Neue Impression aus RIPPER’S DAUGHTERS (2.3., 976 S., Knaur)!
Eine Mischung aus Gegenwart und Vergangenheit erwartet euch. Auf nach Leipzig – again!
Bild: Isabeau Backhaus

Leipzig, Gegenwart, Schloss Abtnaundorf
(…) Dabei bemerkte sie eine auffällig große Spur, die an menschliche Füße erinnerte, jedoch etwas schmaler ausfiel und mit jeweils einem deutlichen Punkt vor den Zehen versehen war. Dazu gehörten einige lange, tiefe Kratzer im gefrorenen Untergrund.
Das … nein, das kann nicht sein, dachte Ella ungläubig und musste auflachen. Sie hielt ihre Waffe fester und hob die Klinge zur Verteidigung leicht an, auch wenn sie sich auf den Umgang damit nicht verstand.
Erst da bemerkte sie, dass es kein Schatten war, der sich durch das helle Mondlicht um die Knie der regungslosen Gestalt gebildet hatte.
Eine große, dunkle Lache dampfte ihre Wärme in die eisig kalte Nacht.
Blut!
Und es war adernfrisch.
Ein leises, dunkles Grollen drang hinter einem Baum hervor. Eine weiße Wolke Atemluft schoss am Stamm vorbei und verriet, wo sich das Wesen versteckte, das die Tat begangen hatte. Und wie verflucht groß es war.
Ella überschlug die Höhe und kam auf ein Ergebnis, das ihr nicht gefiel.
Auch nicht in einem Klartraum.
Sie zögerte vor dem nächsten Schritt, als sie das warnende Knurren hörte.
»Ich bin nicht dein Feind«, sagte sie entschlossen, ohne das Schmetterlingsschwert zu senken. Klartraum hin oder her. »Aber ich werde mich verteidigen, wenn du mich –«
Mitten in ihrem Satz trat das Wesen hinter dem Baum hervor und zeigte sich.
»… holy shit!«, brach es aus Ella. Sie hatte die Ausmaße gut eingeschätzt. Leider.
Der Werwolf, der sich vor ihr erhob, überragte sie um einen Kopf.
Die Muskeln unter dem dichten, dunklen Fell machten mächtig Eindruck auf sie, und von den auseinandergespreizten Klauen tropfte Blut.
Grollend witterte die Schnauze in Ellas Richtung, und die Ohren klappten nach hinten. Die Lefzen zogen sich aufwärts und präsentierten das kräftige, gefährliche Gebiss.
Langsam kippte die Leiche zur Seite, der Kopf löste sich bis auf eine schmale Hautverbindung vom Halsstumpf. Der Hieb der Bestie hatte den Schädel fast gänzlich abgetrennt. Es war eine Frau, etwa siebzig Jahre alt, die dem Werwolf zum Opfer gefallen war.
»Ist sie das chime child gewesen?«, fragte Ella behutsam und reckte die unbewaffnete Hand beschwichtigend nach vorne. »Hast du sie getötet, weil sie dich kontrollieren wollte?«
Das Bellen und Heulen aus dem Schloss wurde leiser und verstummte schließlich ganz.
»Ich will dir nichts Böses.« Ella wusste nicht, was in dieser Situation klug war. Langsam rückwärts weggehen, ohne sich umzudrehen oder zu rennen, erschien ihr die beste Wahl. »Lass mich ins Schloss zurück, und du kannst einfach verschwinden. Ob mit Beute oder ohne, ist mir egal.«
Behutsam setzte sie den Fuß in einem ersten Schritt hinter sich auf.
Das gefrorene Gras knisterte und brach unter den Sohlen.
Aus dem Grollen wurde ein bedrohliches Knurren. Die Bestie duckte sich leicht, die Muskulatur zuckte. Sie bereitete sich zweifelsohne auf einen Angriff vor. Anscheinend brauchte sie mehr als einen Menschen, um ihre Mordlust zu stillen.
»Zurück!«, befahl Ella und reckte jetzt abwehrend das kleine Schwert.
Warum hatte sie sich ausgerechnet eine kurze Klinge aussuchen müssen? »Da ist Silber drin. Ich glaube, Werwölfe und Silber vertragen sich nicht besonders.« Sie hoffte, dass ihr Wissen aus diversen Horrorfilmen sie nicht trog.
Die Bestie drückte sich ungeachtet der Warnung vom Boden ab und sprang auf Ella zu. Die langen Arme streckten sich begierig zur tödlichen Umarmung. (…)