pelzbrücke vorbei, als das Feuerwerk begann.
Es rumpelte und krachte, bunte Explosionen verzierten den klaren Himmel mit
Leuchten und Qualmwolken; dann erklang eine lautere Detonation, die ihrem Empfinden
nach nicht recht in die bisherigen Geräusche passte, und gleich darauf
prasselten kleine, blutige Fleischstückchen um Pujlka nieder.
Sie wusste, was es bedeutete.
"Hat denn keiner der Götter ein Einsehen mit uns?", klagte sie,
als ihr Blick auf den vorbeiholpernden Wagen fiel, an dem der Leichnam Schujews
hing, eines ihrer Mitverschwörer. Die schwarzen Pfeilschäfte, die
als Nägel dienten, kannte sie zu gut.
"Bei Ulldrael", keuchte sie auf und duckte sich, bog in eine Seitengasse
ab und torkelte mehr als sie lief. Der Schreck und die Fassungslosigkeit fuhren
ihr in die Beine. Die Spione des ilfaritischen Fettsacks hatten ganze Arbeit
geleistet und sie auffliegen lassen. Anscheinend gab es keinerlei Geheimnisse
mehr.
Pujlka verharrte und kümmerte sich nicht darum, dass sie mit beiden Füßen
in der stinkenden Gosse stand. In ihr wuchs die Überzeugung, nicht mehr
lebend aus Donbajarsk herauszukommen. Ja, sie würde nicht einmal den Fuß
auf den Großmarkt setzen können, ohne von den Bogenschützen
erkannt und erledigt zu werden! Ihr Leben war verwirkt
Ihr Herz pochte rasend, sie sank voller Verzweiflung an der Hauswand herab,
während die Menschen lachend vorübereilten, um die Kabcara zu sehen,
Hochrufe für eine Besatzerin auf den Lippen. Pjulka senkte den Blick und
starrte auf die Hosenbeine und Rocksäume. Spritzwasser traf sie.
Irgendwann wurden es weniger Menschen, bis sie den Eindruck hatte, ganz allein
in der Gasse zu sein.
"Reiß dich zusammen, Pujlka", sagte sie zu sich selbst und zwang
sich auf die Beine. Sie atmete tief ein und aus, lauschte. Den Rufen nach befand
sich die Usurpatorin auf dem Großmarkt.
"Jetzt oder nie", sagte sie leise und machte sich auf den Weg. "Ich
muss meinen Auftrag erfüllen."
Ein Mann in einem dunkelbraunen Umhang zeigte sich ihr am Ende der Gasse; der
Kopf wurde von einer Kapuze verborgen. In der Linken hielt er einen übergroßen
Bogen, in der Rechten einen langschaftigen Pfeil mit schwarzen Federn daran.
Pujlka blieb nicht stehen, sondern rannte auf den Unbekannten zu und zog ihr
Schwert. Es war Wahnsinn, doch eine andere Möglichkeit hatte sie nicht.
Ihr Schicksal war der Tod, der sie lieber durch einen Pfeil als durch den Strang
ereilen sollte.
Der Schütze legte den Pfeil auf die Sehne und spannte den Bogen mit einer
ruckartigen, kraftvollen Bewegung; enorm muskulöse, lederbandgeschützte
Unterarme kamen zum Vorschein. Die Kapuze bewegte sich leicht, und goldene Ohrringe
leuchteten in der Dunkelheit auf. Das Gesicht jedoch blieb noch immer durch
die Schatten verborgen.
Ein Blinzeln später ging das Geschoss mit der merkwürdigen Spitze
auf seine kurze Reise.
Pujlka wurde an der Stirn getroffen, und ihre Kraft wich auf der Stelle. Die
Finger ließen das Schwert los, es landete klirrend auf dem Pflaster. Sie
brach zusammen und überschlug sich mehrmals, rollte um die eigene Achse
und kam in der Gosse zum Erliegen.
Als die Stadtwache herbeieilte, fanden sie eine bewusstlose, gefesselte Frau,
um deren Hals ein Band mit einem Brief befestigt war; einen Fingerbreit über
der Nasenwurzel zeichnete sich ein münzgroßer, dunkelroter Fleck
ab.
Auf dem Umschlag standen in geschwungener, klarer Schrift die Worte An die
hochwohlgeborene Kabcara Norina zu lesen.
Darunter hatte der Absender notiert: Ergebenst, Hetrál.